Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

Menschen in solcher Lage, schlimm genug. Die übrigen Schiffsleute ließ ich nach
meiner oftbeschriebenen Laube bringen. Da diese umzäunt und die Gefangenen in
Fesseln waren, bot der Ort Sicherheit genug für ihre Verwahrung.
Zu den letzteren schickte ich am folgenden Morgen den Kapitän, damit er mit
ihnen unterhandle, das heißt, sie auf die Probe stelle und mir Bericht erstatte,
ob auf ihre Mitwirkung zur Wiedererlangung des Schiffes zu rechnen sei. Er hielt
ihnen das durch sie gegen ihn begangene Verbrechen nochmals vor und wies sie
darauf hin, in welch traurige Lage sie selbst in Folge dessen gekommen seien.
Denn wenn der Gouverneur ihnen auch für den jetzigen Augenblick das Leben geschenkt
habe, so würden sie doch, falls man sie nach England schickte, sicherlich gehängt
werden. Jedoch wolle er sie versichern, daß, wenn sie bei einer so rechtmäßigen
Handlung, wie die Wiedereroberung des Schiffes sei, Beistand leisteten, der
Gouverneur ihnen vollen Pardon geben werde.
Man kann sich leicht vorstellen, wie begierig diese Bedingung von den Leuten
in ihrer Situation angenommen wurde. Sie fielen auf die Kniee und versprachen
unter den kräftigsten Betheuerungen dem Kapitän, ihm bis zum letzten Blutstropfen
treu zu bleiben und, wenn sie ihm die Rettung ihres Lebens verdankten, mit ihm
durch die ganze Welt zu gehen; sie wollten ihm in aller Zukunft wie ihrem leiblichen
Vater anhangen.
Der Kapitän erwiederte: »Gut, ich werde gehen, dem Gouverneur Eure Worte melden
und versuchen, was ich thun kann, um ihn zur Einwilligung zu bewegen«.
So brachte er mir denn Bericht über die Stimmung der Leute. Er versicherte überzeugt
zu sein, daß man ihnen trauen dürfe. Um jedoch meiner Sache gewisser zu sein,
befahl ich dem Kapitän, wieder zu den Gefangenen zurückzukehren und ihnen zu
sagen, er habe, zum Beweis, daß man nicht ihrer Aller benöthigt sei, den Auftrag,
nur fünf Mann von ihnen zu seinem Beistand auszuwählen; die beiden andern nebst
den drei in die Burg, nämlich in meine Höhle, Geschickten werde der Gouverneur
als Bürgen für die Treue der Uebrigen zurückbehalten. Handelten die fünf Auserlesenen
treulos, so würden die Geiseln sämmtlich lebendig in Ketten am Strande aufgehängt
werden. Diese bedenkliche Aussicht sollte nämlich den Gefangenen beweisen, daß
der Gouverneur nicht spaße. Uebrigens blieb ihnen keine Wahl, und es lag jetzt
gerade so sehr im Interesse der Zurückbleibenden als des Kapitäns, die fünf
Auserwählten zur Erfüllung ihrer Pflicht anzuhalten.
Unsere Streitkräfte wurden nun für die Unternehmung folgendermaßen in Gruppen
geordnet. Zur ersten gehörte der Kapitän, sein Steuermann und sein Passagier;
zur zweiten die beiden zuerst gefangen Genommenen, denen ich auf des Kapitäns
Empfehlung die Freiheit gegeben und Waffen anvertraut hatte; zur dritten die
zwei Andern, welche ich bis daher gefesselt in der Laube gehalten, aber jetzt
gleichfalls auf des Kapitäns Veranlassung losgelassen hatte; die vierte Abtheilung
bildete nur der einzeln im Boot gefangene Mann; endlich bestand die fünfte aus
den zuletzt befreiten Gefangenen. So waren es im Ganzen dreizehn Leute; die
fünf in der Höhle und die beiden Geiseln blieben zurück.
Der Kapitän erklärte auf meine Frage seine Bereitwilligkeit, sich mit dieser
Mannschaft an Bord des Schiffes zu wagen. Was mich selbst und Freitag anging,
so hielt ich es nicht für zweckmäßig, mit auf das Unternehmen auszuziehen. Denn
da wir sieben Mann zurückbehielten, hatten wir genug damit zu schaffen, sie
getrennt zu halten und mit Lebensmitteln zu versehen. Die fünf in der Höhle
sollten nach meiner Absicht streng eingeschlossen gehalten werden. Freitag ging
zweimal täglich zu ihnen, um ihnen zu essen zu bringen.
Die übrigen beiden Gefangenen mußten die Vorräthe bis zu einer gewissen Stelle
tragen, und Freitag nahm sie dann in Empfang.
Nachdem ich mich zu den beiden Geiseln begeben, theilte ihnen der Kapitän, der
mich begleitete, mit, ich sei vom Gouverneur beauftragt, über sie zu wachen.
Der Gouverneur habe angeordnet, daß sie keinen Schritt ohne meine Erlaubniß
thun dürften; wenn sie dem zuwider handelten, würden sie ins Gefängniß geworfen
und in Ketten gelegt werden. So erschien ich, da ich mich nicht als der Gouverneur
zu erkennen geben wollte, jetzt als eine dritte Person und sprach bei jeder
möglichen Gelegenheit von dem Befehlshaber der Insel, von der Garnison, dem
Gefängniß und dergleichen Dingen.
Für den Kapitän boten sich jetzt als nächste und wichtigste Aufgaben die Ausrüstung
seiner zwei Boote, die Verstopfung des Lecks in dem einen und die Bemannung
beider. Er ernannte seinen Passagier zum Kapitän für das eine Fahrzeug und gab
ihm vier Mann bei. Er selbst nebst seinem Steuermann und fünf weiteren Leuten
begab sich in das andere. Sie machten ihre Sache so vortrefflich, daß sie schon
um Mitternacht an das Schiff herankamen. Als sie sich auf Rufweite demselben
genähert, ließ der Kapitän die Leute an Bord durch Robinson anrufen und ihnen
verkündigen, sie hätten ihre Kameraden und das Boot wieder, aber es sei viel
Zeit darauf gegangen, bis sie dieselben gefunden. Mit solchem und ähnlichem
Geschwätz hielt er die Schiffsmannschaft hin, bis unsere Leute unter dem Schiffe
beigelegt hatten. Sobald der Kapitän und der Steuermann den Fuß auf das Deck
setzten, schlugen sie auch sofort den zweiten Steuermann und den Schiffszimmermann
mit ihren Gewehrkolben nieder. Unsere Leute zeigten sich sehr zuverlässig. Sie
versicherten sich der ganzen auf dem Haupt- und dem Quarterdeck befindlichen
Mannschaft; dann verschlossen sie die Luken, um diejenigen, welche sich im untern
Schiffsraum befanden, in demselben zu halten. Jetzt nahete auch das andere Boot,
die Bemannung legte am Vordertheil an und nahm das Vorderdeck sowie die in die
Küche führende Dachluke in Besitz und machte drei darin befindliche Leute zu
Gefangenen.
Hierauf, nachdem das Deck gänzlich gesäubert war, befahl der Kapitän dem Steuermann,
mit drei Leuten in die Kajüte einzubrechen. Dort hatte der neu ernannte Rebellenkapitän
mit zwei Männern und einem Schiffsjungen Feuerwaffen ergriffen. Kaum hatte der
Steuermann mit seinen Gefährten die Thür gespalten, so gab der neue Kapitän
mit seinen Gefährten muthig Feuer auf sie, zerschmetterte dem Steuermann mit
einer Musketenkugel den Arm und verwundete noch zwei von der Mannschaft, ohne
jedoch einen einzigen zu tödten. Unser Steuermann rief zwar um Hülfe, stürzte
indessen trotz seiner Verwundung in die Kajüte und schoß den neuen Kapitän mit
einer Pistole durch den Kopf, daß die Kugel durch den Mund eindrang und hinter
dem Ohr herausschlug. Der Mensch sank lautlos zusammen; darauf ergaben sich
die Uebrigen, und das Schiff war somit ohne weiteren Verlust von Menschenleben
in unserem Besitze.
Sobald der Sieg gewonnen war, ließ der Kapitän sieben Kanonenschüsse abfeuern,
als das Signal, welches nach unserer Verabredung mir den günstigen Erfolg des
Unternehmens verkündigen sollte. Man kann sich denken, mit welcher Freude ich
die Salve vernahm, nachdem ich bis beinahe zwei Uhr Morgens am Strande wachend
gesessen hatte. Erst als ich das Signal gehört, legte ich mich nieder und schlief
nach der großen Anstrengung des Tages sogleich fest ein. Plötzlich aber wurde
ich durch einen Flintenschuß geweckt und hörte, nachdem ich eilig aufgestanden
war, die Stimme eines Mannes rufen: »Herr Gouverneur, Herr Gouverneur!« Ich
erkannte sogleich die Stimme des Kapitäns. Als ich den Gipfel des Hügels erstiegen
hatte, fand ich ihn dort stehen. Er deutete nach dem Schiff hin und sagte, indem
er mich in die Arme schloß: »Mein theurer Freund und Erretter, dort ist Euer
Fahrzeug, denn es gehört Euch ebenso wie mir nebst Allem, was es enthält«.
Ich richtete die Augen nach dem Schiff und sah es etwa eine halbe Meile vom
Lande vor Anker liegen. Nachdem nämlich unsre Leute sich desselben bemächtigt
hatten, waren die Anker alsbald gelichtet worden, und da das Wetter ruhig war,

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