Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

1

Von dem Spanier getödtet

3

An den Wunden hier und dort verblutet

4

Im Canoe entkommen (darunter Einer verwundet oder todt)

4

In Summa
21
Die Flüchtlinge im Canoe ruderten mit allen Kräften, um aus unserer Schußweite
zu kommen. Freitag gab mehre Male Feuer auf sie, schien jedoch keinen getroffen
zu haben. Er zeigte große Lust, sie in einem ihrer Kähne zu verfolgen. Da ich
sie mit Sorgen entfliehen sah, bei dem Gedanken, daß sie ihren Landsleuten Kunde
von dem Geschehenen bringen und vielleicht zu mehren Hunderten wiederkommen
und uns dann durch die Uebermacht bewältigen würden, willigte ich auch in sein
Verlangen ein. Ich eilte nach einem der zurückgebliebenen Boote, sprang hinein
und gebot Freitag mir zu folgen. Aber wie war ich überrascht, als ich in dem
Fahrzeug einen unglücklichen Menschen, gleich dem Spanier an Händen und Füßen
gebunden, liegen fand, der offenbar wie jener zum Schlachten bestimmt war. Er
war halb todt vor Schrecken und begriff Nichts von dem, was vorging. Denn er
hatte sich nicht über den Rand des Bootes emporrichten und umschauen können,
und die festen Bande, die ihm den Kopf und die Fersen nahe zusammengeschnürt
hielten, hatten ihn so gepeinigt, daß kaum noch ein Rest von Leben in ihm zu
sein schien.
Ich durchschnitt sofort seine Bande und versuchte ihm aufzuhelfen. Aber er vermochte
weder sich aufrecht zu halten, noch zu sprechen, sondern stöhnte nur jammervoll,
weil er, wie es schien, glaubte, er werde nur losgebunden, um getödtet zu werden.
Als Freitag herbeigekommen war, forderte ich ihn auf, den Unglücklichen anzureden
und ihm seine Befreiung anzukündigen, indem ich zugleich meine Flasche an Freitag
gab, damit er dem Aermsten einen Schluck Rum reiche. Der Trunk und die Kunde
von seiner Errettung belebten den Gefangenen und er setzte sich aufrecht ins
Boot. Als aber Freitag ihn sprechen hörte und ihm ins Gesicht sah, da hätte
es Jeden zu Thränen rühren müssen, wie er den Gefangenen plötzlich umarmte,
küßte, ihn an sich drückte und dabei schrie, lachte, jubelte, hüpfte und sang;
wie er dann wieder heftig weinte, die Hände rang, sich Kopf und Gesicht schlug
und hierauf wieder singend umhersprang, gleich einem Verrückten.
Es währte eine gute Weile, bis ich ihn dazu brachte, mir Rede zu stehen. Dann
aber, als er endlich ein wenig zu sich gekommen war, sagte er mir, dieser Mensch
sei Niemand anders als sein eigner Vater.
Es wäre nicht leicht zu beschreiben, wie mich der Anblick der Ausbrüche des
Entzückens und der kindlichen Liebe des armen Wilden bei dem Wiedersehen seines
Vaters und dessen Errettung vom Tode bewegte. Auch nicht entfernt aber vermöchte
ich die närrischen Kundgebungen seiner Liebe zu schildern. Er sprang zahllose
Male in das Boot und wieder heraus. Er setzte sich neben seinen Vater, preßte
dessen Kopf an seine offene Brust und hielt ihn dicht daran gedrückt, wie eine
Mutter ihren Säugling. Dann rieb er ihm die durch die Bande starr gewordenen
Glieder und erwärmte sie in seinen Händen. Ich gab ihm aus meiner Flasche etwas
Rum und hieß ihn damit die Extremitäten des Alten einzureiben, was diesem offenbar
sehr gut that.
Dies Ereigniß hatte natürlich unserer Verfolgung der Wilden in dem anderen Canoe,
die uns jetzt fast aus dem Gesichte waren, ein Ende gemacht. Und das war gut.
Denn zwei Stunden später, noch ehe die Flüchtlinge den vierten Theil ihres Heimweges
zurückgelegt haben konnten, erhob sich ein so starker Wind, und es stürmte ihrer
Fahrt entgegen aus Nordwest die ganze Nacht hindurch so heftig, daß ich nothwendig
annehmen mußte, das Boot der Flüchtlinge sei untergegangen, und sie selbst seien
niemals wieder an ihre heimische Küste gelangt.
Um wieder auf Freitag zurück zu kommen, so war dieser dermaßen beschäftigt mit
seinem Vater, daß ich ihn eine Zeitlang nicht abrufen mochte. Als ich ihn dann
auf kurze Zeit für abkömmlich erachtete, rief ich ihn zu mir. – Er kam springend
und lachend in vollem Entzücken herbei. Auf meine Frage, ob er seinem Vater
etwas Brod gegeben, antwortete er kopfschüttelnd: »Nein, schlechter Hund ich,
selbst Alles gegessen auf«. Hierauf reichte ich ihm aus meiner eignen Tasche
ein Stück Brod, gab ihm auch für sich selbst etwas Rum, doch trank er nicht
davon, sondern brachte Alles zu seinem Vater. Auch einige Rosinen reichte ich
ihm. – Kaum hatte der Alte diese Dinge erhalten, als ich Freitag wieder aus
dem Boot springen und so schnell davon rennen sah, als ob er behext sei. Er
war der schnellste Läufer, der mir je vorgekommen ist. Im Nu schwand er mir
aus den Augen, und wie laut ich auch rief und ihm nachschrie, es half Nichts.
Nach einer Viertelstunde erst kehrte er langsam zurück, denn sein Lauf war gehemmt
durch Etwas, was er in den Händen trug. Er war nämlich in unserer Behausung
gewesen, um in einem Kruge für seinen Vater frisches Wasser zu holen. Außerdem
hatte er einige Gerstenkuchen mitgebracht, die er mir gab, während er das Wasser
seinem Vater reichte, nachdem ich jedoch, da ich gleichfalls sehr durstig war,
auch davon einen kleinen Schluck genommen hatte. Dieser Trunk belebte den Alten
mehr, als es mein Rum vermocht hatte, denn er war fast vor Durst umgekommen.

Nachdem der Greis getrunken und Freitag noch etwas Wasser übrigbehalten hatte,
befahl ich ihm, das dem armen Spanier zu bringen, der desselben nicht minder
bedürftig war. Auch von dem Brode schickte ich jenem, da ich sah, daß er vor
Schwäche in dem Schatten eines Baumes auf einem grünen Platze niedergesunken
war. Seine Glieder waren gleichfalls durch die Bande steif und geschwollen.
Als Freitag zu ihm gekommen, erhob er sich, trank und aß von dem Brod. Nun ging
auch ich zu ihm und reichte ihm eine Handvoll Rosinen. Er sah mir mit dem Ausdruck
höchster Dankbarkeit ins Gesicht, war aber, wiewohl er sich in dem Gefecht so
tapfer gehalten, jetzt so schwach, daß er nicht auf den Füßen stehen konnte.
Er versuchte es wiederholt, aber vergebens, da ihn die angeschwollenen Beine
zu sehr schmerzten. Ich ließ daher auch ihm durch Freitag die Glieder mit Rum
einreiben.
Während Freitag diesem Befehl Folge leistete, sah ich, wie der gute Bursch alle
paar Minuten den Kopf nach seinem Vater umwendete, um zu sehen, ob er noch an
derselben Stelle sitze, auf der er ihn verlassen. Als er ihn plötzlich nicht
mehr bemerkte, sprang er, ohne ein Wort zu sagen, auf und eilte so rasch, als
ob er mit den Füßen den Erdboden nicht berühre, fort. Sobald er jedoch, an dem
Ort, wo der Alte gesessen, angekommen, wahrgenommen hatte, daß dieser sich nur,
um die geschwollenen Glieder zu ruhen, gelegt hatte, kehrte er sofort zurück.

Ich machte jetzt dem Spanier den Vorschlag, er möge sich von Freitag aufrichten,
zu dem Boote bringen und darin nach unserer Wohnung fahren lassen, wo ich weiter
für ihn Sorge tragen wollte. Freitag aber, ein starker Bursch wie er war, nahm
den Fremden kurzer Hand auf den Rücken, trug ihn ins Canoe, setzte ihn neben
seinen Vater, stieß das Boot ab und ruderte es trotz des widrigen Windes schneller
an der Küste entlang, als ich gehen konnte. Nachdem er die Beiden in der Bucht
sicher geborgen, holte er windschnell das andere Canoe und hatte auch dies fast
noch eher, als ich an die Bucht gelangte, in diese hereingerudert. Er setzte
mich nun über das Wasser und half dann unseren neuen Gefährten aus dem Boot.

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar