Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
ihn nicht todt?« – »Nicht schießen«, sagte Freitag, »noch nicht. Wenn jetzt
schießen, nicht treffen; warten, Euch nochmal lachen machen.« Und wirklich,
das that er, wie man sogleich sehen wird. Denn als der Bär seinen Feind sich
nicht mehr gegenüber sah, trat auch er seinen Rückzug von dem Zweige an, aber
sehr bedächtig, sich bei jedem Schritte umsehend und rückwärts gehend, bis er
die Mitte des Baumes erreicht hatte, dann ließ er sich gleichfalls rückwärts
an dem Stamm herunter, indem er sich mit den Vorderpfoten festhielt und einen
Fuß nach dem andern sehr langsam weiter bewegte. Jetzt nun, als der Bär eben
seine erste Hintertatze auf den Boden setzte, trat Freitag dicht an ihn heran,
legte die Mündung seines Flintenlaufes in sein Ohr und schoß ihn todt. Dann
drehte sich der Schelm um, um zu sehen, ob wir auch lachten, und da er uns ansah,
daß wir uns wirklich sehr amüsirten, brach er selbst in ein lautes Gelächter
aus. »So wir Bären todt machen in meinem Lande«, sagte Freitag. »So tödtet ihr
sie?« erwiederte ich, »wie ist denn das möglich? ihr habt ja gar keine Flinten.«
– »Nein«, erwiederte er, »keine Flinten, aber schießen mit viel großen Pfeilen.«
Die Sache hatte uns zwar viel Vergnügen gemacht, aber was das Schlimme dabei
war, wir befanden uns jetzt in einer ganz wilden Gegend mit einem verwundeten
Führer und wußten nicht, was wir anfangen sollten. In meinen Ohren klang noch
immer das Geheul der Wölfe, und wirklich, ausgenommen das Geräusch, welches
ich einst an der afrikanischen Küste hörte (wovon seiner Zeit erzählt ist),
habe ich nie etwas Anderes gehört, was mich mit gleichem Entsetzen erfüllt hätte.
Dieser Umstand und das Herannahen des Abends trieb uns vorwärts, sonst würden
wir gewiß, wie Freitag gern wollte, das Fell des Bären abgezogen haben, denn
es war wohl werth, mitgenommen zu werden. Da wir aber noch beinahe drei Meilen
zurückzulegen hatten und unser Führer zur Eile ermahnte, so ließen wir das ungeheure
Thier liegen und setzten unsere Reise fort.
Der Boden war noch immer mit Schnee bedeckt, wenn auch nicht mehr so tief und
so gefährlich wie auf den Bergen. Die Raubthiere waren, wie wir später hörten,
von Hunger getrieben in den Wald und die Ebene herabgekommen, um Nahrung zu
suchen. In den Dörfern hatten sie großen Schaden angerichtet, das Landvolk überfallen
und viele Schafe und Pferde und sogar einige Menschen getödtet. Noch eine gefährliche
Stelle blieb uns zu passiren, von der unser Führer uns sagte, daß, wenn überhaupt
noch Wölfe in der Umgegend wären, wir sie dort antreffen würden. Dies war eine
kleine, von allen Seiten mit Wald umgebene Ebene, an die sich ein langer schmaler
Hohlweg anschloß, durch den wir mußten, um den Wald zu verlassen und das Dorf
zu erreichen, wo wir übernachten wollten. Es war eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang,
als wir in das Gehölz eintraten. Bald darauf erreichten wir die Ebene. Bis jetzt
hatten wir weiter nichts gesehen, als daß auf einer kleinen Lichtung, die nicht
über zwei Klafter breit war, fünf große Wölfe in vollem Laufe einer hinter dem
andern her über den Weg setzten, als ob sie einer Beute nachjagten und dieselbe
schon im Auge hätten. Sie nahmen keine Notiz von uns und waren in wenigen Augenblicken
aus unserem Gesichtskreis verschwunden. Unser Führer, der, beiläufig gesagt,
ein erbärmlicher Feigling war, ermahnte uns, uns bereit zu halten, denn er glaubte,
es seien noch mehr Wölfe im Anzuge. Wir hielten unsere Waffen in Bereitschaft
und blickten aufmerksam umher, sahen aber keine Wölfe weiter, bis wir aus dem
Walde, der fast eine halbe Meile lang war, heraus und in die Ebene gelangt waren.
Sobald wir uns im Freien befanden, gab es Allerlei zu sehen. Das Erste, was
uns in die Augen fiel, war ein todtes Pferd. Das arme Thier war von den Wölfen
zerrissen, und zwölf der Bestien waren noch damit beschäftigt, nicht sowohl
davon zu fressen, als vielmehr die Knochen abzunagen, denn das Fleisch hatten
sie schon alles verschlungen. Wir hielten es nicht für rathsam, sie bei ihrem
Mahle zu stören, und ihrerseits achteten sie auch nicht viel auf uns. Freitag
wollte auf sie schießen, aber ich verbot es ihm entschieden, denn ich fürchtete,
daß wir bald mehr zu thun bekommen würden, als es bis jetzt den Anschein hatte.
Wir hatten die Ebene noch nicht zur Hälfte hinter uns, als wir auch schon in
dem Walde zur Linken ein schreckliches Wolfsgeheul hörten und gleich darauf
etwa hundert Stück der Bestien geraden Wegs auf uns zukommen sahen. Sie liefen
fast alle in gerader Linie neben einander, so regelmäßig wie ein von geschulten
Offizieren kommandiertes Regiment Soldaten. Ich wußte nicht recht, auf welche
Weise wir sie empfangen sollten, doch hielt ich es für das Beste, wenn wir gleichfalls
eine geschlossene Linie bildeten. In einem Augenblick waren wir denn auch in
einer solchen aufgestellt. Damit aber so wenig wie möglich Pausen eintraten,
ordnete ich an, daß zuerst nur der je zweite Mann feuern und die Anderen, die
nicht geschossen hätten, sich bereit halten sollten, gleich darauf eine zweite
Salve folgen zu lassen, wenn der Feind fortfahren würde vorzudringen. Diejenigen,
welche zuerst geschossen hätten, sollten sich dann nicht damit aufhalten, ihre
Gewehre wieder zu laden, sondern inzwischen ihre Pistolen in Bereitschaft halten;
denn wir waren jeder mit einer Büchse und ein Paar Pistolen bewaffnet. Nach
diesem Plane waren wir im Stande sechs Salven abzufeuern, jedesmal die Hälfte
von uns zugleich. Indessen fürs Erste wurde das gar nicht nöthig; denn nach
den ersten Schüssen machte der Feind Halt und schien sowohl vom Knall als vom
Feuer erschreckt zu sein. Vier der Wölfe stürzten an den Köpfen getroffen zu
Boden und mehre andere waren verwundet und liefen blutend davon, so daß wir
die Spuren auf dem Schnee bemerken konnten. Als ich sah, daß sie stutzten, sich
aber nicht sogleich zurückzogen, fiel mir ein, daß ich einmal gehört hatte,
auch die wildesten Thiere fürchteten sich vor der menschlichen Stimme. Ich forderte
daher unsere ganze Gesellschaft auf, aus vollem Halse zu schreien. Die Angabe
bestätigte sich, denn auf unser Geschrei wendeten sich die Bestien um und begannen
sich zu entfernen. Hierauf ließ ich eine zweite Ladung hinter ihnen hergeben,
auf welche sie sich in Galopp setzten und in den Wald rannten. Wir hatten jetzt
Zeit unsere Gewehre wieder zu laden, was wir, um uns nicht aufzuhalten, im Weiterreiten
thaten. Kaum waren wir aber damit fertig und wieder zu neuer Vertheidigung gerüstet,
als wir auch schon einen schrecklichen Lärm in demselben Walde zur Linken vernahmen,
nur weiter entfernt in der Richtung, die wir einzuschlagen hatten.
Jetzt brach die Dämmerung herein und das verschlimmerte unsere Lage sehr. Der
Lärm wuchs und ließ sich bald als das Heulen und Bellen dieser höllischen Geschöpfe
unterscheiden. Auf einmal erblickten wir drei Rudel Wölfe, eins zur Linken,
eins hinter uns und ein drittes vor uns, so daß wir ganz umringt zu sein schienen.
Da sie uns aber nicht angriffen, setzten wir unsern Weg fort, so schnell uns
die Pferde tragen konnten. Der Weg war aber sehr beschwerlich und wir konnten
daher nicht starken Trab reiten. Auf diese Art gelangten wir nur langsam an
den Eingang desjenigen Gehölzes, das wir am Ende der Ebene zu passiren hatten.
Wie groß war aber unser Entsetzen, als wir beim Näherkommen eine unzählige Menge
Wölfe gerade in dem Eingang des Passes stehen sahen. Plötzlich vernahmen wir
von einer andern Richtung her den Knall einer Flinte, und als wir dahinaus uns
umsahen, sprang ein Pferd mit Sattel und Zaum heraus, mit Windeseile fliehend,
und sechzehn bis siebzehn Wölfe hinterher in vollem Laufe. Das Pferd hatte zwar
einen Vorsprung vor ihnen, aber da wir vermutheten, es würde nicht lange in
diesem Tempo aushalten können, so zweifelten wir nicht, daß sie es zuletzt doch
noch einholten, was gewiß auch geschehen ist. Bald darauf bot sich uns ein grauenvoller
Anblick. Nach der Richtung hinreitend, wo das Pferd herausgekommen war, fanden
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt