Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

nach dem Lande hin gewendet, allein noch ehe es das Ufer erreichte, gaben ihm
die tödliche Wunde und das verschluckte Wasser den Tod.
Es ist unmöglich, das Erstaunen der armen Leute über den Knall und das Feuer
meines Gewehrs zu schildern. Einige von ihnen wollten vor Furcht sterben und
fielen wie todt vor Schrecken um. Als sie aber die Bestie leblos und ins Wasser
versunken sahen und ich ihnen zugewinkt hatte, ans Ufer zu kommen, faßten sie
Muth, näherten sich und fingen an das Thier zu suchen. Es schwamm in seinem
Blute, von dem das Wasser sich gefärbt hatte. Ich schlang ihm ein Seil um den
Leib, das ich den Negern zuwarf, welche das todte Thier damit an den Strand
zogen. Es war ein ungemein schöner und wundervoll gefleckter Leopard. Die Neger
schlugen vor Verwunderung über das Ding, womit ich ihn getödtet hatte, die Hände
über dem Kopfe zusammen.
Die andere Bestie, erschreckt durch Blitz und Knall des Schusses, schwamm ans
Land und rannte nach dem Berg zurück, woher es gekommen. Wegen der Entfernung
vermochte ich nicht zu erkennen, was es für ein Thier war. Ich merkte, daß die
Neger Lust hatten, den todten Leoparden zu verzehren, und war auch gern bereit,
ihnen denselben zu überlassen. Daher gab ich ihnen das durch Zeichen zu verstehen,
und sie schienen sehr dankbar dafür. Sofort machten sie sich an die Arbeit und
zogen ihm mit einem scharfen Stück Holz das Fell rascher ab, als wir es mit
unseren Messern gekonnt hätten.
Sie boten mir Etwas von dem Fleisch an, was ich jedoch ablehnte, dagegen winkte
ich ihnen, sie sollten mir das Fell geben, was sie denn auch sehr bereitwillig
thaten. Sie brachten mir ferner noch eine große Menge von Lebensmitteln, die
ich zwar nicht kannte, aber dennoch annahm. Ich machte ihnen dann durch Zeichen
begreiflich, daß ich Wasser nöthig habe, indem ich einen von meinen Krügen umgekehrt
ihnen vorzeigte, um damit anzudeuten, daß er leer sei. Sofort kamen auf ihren
Ruf zwei Weiber und trugen ein großes irdenes Gefäß, das, wie ich vermuthe,
in der Sonne gebrannt war. Sie setzten es in der früher erwähnten Weise nieder,
und ich schickte Xury ans Ufer und ließ meine drei Krüge sämmtlich füllen. Die
Weiber waren ganz und gar nackt, wie auch die Männer.
Jetzt hatte ich eßbare Wurzeln, Korn und Wasser in Menge. Nachdem ich diese
freundlichen Neger verlassen, segelte ich etwa elf Tage weiter, ohne der Küste
nahe zu kommen, bis ich ungefähr fünf Meilen vor mir eine weit in die See ragende
Landspitze bemerkte. Da das Meer sehr ruhig war, steuerte ich vom Land ab, um
diese Spitze zu umsegeln. Endlich, nachdem ich etwa zwei deutsche Meilen an
dem gedachten Punkt vorüber war, erblickte ich vollkommen deutlich auch auf
der andern Seite seewärts Land, woraus ich den gegründeten Schluß zog, jenes
sei das grüne Vorgebirge und dies Land seien die nach demselben benannten kapverdischen
Inseln. Jedoch lagen sie mir noch zu fern, und ich wußte nicht, nach welcher
Seite ich mich wenden sollte, denn wenn sich ein frischer Wind erhob, war es
leicht möglich, daß ich keine von beiden erreichte.
In dieser zweifelhaften Lage ging ich gedankenvoll in die Kajüte und setzte
mich, nachdem ich Xury das Ruder übergeben, dort nieder. Plötzlich rief der
Junge: »Herr, ein Schiff, ein Segelschiff!« Der arme Teufel war vor Schreck
ganz außer sich, weil er meinte, es müsse nothwendig eines von den uns verfolgenden
Schiffen unseres Patrons sein, während ich wußte, daß wir uns längst außer dessen
Bereich befanden.
Ich sprang aus der Kajüte und sah nicht nur das Schiff, sondern erkannte es
auch sofort als ein portugiesisches. Anfangs glaubte ich, es sei nach der guineischen
Küste zum Negerhandel bestimmt, jedoch wurde mir bei genauerer Betrachtung seines
Courses klar, daß es anderswohin gehe und nicht nach dem Lande hin steuere.
Ich wendete mich deshalb mit vollen Segeln nach der offenen See, entschlossen,
wenn es möglich sei, mit den Leuten im Schiffe zu unterhandeln.
Aller Anstrengung ungeachtet erkannte ich aber bald, daß ich sie nicht einholen
würde und daß sie mir aus den Augen kommen müßten, ehe ich ein Zeichen zu geben
vermöchte. Schon fing ich an zu verzweifeln, als sie, wie es schien, mit Hülfe
ihrer Perspektive mich bemerkt und wahrgenommen hatten, daß mein Boot ein europäisches
sei, das vermuthlich zu einem verlorenen Schiffe gehöre. Sie zogen die Segel
ein und ließen mich herankommen. Hierdurch ermuthigt, hißte ich die Flagge meines
ehemaligen Patrons auf und feuerte als weiteres Nothsignal einen Schuß ab. Sofort
legten sie das Schiff bei und nach ungefähr drei Stunden hatte ich sie erreicht.

Sie fragten mich nacheinander auf portugiesisch, spanisch und französisch, was
ich für ein Landsmann sei. Ich verstand aber keine dieser Sprachen. Endlich
rief mich ein schottischer Matrose, der an Bord war, an, und ich erwiederte,
daß ich ein Engländer und aus der Mohrensklaverei von Saleh entflohen sei. Hierauf
luden sie mich ein, an Bord zu kommen, und nahmen mich mit all meiner Habe freundlich
auf.
Ich war, wie Jedermann glauben wird, unbeschreiblich froh, auf diese Art aus
einer so elenden und fast hoffnungslosen Lage befreit zu sein. Sofort bot ich
Alles, was ich hatte, dem Schiffskapitän als Lohn für meine Befreiung an. Er
aber erwiederte mir großmüthig, er werde Nichts annehmen, es solle vielmehr
alle meine Habe mir wieder zugestellt werden, sobald wir nach Brasilien kämen.
»Denn«, sagte er, »ich habe Euch das Leben nur aus dem Grunde gerettet, aus
dem ich mir selber in ähnlicher Lage Rettung wünschen würde. Vielleicht werde
ich früher oder später einmal in gleicher Weise von Jemandem aufgenommen werden
müssen. Obendrein«, fuhr er fort, »wenn ich Euch so weit von der Heimat, wie
Brasilien entfernt ist, brächte und Euch dann Eure Habe abnähme, so müßtet Ihr
doch Hungers sterben und ich hätte Euch dann ja das wieder genommen, was ich
Euch kaum gegeben habe. Nein, nein, Sennor Inglese, ich will Euch umsonst mitnehmen,
und Eure Sachen werden Euch dort Unterhalt verschaffen und die Heimreise ermöglichen«.

So liebreich, wie er gesprochen, so liebreich handelte er auch. Er untersagte
den Matrosen, das Geringste unter meinen Sachen anzurühren; dann nahm er diese
in eigenes Gewahrsam und händigte mir ein genaues Verzeichniß derselben ein,
damit ich sie sämmtlich, sogar meine drei irdenen Krüge, wiederbekomme.
Mein Boot war ein treffliches Fahrzeug. Der Kapitän bemerkte das und fragte
mich, ob ich es wohl an sein Schiff verkaufen und was ich dafür haben wolle.
Ich antwortete, er sei so edelmüthig in jeder Hinsicht gegen mich, daß ich für
das Boot gar Nichts nehmen könne, sondern es ihm gänzlich überlasse. Er aber
erwiederte, er wolle mir einen Handschein auf achtzig Goldstücke für Brasilien
geben, und wenn mir dort Jemand mehr biete, so werde er auch das zahlen.
Dann bot er mir sechzig Goldstücke für meinen Jungen, den Xury. Hierzu aber
hatte ich keine Lust, nicht weil ich den Buben dem Kapitän nicht gern überlassen
hätte, sondern weil es mir leid that, seine Freiheit zu verkaufen, nachdem er
mir so treulichen Beistand geleistet hatte. Als ich dies dem Kapitän vorstellte,
fand er es gerechtfertigt und schlug die Auskunft vor, daß er dem Jungen durch
eine Urkunde versprechen wolle, ihn nach zehn Jahren, wenn er Christ geworden
sei, wieder frei zu geben. Hierauf, und da Xury auch einwilligte, überließ ich
ihn dem Kapitän.
Wir hatten eine sehr gute Reise nach Brasilien und warfen schon nach etwa drei
Wochen in der Allerheiligenbucht Anker. Nun war ich auf einmal aus der jämmerlichsten
Lebenslage befreit, und es galt zu überlegen, was ich in Zukunft anfangen wolle.

Das edelmüthige Benehmen des Kapitäns gegen mich werde ich nie vergessen. Er

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