Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
dann in das Boot zurückkehren, um auszuruhen, bald darauf wieder am Ufer umherlaufen
und dies Thun immer aufs Neue wiederholen.
Meine Leute hatten große Lust, sofort in der Dunkelheit über sie herzufallen,
aber ich wollte meiner Sache ganz gewiß sein, um so wenig als möglich Menschenleben
opfern zu müssen. Vor Allem aber war ich abgeneigt, das Leben eines meiner eigenen
Leute aufs Spiel zu setzen. Ein Verlust in Bezug auf diese lag um so näher,
als die Andern gut bewaffnet waren. Daher beschloß ich zu erwarten, ob die Feinde
sich nicht etwa trennen würden. Um sie sicherer in meiner Gewalt zu behalten,
gedachte ich unsern Hinterhalt mehr in ihre Nähe zu verlegen, und deshalb befahl
ich Freitag und dem Kapitän, auf Händen und Füßen, zur Erde geduckt, sich so
nahe als möglich zu ihnen zu schleichen, ehe sie sich schußfertig machten.
Meine Gefährten waren noch nicht lange an ihrem Posten angekommen, als sich
der Bootsmann, der Haupträdelsführer bei der Meuterei und zugleich derjenige,
welcher jetzt am muthlosesten von Allen schien, mit zwei Andern von dem Schiffsvolk
dem Kapitän und meinem Freitag näherte. Der erstere, als er vermuthete, daß
dieser Hauptschuft ihm in das Garn laufe, konnte sich kaum gedulden, bis er
ihm nahe genug war, so daß ihn jener genau erkennen konnte. Denn bis dahin hatte
der Kapitän nur nach der Stimme vermuthet, daß es dieser Schurke sei. Als die
drei aber ziemlich in ihre Nähe gekommen waren, standen der Kapitän und Freitag
auf und gaben Feuer. Der Bootsmann blieb auf der Stelle todt, und einer von
den beiden andern Leuten fiel, durch den Leib getroffen, neben ihm nieder, starb
aber erst einige Stunden später; der dritte dagegen entfloh.
Sobald die Schüsse geknallt hatten, rückte ich mit meiner ganzen, jetzt aus
acht Mann bestehenden Armee vor. Ich selbst als Generalissimus voran, Freitag
als mein Generallieutenant, der Kapitän und seine beiden Leute und unsre drei
Kriegsgefangenen, die wir mit Waffen versehen hatten, folgten. Da wir uns den
Schiffsleuten in der Dunkelheit näherten, vermochten sie unsre Anzahl nicht
zu erkennen. Ich ließ den in dem Boot zurückgebliebenen Mann, der jetzt einer
von den Unsrigen war, jene bei Namen rufen, um zu versuchen, ob sie mit sich
unterhandeln und sich zur Ergebung bereit finden lassen würden. Die Sache lief
auch ab, wie ich es wünschte. Begreiflich genug, daß die Leute, mit Rücksicht
auf ihre böse Lage, sich gern zur Kapitulation verstanden. Als der von mir Beauftragte,
so laut er vermochte, einem seiner Kameraden zugerufen: »Tom Smith, Tom Smith«,
antwortete dieser augenblicklich: »Bist du es, Robinson?« – »Ja wohl, Tom Smith!
legt um Gottes willen Eure Waffen nieder und ergebt Euch, oder Ihr seid Alle
im nächsten Augenblick des Todes.«
»Wem sollen wir uns denn ergeben? Was sind es für Leute?« fragte Smith wiederum.
»Sie sind hier bei mir«, entgegnete Jener. »Es ist unser Kapitän mit fünfzig
Mann, die Euch diese zwei Stunden lang herumgehetzt haben. Der Bootsmann ist
todt, Will Fry ist verwundet und ich bin gefangen. Wenn Ihr Euch nicht ergebt,
seid Ihr sämmtlich verloren.«
»Wenn sie uns Pardon verheißen«, erwiederte Tom Smith, »dann wollen wir uns
ergeben.«
»Ich will gehen und fragen.«
Hierauf rief der Kapitän selbst: »Smith, du kennst meine Stimme, wenn Ihr sofort
die Waffen ablegt und Euch ergebt, soll Euch Allen das Leben geschenkt sein,
ausgenommen Will Atkins«.
Jetzt schrie dieser Will Atkins: »Um Gottes willen, Kapitän, schenkt mir auch
Gnade! Was habe denn ich gerade gethan? Die Andern haben ja ebenso schlecht
gehandelt als ich!«
Dies war jedoch nicht die Wahrheit. Wie es schien, hatte dieser Mensch bei dem
Ausbruch der Meuterei die erste Hand an den Kapitän gelegt und ihn, nachdem
er ihm die Hände gebunden, barbarisch behandelt und mit Schimpfworten beleidigt.
Der Kapitän antwortete ihm, er solle die Waffen auf Gnade oder Ungnade niederlegen,
sein Geschick würde von der Entscheidung des Gouverneurs abhängen. Mit diesem
Namen bezeichnete mein Freund nämlich mich.
Um es kurz zu machen: die Männer legten ihre Waffen nieder und baten, daß wir
ihnen das Leben schenken möchten. Ich schickte hierauf jenen, der mit ihnen
vorher unterhandelt hatte, nebst zwei Anderen zu ihnen und ließ sie binden.
Hierauf erst kam meine große Armee von fünfzig Mann, die, jene drei inbegriffen,
jetzt wieder auf acht herabgeschmolzen war, zum Vorschein und bemächtigte sich
der Fremden und ihres Bootes. Ich selbst hielt mich nebst einem Begleiter aus
Politik noch fern.
Unsere nächste Sorge war nun, das Boot auszubessern, um zu versuchen, ob wir
des Schiffes habhaft werden könnten. Der Kapitän beschäftigte sich jedoch zunächst
damit, mit den Empörern zu unterhandeln. Er warf ihnen die Schändlichkeit ihres
Verfahrens gegen ihn und die Nichtswürdigkeit dessen, was sie zuletzt gegen
ihn beabsichtigt hätten, vor und zeigte ihnen, wie sie durch diese Handlungen
nothwendig am Ende in das Elend und Verderben, vielleicht gar auf die Galeeren
hätten gerathen müssen. Sie schienen auch voll Reue zu sein und baten flehentlich
um ihr Leben. Hierauf erklärte er, sie seien nicht seine Gefangenen, sondern
die des Befehlshabers dieser Insel. Sie hätten zwar gemeint, ihn an ein ödes,
menschenleeres Eiland auszusetzen, aber Gottes Gnade habe es so gefügt, daß
es bewohnt sei und einen Engländer zum Gouverneur habe. Wenn es diesem beliebe,
könne er sie sämmtlich hängen lassen; da er ihnen aber Pardon versprochen, so
werde er sie vermutlich nach England schicken und dem Arme der Gerechtigkeit
überliefern, mit Ausnahme des Atkins. Dieser solle sich, so laute der Befehl
des Gouverneurs, auf seinen Tod vorbereiten, da er am nächsten Morgen baumeln
müsse.
Dies Alles war zwar freie Erfindung des Kapitäns, brachte aber doch die erwünschte
Wirkung hervor. Atkins fiel auf die Kniee und bat den Kapitän, sich bei dem
Gouverneur für sein Leben zu verwenden. Die Andern alle flehten, daß man sie
um Gottes willen nicht nach England schicken möge.
Jetzt kam mir der Gedanke, daß der Augenblick unserer Befreiung nahe sei. Es
müsse, dachte ich mir, eine Leichtigkeit sein, diese Leute dahin zu bringen,
daß sie uns mit Freuden den Besitz des Schiffes verschafften. Nachdem ich mich
in die Dunkelheit zurückgezogen hatte, damit sie vorläufig nicht erführen, was
für eine Art von Gouverneur hier herrsche, rief ich den Kapitän herbei. Ich
verstellte dabei meine Stimme so, daß es klang, als käme sie aus einer großen
Ferne. Einer der Leute wurde beordert, meinen Befehl weiter zu tragen und dem
Kapitän zu melden, daß ihn der Kommandant zu sich entbiete. Sofort erwiederte
der Kapitän: »Sage Sr. Excellenz, ich würde alsbald kommen«. Dies bestärkte
die Gefangenen noch mehr in ihrem Wahn, und sie glaubten sämmtlich, der Gouverneur
halte mit seinen fünfzig Mann irgendwo an einer entfernten Stelle der Insel.
Nachdem sich der Kapitän zu mir begeben hatte, theilte ich ihm mit, es sei mein
Plan, mich jetzt sofort des Schiffes zu bemächtigen. Diese Absicht behagte ihm
ungemein, und wir beschlossen, sie gleich am nächsten Morgen in Ausführung zu
bringen. Damit das aber um so besser geschehen könne, schlug ich dem Kapitän
vor, die Gefangenen zu theilen. Ich beauftragte ihn, Atkins und zwei andere
von den Hauptübelthätern gefesselt nach der Höhle zu schicken, wo die Uebrigen
lagen. Zu diesem Transport wurden Freitag und die beiden mit dem Kapitän an
das Land gekommenen Leute verwendet. Diese brachten die Gefangenen in die Höhle
als wie in einen Kerker, und in der That war der Aufenthaltsort, besonders für
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