Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
das Boot, welches auf dem Sande lag, seeuntüchtig zu machen. Wir begaben uns
sofort an Bord desselben und nahmen die Waffen und was sich sonst an Gegenständen
darin befand, heraus. Zu den letzteren gehörte eine Flasche Branntwein, eine
andere mit Rum, etwas Schiffszwieback, ein Pulverhorn und ein großes, fünf bis
sechs Pfund schweres Stück Zucker in Segeltuch eingewickelt. Alles dies war
mir sehr willkommen, besonders aber der Branntwein und Zucker, die ich seit
vielen Jahren entbehrt hatte.
Als diese Dinge an Land gebracht waren (die Ruder, der Mast, das Segel und das
Steuerruder hatten wir bereits vorher weggeschafft), bohrten wir ein großes
Loch in den Boden des Fahrzeugs, so daß dieses keinesfalls weggebracht werden
konnte, wenn auch die Schiffsleute in noch so großer Anzahl kommen sollten.
Auf die Wiedergewinnung des Schiffes rechnete ich jetzt kaum noch. Dagegen hoffte
ich, das Boot würde, wenn es jene Leute zurückgelassen hätten, sich leicht wieder
so weit herstellen lassen, daß wir darin nach den Lewardsinseln gelangen und
unterwegs die Spanier, die ich nicht vergessen hatte, aufnehmen könnten.
Während wir noch über unsern Operationsplan beriethen und mit großer Anstrengung
das Boot so weit an den Strand gezogen hatten, daß es die Flut nicht sollte
mitführen können, und nachdem das Loch in demselben so groß gemacht war, daß
der Leck so leicht nicht gestopft werden konnte, hörten wir plötzlich von dem
Schiff einen Schuß und bemerkten, daß das Boot durch allerlei Signale dorthin
zurückgerufen werden sollte. Wiederholtes Feuern und Signalisiren blieb jedoch
fruchtlos. Jetzt sah ich mit Hülfe meines Fernglases, daß die Mannschaft ein
anderes Boot aussetzte und es durch einige Leute nach der Insel hinrudern ließ.
Bei seinem Herankommen erkannten wir, daß sich nicht weniger als zehn Mann darin
befanden, welche sämmtlich Feuerwaffen bei sich führten.
Da das Schiff fast zwei Meilen vom Lande entfernt lag, hatten wir Zeit genug,
unsere Beobachtungen zu machen und sogar die Gesichter der Männer im Boot zu
erkennen. Denn da die Wellen sie etwas östlich von der Stelle, wo das früher
gelandete Boot lag, abgetrieben hatten, und sie daher eine Strecke der Küste
entlang steuerten, um an demselben Punkte wie jenes an Land zu kommen, konnten
wir die Mannschaft genau beobachten. Der Kapitän kannte die Charakterbeschaffenheit
der sämmtlichen Leute im Boot. Drei von ihnen, sagte er, seien sehr wackere
Leute, die nach seiner Ueberzeugung nur durch Gewalt und Furcht von den Uebrigen
in die Verschwörung gezogen worden seien. »Der Bootsmann aber«, setzte er hinzu,
»welcher das Kommando zu haben scheint, und alle Uebrigen, außer jenen Dreien,
gehören zu den Schlimmsten unter dem ganzen Schiffsvolk und werden ohne Zweifel
in ihrer Desperation Alles wagen.«
Ich lächelte hierüber und erwiederte, Menschen in unserer Lage sollten über
die Furcht hinaus sein. Jede denkbare Situation sei besser als die unsrige,
und was auch erfolge, Leben oder Tod, würde sicherlich für uns eine Befreiung
mit sich führen. Ich fragte, ob er, nachdem er den Bericht über meine Lebensumstände
vernommen, nicht glaube, daß es sich für mich verlohne, an eine Erlösung aus
meiner Lage Alles zu setzen. »Wohin ist Euer Glaube gekommen«, fuhr ich fort,
»der Euch vor Kurzem noch so erhob, daß ich erhalten sei, um Euch zu erretten?
Meines Bedünkens ist es nur ein einziger Umstand in unserer Situation, der mißlich
zu sein scheint.«
»Was meint Ihr damit?« fragte er.
»Nichts Anderes, als daß, wie Ihr sagt, einige brave Jungens unter den Leuten
sind, die gerettet zu werden verdienen. Wäre die ganze Sippe niederträchtig,
so würde ich glauben, Gott habe sie von den Uebrigen nur deshalb abgesondert,
um sie in unsere Hände zu liefern. Denn verlaßt Euch darauf, jeder Mensch, der
an diesen Strand kommt, steht in unserer Gewalt und soll leben oder sterben,
je nachdem er sich gegen uns benimmt.« Diese mit heiterer Miene gesprochenen
Worte ermuthigten den Kapitän bedeutend, und so machten wir uns denn getrost
an unsere Aufgabe.
Sobald das vom Schiff ausgesandte Boot uns zuerst in Sicht gekommen war, hatten
wir Sorge getragen, die Gefangenen zu trennen. Zwei davon, denen der Kapitän
weniger als den Uebrigen traute, wurden unter der Führung Freitags und eines
der drei von uns befreiten Männer in meine Höhle entsendet, wo sie entfernt
genug waren, um nicht gehört oder entdeckt werden zu können. Aus dieser hätten
sie sich, auch selbst wenn sie ihrer Fesseln ledig geworden wären, nicht durch
das Gehölz finden können. Dort wurden sie mit Lebensmitteln versehen und in
Banden zurückgelassen, nachdem ihnen angekündigt war, daß sie, wenn sie sich
ganz ruhig verhielten, nach einigen Tagen die Freiheit erhalten sollten, daß
sie aber bei dem geringsten Fluchtversuch gnadelos dem Tod verfallen würden.
Sie versprachen, ihre Gefangenschaft geduldig zu ertragen und zeigten sich dankbar
für die gute Behandlung, die man ihnen dadurch widerfahren lasse, daß man ihnen
Lebensmittel und Licht gewährt habe. Freitag hatte ihnen nämlich einige von
unsern selbstverfertigten Kerzen zurückgelassen und sie dann glauben gemacht,
daß er als Schildwache vor dem Eingang der Grotte zurückbleibe.
Die übrigen Gefangenen wurden noch besser behandelt. Zwei blieben jedoch gebunden,
weil auch ihnen der Kapitän nicht völlig traute. Die andern beiden wurden unter
meinen Befehl gestellt, nachdem sie feierlich gelobt hatten, mit uns zu leben
und zu sterben. Wir waren jetzt mit ihnen und den drei braven Leuten zusammen
sieben gut bewaffnete Männer, und ich zweifelte nicht, daß wir mit den zehn
Ankömmlingen ganz leicht fertig werden würden, besonders da der Kapitän versichert
hatte, es seien mehre ehrenwerthe Leute unter ihnen.
Sobald die Fremden zu der Stelle gekommen waren, wo ihr anderes Boot lag, ließen
sie das ihrige an den Strand auflaufen, sprangen ans Land und zogen ihr Fahrzeug
hinter sich her. Mir war das ganz erwünscht, denn ich hatte schon gefürchtet,
sie würden ihr Boot in einiger Entfernung von der Küste vor Anker legen und
Wache darin zurücklassen, so daß wir uns desselben nicht bemächtigen könnten.
Kaum gelandet, eilten Jene zu ihrem andern Boot und sahen mit großem Erstaunen,
daß es gänzlich ausgeplündert und mit einem großen Leck durchbohrt war.
Nachdem die Neuangekommenen eine Weile über die Ursache dieser Beschädigung
nachgesonnen hatten, ließen sie aus Leibeskräften mehre Male ein brüllendes
Halloh erschallen, um von ihren Gefährten gehört zu werden. Es blieb jedoch
vergeblich. Hierauf bildeten sie einen Kreis und feuerten aus ihrem Kleingewehr
eine solche Salve ab, daß die Wälder rings umher ein lautes Echo vernehmen ließen.
Auch dies fruchtete Nichts. Die in der Höhle eingeschlossenen Gefangenen hörten
das Schießen nicht, und die bei uns Befindlichen vernahmen es zwar recht gut,
durften aber keine Antwort geben.
Hierüber waren die Schiffsleute so erstaunt und befremdet, daß sie, wie wir
später erfuhren, beschlossen, sofort nach dem Schiffe zurückzukehren und die
Nachricht dahin zu bringen, die Mannschaft sei ermordet und das Langboot seeuntüchtig
gemacht. Dem gemäß brachten sie das Fahrzeug, in dem sie gekommen waren, alsbald
wieder in See und begaben sich an Bord desselben.
Hierüber aber erschrak der Kapitän aufs Aeußerste; er glaubte nämlich, die Schiffsmannschaft
würde nach der Rückkehr der Abgesandten ihre Kameraden verloren geben und wieder
in See gehen, so daß er das Schiff, das er wieder zu erlangen gehofft, unfehlbar
verlieren werde. Bald aber sollte er durch ein anderes Ereigniß noch mehr in
Furcht gesetzt werden.
Die Leute waren noch nicht lange mit dem Boot abgestoßen, als wir sie ans Land
zurückkehren sahen, offenbar gewillt, etwas Anderes zu unternehmen. Sie hatten,
wie es schien, nach gepflogener Berathung beschlossen, daß drei Mann in dem
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