Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

nie auch nur einen Pfennig davon zurück haben.«
Hierauf fragte der alte Mann, ob er die nöthigen Schritte thun solle, damit
ich wiederum in den Besitz meiner Plantage käme. Auf meine Erwiederung, daß
ich selbst nach Brasilien zu gehen gedächte, antwortete er: »Das könnt Ihr freilich
thun, wenn Ihr Lust dazu habt; aber auch ohne das gibt es Mittel genug, Euer
Recht zu sichern und Euch direkt den Besitz Eurer Einkünfte zu verschaffen«.
Da nun gerade auf der Rhede von Lissabon Schiffe nach Brasilien segelfertig
lagen, ließ er meinen Namen in ein öffentliches Register eintragen und stellte
in eidlicher Form ein Zeugniß aus, daß ich noch am Leben und daß ich diejenige
Person sei, welche ehedem das Land zu der bewußten Pflanzung angekauft habe.

Diese Urkunde ließ er von einem Notar ordnungsmäßig unterzeichnen, und ich sendete
sie hierauf, mit einer Vollmacht und einem von der Hand des Kapitäns abgefaßten
Schreiben begleitet, an einen jenem bekannten brasilianischen Kaufmann. Bis
eine Antwort über meine Angelegenheit eintreffe, sollte ich, so schlug der Kapitän
vor, bei ihm wohnen.
Jene Vollmacht wurde in allergenauester Weise vollzogen. Noch vor Ablauf von
sieben Monaten empfing ich ein dickes Packet von den Hinterbliebenen meiner
Mandatare, nämlich jener Kaufleute, für deren Rechnung ich hatte nach Afrika
gehen sollen. Das Packet enthielt folgende Briefe und Papiere:
Erstens ein Contocorrent über die Einkünfte meiner Pflanzung seit dem Rechnungsabschluß
zwischen den Erblassern der Absender und meinem alten portugiesischen Kapitän,
welche Abrechnung vor sechs Jahren stattgefunden hatte. Die Berechnung ergab
einen Saldo von tausendeinhundertundsiebzig Moidor zu meinen Gunsten.
Zweitens eine Rechnung über weitere vier Jahre, während deren die Correspondenten
mein Vermögen verwaltet hatten, bis zu dem Zeitpunkt, in welchem das Gouvernement
meine Güter als die einer verschollenen oder, wie der Kunstausdruck lautet,
als einer juristisch todten Person eingezogen hatte. Diese Rechnung ergab, da
die Pflanzung sich inzwischen vergrößert hatte, für mich den Betrag von dreitausendzweihunderteinundvierzig
Moidor.
Drittens eine Rechnung des Priors jenes Augustinerklosters, welcher länger als
vierzehn Jahre hindurch einen Theil meiner Einkünfte bezogen hatte. Der Prior
zeigte in redlicher Gewissenhaftigkeit an, daß nach Abzug des für das Hospital
Verwendeten noch achthundertundzweiundsiebzig Moidor übrig seien, die mir als
Eigenthum gehörten. Was dagegen den Antheil des Königs anlange, so würde davon
Nichts zurückerstattet werden.
Ferner enthielt das Packet auch ein Schreiben meines Compagnons, welcher mir
herzlich Glück dazu wünschte, daß ich noch am Leben sei, und mir Bericht erstattete
über die Vergrößerung meiner Pflanzung und deren jährlichen Ertrag. Auch genaue
Angaben über die Ackerzahl der Plantage, über die Art ihrer Bebauung und wie
viel Sklaven darauf gehalten würden, enthielt der Brief. Mein Partner hatte
darin zweiundzwanzig Kreuze gemalt mit der Bemerkung, daß er ebenso viel Ave
Maria’s zur heiligen Jungfrau gebetet habe, aus Dankbarkeit dafür, daß ich noch
am Leben sei. Auch lud er mich sehr dringend ein, nach Brasilien zu kommen und
mein Eigenthum in Besitz zu nehmen. Einstweilen sollte ich ihm Auftrag geben,
an wen er, so lange ich nicht selbst käme, meine Güter zu überliefern habe.
Das Schreiben schloß mit den herzlichsten Versicherungen seiner Freundschaft
und mit Grüßen seiner Familie. Als Geschenke waren demselben beigefügt sieben
schöne Pantherfelle, die mein Compagnon, wie es schien, von Afrika erhalten,
wohin er noch ein zweites Schiff abgesendet hatte, dem, wie es schien, eine
bessere Reise beschieden gewesen war als einst mir. Auch fünf Kisten mit ausgezeichneten
Delikatessen hatte mein Associé beigepackt nebst hundert ungeprägten Goldstücken,
die beinahe so groß waren als Moidore. Mit demselben Schiff übersendeten die
zwei Hinterbliebenen meiner Mandatare eintausendzweihundert Kisten mit Zucker
und den Rest meines ganzen Guthabens in Gold.
Jetzt konnte ich wohl mit Recht sagen: Hiobs Ende ist besser gewesen als sein
Anfang. Es ist unmöglich die Bewegung zu beschreiben, in die mein Herz gerieth,
als ich jene Briefe las, und besonders als ich meinen ganzen Reichthum um mich
versammelt hatte. Denn da die Schiffe von Brasilien immer flottenweise kommen,
so langten mit den Briefen zugleich auch meine Güter an, und die letzteren lagen
bereits sicher im Hafen, als mir erst die Briefe zu Handen kamen. Ich wurde
bleich und unwohl vor Gemütsbewegung, und hätte der alte Mann nicht rasch einen
Trunk zur Herzstärkung herbeigeholt, ich glaube, die plötzliche Freude würde
mich überwältigt und auf der Stelle getödtet haben. Sogar nachher fühlte ich
mich noch einige Stunden hindurch förmlich krank, bis ein herbeigeschaffter
Arzt, nachdem er die Ursache meines Unwohlseins erfahren hatte, einen Aderlaß
verordnete. Nach diesem bekam ich Erleichterung und fühlte mich besser; ich
bin aber überzeugt, daß ich, wäre nicht auf solche Weise meinen Lebensgeistern
Luft verschafft worden, vor übermäßiger Freude gestorben sein würde.
Ich sah mich nun plötzlich im Besitze von mehr als fünftausend Pfund Sterling
in baarem Geld und eines Landgutes, wie ich es wohl nennen kann, in Brasilien.
Das letztere ertrug mir auch über tausend Pfund jährlich, so sicher wie nur
irgend ein Grundstück in England. Kurz, ich war jetzt in einer so guten Lage,
daß ich kaum wußte, wie ich mich darin benehmen und wie ich sie recht genießen
sollte. Das Erste, was ich that, war, daß ich meinen Hauptwohlthäter belohnte,
den guten alten Kapitän, der zuerst in meinem Unglück Mitleid gezeigt hatte
und von Anfang an gütig und bis zum Ende ehrlich und treu gegen mich gewesen
war. Ich zeigte ihm Alles, was ich zugesandt erhalten hatte, und sagte ihm,
daß ich es, nächst der göttlichen, Alles lenkenden Vorsehung, allein ihm zu
danken habe, und daß es jetzt an mir sei, ihn reichlich zu belohnen.
Vor Allem gab ich ihm die hundert Goldstücke wieder, die ich von ihm erhalten
hatte. Dann ließ ich einen Notar kommen und durch ihn einen in den bestimmtesten
Ausdrücken gehaltenen Verzicht oder Nachlaßvertrag über die vierhundertundsiebzig
Goldkronen, welche der Kapitän mir schuldig zu sein behauptete, aufsetzen. Ferner
stellte ich eine Vollmacht aus, die jenen berechtigte, die jährlichen Einkünfte
meiner Pflanzung für mich in Empfang zu nehmen. Das Dokument wies nämlich meinen
Compagnon an, die Zahlungen an den Kapitän zu leisten und dieselben mit den
regelmäßigen Postschiffen in meinem Namen an letzteren zu schicken. Die Vollmacht
schloß mit einer Clausel, durch welche ich dem Kapitän hundert Goldstücke auf
Lebenszeit aus den Erträgen der Waaren aussetzte und seinem Sohne nach ihm fünfzig,
gleichfalls auf Lebenszeit. So vergalt ich meinem alten Freunde, was er an mir
gethan hatte.
Es blieb mir nun zunächst zu überlegen, welchen Weg ich zur Verwerthung des
Besitztums einschlagen sollte, das die Vorsehung so unerwartet mir anvertraut
hatte. Wie viel mehr Sorgen überkamen mich jetzt als während meines stillen
Lebens auf der Insel! Damals hatte ich Nichts, als was ich bedurfte; jetzt war
ich zu großem Reichthum gelangt und mußte für dessen Erhaltung sorgen. Nun bot
sich mir keine Höhle mehr, wo ich mein Geld verstecken konnte, kein Platz, wo
es ohne Schloß und Riegel liegen durfte, bis es verschimmelte und verrostete,
ehe irgend Jemand es angerührt hätte. Im Gegentheil wußte ich durchaus nicht,
wo ich mein Geld hinlegen, oder wem ich es anvertrauen sollte. Mein alter Gönner,
der ehrliche Kapitän, war die einzige Zuflucht, die mir blieb.
Zwar schien es zweckmäßig, daß ich mich zunächst zur Erledigung meiner brasilianischen
Angelegenheiten dorthin begebe, aber vorläufig war gar nicht an eine Reise dahin

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar