Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

werden. In welcher Weise eine solche bewerkstelligt werden könnte, da die Leute
ja weder Feder, noch Tinte besaßen, hatten wir freilich außer Betracht gelassen.

Mit den erwähnten Anweisungen begaben sich denn die Spanier und Freitags Vater
in einem der Boote, in denen sie zu der kannibalischen Mahlzeit der Wilden herübergebracht
waren, auf die Reise. Jedem von ihnen gab ich ein Gewehr und Munition zu etwa
acht Schüssen mit, unter der eindringlichen Ermahnung, gut damit hauszuhalten
und nur bei entschiedener Nöthigung davon Gebrauch zu machen.
Diese Vorbereitungen zu meiner Befreiung nach mehr als siebenundzwanzig Jahren
der Gefangenschaft auf dieser Insel waren mir eine köstliche Beschäftigung.
Ich gab den Reisenden einen Vorrath von Brod und Rosinen mit, welcher für sie
und die sämmtlichen Spanier auf viele Tage reichte, und wünschte ihnen von Herzen
glückliche Reise. Wir kamen über ein Zeichen überein, an welchem ich sie bei
ihrer Rückkehr schon in der Ferne erkennen könnte. Ihre Abfahrt geschah bei
gutem Winde zur Zeit des Vollmonds, nach meiner Berechnung im Monat Oktober.
Uebrigens hatte ich eine genaue Rechnung weder über die Tage, noch sogar über
die Jahre geführt; hatte aber die letzteren, wie sich später zeigte, dennoch
richtig gezählt.
Zu der Zeit, als ich schon etwa eine Woche lang auf die Rückkehr meiner Abgesandten
wartete, trat ein gar merkwürdiges und unverhofftes Ereigniß ein, das mir ein
so wichtiges war wie kein anderes, davon die Weltgeschichte berichtet.
Ich schlief eines Morgens fest in meiner Behausung, als Freitag hastig hereinstürzte
mit dem lauten Ausruf: »Herr, Herr, sie sind da!« Sofort sprang ich auf und
eilte, sobald ich angekleidet war, unbekümmert darum, ob ich mich einer Gefahr
aussetze, durch mein jetzt ziemlich dicht gewordenes Gehölz. Wenn ich sage:
unbekümmert um die Gefahr, so meine ich damit, daß ich gegen meine Gewohnheit
ohne Waffen ausging. Nach der See ausschauend, gewahrte ich in einer Entfernung
von etwa einer und einer halben Meile ein mit lateinischem Segel versehenes
Langboot, das mit lustigem Winde nach der Insel zusteuerte. Es kam aber, wie
ich sogleich bemerkte, nicht von jener Seite, auf der wir die Küste hatten liegen
sehen, sondern von dem südlichsten Ende der Insel her.
Mit Rücksicht hierauf rief ich Freitag und befahl ihm, sich dicht neben mir
zu halten, weil dies nicht die von uns Erwarteten sein könnten, und wir nicht
wüßten, ob sie als Freunde oder Feinde kämen. Dann ging ich, um ein Fernglas
zu holen, nahm die Leiter und bestieg den Gipfel des Hügels, wie ich zu thun
pflegte, wenn ich ungesehen beobachten wollte. Kaum hatte ich den Hügel betreten,
als ich deutlich ein Schiff, etwa zwei Meilen gegen Südost von mir, aber nur
anderthalb Meilen von unserer Küste entfernt, vor Anker liegen sah. Ich erkannte
das Fahrzeug deutlich als ein englisches, und auch das Langboot schien ein solches
zu sein.
Mein Seelenzustand war unbeschreiblich. Wie unaussprechlich ich mich auch darüber
freute, ein Schiff zu sehen, das vermuthlich mit Landsleuten von mir, also mit
Freunden bemannt war, so überkamen mich doch ich weiß nicht was für Bedenken,
die mir geboten, auf der Hut zu sein. Ich fragte mich zunächst, was wohl ein
englisches Schiff in dieser Gegend, durch welche kein Weg hin oder zurück von
einem englischen Handelsplatz führe, zu suchen haben könne. Stürme, die es hätten
verschlagen haben können, hatten in jüngster Zeit nicht stattgefunden; deshalb
nahm ich an, daß die Mannschaft, wenn sie wirklich aus Engländern bestände,
schwerlich Gutes im Schilde führe, »und«, sagte ich mir, »es ist jedenfalls
besser für dich, zu bleiben, wo du bist, als in die Hände von Dieben und Mördern
zu fallen«.
Niemand verachte solche geheime Hinweisungen und Winke auf Gefahren, wenn sie
ihm auch da zu Theil werden, wo er an ihre Begründung nicht glauben mag. Wer
das Leben beobachtet hat, wird das Vorhandensein solcher Fingerzeige nicht leugnen.
Unzweifelhaft sind sie Kundgebungen einer unsichtbaren Welt und eines Zusammenhangs
der Geisterwelt mit der unsrigen, und warum sollen wir, wenn wir ihre Absicht,
uns zu warnen, erkennen, sie nicht für die Bezeigungen freundlicher Genien höherer
oder geringerer Art, die zu unserm Besten zu dienen bestimmt sind, halten?
Gerade das hier in Rede stehende Ereigniß bestätigte mir diese Ansicht. Denn
wäre ich nicht durch jene geheime Mahnung, mag sie nun gekommen sein, woher
sie wolle, vorsichtig gemacht worden, so wäre ich unvermeidlich zu Grunde gegangen
und in ein viel größeres Elend gerathen als je zuvor, wie sich gleich zeigen
wird.
Ich befand mich noch nicht lange auf meinem Posten, als ich das Boot nach meiner
Küste steuern sah, wie wenn es dort einen bequemen Landungsplatz suche. Da es
aber nicht nahe genug heran kam, gewahrte die Mannschaft nicht die früher von
mir mit meinen Flößen benutzte Bucht, steuerte vielmehr nach einer Bai, die
etwa eine halbe Meile von mir entfernt war. Das aber gereichte entschieden zu
meinem Glück. Denn in jenem Falle würden die Fremden sozusagen dicht vor meiner
Thür gelandet sein, meine Festung bald erstürmt und mich vielleicht aller meiner
Habe beraubt haben. Sobald sie gelandet, bestätigte sich meine Vermuthung, daß
sie Engländer seien, wenigstens in Bezug auf die meisten. Zwei davon hielt ich
für Holländer, jedoch, wie sich nachher ergab, mit Unrecht. Von den elf Leuten,
die ich erkannte, waren drei unbewaffnet und, wie es schien, gefesselt. Als
die ersten vier oder fünf der Uebrigen ans Ufer gesprungen waren, führten sie
jene drei wie Gefangene aus dem Boot. Einer derselben machte die leidenschaftlichen
Geberden des Flehens und der Verzweiflung, die beiden Andern erhoben zuweilen
die Hände und schienen gleichfalls bekümmert, obwohl nicht in so hohem Grade
wie Jener.
Dieser Anblick machte mich bestürzt, und ich wußte nicht, wie ich ihn deuten
sollte. Freitag rief mir in seinem gebrochenen Englisch zu: »O Herr, sieh, englische
Mann essen Gefangene so gut wie wilde Mann«. – »Warum meinst du, daß sie die
Gefangenen fressen wollen?« fragte ich. – »Ja«, erwiederte Freitag, »sie wollen
essen sie.« »O nein«, entgegnete ich, »ich fürchte zwar, sie wollen sie ermorden,
aber sie werden sie sicherlich nicht fressen.«
Während dessen hatte ich keine Ahnung davon, was wirklich werden sollte, stand
vielmehr zitternd vor Schrecken über den Anblick da und erwartete jeden Augenblick,
daß die drei Gefangenen getödtet werden würden. Einmal sah ich, wie einer der
bewaffneten Schufte ein großes Messer oder Schwert erhob, um damit einen der
Unglückseligen zu treffen. Jeden Augenblick meinte ich diesen unter dem Hiebe
fallen zu sehen, und das Blut starrte mir dabei in den Adern. Ich wünschte von
ganzem Herzen den Spanier und Freitags Vater zu mir, und es verlangte mich sehnlichst,
unbemerkt auf Schußweite zu den Fremden zu schleichen und die Gefangenen zu
erretten. Ich sah nämlich keine Feuerwaffen in den Händen Jener. Bald aber kam
mir ein anderer Gedanke.
Nachdem ich nämlich einige Zeit beobachtet hatte, wie schmachvoll die drei Gefangenen
von den übrigen Seeleuten behandelt wurden, sah ich, daß diese sich auf der
Insel zerstreuten, als ob sie das Terrain recognosciren wollten. Die drei hätten
jetzt freilich auch gehen können, wohin sie wollten, aber sie saßen mit verzweiflungsvollen
Blicken nachdenklich auf der Erde. Das erinnerte mich daran, wie ich selbst
einst bei meiner Ankunft auf der Insel verzweifelt umher geschaut und mich verloren
gegeben hatte; wie ich aus Furcht, von den wilden Thieren gefressen zu werden,
die Nacht hindurch auf dem Baume geblieben war, und wie ich damals so ganz und
gar keine Ahnung von der Hülfe gehabt hatte, die mir in Folge gnädiger Fügung
dadurch beschieden war, daß das Schiff durch Sturm und Wellen dem Lande sich

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