Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

die zwischen dem Kaiserreich Marokko und den Negerstaaten liegt und wo die Küste
nur von Bestien bewohnt ist. Die Neger haben diesen Landstrich verlassen und
sich aus Furcht vor den Mohren nach Süden zurückgezogen, während die Mohren
die Gegend wegen ihrer Unfruchtbarkeit nicht des Anbaus werth halten. Beide
Völkerschaften haben auch deshalb jene Strecke aufgegeben, weil so erstaunlich
viel Tiger, Löwen, Leoparden und andere wilde Thiere dort hausen. Die Mohren
benutzen die Gegend daher nur zum Jagen, indem sie armeenweis zu zwei- bis dreitausend
Mann dorthin ziehen. Beinahe hundert Meilen lang sahen wir an der Küste nur
wüstes Land, bei Tage wie ausgestorben, des Nachts erfüllt vom Geheul und Gebrüll
der Bestien.
Ein- oder zweimal glaubte ich den Pik von Teneriffa zu erblicken und hatte große
Lust, nach ihm hin zu steuern; nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen aber,
durch widrigen Wind genöthigt und auch weil die See für mein kleines Fahrzeug
zu hoch ging, beschloß ich, nach meinem früheren Plane mich längs der Küste
zu halten.
Mehrmals war ich genöthigt, ans Land zu gehen, um frisches Wasser zu holen.
Eines Tages warfen wir früh am Morgen unter einem ziemlich hoch gelegenen Küstenpunkt
Anker. Die Flut begann und wir wollten sie abwarten, um mit ihr weiter zu gehen.
Xury, der seine Augen flinker als ich überall hatte, rief mir leise zu, es sei
besser, wenn wir von der Küste uns abwendeten, »denn«, sagte er, »dort liegt
ein schreckliches Ungeheuer neben dem Hügel und schläft«.
Ich sah nach der angedeuteten Richtung und erblickte wirklich ein scheußliches
Unthier. Es war ein sehr großer Löwe, der am Ufer im Schatten eines Hügelvorsprungs
lag. »Xury«, sagte ich, »du mußt ans Land und ihn abmucksen.« Xury schauderte
und erwiederte: »Ich mucksen? Er mich essen auf einen Bissen.« Da ließ ich den
Jungen sich still verhalten, nahm unsre größte Flinte, lud sie stark mit Pulver
und mit zwei Kugeln und legte sie neben mich. In ein anderes Gewehr that ich
zwei Kugeln, in ein drittes (denn wir hatten drei) fünf Kugeln von kleinerem
Kaliber. Beim ersten Schuß hielt ich der Bestie scharf nach dem Kopf, allein
sie hatte die Tatze ein wenig über die Schnauze gelegt, so daß die Kugeln sie
über dem Knie trafen und ihr nur den Gelenkknochen zerschmetterten. Der Löwe
sprang auf, knurrte anfangs leise, fühlte aber sein Bein entzwei, sank nieder
und stellte sich dann auf drei Beine, indem er das schrecklichste Gebrüll los
ließ, das ich je vernommen. Ich war erschrocken, daß ich den Kopf verfehlt,
griff aber sofort nach dem zweiten Gewehr und gab abermals Feuer; wiewohl der
Feind ausreißen wollte, traf ich ihn diesmal doch in den Kopf und sah mit Vergnügen,
wie er zusammenbrach und ohne großen Lärm seinen Todeskampf kämpfte. Jetzt bekam
Xury Courage und wollte ans Land. »Gut«, sagte ich, »geh.« Darauf sprang er
ins Wasser, nahm in die eine Hand eine kleine Flinte, schwamm mit der andern
ans Ufer, begab sich dicht an das Thier heran, hielt ihm das Gewehr nahe vor’s
Ohr und machte ihm mit einem neuen Schuß durch den Kopf vollends den Garaus.

Dies Wildpret lieferte uns aber Nichts zu essen, und es that mir leid, drei
Schüsse an ein Thier verschwendet zu haben, mit dem wir Nichts anfangen konnten.
Xury aber sagte, Etwas wolle er doch davontragen, und bat mich um das Beil.
»Wozu, Xury?« fragte ich. »Kopf abhauen«, antwortete er. Jedoch gelang ihm das
nicht, und er brachte nur eine ungeheure Tatze mit sich zurück.
Ich hatte unterdessen überlegt, daß uns vielleicht das Fell von einigem Werth
sein könnte, und beschloß es abzuziehen. So machte ich mich denn mit Xury ans
Werk; der Junge aber leistete dabei viel mehr als ich, denn ich verstand mich
schlecht auf die Sache. Die Arbeit nahm einen ganzen Tag in Anspruch, bis wir
zuletzt das Fell davontrugen. Wir spannten es über das Dach unserer Kajüte aus,
wo es die Sonne rasch trocknete; dann benutzte ich es als Decke für mein Lager.

Nach diesem Aufenthalt segelten wir zehn bis zwölf Tage in Einem fort südwärts.
Jetzt gingen wir mit unserm Proviant, der stark ins Abnehmen gerathen war, sehr
sparsam um. Ans Land wagten wir uns nur, um Wasser zu nehmen.
Mein Plan war, zu versuchen, ob wir den Gambia oder Senegal, das heißt die Gegend
des grünen Vorgebirgs zu erreichen vermöchten, wo ich hoffen durfte, einem europäischen
Schiffe zu begegnen. Geschah dies nicht, so blieb mir Nichts übrig, als nach
den kapverdischen Inseln zu steuern oder unter den Negern umzukommen. Ich wußte,
daß alle europäischen Schiffe, die nach der Küste von Guinea oder nach Brasilien
oder Ostindien gehen, auf dem grünen Vorgebirg oder jenen Inseln Station machen.
So setzte ich denn mein ganzes Geschick auf die Eine Nummer: entweder begegnete
ich einem Schiff, oder ich war verloren.
Als ich in dieser Ungewißheit etwa zehn Tage hindurch geregelt war, begann ich
wahrzunehmen, daß die Küste bewohnt sei. An mehren Stellen sahen wir im Vorbeifahren
Leute an dem Ufer stehen, die uns beobachteten. Wir konnten auch erkennen, daß
sie ganz schwarz und völlig nackt waren. Einmal wandelte mich die Lust an, ans
Land zu ihnen zu gehen, aber Xury rieth mir ab und sagte: »Nicht gehen, ja nicht
gehen.«
Dennoch näherte ich mich der Küste so weit, daß ich mit den Leuten sprechen
konnte. Sie liefen eine geraume Strecke neben dem Schiffe die Küste entlang.
Waffen hatten sie nicht, außer einem Einzigen, der einen langen dünnen Stab
trug, den Xury als eine Lanze bezeichnete, mit der diese Leute auf weite Entfernung
mit großer Sicherheit werfen könnten. Deshalb hielt ich mich in gehöriger Ferne,
redete aber, so gut es ging, durch Zeichen mit ihnen und gab ihnen insbesondere
zu verstehen, daß ich Etwas zu essen haben möchte. Sie forderten mich durch
Winke auf, das Boot anzuhalten, und deuteten an, sie würden dann Speisen für
mich herbeischaffen. Hierauf zog ich die Segel ein und legte bei, während zwei
der Neger landeinwärts liefen. Nach kaum einer halben Stunde kamen sie mit zwei
Stücken geröstetem Brod und etwas Korn zurück. Ohne zu wissen, was es sei, waren
wir doch entschlossen es anzunehmen, nur fragte es sich, wie wir’s bekommen
könnten. Denn ans Land zu gehen wagte ich nicht. Die guten Leute aber schienen
sich ebenso sehr vor uns zu fürchten wie wir vor ihnen. Endlich fanden sie einen
guten Ausweg. Sie legten die Sachen auf die Erde nieder und zogen sich eine
weite Strecke zurück, bis wir ihre Gaben an Bord gebracht hatten; dann kamen
sie wieder ans Ufer heran.
Wir machten ihnen Zeichen des Danks, da wir sonst Nichts zu bieten hatten. Gleich
darauf aber ward uns die Gelegenheit, ihnen einen großen Dienst zu leisten.
Es kamen nämlich zwei gewaltige Thiere, eins das andere verfolgend, von den
Bergen herab nach dem Meere gelaufen. Wir konnten nicht erkennen, ob Brunst
das Männchen das Weibchen jagen hieß, oder ob die Bestien wüthend auf einander
waren; ebensowenig ob eine solche Sache hier zu Lande alltäglich oder ungewöhnlich
sei. Doch glaube ich das Letztere. Einmal weil solche wilde Thiere regelmäßig
sich nur des Nachts zeigen, und dann weil die Leute am Ufer, besonders die Weiber,
sehr erschrocken schienen. Alle, außer dem Mann mit der Lanze, entflohen. Die
Bestien dachten jedoch nicht daran, die Neger zu verfolgen, sie stürzten sich
vielmehr ohne Weiteres ins Wasser und schwammen darin umher, als ob sie sich
ein Plaisir machen wollten.
Endlich kam eins der Thiere dem Boote näher. Ich legte mich auf die Lauer, ein
Gewehr schußfertig in der Hand. Zuvor hatte ich Xury befohlen, die andern beiden
Flinten zu laden. Sobald mir das Thier in Schußweite kam, gab ich Feuer und
traf es gerade vor den Kopf. Alsbald sank es unter, kam aber gleich wieder in
die Höhe und tauchte im Todeskampf auf und nieder. Es hatte sich unverzüglich

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