Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

zu denken, so lange ich nicht meine Geschäfte hier geordnet und meine Schätze
sichern Händen übergeben hatte. Anfangs dachte ich an meine alte Freundin, die
Wittwe, deren Ehrlichkeit ich kannte und von der ich wußte, daß sie treu gegen
mich sein würde. Aber sie war alt und arm und konnte möglicherweise in Schulden
gerathen sein. So blieb mir also nichts Anderes übrig, als selbst nach England
zurückzukehren und meine Sachen dahin mitzunehmen.
Einige Monate gingen indessen darüber hin, ehe ich diesen Entschluß faßte. Jetzt,
wo ich dem alten Kapitän seine früheren Wohlthaten reichlich und zu seiner Befriedigung
vergolten hatte, gedachte ich auch der obengenannten armen Frau, deren Mann
mein erster Wohlthäter gewesen und mir, so lange es ihm möglich gewesen war,
mit Rath und That beigestanden hatte. Ich veranlaßte zunächst einen lissaboner
Kaufmann, an seinen Korrespondenten in London zu schreiben, daß er ihr einen
Wechsel auszahle, die Frau aufsuche und ihr in meinem Namen hundert Pfund in
Gold überbringe, auch freundlich mit ihr rede und sie in ihrer Armuth mit der
Versicherung tröste, daß sie, so lange ich lebe, noch fernere Unterstützungen
erhalten werde. Zugleich sandte ich jeder meiner beiden in England wohnenden
Schwestern hundert Pfund. Zwar lebten diese nicht in Dürftigkeit, aber sie waren
doch auch nicht in glänzenden Verhältnissen. Die eine war verheirathet gewesen
und jetzt Wittwe, die andere wurde von ihrem Manne nicht so gut behandelt, wie
sie es verdiente.
Unter allen meinen Freunden und Verwandten jedoch wußte ich keinen, dem ich
mein ganzes Vermögen anzuvertrauen gewagt hätte, so daß ich hätte nach Brasilien
reisen und mein Hab und Gut in sicheren Händen zurücklassen können. Dieser Umstand
machte mir große Sorgen. Früher war ich schon einmal Willens gewesen, mich ganz
in Brasilien niederzulassen, denn ich hatte ja dort gewissermaßen meine Heimat.
Aber allerlei religiöse Bedenken, von denen ich gleich mehr sagen werde, hatten
mich damals davon zurückgehalten. Jetzt war es nicht die Religion in erster
Linie, was mich bewog, nicht dahin zu reisen. So wenig ich mir früher Skrupel
darüber gemacht hatte, mich öffentlich zu der Konfession des Landes zu halten,
so lange ich dort lebte, ebensowenig würde ich jetzt davor Bedenken getragen
haben. Nur daß ich, seitdem ich mehr darüber nachgedacht hatte, zuweilen, wenn
es sich darum handelte, dort zu leben und zu sterben, anfing zu bereuen, daß
ich mich jemals zur katholischen Kirche gehalten hatte. Ich hielt jetzt diesen
Glauben nicht mehr für den besten, in dem man sterben kann.
Aber, wie gesagt, war dies nicht der Hauptgrund, der mich von der Reise nach
Brasilien abhielt. Vielmehr lag dieser darin, daß ich wirklich nicht wußte,
wem ich meine zurückbleibenden Sachen übergeben sollte. Daher beschloß ich endlich,
sie mit nach England zu nehmen. Dort hoffte ich irgend eine zuverlässige Bekanntschaft
zu machen, oder einen Verwandten aufzufinden, dem ich trauen könnte. So bereitete
ich mich denn darauf vor, mit meinem ganzen Reichthum nach England zu reisen.

Ehe ich aber die Reise in die Heimat antrat, benutzte ich die eben abgehende
Schiffspost nach Brasilien zur Beantwortung der treuen und gewissenhaften Berichte,
die ich von dort erhalten hatte. An den Prior des Augustinerklosters schrieb
ich einen Dankbrief für seine redliche Handlungsweise und für das Anerbieten
der achthundertundzweiundsiebzig Goldkronen, indem ich auf dieselben verzichtete.
Fünfhundert davon bestimmte ich dem Kloster, die übrigen dreihundertzweiundsiebzig
sollten nach seinem Ermessen unter die Armen vertheilt werden. Daneben bat ich
den guten Pater um seine Fürbitte für mich.
Alsdann verfaßte ich ein Schreiben an meine beiden Bevollmächtigten, worin ich
ihnen meine volle Anerkennung für ihre große Gewissenhaftigkeit und Treue aussprach.
Geschenke irgend einer Art konnte ich ihnen nicht anbieten, denn über dergleichen
waren sie erhaben. Endlich schrieb ich noch an meinen Compagnon, lobte seinen
Fleiß in der Verbesserung der Pflanzung und seine Zuverlässigkeit in Bezug auf
den wachsenden Ertrag und gab ihm Anweisungen über die fernere Verwaltung meines
Antheils, mit Rücksicht auf die Rechte, die ich meinem alten Freunde, dem Kapitän,
zugestanden hatte. Diesem sollte mein Compagnon Alles, was mir zukommen würde,
übersenden, bis er mündlich Weiteres von mir hören würde. Ferner theilte ich
ihm mit, daß es meine Absicht sei, nicht nur vorübergehend zu ihm zu kommen,
sondern mich sogar für den Rest meines Lebens ganz bei ihm niederzulassen. Dem
Briefe fügte ich ein schönes Geschenk von italienischem Seidenzeug für seine
Frau und seine beiden Töchter (der Sohn des Kapitäns hatte mir gesagt, daß er
solche habe) bei, nebst zwei Stücken seinen Tuches, von dem besten, was ich
in Lissabon bekommen konnte, sowie fünf Stücke schwarzen Wollenzeuges und brabanter
Spitzen von beträchtlichem Werthe.
Nachdem ich diese Angelegenheiten geordnet, meine Ladung verkauft und mein ganzes
Besitzthum in gute Wechsel umgetauscht hatte, überlegte ich, welchen Weg ich
nach England einschlagen sollte. Ich war zwar hinlänglich an das Reisen zur
See gewöhnt, dennoch aber fühlte ich eine große Abneigung dagegen, diesmal den
Seeweg einzuschlagen. Einen bestimmten Grund dafür konnte ich freilich nicht
angeben, aber meine Abneigung steigerte sich so, daß ich noch mehrmals, sogar
als mein Gepäck schon eingeschifft war, meinen Entschluß änderte.
Es ist wahr, ich hatte schon viel Unglück auf der See gehabt, und die Erinnerung
daran mochte wohl meinem Widerwillen zu Grunde liegen. Man sollte nie so starke
Impulse des eigenen Gefühls in dergleichen wichtigen Lebensaugenblicken geringschätzen.
Zwei von den Schiffen, die ich mir zur Reise ausersehen (in einem derselben
hatte ich meine Sachen bereits eingeschifft gehabt, und bezüglich des anderen
war ich schon mit dem Kapitän über die Reisebedingungen völlig einig gewesen)
hatten auch wirklich Unglück auf der Reise; das eine wurde von den Arabern genommen,
das andere scheiterte bei Torbay und die gesammte Mannschaft bis auf drei Leute
ertrank. So wäre ich denn in jedem dieser Schiffe übel daran gewesen, und es
ist schwer zu sagen, in welchem am schlimmsten.
Ein mir seit Langem bekannter Lootse, dem ich in meiner Bedrängniß mich anvertraute,
drang ernstlich darauf, daß ich nicht zur See reisen sollte. Entweder, so rieth
er mir, solle ich zu Lande bis nach Corogna und von dort über den Meerbusen
von Biscaya nach Rochelle gehen, von wo aus die Reise nach Paris leicht und
sicher sei, und dann weiter über Calais nach Dover reisen, oder aber sollte
ich mich nach Madrid begeben und den ganzen Weg durch Frankreich zu Lande machen.
Ich war so gegen jede Wasserreise eingenommen, daß ich mich entschloß, das Letztere
zu wählen. Da ich weder Eile hatte, noch die Kosten zu scheuen brauchte, so
war dies auch bei weitem der angenehmste Weg. Zur Erhöhung der Annehmlichkeit
führte mir mein alter Kapitän einen Engländer zu, den Sohn eines lissaboner
Kaufmanns, der sich bereit erklärte, mich zu begleiten. Später fanden sich noch
zwei englische Kaufleute und zwei junge Portugiesen (welche letztere übrigens
nur bis Paris mitgingen), so daß wir zusammen sechs Herren und fünf Diener waren.
Die zwei Kaufleute und die beiden Portugiesen begnügten sich zu je zweien mit
einem Diener, um die Kosten zu sparen; was mich selbst betraf, so hatte ich
neben Freitag, der zu landesunkundig war, um diese Stelle unterwegs versehen
zu können, als Bedienten einen englischen Matrosen angenommen.
So reisten wir denn von Lissabon ab. Unsere Reisegesellschaft war sehr gut beritten
und bewaffnet. Wir bildeten eine förmliche kleine Kompagnie, und meine Gefährten
thaten mir die Ehre an, mich zum Hauptmann derselben zu ernennen, und zwar erstens,
weil ich der Aelteste von uns sei, und zweitens, weil ich zwei Bedienten hätte.
In der That war ja auch von mir die Veranlassung zu der ganzen Reise ausgegangen.

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