Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

hatten sie das Fahrzeug gerade gegenüber der Mündung des kleinen Baches festgelegt.
Da sich gerade die Flut erhoben, hatte der Kapitän in dem Langboot bis nahe
an die Stelle gelangen können, wo ich einst mit meinen Flößen gelandet war,
und so hatte er unmittelbar vor meiner Thür aussteigen können. Ich war vor Ueberraschung
einer Ohnmacht nahe. Denn ich sah jetzt Alles, was zu meiner Rettung nöthig
war, sozusagen wie mit Händen zu greifen vor mir und ein großes Schiff in völliger
Bereitschaft, mich zu tragen, wohin ich Lust hatte. Eine Weile lang war ich
nicht im Stande, ein Wort zu sprechen. Ich hielt mich, um nicht umzufallen,
an dem Kapitän fest, der seine Arme um mich geschlungen hatte. Als er meine
Verwirrung gewahrte, zog er sogleich eine Flasche aus seiner Tasche und ließ
mich einen herzstärkenden Trunk nehmen, den er zu diesem Zwecke mitgenommen.
Darauf setzte ich mich auf die Erde und kam allmählich wieder zu mir selbst,
vermochte jedoch lange Zeit noch nicht ein Wort zu äußern. Inzwischen war der
gute Kapitän in einer gerade so großen Aufregung als ich, wenn auch nicht in
Folge der Ueberraschung. Er überhäufte mich mit tausend Ausdrücken der Zärtlichkeit,
um mich wieder zum Bewußtsein zu bringen, aber der Freudenstrom flutete so gewaltig
in meiner Brust, daß er alle meine Sinne mit sich fortriß. Endlich brach er
in Thränen hervor und dann erst gewann ich die Sprache wieder. Jetzt schloß
ich meinerseits meinen Erretter in die Arme, und wir jubelten vereint.
»Ich sehe Euch«, so sagte ich zu ihm, »als meinen vom Himmel gesendeten Erretter
an, und die ganze Begebenheit erscheint mir als eine Kette von Wundern. Solche
Ereignisse legen uns Zeugniß ab dafür, daß die verborgene Hand einer Vorsehung
die Welt lenkt, und sie beweisen aufs Sicherste, daß die Augen einer unbegrenzten
Macht in den entlegensten Winkel der Welt dringen, und daß diese Macht dem Unglücklichen
Hülfe schicken kann, wenn sie nur will.« Ich unterließ auch nicht gegen den
Himmel mein Herz in Dankbarkeit zu erheben, und wer hätte hier auch versäumen
können, Dem zu danken, der nicht nur in wunderbarer Weise in solcher Wildniß
und so trostloser Lage für mich Sorge getragen hatte, sondern aus dessen Hand
jetzt auch allein die Erlösung gekommen war!
Als wir eine Weile hindurch uns unterhalten, theilte mir der Kapitän mit, er
habe von dem, was das Schiff an Ladung geborgen und was von den Schurken, die
es eine Weile in Besitz gehabt hätten, übrig gelassen sei, mir einige kleine
Erfrischungen mitgebracht. Dann rief er den Leuten im Boote zu, sie sollten
die Sachen für den Gouverneur aus Land bringen. Das war aber eine Ladung so
groß, als ob ich nicht die Absicht hätte, mit den Leuten mich einzuschiffen,
sondern als wenn ich auf der Insel bleiben und Jene allein ziehen lassen wolle.
Da kam zuerst ein Flaschenkorb mit ausgezeichneten Spirituosen zum Vorschein,
darunter sechs große Flaschen Madeira, deren jede zwei Quart enthielt; ferner
befanden sich darunter zwei Pfund vorzüglichen Tabaks, zwölf Viertel Ochsenpökelfleisch
und sechs Viertel Schweinefleisch, ein Sack voll Erbsen und ungefähr hundert
Pfund Schiffszwieback. Auch war dabei eine Kiste mit Zucker, eine andere mit
Mehl, ein Sack voll Limonen, zwei Flaschen Limonensyrup und eine Menge andere
Dinge. Sodann aber, und das war mir tausendmal mehr werth als das Uebrige, hatte
der Kapitän mir mitgebracht sechs reine neue Hemden, sechs sehr gute Halstücher,
zwei Paar Handschuhe, ein Paar Schuhe, einen Hut, ein Paar Strümpfe und einen
sehr guten vollständigen Anzug, der dem Kapitän selbst gehörte und nur wenig
abgenutzt war. Kurz, mein Freund kleidete mich vom Kopf bis zu den Füßen. Jedermann
kann sich denken, wie angenehm mir ein solches Geschenk in meiner Lage sein
mußte, und dennoch vermag sich Niemand vorzustellen, wie unbehaglich, linkisch
und verlegen ich mich anfangs fühlte, als ich diese Kleider angelegt hatte.

Nach unserer gegenseitigen Beglückwünschung, und nachdem jene guten Dinge alle
in meine kleine Behausung gebracht waren, hielten wir Rath darüber, was mit
unsern Gefangenen zu thun sei. Es war nämlich wohl zu erwägen, ob wir sie mit
uns nehmen sollten oder nicht. Besonders galt das von zweien darunter, die unverbesserlich
und widerspenstig im höchsten Grade waren. Der Kapitän versicherte, er kenne
sie als solche Schurken, daß keine Wohlthat sie zur Treue vermögen würde. Wenn
wir sie mitnehmen wollten, so könne es nur so geschehen, daß sie, wie es Verbrechern
zieme, in Ketten gelegt und der ersten besten englischen Kolonie, wo wir ans
Land gingen, überliefert würden. Mit Rücksicht auf die Besorgnisse meines Freundes
sagte ich ihm zu, ich wolle es übernehmen, die beiden in Rede stehenden Leute
dahin zu bringen, daß sie selbst darum bitten sollten, auf der Insel zurückbleiben
zu dürfen. »Das wäre mir sehr erfreulich«, entgegnete der Kapitän. »Gut«, erwiederte
ich, »so will ich sie holen lassen und statt Eurer mit ihnen redend
Hierauf schickte ich Freitag und die beiden Geiseln, welche, nachdem ihre Kameraden
sich treu bewährt hatten, gleichfalls von den Fesseln befreit waren, nach der
Höhle und ließ sie die fünf Gefangenen in ihren Banden nach der Laube bringen.
Bald darauf trat ich in meinem neuen Anzug dort ein, und zwar jetzt wieder in
der Würde des Gouverneurs. Als wir alle versammelt waren, und der Kapitän sich
gleichfalls eingefunden hatte, ließ ich die Gefangenen vorführen und hielt eine
Ansprache an sie. Ich bemerkte darin, daß ihre schurkenhafte Handlungsweise
mir vollständig bekannt sei. Ich wisse, daß sie mit dem Schiff entflohen und
noch auf anderen Raub ausgegangen seien, daß aber die Vorsehung sie in ihrer
eignen Schlinge gefangen und sie selbst in die von ihnen für Andere bereitete
Grube habe fallen lassen. Auf meine Anordnung, sagte ich, sei das Schiff wieder
erobert und liege jetzt auf der Rhede; sie würden demnächst ihren neuen Kapitän
an der großen Raa baumeln sehen, auf daß er den gerechten Lohn seiner Schurkerei
empfange. Hierauf fragte ich, was sie vorzubringen hätten dagegen, daß ich sie
nicht gleichfalls als auf der That ertappte Seeräuber bestrafe, wozu mich meine
amtliche Stellung unzweifelhaft berechtige.
Einer von ihnen antwortete im Namen der Uebrigen, sie hätten darauf Nichts weiter
zu erwiedern, als daß ihnen bei ihrer Gefangennehmung Schonung ihres Lebens
versprochen sei und daß sie mich demüthig um Gnade anflehten.
Darauf ich: »Ich weiß in der That nicht, was für eine Art von Gnade ich Euch
erzeigen könnte. Denn was mich selbst angeht, so habe ich beschlossen, die Insel
mit allen meinen Leuten zu verlassen und mich mit dem Kapitän nach England einzuschiffen.
Der letztere kann Euch nicht mitnehmen, außer als Gefangene in Ketten, damit
Euch für Eure Meuterei und die Desertion mit dem Schiffe der Prozeß gemacht
wird. Das aber führt, wie Ihr selbst wissen werdet, nothwendig zum Galgen. Deshalb
weiß ich nichts Besseres für Euch, als daß Ihr Euch entschließt, hier auf der
Insel Euer Glück zu machen. Ist das der Fall, so bin ich nicht abgeneigt, da
ich die Macht habe, über die Insel zu verfügen, Euch das Leben zu schenken,
wenn Ihr glaubt, dasselbe auf diesem Eilande fristen zu können.«
Die Gefangenen schienen außerordentlich dankbar hierfür zu sein und versicherten
mich, sie wollten es weit lieber riskiren, hierzubleiben, als in England gehängt
zu werden. Daher ließ ich es hierbei sein Bewenden haben. Der Kapitän jedoch
schien Schwierigkeit zu machen, als ob er die Gefangenen nicht hier lassen dürfe.
Das ärgerte mich ein wenig, und ich bemerkte ihm, die Leute seien meine Gefangenen
und nicht die seinigen. Wenn ich ihnen einmal Begnadigung zugesagt hätte, so
sei ich auch gut für mein Wort. Wenn er es nicht zufrieden sei, so würde ich
sie in Freiheit setzen, wie ich sie gefunden hätte, dann möge er sie sich wieder
einfangen, wenn es ihm gelänge. Sodann ließ ich die dankerfüllten Gefangenen
losbinden, befahl ihnen, sich in die Wälder zurückzuziehen und die Stelle wieder
aufzusuchen, woher sie vor Kurzem gekommen seien; ich versprach ihnen einige
Feuerwaffen und Munition zurückzulassen und ihnen Anweisung zu geben, wie sie

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