Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Boot zurückbleiben, die Uebrigen aber auf die Insel zurückkehren und nach ihren
Gefährten suchen sollten. Dies gab der Sache für uns eine sehr unangenehme Wendung,
und wir wußten im Augenblick nicht, was wir beginnen sollten. Denn wenn wir
uns auch jener sieben Mann, die sich am Lande befanden, bemächtigten, so half
das nicht viel, wenn wir das Boot entrinnen ließen. Die darin Befindlichen nämlich
wären dann gewiß sofort zu dem Schiff zurückgerudert und mit den dort Zurückgebliebenen
sicherlich alsbald unter Segel gegangen, wo dann von einem Wiederbekommen des
Fahrzeugs für uns keine Rede mehr sein konnte. Indessen hatten wir keine andere
Wahl, als den Verlauf der Dinge ruhig abzuwarten.
Sobald die sieben Mann an Land gegangen waren, hatten die drei in dem Boot befindlichen
dieses eine geraume Strecke weit vom Ufer abgesteuert und sich dort vor Anker
gelegt, um auf die Andern zu warten. Damit aber war es für uns unmöglich geworden,
an das Boot zu gelangen. Die ans Ufer Gelangten hielten sich dicht zusammen
und bewegten sich nach der Spitze des kleinen Hügels, unter welchem meine Behausung
lag. Wir konnten sie deutlich erkennen, während sie dagegen uns nicht zu bemerken
vermochten. Es mußte uns erwünscht sein, daß sie entweder näher zu uns herankämen,
oder sich weiter von uns entfernten. In jenem Falle hätten wir auf sie feuern,
im andern hätten wir uns sicher zurückziehen können. Als sie den Hügel erstiegen
hatten, von dem man weit aus über die Thäler und Wälder nach der am tiefsten
gelegenen Nordostseite der Insel zu schauen vermochte, schrieen und riefen sie
so lange, bis sie ermüdet waren. Dann setzten sie sich, ohne sich weit vom Ufer
hinweg zu wagen, oder sich von einander zu entfernen, unter einen Baum, um Rath
zu halten. Hätten sie sich dort dem Schlaf überlassen, wie es früher die andere
Truppe gethan, so wäre das sehr vortheilhaft für uns gewesen; aber sie waren
zu sehr in Furcht, um schlafen zu können, wiewohl sie keine bestimmte Vorstellung
von den ihnen drohenden Gefahren hatten.
Jetzt brachte der Kapitän einen sehr zweckmäßigen Vorschlag zur Sprache. »Vielleicht«,
meinte er, »werden diese Gesellen zu dem Entschluß kommen, eine neue Salve zu
geben, um von ihren Kameraden gehörten werden, und dann wollen wir in dem Augenblick,
wo ihre Gewehre abgefeuert sind, über sie herfallen; sicherlich werden sie sich
uns in dieser Lage ergeben, und wir bekommen sie auf diese Weise ohne Blutvergießen
in unsere Gewalt.« – Ich billigte diesen Plan für den Fall, daß wir den Leuten
nahe genug seien, um zu ihnen gelangen zu können, ehe sie ihre Gewehre wieder
zu laden vermöchten. Aber eben diese Voraussetzung fand nicht statt, und so
lagen wir noch eine geraume Zeit unentschlossen, was wir unternehmen sollten.
Endlich erklärte ich mich dahin, daß sich meines Bedünkens vor Einbruch der
Nacht gar Nichts thun ließe. Vielleicht könnten wir dann, wenn unsere Feinde
nicht in das Boot zurückkehren sollten, zwischen sie und das Ufer gelangen und
dann die im Boot Befindlichen durch List ans Land locken.
Nachdem wir eine geraume Zeit in großer Ungeduld gewartet hatten, waren wir
sehr unangenehm überrascht, als wir die sieben Mann nach langer Berathung aufstehen
und nach dem Meere hingehen sahen. Es schien, als ob der Ort, an dem sie sich
befanden, ihnen so unheimlich vorkäme, daß sie beschlossen hätten, an Bord des
Schiffes zurückzukehren, ihre Gefährten verloren zu geben und ihre Reise fortzusetzen.
Als ich sie nach dem Ufer hingehen sah, war ich überzeugt, daß sie alle weitern
Nachforschungen aufgegeben hätten. Der Kapitän theilte diese Ansicht und war
dadurch nicht wenig erschreckt. Mir aber kam alsbald eine List in den Sinn,
die sich bewährte und die Fremden wirklich wieder zur Umkehr vom Strande bewog.
Ich ließ nämlich Freitag und den Steuermann des Kapitäns über die kleine Bucht
im Westen setzen, von dort nach der Stelle, wo Freitag den Wilden entronnen
war, gehen und befahl ihnen, sobald sie auf die daselbst etwa eine halbe Meile
von uns befindliche Anhöhe gekommen seien, aus Leibeskräften zu rufen, bis die
Seeleute es vernommen hätten. Wenn diese Antwort gegeben, sollten jene beiden
das Schreien wiederholen, dann in einem Bogen fortlaufend immer das Halloh der
Fremden erwiedern, diese möglichst weit auf solche Weise in das Innere der Insel
und in die Wälder locken und dann auf einem Umwege, den ich ihnen angab, zu
uns zurückkehren.
Die Fremden waren gerade im Begriff, in das Boot zu steigen, als Freitag und
sein Begleiter ihr Halloh anstimmten. Sofort antworteten jene und eilten der
Küste entlang westwärts, dem Ort zu, von woher die Stimmen schallten. Auf ihrem
Wege sahen sie sich durch die Bucht gehemmt, in der gerade das Flutwasser stand,
so daß sie nicht hinüber konnten. Sofort riefen sie, ganz wie ich es voraus
gesehen, den im Boot Befindlichen zu, herbeizukommen und sie überzusetzen. Kaum
war diese Aufforderung ergangen, so sah ich, wie das Boot, das eine weite Strecke
die Bucht hinaufgerudert war, in einer Einbiegung des Ufers landete, worauf
von den drei früher darin Befindlichen einer mit den sieben Anderen lief und
nur zwei in dem Fahrzeug zurückblieben, nachdem sie dieses an dem Stamm eines
kleinen Baumes am Ufer befestigt hatten.
Dies war es aber gerade, was ich gewünscht hatte. Sofort nahm ich die bei mir
befindlichen Leute mit, setzte so, daß ich von den Männern bei dem Boot nicht
bemerkt werden konnte, über die Bucht und überraschte die Beiden, ehe sie es
sich versahen. Der Eine von ihnen lag am Ufer, der Andere befand sich noch im
Boot. Jener, im halben Schlaf begriffen, wollte sich erheben, aber der Kapitän,
der uns voraus war, eilte auf ihn los und schlug ihn nieder. Dann rief er dem
im Boote Befindlichen zu, er solle sich ergeben oder er sei des Todes.
Es bedurfte keiner großen Ueberredung, um diesen vom Widerstand abzuhalten,
als er sich uns fünf Männern gegenüber und seinen Gefährten kampfunfähig sah.
Ueberdies gehörte er auch, wie es schien, zu den drei Leuten, die nicht so schwer
betheiligt an der Meuterei waren als das übrige Schiffsvolk, daher er nicht
nur sich völlig ergab, sondern sich uns auch später als aufrichtiger Bundesgenosse
bewährte.
Unterdessen hatten Freitag und der Steuermann den Andern gegenüber ihre Sache
so gut gemacht, daß diese durch Rufen und Antworten von einem Hügel zum andern
und von einem Gehölz ins andere gelockt worden und nicht nur herzlich müde,
sondern auch vom Boot weit genug entfernt waren, um es vor der Dunkelheit nicht
wieder erreichen zu können. Nicht minder brachten auch unsre Freunde, bei ihrer
Rückkehr zu uns, eine tüchtige Müdigkeit mit.
Jetzt blieb uns nichts Anderes zu thun, als die Nacht abzuwarten und dann die
Fremden zu überfallen, wo wir sicher sein durften, uns ihrer bemächtigen zu
können. Es waren kaum einige Stunden nach Freitags Rückkehr verstrichen, als
auch Jene den Rückweg zu ihrem Boote nahmen. Schon geraume Zeit, ehe sie herankamen,
hörten wir die Vordersten den Zurückgebliebenen zurufen. Diese antworteten mit
Klagerufen über ihre Lahmheit und Müdigkeit und versicherten, daß sie kaum noch
vorwärts könnten. Endlich langten sie bei dem Boot an. Aber wie groß war ihr
Befremden, als sie dieses durch die Ebbe auf dem Sand fest gemacht sahen, ihre
beiden Leute aber nicht mehr darin fanden. Wir hörten sie eine klägliche Unterhaltung
führen; sie jammerten darüber, daß sie auf ein verzaubertes Eiland gerathen
seien; entweder, sagten sie, müsse es hier Eingeborene geben, durch die ihnen
Allen ein grausamer Tod drohe, oder es müßten Teufel und böse Geister hier wohnen,
von denen sie entführt und vernichtet werden würden.
Hierauf stimmten sie aufs Neue ihr lautes Halloh an und forderten ihre Gefährten
bei Namen auf, herbeizukommen; aber es erfolgte keine Antwort. Einige Zeit darauf
sahen wir sie in der Dämmerung mit vor Verzweiflung gerungenen Händen herumirren,
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