Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

Wie ich den Leser nicht mit dem Inhalt meiner Seetagebücher behelligt habe,
will ich ihn auch nicht mit der ausführlichen Beschreibung meiner Landreise
langweilen. Einige Abenteuer aber, die uns auf der langwierigen und beschwerlichen
Reise begegnet sind, mag ich doch nicht ganz übergehen.
In Madrid angekommen, wünschten wir einige Zeit dort zu verweilen, um den spanischen
Hof und alle Merkwürdigkeiten zu sehen, weil wir sämmtlich fremd in Spanien
waren. Da jedoch der Sommer sich schon zum Ende neigte, mußten wir uns beeilen,
weiter zu kommen. Wir verließen Madrid um die Mitte des Oktober. An der Grenze
von Navarra wurden wir an mehren Orten unterwegs durch die Nachricht erschreckt,
es sei so viel Schnee auf der französischen Seite des Gebirgs gefallen, so daß
schon mehre andere Reisende sich genöthigt gesehen hätten, nach Pampelona zurückzukehren,
nachdem von ihnen mit der äußersten Gefahr der vergebliche Versuch gemacht sei,
vorzudringen.
In Pampelona selbst angekommen, fanden wir diese Aussagen bestätigt. Mir, der
ich seit langer Zeit an ein heißes Klima gewöhnt gewesen war und in Ländern
gelebt hatte, wo ich kaum irgend welche Kleidung an mir leiden konnte, war diese
Kälte unerträglich. Auch wurde dieselbe dadurch noch empfindlicher, daß sie
uns so plötzlich überfiel; denn kaum zehn Tage vorher waren wir erst aus Altkastilien
gekommen, wo es nicht nur warm, sondern sogar sehr heiß gewesen war. Unmittelbar
darauf aber empfanden wir jetzt einen so scharfen, schneidend kalten Wind, der
von den Pyrenäen her wehte, daß wir ihn kaum aushielten und in Gefahr geriethen,
Finger und Zehen zu erfrieren.
Der arme Freitag erschrak förmlich, als er die Berge völlig mit Schnee bedeckt
sah und die Kälte fühlte; denn so Etwas hatte er in seinem ganzen Leben noch
nicht gesehen oder empfunden. Zum Ueberfluß schneite es, während wir in Pampelona
waren, ohne Unterlaß und in größter Heftigkeit und Dauer. Wie die Leute sagten,
war der Winter diesmal ungewöhnlich früh eingetreten.
Die Wege, die schon vorher schwer zu passiren gewesen waren, wurden jetzt gänzlich
unzugänglich. Der Schnee lag stellenweise undurchdringlich hoch, und da er nicht,
wie das in den nördlichen Ländern der Fall ist, hart gefroren war, so gerieth
man bei jedem Schritt in Gefahr, lebendig begraben zu werden. Wir mußten daher
nicht weniger als zwanzig Tage in Pampelona bleiben. Als ich aber den Winter
immer entschiedener herankommen sah und eine Besserung des Wetters immer unwahrscheinlicher
wurde (in ganz Europa herrschte der strengste Winter seit Menschengedenken),
schlug ich vor, wir wollten nach Fontarabia gehen und uns dort nach Bordeaux
einschiffen, von wo aus die Fahrt nur ganz kurz sein würde. Während wir noch
diesen Plan überlegten, kamen vier Franzosen an, welche auf der französischen
Seite der Pässe ebenso aufgehalten worden waren, wie wir auf der spanischen,
dann aber einen Führer gefunden hatten, welcher sie durch das Land bis an die
Grenze von Languedoc und von dort aus auf solchen Wegen über das Gebirge geführt
hatte, daß sie gar nicht viel vom Schnee zu leiden gehabt hatten. Wo sie je
auf irgend eine größere Anhäufung von Schnee gestoßen seien, sagten sie, sei
er so hart gefroren gewesen, daß er sie und ihre Pferde getragen habe. Wir schickten
nach dem Führer dieser Leute, und er übernahm es, uns denselben Weg ohne Schneegefahr
zu leiten, vorausgesetzt, daß wir hinreichend bewaffnet seien, um uns gegen
wilde Thiere zu schützen. Denn, bemerkte er, bei diesen starken Schneefällen
zeigten sich häufig Wölfe am Fuße des Gebirges, die aus Mangel an Nahrung auf
dem schneebedeckten Boden sehr grimmig zu sein pflegten. Wir versicherten, genügend
ausgerüstet zu sein, um es mit dieser Art Bestien aufzunehmen, wenn er uns nur
gegen eine andere Art zweibeiniger Wölfe versichern wollte, welche, wie wir
gehört hätten, sehr gefährlich seien, besonders auf der französischen Seite
des Gebirges. Er beruhigte uns, daß wir Nichts der Art auf dem Wege zu befürchten
hätten, den er uns führen würde, und darauf hin erklärten wir uns bereit, ihm
zu folgen. Auch zwölf andere Herren, mit ihren Bedienten, Franzosen und Spanier,
die den Uebergang vergeblich versucht hatten, schlossen sich uns jetzt an.
Am 15. November brachen wir mit unserem Führer von Pampelona auf. Ich war nicht
wenig erstaunt, als er, anstatt vorwärts zu gehen, denselben Weg, etwa zwanzig
Meilen, rückwärts verfolgte, auf welchem wir von Madrid her gekommen waren.
Nachdem wir über zwei Flüsse gesetzt waren und die Ebene erreicht hatten, fanden
wir uns wieder in einem warmen Klima, wo das Land blühend und kein Schnee zu
sehen war. Plötzlich aber wendete unser Geleitsmann sich links und näherte sich
dem Gebirge auf einem andern Wege. Die Berge und Abgründe vor uns sahen schauerlich
aus, aber unser Führer machte so viele Umwege und führte uns in solchen mäandrischen
Schlangenlinien, daß wir ganz unmerklich die Höhe überschritten, ohne viel vom
Schnee belästigt zu sein. Auf einmal zeigte er uns die fruchtbaren Provinzen
Languedoc und Gascogne, ganz grün und blühend, aber in weiter Ferne, von der
uns noch eine geraume Strecke Weges trennte.
Wir wurden jetzt einigermaßen dadurch in unserem Behagen gestört, daß es eine
ganze Nacht und einen Tag so stark schneite, daß wir nicht weiter reisen konnten.
Unser Führer beruhigte uns aber mit der Versicherung, es würde bald Alles überstanden
sein. So stiegen wir denn, unserem Manne vertrauend, immer in nördlicher Richtung
weiter hinab. Eines Abends, etwa zwei Stunden vor Einbruch der Nacht, als unser
Führer gerade etwas vorangegangen und augenblicklich nicht in Sicht war, brachen
plötzlich aus einem Hohlweg, der in einem dichten Walde endigte, drei ungeheure
Wölfe hervor, denen ein Bär folgte. Zwei von den Wölfen stürzten sich auf den
Führer, und wäre er nur wenig entfernter von uns gewesen, so würde er unfehlbar
zerrissen worden sein, ehe wir ihm hätten zu Hülfe kommen können. Der eine Wolf
stürzte sich auf das Pferd, während der andere den Mann mit solcher Heftigkeit
anfiel, daß dieser nicht Zeit oder auch nicht Geistesgegenwart genug hatte,
seine Pistole hervorzuziehen. Vielmehr schrie er nur aus Leibeskräften nach
uns um Hülfe. Ich gebot Freitag, der mir zunächst ritt, nachzusehen, was es
gäbe. Sobald jener den Führer erblickte, schrie er ebenso laut als letzterer:
»Ach, Herr! Ach, Herr!« Aber ein tapferer Bursch, wie er war, ritt er sofort
zu dem armen Menschen hin und schoß dem Wolf, der ihn angefallen hatte, eine
Pistole vor den Kopf. Es war ein Glück für den Führer, daß gerade Freitag ihm
zu Hülfe kam, der, von seinem Vaterlande her an diese Art Thiere gewöhnt, sich
nicht vor ihnen fürchtete. Er machte sich dicht heran und schoß aus der Nähe,
während jeder Andere von uns aus einer größeren Entfernung gefeuert und dann
vielleicht entweder den Wolf verfehlt, oder den Mann selbst der Gefahr des Erschießens
ausgesetzt haben würde.
Das Ereigniß war übrigens schlimm genug, um auch einen Tapferern als mich zu
erschrecken. Wir entsetzten uns sämmtlich, als sich auf den Knall von Freitags
Pistole von beiden Seiten ein schauerliches Geheul der Wölfe erhob. Das Echo
der Berge verdoppelte den Laut so, daß er uns den Eindruck machte, als ob wir
von einer großen Menge solcher Bestien umgeben seien. Wahrscheinlich waren ihrer
auch in der That nicht so wenige, daß wir nicht alle Ursache gehabt hätten,
uns zu fürchten. Indessen hatte, nachdem Freitag den einen Wolf erlegt, der
andere das Pferd sogleich losgelassen und die Flucht ergriffen. Da er glücklicherweise
den Kopf des Pferdes angefallen, wo ihm das Zaumzeug zwischen die Zähne gerathen
war, hatte er noch nicht viel Schaden gethan. Der Mann jedoch war schwer verletzt.
Das hungrige Thier hatte ihn zweimal gebissen, zuerst in den Arm und dann etwas
oberhalb des Knies, und er war eben im Begriff gewesen vom Pferde zu fallen,
als Freitag dazu kam und den Wolf erschoß.
Man kann sich leicht vorstellen, daß wir alle bei dem Schuß von Freitags Pistole
unsern Zug beschleunigten und so schnell, als die sehr mangelhafte Beschaffenheit

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