Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Diese aber zeigten sich unfähig zum Gehen, und Freitag wußte nicht, was er jetzt
anfangen sollte. Da verfiel ich auf ein Auskunftsmittel. Ich befahl Freitag,
die Beiden an den Strand niederzusetzen, fertigte dann mit ihm eine Art Tragbahre
an und so trugen wir die zwei Invaliden fort.
An die äußere Umfriedigung meiner Festung gelangt, stießen wir auf eine neue
Schwierigkeit. Es war unmöglich die beiden Männer über jene zu bringen, und
doch wollte ich meinen Zaun nicht zerstören. Aber auch hier ersann ich einen
Ausweg. Binnen etwa zwei Stunden errichtete ich nämlich mit Freitag zwischen
der ersten Umhegung und dem von mir angepflanzten Buschwerk aus alten Segeln
und darüber gedeckten Baumzweigen ein hübsches Zelt, und unter diesem bereiteten
wir aus dem vorhandenen brauchbaren Material, nämlich aus Reisstroh und mehren
wollenen Decken, zwei Betten für unsere Gäste.
Meine Insel war jetzt auf einmal bevölkert, und ich glaubte einen förmlichen
Reichthum an Unterthanen zu besitzen. Oft vergnügte mich von da an der Gedanke,
daß meine Lage der eines Königs so sehr ähnlich sei. War ja doch das ganze Land
mein Eigenthum, und hatte ich doch ein unbestreitbares Herrschaftsrecht an demselben!
Meine Mitbewohner hatten sich mir vollkommen unterworfen, ich war ihr absoluter
Herr und Gesetzgeber. Sie dankten mir sämmtlich ihr Leben und waren bereit,
es, wenn’s Noth thäte, auch für mich dahin zu geben. Merkwürdig schien mir,
daß von meinen drei Unterthanen jeder sich zu einer andern Religion bekannte.
Freitag war Protestant, sein Vater ein Heide und Cannibale, der Spanier ein
Katholik. Uebrigens gewährte ich, beiläufig bemerkt, in meinen Besitzungen Jedermann
völlige Gewissensfreiheit.
Sobald meine geretteten Gefangenen unter ihrem Obdach einen Ruheplatz gefunden
hatten, sann ich auf eine Mahlzeit für sie. Ich befahl Freitag eine halb ausgewachsene
Ziege aus meiner Heerde zu schlachten, theilte das Hinterviertel derselben in
kleine Stücke, ließ es durch Freitag kochen und sieden und bereitete aus Fleisch
und Bouillon, in die ich auch etwas Gerste und Reis that, ein vortreffliches
Essen. Hierauf brachte ich Alles in das neue Zelt, setzte meinen Gästen einen
Tisch vor, ließ mich daran mit ihnen nieder, und während ich mit ihnen das Zubereitete
verzehrte, suchte ich sie möglichst zu erheitern und aufzumuntern. Freitag diente
mir dabei als Dolmetscher, nicht nur seinem Vater, sondern auch dem Spanier
gegenüber, denn dieser verstand die Sprache der Wilden vollkommen.
Nach unserem Mittags- oder richtiger Abendessen ließ ich durch Freitag in einem
der Boote die in der Eile auf dem Schlachtfeld zurückgelassenen Feuerwaffen
holen. Am nächsten Tage befahl ich ihm dann, die Leichen der Wilden, die der
Sonne ausgesetzt waren und leicht unserer Gesundheit nachtheilig werden konnten,
sowie auch die schrecklichen Reste des barbarischen Mahles zu begraben. Diese
nämlich waren in großer Menge vorhanden. Ich selbst aber hätte mich nicht mit
ihnen befassen, ja sogar nicht einmal ihren Anblick vertragen können, wenn ich
zufällig des Weges gekommen wäre. Freitag vollzog meine Befehle pünktlich und
vertilgte die Spuren der Wilden so gründlich, daß ich die Stelle, wo sie gelagert
hatten, nur noch an dem dort befindlichen Vorsprung des Waldes zu erkennen vermochte.
In meiner Unterredung mit meinen zwei neuen Unterthanen ließ ich zunächst durch
Freitag dessen Vater befragen, was er über die Flucht der Wilden in dem Canoe
denke und ob er glaube, daß sie etwa mit einer Uebermacht zurückkehren würden.
Der Alte sprach seine Meinung dahin aus, höchst wahrscheinlich seien die Wilden
mit ihrem Boot untergegangen, der Sturm habe sie entweder im Wasser umkommen
lassen oder an südlichere Küsten getrieben, wo sie dann sicherlich aufgefressen
sein würden. Was sie aber thun würden, wenn sie glücklich nach Hause gelangt
sein sollten, könne er nicht mit Bestimmtheit sagen, doch glaube er, sie hätten,
durch die Art, in der sie angegriffen worden, durch den Lärm und das Feuer einen
solchen Schrecken eingejagt bekommen, daß sie ihren Landsleuten eher melden
würden, die Uebrigen seien durch Donner und Blitz als durch Menschenhand umgekommen,
und daß sie die zwei, die ihnen erschienen seien, wohl für himmlische Geister,
aber nicht für bewaffnete Männer halten würden. Er wisse dies daher, daß er
sie in ihrer Sprache habe davon reden hören. In der That mußte es ja für die
Aermsten unmöglich sein zu begreifen, wie ein sterblicher Mensch Feuer schleudern
und Donner erschallen lassen und ohne die Hand zu heben aus der Ferne tödten
könne, was ihnen Alles bei uns begegnet war.
Später erwies sich, daß der alte Mann Recht gehabt hatte. Wie ich nachmals von
anderer Seite erfuhr, haben die Wilden nie wieder versucht, die Insel zu betreten.
Der Bericht jener Entronnenen (die nämlich wirklich glücklich dem Sturm entgangen
waren) hatte sie so in Erstaunen und Schrecken gesetzt, daß sie annahmen, wer
nur auf jenes bezauberte Eiland einen Fuß setze, werde von den Göttern mit Feuer
vernichtet. Da ich dies jedoch früher nicht wußte, lebte ich noch eine geraume
Zeit hindurch in Furcht vor den Wilden und beobachtete möglichste Vorsicht,
wiewohl ich mich jetzt, wo unserer Vier waren, ohne Weiteres jederzeit auch
in freiem Felde an hundert solcher Feinde hätte wagen dürfen.
Sobald sich die Furcht vor der Wiederkehr der fremden Canoes ein wenig verloren
hatte, fing ich wieder an, meinen früheren Plan in Betreff der Reise nach dem
Festland zu überdenken. Freitags Vater hatte mich gleichfalls versichert, daß
ich bei seinen Landsleuten seinetwegen auf eine gute Aufnahme rechnen dürfe.
Aber meine Absichten wurden ein wenig gekreuzt durch ein ernstliches Gespräch
mit dem Spanier. Denn von ihm erfuhr ich, daß noch sechzehn andere Spanier und
Portugiesen sich bei jenen Wilden aufhielten, zu denen sie durch den Sturm verschlagen
seien, und zu welchen sie, wenn sie auch mit ihnen in Frieden lebten, doch im
Verhältniß voller Abhängigkeit bezüglich ihrer Nothdurft und sogar ihrer ganzen
Existenz ständen. Durch vielerlei Fragen erfuhr ich, daß jenes Schiff, welches
die Europäer getragen hatte, ein spanisches mit Pelzwaaren und Silber beladenes
gewesen war. Es war in Rio de la Plata ausgerüstet und nach der Havanna bestimmt
gewesen, wo es europäische Waaren gegen seine Ladung hatte einlösen sollen.
Die Mannschaft hatte fünf Portugiesen aus einem gescheiterten Schiff an Bord
genommen, fünf ihrer eigenen Leute waren ertrunken, als das Schiff verunglückte,
und der Rest hatte sich unter unsäglichen Gefahren halb todt an die Cannibalenküste
gerettet und dort jeden Augenblick erwartet, gefressen zu werden. Die wenigen
Waffen, welche sie gerettet, waren vollkommen unbrauchbar gewesen, da die Wogen
alles Pulver bis auf ein weniges, das sie zu ihren Speisen verwendeten, wie
auch die Kugeln weggeschwemmt hatten.
Auf meine Frage, was aus diesen Unglücklichen werden würde, und ob sie denn
nicht an die Flucht dächten, erwiederte der Spanier, sie hätten wohl oft darüber
Rath gepflogen, aber da sie weder ein Fahrzeug, noch Mittel ein solches zu erbauen,
noch auch irgend welchen Proviant besäßen, so hätten ihre Berathungen immer
in Thränen und Verzweiflung geendet. Ich fragte ihn, wie seine Gefährten wohl
einen Fluchtvorschlag aufnehmen würden. Dabei verhehlte ich aber nicht, daß
ich bei einem solchen nicht geringe Furcht davor hege, daß sie sich treulos
zeigen würden, wenn ich mich in ihre Hände gegeben hätte. »Denn«, setzte ich
hinzu, »Dankbarkeit ist keine in dem Menschen regelmäßig wohnende Tugend, und
die Menschen richten ihre Handlungsweise weniger oft nach den Wohlthaten, die
sie empfangen, als nach dem Vortheil, den sie erwarten. Wenn ich, nachdem ich
das Werkzeug zur Befreiung jener Fremden geworden bin, später von ihnen in Neu-Spanien
zum Gefangenen gemacht werden sollte (wo jeder Engländer sicher ist, gewaltsamen
Todes zu sterben), so wäre das doch eine böse Sache. Lieber will ich noch mich
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