Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Andern sprachen sich in gleicher Weise aus.
»Nun wohl«, antwortete ich. »Meiner Bedingungen sind nur zwei. Die erste: daß
Ihr, so lange Ihr auf dieser Insel weilt, Euch keinerlei Autorität anmaßen,
auch, wenn ich Euch Waffen einhändige, diese jederzeit zurückliefern und weder
zu meinem, noch der Meinigen Schaden anwenden wollt, sowie daß Ihr während dieser
ganzen Zeit meinen Befehlen Folge leistet. Zweitens: daß Ihr, wenn Ihr Euer
Schiff wieder bekommt, mich und meinen Gefährten in freier Ueberfahrt nach England
zu bringen versprecht.«
Der Kapitän gab mir alle möglichen und erdenklichen Versicherungen, daß er diese
sehr billigen Bedingungen erfüllen und überdies sein ganzes Leben mir ergeben
sein, auch seinen Dank, wo es nur angehe, bethätigen werde. »Nun denn«, erwiederte
ich, »hier sind drei Musketen mit Pulver und Blei für Euch; sagt mir jetzt,
was für ein Verfahren Ihr für das zweckmäßigste erachtet.« Er bezeigte aufs
Neue seine Erkenntlichkeit, entgegnete aber, daß er sich ganz meinen Anordnungen
unterwerfen wolle. Ich bemerkte ihm hierauf, daß ich zwar jeden Angriff für
eine gewagte Sache hielte, dennoch aber als das unserer Situation Angemessenste
ansähe, daß wir mit Einem Male Feuer auf die ganze Bande gäben, während diese
im Schlafe liege. »Wenn dann«, setzte ich hinzu, »einige bei dieser ersten Salve
nicht todt bleiben und sich ergeben wollen, so können wir ihnen das Leben schenken
und so die Wirkung unserer Schüsse ganz in die Hände der Vorsehung legen.«
Der Kapitän entgegnete mit großer Ruhe, wenn er es vermeiden könne, so würde
er gern unterlassen, sie zu tödten; aber jene beiden unverbesserlichen Schufte,
welche auch allein die Meuterei in seinem Schiffe angestiftet hätten, könnten
uns, wenn sie entrinnen sollten, ins Verderben stürzen; sie würden nämlich dann
an Bord gehen, die ganze Schiffsmannschaft herbeiholen und uns vernichten. »Dann«,
entgegnete ich, »rechtfertigt die Nothwendigkeit meinen Rathschlag, da er den
einzigen Weg, uns das Leben zu retten, öffnet.« Weil ich den Kapitän aber immer
noch abgeneigt sah, Blut zu vergießen, trug ich ihm auf, sich mit seinen beiden
Gefährten aufzumachen und das zu thun, was ihnen selbst das Angemessenste schien.
Mitten in diesem Gespräch waren einige von den Schiffsleuten erwacht, und wir
sahen, daß zwei von ihnen augenblicklich auf den Füßen standen. Der Kapitän
verneinte meine Frage, ob einer von ihnen zu den Rädelsführern der Empörten
gehöre. »Gut«, sagte ich, »so mögen sie entfliehen. Die Vorsehung scheint sie
aufgeweckt zu haben, um sie zu retten. Jetzt«, fuhr ich fort, »ist es Eure Schuld,
wenn die Uebrigen uns entrinnen.« Hierdurch ermuthigt, nahm er die von mir ihm
eingehändigte Muskete zur Hand und eine Pistole in den Gürtel und ging mit seinen
beiden Kameraden, von denen jeder gleichfalls von mir mit einer Flinte bewaffnet
war, ab.
Die Letzteren machten bei ihrer Entfernung einiges Geräusch. Einer von den wachgewordenen
Seemännern wendete sich hierauf um und rief, als er sie herbeikommen sah, den
andern herbei. Aber es war bereits zu spät, denn in demselben Augenblick gaben
jene beiden Feuer, während der Kapitän klüglich seinen Schuß zurückbehielt.
Die Zwei hatten so trefflich auf jene früher erwähnten Schurken gezielt, daß
der eine von diesen auf der Stelle todt blieb, der andere aber schwer verwundet
wurde. Der Letztere hatte noch so viel Kraft, aufspringen und laut um Hülfe
rufen zu können; der Kapitän aber eilte zu ihm und rief: es sei zu spät, Menschenbeistand
anzuflehen, er solle lieber Gott anrufen, daß er seiner Schurkenseele gnädig
sei. Bei diesen Worten schlug er ihn mit dem Gewehrkolben nieder, daß er kein
Glied mehr regte.
Es blieben noch drei der Feinde übrig, von denen aber einer gleichfalls schon
leicht verwundet war. Inzwischen war ich herbeigekommen, und als die Gegner
die Größe der Gefahr und die Vergeblichkeit des Widerstands einsahen, baten
sie um Gnade. Der Kapitän versprach ihnen das Leben zu schenken, wenn sie ihm
ihre Reue über die Verrätherei, deren sie sich schuldig gemacht, verbürgen könnten
und wenn sie ferner schwören wollten, ihm treuen Beistand zum Wiedergewinnen
des Schiffes und zur Rückkehr nach Jamaika zu leisten, woher sie gekommen waren.
Sie gaben darauf sämmtlich jede Versicherung aufrichtiger Reue, die man nur
verlangen konnte, und der Kapitän äußerte mir deshalb den Wunsch, ihnen das
Leben zu schenken. Ich hatte Nichts dagegen einzuwenden, machte aber zur Bedingung,
daß die Gefangenen an Hand und Fuß gefesselt bleiben müßten, so lange sie auf
der Insel verweilen würden.
Inzwischen hatte ich Freitag mit dem Steuermann des Kapitäns nach dem Boot geschickt,
um es in Sicherheit zu bringen und die Segel und Ruder fortzuschaffen. Bald
darauf kamen drei von den umherschweifenden Seeleuten, die sich zu ihrem Glück
von den Uebrigen getrennt hatten, durch unsere Schüsse herbeigerufen in unsere
Nähe. Als sie sahen, daß der Kapitän aus ihrem Gefangenen ihr siegreicher Gebieter
geworden, ließen auch sie sich willig binden, und so war denn unser Sieg vollständig.
Jetzt erst bot sich die Gelegenheit für mich und den Kapitän, den Bericht von
unserem gegenseitigen Schicksal auszutauschen. Ich begann und erzählte ihm meine
ganze Geschichte, die er mit Aufmerksamkeit und Verwunderung anhörte. Vorzüglich
interessirte es ihn zu erfahren, in welcher wunderbaren Weise ich mit Lebensmitteln
und Munition versehen worden war. Mein wunderreicher Lebensgang rührte ihn tief.
Der Gedanke überkam ihn, daß ich auch zu seiner eigenen Errettung erhalten worden
sei, die Thränen rannen ihm über das Gesicht, und er vermochte nicht ein Wort
mehr zu sprechen. Darauf führte ich ihn und seine beiden Gefährten nach meiner
Wohnung, und zwar auf dem Wege, auf welchem ich diese selbst verlassen hatte,
nämlich über den Hügel. Dort ließ ich sie Alle mit dem, was ich an Lebensmitteln
vorräthig hatte, erfrischen und zeigte ihnen die sämmtlichen Anstalten, die
ich während meines langen Aufenthalts zu meiner Bequemlichkeit getroffen hatte.
Dies Alles erfüllte sie mit höchstem Erstaunen. Der Kapitän bewunderte besonders
die Befestigung meiner Wohnung, und wie vollkommen ich meinen Zufluchtsort durch
das kleine Wäldchen versteckt hatte. Ich hatte es vor nun beinahe zwanzig Jahren
angelegt, und es war, da die Bäume hier viel rascher als in England wachsen,
schon stattlich groß und so dick geworden, daß man es nur durch den von mir
gebahnten gewundenen Pfad passiren konnte.
Ich erzählte ihm, daß ich außer dieser Burg, die meine Residenz darstelle, wie
die Fürsten gewöhnlich, auch einen Landsitz habe, den ich ihm gelegentlich zeigen
wollte. Für jetzt war aber unsere nächste Aufgabe, das Schiff wieder in unsere
Gewalt zu bekommen. Der Kapitän gestand, daß er durchaus nicht wisse, was dazu
für Maßregeln zu ergreifen seien. Es befänden sich nämlich noch dreizehn Mann
an Bord, die, weil sie sich auf eine Empörung eingelassen, alle ihr Leben dem
Gesetz verfallen wüßten und daher in verzweifelter Situation wären. Es sei ihnen
bekannt, daß sie bei ihrer Rückkunft nach England sofort auf die Galeeren oder
auf die englischen Kolonien gebracht würden, und daher sei ein Angriff auf sie
bei unserer geringen Zahl unmöglich.
Die Ansicht des Kapitäns erschien mir bei einigem Nachdenken nur zu wohl begründet.
Jedenfalls aber mußte ein rascher Entschluß gefaßt werden, sowohl um die Schiffsleute
in eine Schlinge zu locken, als sie von einer Landung abzuhalten, die unsere
Vernichtung nach sich gezogen haben würde. Ich bedachte, daß die Schiffsmannschaft
sicherlich, um nachzusehen, was aus ihren Kameraden und dem Boot geworden sei,
binnen Kurzem in ihrem anderen Boot zur Insel kommen, vielleicht Waffen mitbringen
und uns dann überlegen sein würde. Deshalb schlug ich als erste Maßregel vor,
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