Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

ein ganz bequemes Leben führen könnten.
Hierauf bereitete ich mich vor, an Bord zu gehen, die folgende Nacht jedoch
wollte ich noch auf der Insel verweilen und forderte daher den Kapitän auf,
sich nach dem Schiffe zu begeben, dort Alles in Ordnung zu bringen, am nächsten
Morgen das Boot für mich ans Land zu schicken und den erschossenen Kapitän an
die Raa aufzuhängen, daß ihn die Leute auf der Insel sehen könnten.
Nachdem der Kapitän sich entfernt hatte, hieß ich die freigegebenen Gefangenen
zu mir kommen und begann ein ernstliches Gespräch mit ihnen über ihre Zukunft.
»Ihr habt«, sagte ich ihnen, »das Richtige gewählt; hätte Euch der Kapitän mitgenommen,
so würdet Ihr sicherlich in England aufgehängt worden sein. Seht dort den Kapitän
an der Schiffsraa baumeln. Das gleiche Loos hätte Euch erwartet.«
Sie erklärten Alle, daß sie sehr gern zurückblieben. Hierauf erzählte ich ihnen
von meiner Ankunft und meinen Erlebnissen auf der Insel, zeigte ihnen meine
Festungswerke, gab ihnen an, wie ich mein Brod bereitet, mein Getreide gesäet,
meine Trauben behandelt hatte, kurz, ich wies sie auf Alles hin, was zu ihrer
Behaglichkeit dienen konnte. Auch von den sechzehn Spaniern, deren Ankunft zu
erwarten sei, sagte ich ihnen, ließ einen Brief an dieselben zurück und nahm
den Verbannten das Versprechen ab, mit denselben alle meine Vorräthe zu theilen.

Dann gab ich ihnen meine Feuergewehre, fünf Musketen und drei Vogelflinten.
Ferner erhielten sie drei Säbel und anderthalb Faß Pulver, denn so viel besaß
ich noch, da ich nach den ersten Jahren nur wenig mehr gebraucht hatte. Auch
beschrieb ich ihnen, wie ich die Ziegen behandelt, sie fett gemacht und gemolken
und wie ich Butter und Käse bereitet hatte. Ich versprach, den Kapitän zu bereden,
daß er ihnen noch weitere zwei Pulverfäßchen zurücklasse, sowie einige Sämereien,
die mir sehr schwer abgegangen seien. Auch den Beutel mit Erbsen, den der Kapitän
für mich mitgebracht hatte, gab ich ihnen und ermahnte sie, Sorge zu tragen,
daß dieselben eingelegt würden und gehörigen Ertrag lieferten.
Nachdem dies Alles besorgt war, begab ich mich am nächsten Tage an Bord. Wir
bereiteten uns vor, sofort unter Segel zu gehen, lichteten jedoch noch nicht
an demselben Abend die Anker. Am nächsten Morgen früh kamen zwei von den Zurückgelassenen
an das Schiff herangeschwommen, erhoben ein großes Klagegeschrei und baten um
Gottes willen, an Bord genommen zu werden, wenn der Kapitän sie auch aufhängen
lassen würde, denn sonst würden die drei Anderen sie ermorden. Der Kapitän erwiederte,
er könne Nichts ohne meine Zustimmung thun. Nachdem ich dann noch einige Schwierigkeiten
gemacht und ihnen das feierliche Versprechen der Besserung abgenommen, wurden
sie an Bord gelassen und tüchtig durchgepeitscht. Sie zeigten sich später als
ordentliche und ruhige Gesellen.
Einige Zeit darauf schickten wir zur Flutzeit das Boot an Land und ließen den
Zurückgebliebenen die versprochenen Gegenstände überbringen, zu denen der Kapitän
auf meine Veranlassung noch ihre Koffer und Kleidungsstücke gefügt hatte. Sie
nahmen Alles dankbar auf. Auch ermuthigte ich sie, indem ich versprach, ihnen,
wenn es in meiner Macht stünde, ein Schiff zuzuschicken, das sie mitnähme, und
daß ich sie überhaupt nicht vergessen würde.
Beim Abschied von der Insel nahm ich als Erinnerungszeichen mit mir an Bord
die große Ziegenfellmütze, die ich mir selbst gemacht hatte, sowie meinen Sonnenschirm
und einen meiner Papageis. Auch das früher erwähnte Geld vergaß ich nicht. Es
hatte so lange nutzlos dagelegen, daß es ganz schwarz geworden war und erst,
nachdem es ein wenig gerieben worden, wieder für Silber gelten konnte. Ferner
that ich auch das in dem Wrack des spanischen Schiffs gefundene Geld zu meinen
Habseligkeiten.
So verließ ich denn (wie ich aus dem Schiffskalender ersah) am 19. December
des Jahres 1684 das Eiland, nachdem ich achtundzwanzig Jahre zwei Monate und
neunzehn Tage darauf zugebracht hatte. Meine Befreiung aus dieser zweiten Gefangenschaft
fand an demselben Monatstage statt wie meine Flucht in dem Langboot von den
Mohren zu Saleh. Nach langer Fahrt und nach fünfunddreißigjähriger Abwesenheit
betrat ich am 11. Juni des Jahres 1685 wiederum die englische Erde.
Ich war in meinem Vaterlande aller Welt so fremd geworden, als ob ich nie mit
Jemandem dort bekannt gewesen wäre. Meine treue Hauswirthin und Wohlthäterin,
der ich mein Geld anvertraut hatte, lebte noch, war aber in großes Mißgeschick
gerathen und befand sich, zum zweiten Male Wittwe geworden, in sehr dürftigen
Umständen. Ich beruhigte sie in Bezug auf das, was sie mir schuldete, versicherte,
daß ich sie darum nicht in Sorgen setzen wolle, erleichterte vielmehr zum Dank
für ihre alte Liebe und Treue ihre Lage so gut, als meine geringen Mittel es
damals gestatteten. Es war zwar nur wenig, was ich für sie thun konnte, doch
sagte ich ihr zu, daß ich ihre frühere Freundlichkeit nicht vergessen werde.
Das habe ich denn, wie an seiner Stelle erzählt werden soll, auch gehalten,
sobald ich in die Lage kam, sie unterstützen zu können.
Bald darauf begab ich mich in die Grafschaft York. Mein Vater und meine Mutter
waren gestorben, und von meiner ganzen Familie lebte Niemand mehr als zwei von
meinen Schwestern und zwei Kinder des einen meiner Brüder. Da man mich schon
seit langer Zeit für todt gehalten, war ich auch bei der Erbtheilung des väterlichen
Nachlasses nicht berücksichtigt worden. So hatte ich denn so viel als Nichts
zu meinem Lebensunterhalt, denn das wenige Geld, was ich bei mir führte, konnte
nicht hinreichen, mir eine Existenz zu gründen.
Jetzt aber erfuhr ich einen unerwarteten Beweis von Dankbarkeit. Der Schiffskapitän,
den ich nebst seinem Schiff und dessen Ladung so glücklich gerettet, hatte dem
Schiffseigner einen getreuen Bericht von der Art, wie ich ihn und sein Fahrzeug
erhalten hatte, abgestattet. Dieser nebst einigen andern betheiligten Kaufleuten
forderten mich hierauf zu einer Zusammenkunft auf, sagten mir in dieser auf
höfliche Weise ihren Dank und machten mir ein Geschenk von beinahe zweihundert
Pfund Sterling.
Als ich nach reiflicher Ueberlegung einsah, wie wenig auch dieses Geld zur Sicherung
meiner Existenz genügen könne, beschloß ich nach Lissabon zu reisen, um zu versuchen,
ob ich dort nicht Kunde über den Zustand meiner Plantage in Brasilien erhalten
und erfahren könne, was aus meinem Compagnon geworden sei. Bezüglich des letzteren
mußte ich annehmen, daß er mich schon Jahre lang für todt gehalten habe. So
schiffte ich mich denn nach Lissabon ein und kam im April daselbst an. Freitag
begleitete mich getreulich auf allen meinen Fahrten und bewährte sich bei jeder
Gelegenheit als ein zuverlässiger Diener. In der portugiesische Hauptstadt machte
ich zu meiner großen Freude meinen alten Freund, jenen Schiffskapitän, ausfindig,
der mich einst an der afrikanischen Küste in sein Fahrzeug aufgenommen hatte.
Er war inzwischen ein Greis geworden, hatte das Seeleben aufgegeben und sein
Schiff seinem auch schon bejahrten Sohne übergeben, welcher noch immer nach
Brasilien Handel trieb. Der alte Mann erkannte mich anfangs nicht, wie auch
ich ihn nur mit Mühe wieder erkannte. Jedoch erinnerte ich mich sehr bald seiner
Züge, und auch in dem Gedächtniß des Kapitäns tauchte die Erinnerung an mich,
sobald ich meinen Namen genannt, wieder auf.
Nachdem wir uns herzlich begrüßt, war begreiflicher Weise meine erste Frage
nach meiner Plantage und nach meinem Compagnon. Der Alte erwiederte, er selbst
sei seit fast neun Jahren nicht in Brasilien gewesen; bei seiner letzten Abreise
von dort habe aber mein Compagnon noch gelebt; dagegen seien die beiden Leute,
die ich ihm beigeordnet, um meine Interessen zu wahren, schon damals todt gewesen.
Indeß glaube er, daß ich gute Kunde über das Wachsthum meiner Pflanzung erhalten
würde. Denn nachdem man allgemein angenommen, ich sei bei einem Schiffbruch

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