Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Wiewohl ich in höchstem Grade aufgeregt war, bezwang ich doch meine Leidenschaftlichkeit,
ging einige zwanzig Schritt zurück und gelangte dann hinter fortlaufendem Gebüsch
her zu jenem andern Baum. Von hier aus erreichte ich eine kleine Anhöhe, die
mir auf ungefähr achtzig Ellen Entfernung völligen Ueberblick gewährte.
Ich hatte jetzt keinen Augenblick mehr zu verlieren. Neunzehn von den furchtbaren
Unmenschen saßen dicht gedrängt neben einander und hatten eben zwei andere abgeschickt,
um den armen Christen zu schlachten und wahrscheinlich seinen Leib Stück für
Stück an das Feuer zu bringen.
Sie beugten sich just nieder, um ihm die Fesseln an den Füßen zu lösen. In diesem
Augenblick wandte ich mich zu Freitag. »Jetzt«, rief ich ihm zu, »thue, wie
ich dir sage.« Er antwortete, daß er bereit sei. »Mache es genau so«, rief ich
ihm zu, »wie ich es dir angebe, und versäume Nichts.« Dann legte ich eine der
Musketen und die Vogelflinte auf die Erde, und Freitag that dasselbe mit seinen
Schußwaffen; hierauf zielte ich mit der anderen Muskete nach den Wilden, gebot
meinem Gefährten dasselbe mit seinem Gewehre zu thun, kommandirte Feuer und
drückte zu gleicher Zeit selbst ab.
Freitag hatte so viel besser als ich gezielt, daß er auf seiner Seite zwei von
den Wilden getödtet und drei verwundet hatte, während von mir nur einer getödtet
und zwei verletzt waren. Man kann sich denken, welch einen furchtbaren Schrecken
die Wilden empfanden. Die Nichtgetroffenen sprangen auf, ohne zu wissen, wohin
sie entrinnen oder wohin sie blicken sollten, da es ihnen unbekannt war, von
woher das Verderben kam.
Freitag hielt die Augen unverwandt auf mich gerichtet, um zu sehen, was ich
thun werde. Sofort nach dem ersten Schuß legte ich das Gewehr nieder und ergriff
die Jagdflinte. Freitag, der mich den Hahn spannen und anlegen sah, that das
Gleiche. »Bist du bereit?« rief ich ihm zu. – »Ja«, antwortete er. – »Dann in
Gottes Namen los!«
Hiermit feuerte ich zum zweiten Mal unter die Bestürzten, ebenso Freitag. Da
unsere Gewehre diesmal nur mit Schrot geladen waren, stürzten bloß zwei der
Wilden, aber viele von ihnen waren verwundet, so daß sie mit gellendem Geheul,
blutend und kläglich zugerichtet, wie wahnsinnig umherliefen. Drei davon sanken
gleich darauf nieder, ohne jedoch völlig todt zu sein.
»Jetzt, Freitag«, rief ich, das abgefeuerte Gewehr niederlegend und das geladene
Gewehr ergreifend, »folge mir!« Er that es mit Entschlossenheit. Ich eilte aus
dem Gehölz und zeigte mich, während Freitag mir unmittelbar folgte. Sobald die
Wilden mich gewahrten, schrie ich, mit Freitag vereint, aus Leibeskräften. Dann
lief ich so schnell, als ich es mit der Waffenlast vermochte, geraden Wegs zu
dem armen Schlachtopfer. Die beiden Henker, die sich eben an ihn hatten machen
wollen, waren nach unserem ersten Schuß furchtbar erschrocken nach dem Strand
gelaufen und in ein Canoe gesprungen. Drei von den Uebrigen hatten denselben
Weg eingeschlagen. Ich befahl Freitag nach dieser Richtung zu eilen und Feuer
auf sie zu geben. Augenblicklich rannte er bis auf etwa vierzig Ellen Entfernung
zu ihnen hin und gab dann Feuer. Ich glaubte, er habe sie sämmtlich getödtet,
denn ich sah sie Alle in dem Boot über einen Haufen fallen. Zwei von ihnen sprangen
jedoch sofort wieder auf, während zwei andere getödtet waren und der dritte
so verwundet, daß er wie todt in dem Boote liegen blieb.
Unterdessen zog ich mein Messer und durchschnitt die Bande an den Händen und
Füßen des armen Opfers. Ich half dem unglücklichen Menschen auf und fragte ihn
auf portugiesisch, wer er sei. Er antwortete auf lateinisch, er sei Christ,
doch war er so schwach, daß er kaum gehen oder sprechen konnte. Ich reichte
ihm meine Flasche, die ich aus der Tasche gezogen, und gab ihm durch Zeichen
zu verstehen, daß er trinken solle. Nachdem er es gethan, reichte ich ihm ein
Stück Brod. Als er auch das verzehrt hatte, fragte ich ihn, was er für ein Landsmann
sei. Er erwiederte: »Ein Spanier«, und gab dann, sobald er sich nur ein wenig
erholt, durch alle möglichen Zeichen seine Dankbarkeit zu erkennen.
»Sennor«, erwiederte ich, so gut ich mich auf spanisch auszudrücken vermochte,
»jetzt ist nicht Zeit zum Reden, sondern zum Fechten. Wenn Ihr noch so viel
Kraft habt, ergreift diese Pistole und diesen Säbel.« Dankbar nahm er beides,
und als ob die Waffen ihm neue Kraft verliehen hätten, stürzte er wie rasend
auf seine Mörder. Im Nu hieb er zwei oder drei in Stücke. Denn die Ueberraschung
durch den Knall unserer Gewehre hatte die armen Menschen so bestürzt gemacht,
daß sie vor bloßer Furcht oder Verwunderung niederfielen und unfähig waren,
einen Fluchtversuch zu machen. Das Gleiche war mit den fünf im Boot Befindlichen
der Fall, auf die Freitag geschossen hatte. Nur drei davon waren verwundet hingesunken,
die beiden Anderen aber vor Schrecken zu Boden gefallen.
Ich hielt jetzt mein Gewehr, ohne zu schießen, in der Hand, um, da ich dem Spanier
meine Pistole und den Säbel gegeben, schußfertig zu bleiben. Freitag, dem ich
zugerufen hatte, er solle nach dem Baum eilen, von dem aus er zuerst Feuer gegeben,
um die abgeschossenen Gewehre dort zu holen, vollzog diesen Befehl sehr behend.
Ich gab ihm hierauf meine Muskete und setzte mich nieder, um die übrigen Gewehre
wieder zu laden, indem ich meine zwei Genossen aufforderte, sich davon zu holen,
wenn es nöthig sei.
Während ich lud, entspann sich ein fürchterlicher Kampf zwischen dem Spanier
und einem der Wilden. Der letztere griff jenen mit einem der hölzernen Schwerter
an, mit denen er hatte geschlachtet werden sollen. Der Spanier hielt sich trotz
seiner Schwäche so tapfer und brav als denkbar. Nachdem er aber geraume Zeit
mit dem Indianer gefochten und ihm zwei große Wunden am Kopf beigebracht hatte,
umfaßte ihn der Wilde, der ein großer starker Kerl war, warf ihn nieder und
hatte ihm schon meinen Säbel aus der Hand gewunden, als der Spanier, diese Waffe
klüglich fahren lassend, die Pistole aus dem Gürtel zog, den Wilden durch den
Leib schoß und ihn, noch ehe ich zur Hülfe herbeikommen konnte, auf der Stelle
tödtete.
Freitag, jetzt sich selbst überlassen, verfolgte die Flüchtigen, ohne eine andere
Waffe als sein Beil zu haben. Mit diesem erschlug er die drei früher Verwundeten,
die zu Boden gesunken waren, und Alle, die ihm noch sonst in den Weg kamen.
Jetzt holte sich der Spanier bei mir ein Gewehr. Ich gab ihm eine der Vogelflinten,
er verfolgte damit zwei Wilde und verwundete sie beide. Da er aber nicht laufen
konnte, entkamen sie ihm in den Wald, wohin Freitag ihnen sofort nacheilte.
Er tödtete den einen, der andere war aber trotz seiner Wunden flinker als er,
stürzte sich ins Meer und schwamm mit Aufwand seiner ganzen Kraft zu den beiden
im Canoe Zurückgebliebenen. Diese drei waren die Einzigen, die uns von den einundzwanzig
Wilden entrannen. Was sie und die Uebrigen angeht, stellte sich das Ergebniß
unseres Kampfes folgendermaßen:
Durch unsere erste Salve fielen
3
Durch die zweite
2
Von Freitag im Canoe getödtet
2
Desgleichen dort verwundet und später getödtet
2
Durch Freitag im Wald erlegt
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt