Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

den Wilden überliefern und von denen fressen lassen, als in die unbarmherzigen
Hände der Priester und der Inquisition fallen. Uebrigens«, fügte ich hinzu,
»bin ich überzeugt, daß, wenn sie Alle hier wären, wir eine hinlänglich große
Barke zu bauen vermöchten, in der wir südwärts nach Brasilien oder nordwärts
nach der spanischen Küste gelangen könnten. Wenn sie mich aber dann, sobald
ich ihnen Waffen gegeben, zwingen sollten, sie zu ihrem eigenen Volk zu begleiten,
so würde das ein schlechter Lohn für meine Güte und eine schlimme Veränderung
meiner Lage sein.«
Der Spanier antwortete mir in sehr vertrauenerweckender Weise, die Lage seiner
Landsleute sei so elend, und das sei ihnen so sehr bewußt, daß sie, nach seiner
Ueberzeugung, vor dem Gedanken zurückschauderu würden, undankbar gegen Jemanden
zu handeln, der zu ihrer Befreiung beigetragen hätte. Wenn ich einwillige, wolle
er mit Freitags Vater zu ihnen reisen, mit ihnen verhandeln und mir dann Antwort
bringen. Er werde sie mit feierlichem Eid bekräftigen lassen, daß sie sich mir
als ihrem Führer unbedingt unterwerfen wollten. Sie sollten auf die heiligen
Sakramente und die Bibel schwören, um nur in ein solches christliches Land ihre
Reise zu richten, das mir genehm wäre, und daß sie sich bis zur Landung daselbst
ganz und gar meinen Befehlen unterordnen würden. Hierüber werde er mir einen
schriftlichen Vertrag zurückbringen.
Dann versprach der Spanier weiter, er wolle mir selbst eidlich geloben, mich
sein ganzes Leben lang nie zu verlassen, so lange ich es nicht selbst gebiete.
Er werde bis zu seinem letzten Athemzug an meiner Seite bleiben, wenn sich etwa
seine Landsleute den geringsten Treubruch zu Schulden kommen lassen sollten.
Diese, versicherte er, seien sämmtlich sehr gebildete redliche Leute und sie
befänden sich in unglaublich traurigen Umständen. Ohne Waffen, Kleider und Nahrungsmittel
hingen sie gänzlich von der Gnade der Wilden ab. Die Hoffnung auf Rückkehr in
die Heimat hätten sie ganz aufgegeben, und sie würden sicherlich, wenn ich ihre
Befreiung versuchen wollte, für mich leben und sterben.
Aus diese Versicherung hin beschloß ich denn ihre Befreiung zu wagen und den
Spanier nebst dem Alten zur Unterhandlung abzuschicken. Als jedoch schon Alles
bereit war, machte der Spanier selbst einen so klugen und von so viel Redlichkeit
zeigenden Einwurf, daß ich nur zustimmen konnte und dem zufolge die Befreiung
seiner Gefährten mindestens auf ein halbes Jahr hinausschob.
Die Sache verhielt sich so: Der Spanier war jetzt etwa einen Monat bei uns,
und ich hatte ihn während dieser Zeit mit ansehen lassen, in welcher Weise ich
unter Gottes Beistand für meinen Unterhalt sorgte. Er überschaute meinen Vorrath
an Korn und Reis, der zwar für mich übrig ausreichte, aber doch nur bei der
größten Sparsamkeit auch für meine jetzt auf vier Personen angewachsene Familie
hinlänglich war. Noch weniger konnte er genügen für die Gefährten des Spaniers,
wenn sie zu vierzehn, denn so viel lebten ihrer noch, herüber kamen. Am allerwenigsten
aber würde der Vorrath ausgereicht haben, das zu erbauende Fahrzeug für die
Reise nach einer der christlichen Kolonien von Amerika mit Proviant auszurüsten.

Deshalb rieth mir der Spanier, ihn und die beiden Andern ein so viel größeres
Stück Land urbar machen zu lassen, als ich Korn zur Aussaat zu erübrigen vermöchte.
Wir könnten dann eine weitere Erntezeit abwarten, um genügenden Getreidevorrath
bei der Ankunft seiner Landsleute zu haben. Noth und Mangel würde diese leicht
zur Unzufriedenheit reizen und ihnen den Gedanken nahe legen, sie seien nicht
sowohl befreit, als nur von einer Bedrängniß in die andere gerathen. »Denkt
an die Kinder Israel«, setzte der Spanier hinzu, »die anfangs über ihre Erlösung
aus Aegyptenland jubelten, dann aber sogar gegen Gott, ihren Befreier, rebellirten,
als ihnen das Brod in der Wüste ausgegangen war.«
Diese Vorsorge war so am Platze und der Rath so gut, daß er mir nothwendig zusagen
mußte, und daß ich ihn nur als einen erfreulichen Beweis für die Treue des Spaniers
ansehen konnte. So machten wir Vier uns dann alsbald daran, ein weiteres Stück
Land, so gut es die hölzernen Werkzeuge gestatten wollten, umzugraben. In Monatsfrist,
gerade zur Zeit der Aussaat, hatten wir so viel Bodenfläche vorbereitet, daß
ich zweiundzwanzig Maß Gerste und sechzehn Maß Reis, d. h. Alles, was ich nur
zu erübrigen vermochte, darauf aussäen konnte. Ja, wir behielten nicht einmal
so viel Gerste übrig, als für unseren eignen Gebrauch bis zu der erst nach sechs
Monaten zu erwartenden Ernte (hierbei rechne ich die Zeit der Beackerung mit,
denn natürlich braucht das Korn in diesem Klima nicht sechs Monate, um heranzureifen)
erforderlich war.
Da wir jetzt zahlreich genug waren und uns vor den Wilden, wenn sie nicht in
sehr großer Uebermacht zu uns kamen, nicht zu fürchten brauchten, durchstreiften
wir ungehindert, so oft es die Gelegenheit bot, die ganze Insel. Nachdem wir
nun einmal den Plan zu unsrer Befreiung gefaßt hatten, war es, wenigstens für
mich, unmöglich, das Sinnen auf die Mittel zu derselben auch nur kurze Zeit
aus den Gedanken zu verlieren. So zeichnete ich mir denn vor Allem einige taugliche
Bäume aus und ließ sie durch Freitag und seinen Vater unter der Aufsicht des
Spaniers fällen. Ich zeigte ihnen, mit welcher unermüdlichen Anstrengung ich
früher einen großen Baum in einzelne Bretter verarbeitet hatte, und ließ sie
in gleicher Weise mehr als ein Dutzend Planken aus gutem Eichenholz anfertigen.
Dieselben waren beinahe zwei Fuß breit, fünfunddreißig Fuß lang und zwei bis
vier Zoll dick. Welche ungeheure Arbeit ihre Anfertigung erforderte, kann man
sich denken.
Unterdessen bemühte ich mich auch, meine Ziegenheerde möglichst zu vergrößern.
Freitag mußte abwechselnd den einen Tag mit mir, den andern mit dem Spanier
ausgehen, bis wir über zwanzig Ziegenlämmer zur Aufzucht gefangen hatten. So
oft wir nämlich eine Mutterziege erlegt hatten, brachten wir die Jungen zu der
Heerde. Ferner, als die Zeit zur Traubenernte kam, ließ ich eine solche große
Menge an den Bäumen aufhängen, daß wir, wenn wir in Alicante gewohnt hätten,
wo die Rosinen in der Sonne getrocknet werden, gewiß sechzig bis achtzig Fässer
damit hätten füllen können. (Neben dem Brod bildeten nämlich die Rosinen, die
sehr nahrhaft sind, unsre Hauptspeise.)
Der Herbst hatte sich jetzt eingestellt, und wenn die diesmalige Ernte auch
nicht die reichlichste war, die ich überhaupt auf der Insel erlebt hatte, so
entsprach sie doch unserm Zweck. Denn aus den zweiundzwanzig Maß Gerste der
Aussaat gewannen wir über zweihundertundzwanzig Maß. In gleichem Verhältniß
stand der Reisertrag zur Saat. Dieser Vorrath hätte nun sicherlich bis zur nächsten
Ernte ausgereicht, wenn auch alle sechzehn Spanier bei uns gewesen wären. Auch
zur Ausrüstung für eine Reise bis zum entlegensten Theil von Amerika genügte
er vollkommen. Sobald wir unser Getreide eingebracht hatten, fertigten wir neue
große Körbe an, in die wir es dann füllten. Der Spanier stellte sich hierbei
besonders gescheidt an. Er sprach seine Verwunderung aus, daß ich solches Flechtwerk
nicht auch zur Einfriedigung meiner Wohnung angewendet habe, was ich jedoch
für eine unnöthige Arbeit erklärte.
Da wir nun so gut verproviantirt waren für alle zu erwartenden Gäste, gestattete
ich dem Spanier, nach dem Festland zu reisen, damit er mit seinen zurückgelassenen
Gefährten unterhandle. Ich gab ihm eine schriftliche strenge Anweisung, Niemanden
mitzubringen, der nicht in Gegenwart des Spaniers und des Vaters meines Freitag
zuvor geschworen habe, in keiner Weise sich gegen den zu vergehen, der die Boten
zu ihrer Befreiung ausgesendet habe, daß sie vielmehr mir beistehen und mich
gegen jeden Angriff vertheidigen, sowie daß sie sich gänzlich meinen Befehlen
unterwerfen wollten. Dies Schriftstück sollte ihnen zur Unterzeichnung vorgelegt

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