Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
näherte und mir lange Zeit Nahrung und Hülfsmittel gewährte. So saßen auch diese
drei trostlosen Menschen dort ohne Ahnung davon, wie sicher und nahe ihnen Rettung
und Hülfe sei, während sie sich schon für verloren glaubten und ihre Lage für
eine völlig verzweiflungsvolle hielten. So wenig haben wir die Gabe, die Dinge
dieser Welt vorherzusehen, und so viel Ursache hätten wir, heiter auf den großen
Weltenlenker zu vertrauen, der seine Geschöpfe niemals gänzlich verläßt, sondern
ihnen in der elendesten Lage immer doch Etwas gibt, für das sie dankbar sein
müssen. Ist doch zuweilen gerade in dem, was wir für die Ursache unseres Verderbens
halten, das Mittel zu unserer Errettung gelegen.
Zur Zeit, als die Fremden das Ufer betreten hatten, war gerade die Flut in ihr
höchstes Stadium gelangt. Während sie aber mit den Gefangenen unterhandelt und
dann sich zerstreut hatten, um die Gegend zu untersuchen, war die Flutzeit verstrichen
und ihr Boot lag nun gänzlich auf dem Trockenen. Zwei in diesem zurückgebliebene
Männer hatten, wie ich später erfuhr, zu viel Branntwein getrunken und waren
eingeschlafen. Einer davon wachte zuerst auf, und da er das Boot auf dem Sand
sitzen sah, rief er die Umherstreifenden zu Hülfe. Diese kamen auch sofort herbei,
vermochten aber trotz aller Anstrengung das Fahrzeug, da es zu schwer war, und
da das Ufer an jener Stelle aus feinem, tiefem, fast schlammartigem Sande bestand,
nicht wieder flott zu machen.
Als ächte Seemänner (welche Menschenklasse vielleicht unter allen die sorgloseste
ist) gaben sie ihre Bemühungen alsbald auf und trieben sich aufs Neue auf dem
Lande umher. Einen von ihnen hörte ich seinem Kameraden in englischer Sprache
zurufen: »Laßt’s sein, Jack, die Flut wird’s schon wieder flott machen«. Diese
Aeußerung klärte mich über den wichtigen Punkt völlig auf, mit was für Landsleuten
wir es zu thun hatten. Inzwischen hielt ich mich fortwährend wohlverborgen und
wagte mich aus meiner Festung nicht weiter heraus, als auf den Gipfel des Hügels.
Denn ich wußte, daß vor mindestens zehn Stunden das Boot nicht wieder flott
gemacht werden konnte. Bis dahin aber mußte es schon völlig dunkel sein, und
ich konnte dann gefahrloser die Bewegungen der Fremden beobachten und ihre etwaigen
Unterredungen behorchen.
Fürs Erste machte ich mich jetzt kampffertig, jedoch mit mehr Umsicht als sonst,
da ich wußte, daß ich es diesmal mit einer ganz andern Art von Gegnern zu thun
hatte als früher. Ich befahl auch Freitag, den ich inzwischen zu einem vortrefflichen
Schützen herangebildet, sich mit Waffen zu versehen. ergriff selbst zwei Jagdflinten
und gab ihm drei Gewehre. Mein Aussehen war in der That geeignet, Furcht zu
erregen. Ich sah schrecklich aus in meinem Rock von Ziegenfell und mit der früher
beschriebenen Mütze auf dem Kopfe, den bloßen Säbel an der Seite, zwei Pistolen
im Gürtel und eine Flinte über jede Schulter.
Obwohl ich anfangs entschlossen war, vor Einbruch der Nacht Nichts zu unternehmen,
änderte ich doch bald meinen Plan. Gegen zwei Uhr nämlich, als die Hitze den
höchsten Grad erreicht hatte, bemerkte ich, daß die Seeleute sämmtlich einzeln
in den Wald gegangen waren, wahrscheinlich um dort einen Mittagsschlaf zu halten.
Die drei unglücklichen Gefangenen aber, zu sorgenvoll, um den Schlummer finden
zu können, saßen im Schatten eines großen Baumes etwa eine Viertelmeile von
mir entfernt. Dort vermochten sie, wie ich glaubte, von keinem der Uebrigen
gesehen zu werden, und darauf hin beschloß ich, mich ihnen zu zeigen und sie
über ihr Schicksal zu befragen. Sofort machte ich mich in dem oben beschriebenen
Aufzug auf den Weg, Freitag folgte eine Strecke hinter mir, gleichfalls fürchterlich
anzuschauen, wenn auch nicht ganz so ungeheuerlich wie ich. Ich näherte mich
den Fremden, so weit es ging, ohne bemerkt zu werden, und rief dann, ehe mich
einer erblickt hatte, in spanischer Sprache, ihnen laut zu: »Wer seid Ihr, Leute?«
Sie stutzten bei dem Laut, aber in weit größere Verwirrung geriethen sie noch,
als sie mich in meinem sonderbaren Aufzug erblickten. Sie antworteten nicht
und wollten eben sich auf die Flucht begeben, als ich ihnen auf englisch zurief:
»Gentlemen, fürchtet Euch nicht vor mir! Vielleicht ist Euch ein Freund näher,
als Ihr es gehofft habt«. – »Dann muß er geraden Wegs vom Himmel geschickt sein«,
sagte traurig einer der Gefangenen zu mir, »denn in unserer Lage ist Menschenhülfe
ein Ding der Unmöglichkeit.« »Alle und jede Hülfe kommt vom Himmel, Herr«, entgegnete
ich. »Aber wollt Ihr nicht einem Euch Unbekannten den Weg zeigen, wie Euch aus
der großen Noth, in der Ihr Euch zu befinden scheint, zu helfen steht? Ich sah
Euch hier landen, und als Ihr, wie es schien, die rohen Menschen um Gnade batet,
bemerkte ich, daß einer derselben sein Schwert zog, Euch zu tödten.«
Dem armen Menschen rannen jetzt die Thränen vom Gesicht, und zitternd mit Mienen,
als sei er vom Donner gerührt, antwortete er: »Spricht Gott selbst zu mir oder
ein Mensch? Habe ich einen Sterblichen vor mir oder einen Engel?« – »Darüber
macht Euch keine Gedanken«, entgegnete ich. »Wenn ein Engel Gottes zu Eurer
Errettung geschickt wäre, so würde er in besseren Kleidern gekommen sein wie
ich und auch andere Waffen tragen, als Ihr an mir seht. Ich bitte Euch, gebt
alle Furcht auf. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch wie andere, und zwar ein Engländer,
und beabsichtige Euch beizustehen. Ihr seht, ich habe zwar nur Einen Diener;
wir besitzen aber Waffen und Munition. Sagt uns gerade heraus, ob wir Euch nützen
können. Was für ein Schicksal ist es, das Euch betroffen hat?«
»Unser Schicksal zu erzählen, Herr«, erwiederte er, »würde jetzt zu viel Zeit
in Anspruch nehmen, während unsre Mörder so nahe sind. Kurz heraus gesagt, Herr,
ich war Kapitän jenes Schiffes, und meine Mannschaft hat gegen mich eine Meuterei
unternommen. Nur mit Mühe ist sie davon abgebracht worden, mich zu ermorden,
und endlich haben sie mich nebst diesen beiden Männern, von denen der eine mein
Steuermann, der andere einer meiner Schiffspassagiere war, an diesem öden Eiland
ausgesetzt. Wir glaubten hier sterben zu müssen, da wir den Ort für unbewohnt
hielten, und auch jetzt wissen wir nicht, wie wir Errettung finden sollen.«
»Wo sind Eure Feinde, diese Bestien, hingekommen?« fragte ich. – »Dort liegen
sie, Herr«, erwiederte er, indem er auf ein Baumdickicht zeigte. »Mein Herz
zittert vor Furcht, daß sie uns gesehen und Euch sprechen gehört haben. Wenn
das der Fall ist, werden sie uns sicherlich Alle ermorden.«
»Haben sie Feuerwaffen?« fragte ich. Er antwortete, sie hätten nur zwei Flinten
bei sich, eine dritte sei im Boote zurückgeblieben. »Nun gut«, erwiederte ich,
»dann überlaßt mir das Uebrige. Ich sehe, sie liegen Alle im Schlaf, und es
ist mir eine Leichtigkeit, sie zu tödten. Oder sollen wir sie lieber zu Gefangenen
machen?« Er entgegnete, es seien zwei verzweifelte Schurken unter ihnen, denen
Gnade widerfahren zu lassen eine bedenkliche Sache sei. Wenn man jedoch erst
diese in der Gewalt habe, so würden die anderen, wie er glaube, freiwillig zu
ihrer Pflicht zurückkehren. Auf meine Aufforderung, jene Beiden näher zu bezeichnen,
bemerkte der Fremde, daß er dies aus der Entfernung nicht wohl vermöge; übrigens
werde er sich meinen Anordnungen in jeder Weise unterwerfen. »Nun denn«, erwiederte
ich, »so wollen wir uns aus dem Bereich ihrer Augen und Ohren zurückziehen,
damit sie nicht erwachen, und dann können wir das Weitere beschließen.« Hierauf
folgten mir die Fremden willig, bis der Wald uns verbarg.
»Hört mich an, Herr«, sagte ich, als wir im Dickicht angekommen waren. »Wenn
ich mich um Eure Befreiung in Gefahr begebe, seid Ihr dann auch bereit, Euch
zwei Bedingungen gänzlich zu unterwerfen?« Er kam meinen Vorschlägen zuvor durch
die Erwiederung, daß sowohl er wie sein Schiff, wenn er es wieder in seine Gewalt
bekommen sollte, ganz und gar meinen Befehlen untergeben sein solle. Und wenn
er auch sein Schiff nicht wieder gewinnen sollte, werde er doch für mich leben
und sterben, in welchen Theil der Welt ich ihn auch schicken möchte. Die beiden
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