Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
nicht beim Barte Mahomeds und seines Vaters Treue schwören, so muß ich dich
ins Wasser werfen.« Der Junge lächelte mir ins Gesicht und antwortete mir so
treuherzig, daß ich ihm nicht mißtrauen konnte: er verspreche mir treu zu sein
und mit mir zu gehen, wohin ich wolle.
So lange mich der schwimmende Mohr im Auge zu behalten vermochte, steuerte ich
das Boot dem hohen Meer zu, und zwar so, daß man meinen sollte. wir hätten uns
der Meerenge von Gibraltar zugewandt. Jeder vernünftige Mensch mußte an Stelle
der Neger dies auch annehmen. Denn wer hätte denken sollen, daß wir südwärts
gesegelt wären, recht eigentlich nach der Barbarenküste hin, an der ganze Völkerschaften
von Negern wohnten, die uns mit ihren Kähnen umzingeln und uns umbringen konnten;
wo wir auch nirgends zu landen vermochten, ohne Gefahr zu laufen, von wilden
Bestien oder noch unbarmherzigern wilden Menschen zerrissen zu werden. Dennoch
aber änderte ich, sobald die Abenddämmerung kam, die Richtung unseres Bootes
und steuerte direkt nach Südost. Diesen Cours schlug ich ein, um in der Nähe
der Küste zu bleiben. Da wir guten frischen Wind hatten. kamen wir so schnell
vorwärts, daß wir am nächsten Nachmittag gegen drei Uhr uns schon beinahe 150
Meilen südlich von Saleh, weit entfernt von dem Reich des Kaisers von Marokko
und irgend eines andern Herrschers (wir sahen wenigstens keinen Menschen am
Lande) befanden.
Meine Furcht vor den Mohren war so groß, und ich bangte so sehr davor, ihnen
in die Hände zu fallen, daß ich mich nicht entschließen konnte, an Land oder
auch nur vor Anker zu gehen. Der Wind wehte noch volle fünf Tage hindurch uns
günstig. Nachdem er sich dann südwärts gedreht hatte, durfte ich glauben, daß,
wenn man auch zu Schiffe auf uns Jagd gemacht haben sollte, diese doch nun aufgegeben
sein würde. Daher wagte ich mich jetzt an die Küste und warf Anker an der Mündung
eines kleinen Flusses. Ich wußte weder, unter welchem Breitengrade, noch in
welchem Land, noch bei welchem Volk ich mich befinde. Keine Menschenseele ließ
sich sehen; auch hatte ich kein Verlangen danach, denn das Einzige, wonach ich
mich sehnte, war frisches Wasser.
Wir gelangten Abends in die Flußmündung und beschlossen, sobald es dunkel sei,
an Land zu schwimmen und die Gegend auszukundschaften. Jedoch vernahmen wir,
als es Nacht geworden, einen so fürchterlichen Lärm, ein solches Bellen, Brüllen
und Heulen wilder Thiere, Gott weiß welcher Art, daß mein armer Junge vor Angst
sterben wollte und mich flehentlich bat, nicht vor Tagesanbruch an das Ufer
zu gehen. »Gut, Xury«, sagte ich, »dann wollen wir es lassen; aber vielleicht
bekommen wir bei Tage Menschen zu sehen, die es gerade so schlecht mit uns meinen
als diese Löwen.« –»Ei, dann wir schicken ihnen einige Kugeln aufs Fell«, erwiederte
Xury lachend, »die ihnen machen Beine.« – Ein wenig Englisch nämlich hatte der
Junge durch den Verkehr mit uns Sklaven gelernt.
Ich war froh, den Jungen so lustig zu sehen, und ließ ihn zur Ermuthigung einen
Schluck Rum aus einer der Flaschen meines Patrons thun. Uebrigens war Xury’s
Rath gut, daher ich ihn auch befolgte. Wir warfen unsern kleinen Anker aus und
lagen die Nacht über still. An Schlafen war jedoch kein Gedanke. Denn nach einigen
Stunden sahen wir gewaltig große Bestien verschiedener Art, die wir nicht zu
nennen wußten, an den Strand kommen und sich ins Wasser stürzen. Sie machten
sich das Vergnügen einer Abkühlung und heulten und brüllten dabei in einer Art,
wie ich es mein Lebtag nicht wieder gehört habe.
Xury war furchtbar erschrocken und ich nicht minder. Aber wie entsetzten wir
uns erst, als eines der Unthiere auf unser Boot zugeschwommen kam. Wir konnten
es nicht sehen, doch an seinem Schnauben war zu hören, daß es eine ungeheuer
große und grimmige Bestie sein mußte. Xury behauptete, es sei ein Löwe, und
es mochte wohl auch einer sein. Der arme Junge schrie, ich sollte den Anker
lichten und wegrudern. »Nein«, erwiederte ich, »wir wollen nur das Kabeltau
verlängern und nach der See hinsteuern, dann können die Thiere uns nicht folgen.«
Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, als ich das Ungeheuer zu meiner großen
Ueberraschung schon bis auf zwei Ruderlängen uns nahe erblickte. Sofort eilte
ich nach der Kajüte, ergriff ein Gewehr und gab Feuer, worauf die Bestie sich
alsbald umwandte und wieder nach dem Lande schwamm.
Es ist unmöglich, den fürchterlichen Lärm, das Geschrei und Geheul zu beschreiben,
das unmittelbar an der Küste und weiter ins Land hinein nach meinem Schusse
entstand. So Etwas hatten diese Kreaturen wahrscheinlich früher nie gehört.
Ich zog daraus den Schluß, daß wir während der Nacht nicht hier ans Land gehen
dürften, und es schien sogar fraglich, ob wir es bei Tage wagen dürften; denn
den wilden Menschen in die Hände zu gerathen, war um Nichts besser, als in die
Gewalt der wilden Thiere zu kommen, zum wenigsten hatten wir vor beiden gleich
große Angst. Trotzdem aber gebot uns die Notwendigkeit, irgendwo zu landen,
um Wasser zu holen, wovon wir keine Pinte mehr im Boote hatten. Es fragte sich
nur, wo wir es wagen sollten. Xury sagte mir, wenn er mit einem der Krüge ans
Ufer gehen dürfe und es da überhaupt Wasser gäbe, wolle er es schon bekommen.
Ich fragte ihn, warum denn er gehen wolle und er nicht lieber sehe, wenn ich
es thäte. Er antwortete mir darauf mit solcher Treuherzigkeit, daß ich ihn dadurch
für immer lieb gewann. »Wenn kommen wilde Männer«, sagte er, »sie essen mich,
du weggehen.« »Nun, Xury«, erwiederte ich, »dann wollen wir alle beide gehen,
und wenn die wilden Männer kommen, schießen wir sie nieder, dann können sie
keinen von uns fressen.« Hierauf gab ich ihm ein Stück Zwieback und ließ ihn
einen Schluck Rum aus dem Flaschenkorb thun. Dann ruderten wir das Boot möglichst
nahe ans Ufer und wateten, nur mit unsern Gewehren und zwei Wasserkrügen ausgerüstet,
ans Land.
Ich wagte nicht das Boot aus den Augen zu verlieren, weil ich fürchtete, die
Wilden möchten in Kähnen den Fluß herunter kommen. Der Junge aber, welcher etwa
eine Meile landeinwärts eine Niederung gewahrte, eilte danach hin, und gleich
darauf sah ich ihn wieder zurückkehren. Ich glaubte, er sei von Wilden verfolgt
oder durch ein Thier erschreckt, und rannte, um ihm zu helfen, ihm entgegen.
Als ich jedoch näher kam, sah ich, daß er Etwas über die Schultern hängen hatte,
das ich als ein von ihm getödtetes Thier erkannte. Es glich einem Hasen, war
aber von anderer Farbe und länger von Beinen. Wir hatten große Freude darüber,
da es uns eine herrliche Mahlzeit lieferte. Das Beste aber, was Xury mitbrachte,
war die Nachricht, daß er gutes Wasser gefunden und keine Wilden gesehen hatte.
Bald darauf wurden wir gewahr, daß wir uns um Wasser nicht so große Sorgen hätten
zu machen brauchen. Denn ein wenig höher in der Bucht hinauf, in der wir lagen,
fanden wir, sobald die Flut, die nicht tief den Fluß hinein ging, verlaufen
war, das Wasser süß und frisch. So füllten wir denn unsere Krüge, verschmausten
unser Wildpret und machten uns wieder reisefertig. Spuren eines menschlichen
Wesens hatten wir in dieser Gegend nicht wahrgenommen.
Weil ich schon früher einmal an dieser Küste gewesen war, wußte ich, daß die
kanarischen Inseln, sowie die des grünen Vorgebirgs von hier nicht weit abliegen
konnten. Da mir’s aber an Instrumenten zur Untersuchung des Breitengrads, unter
dem wir uns befanden, gebrach, und ich auch leider nicht genau die Lage jener
Inseln kannte, war ich im Zweifel über die Richtung, die ich nach ihnen einzuschlagen
hätte. Außerdem wäre es eine Leichtigkeit gewesen, sie zu erreichen.
Ich hatte meine Hoffnung darauf gesetzt, daß mir, wenn ich mich immer längs
der Küste hielte, bis ich in die Region käme, wo die Engländer ihren Handel
trieben, eins von ihren Schiffen aufstoßen und uns aufnehmen werde. Soviel ich
nach meiner Berechnung herausgebracht, mußte ich damals in der Gegend sein,
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt