Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Zweige darüber, bis es so dicht wie ein Haus gedeckt war. Hierauf harrten wir
ruhig dem November und Dezember entgegen, für welche Zeit ich die Ausführung
unseres Planes beschlossen hatte.
Sobald die gute Jahreszeit wiedergekehrt war, betrieben wir täglich die Vorbereitungen
zur Reise, und vor Allem legte ich eine Anzahl Lebensmittel als Proviant für
die Fahrt zurück. Es war meine Absicht, nach ein oder zwei Wochen das Dock zu
öffnen und das Boot auslaufen zu lassen.
Eines Morgens war ich gerade wieder mit jenen Vorkehrungen beschäftigt und hatte
Freitag an den Strand geschickt, um eine Schildkröte zu suchen, denn eine solche
verschafften wir uns jede Woche, um sowohl die Eier als auch das Fleisch zu
genießen. Da auf einmal kehrte mein Gefährte, nachdem er sich noch nicht lange
entfernt hatte, schleunigst zurück und kletterte so schnell über meine äußere
Palissadenwand, als hätten seine Füße nicht die Erde berührt. Noch ehe ich ein
Wort sprechen konnte, rief er mir zu: »O Herr, o Herr, o weh, o weh!«
Ich fragte: »Was gibt’s denn?« – »O, dort, dort«, erwiederte er, »eins, zwei,
drei Canoe, eins, zwei, drei.« Ich schloß daraus, es wären sechs, brachte aber
durch erneuerte Fragen heraus, daß es nur drei seien. »Ruhig Blut, Freitag«,
sagte ich und ermuthigte ihn, so gut ich vermochte. Der arme Bursch aber verharrte
in seinem Entsetzen, denn er hatte sich fest in den Kopf gesetzt, die Wilden
seien nur deshalb gekommen, um ihn zu suchen, zu schlachten und aufzufressen.
Er zitterte so, daß ich nicht wußte, was ich mit ihm anfangen sollte.
Ich suchte ihn durch die Bemerkung zu trösten, daß ich ja in gleicher Gefahr
wie er sei, und daß sie mich gerade so fressen würden wie ihn, daß wir aber
uns muthig unserer Haut wehren wollten. »Bist du dazu Willens, Freitag?« fragte
ich. – »Ich sie schießen werde«, antwortete er. »Aber dann wird kommen große
Menge.« – »Das thut Nichts«, entgegnete ich. »Unsere Flinten werden die, welche
wir nicht tödten, erschrecken.« Hierauf fragte ich, ob er, wenn ich ihm beistehen
wolle, auch mich vertheidigen und Alles thun werde, was ich ihn heiße. Er antwortete:
»Ich sterben, wenn du gebietest es, Herr«.
Darauf holte ich ihm einen tüchtigen Schluck Rum; denn ich hatte mit meinen
Getränken so gut hausgehalten, daß mir noch ein hübsch Theil davon übrig geblieben
war. Als er getrunken, befahl ich ihm, die zwei Vogelflinten, die wir gewöhnlich
bei uns trugen, mit grobem Schrot (es war etwa so stark wie kleine Pistolenkugeln)
zu laden. Ich selbst lud vier Musketen, jede mit fünf großen und zwei kleinen
Kugeln, und jede meiner zwei Pistolen mit zwei Kugeln. An meine Seite hing ich
wie gewöhnlich meinen großen Säbel ohne Scheide, und Freitag erhielt noch sein
Beil zur Ausrüstung. Nachdem wir uns so bewaffnet, ergriff ich mein Fernglas
und ging den Hügel hinauf, um zu sehen, ob ich von dort aus eine Wahrnehmung
machen könnte. Da sah ich denn bald, daß sich nicht weniger als neunundzwanzig
Wilde, drei Gefangene und drei Canoes eingefunden hatten. Ein Triumphfest über
diese drei armen Geschöpfe schien der einzige Zweck der Gäste zu sein. Die Wilden
waren, wie ich bemerkte, diesmal nicht an jener Stelle, von der aus Freitag
die Flucht ergriffen hatte, sondern näher an meiner Bucht gelandet, wo die Küste
niedrig war und von wo aus sich ein dichtes Gehölz fast bis unmittelbar an die
See erstreckte. Der Schauder vor der unmenschlichen Absicht, in welcher die
Elenden gekommen waren, erfüllte mich mit solcher Entrüstung, daß ich zu Freitag
herabstieg und ihm ankündigte, ich sei entschlossen, die Wilden zu überfallen
und sie sämmtlich zu tödten. Nachdem ich meinen Gefährten gefragt, ob er mir
dabei Hülfe leisten wolle, versicherte er, der jetzt wieder einigermaßen zu
sich gekommen und durch den Rum gestärkt war, mit heiterer Miene, er würde sofort
in den Tod gehen, wenn ich es gebiete.
In dieser erbitterten Stimmung theilte ich nun die geladenen Waffen mit meinem
Gefährten. Freitag erhielt eine Pistole, um sie in den Gürtel zu stecken, und
drei Flinten, die er über die Schulter nehmen sollte. Ich nahm gleichfalls eine
Pistole und die andern drei Gewehre, und so gerüstet zogen wir aus. Ich hatte
eine kleine Flasche mit Rum zu mir gesteckt und Freitag einen großen Beutel
mit Pulver und Kugeln eingehändigt. Er wurde angewiesen, sich dicht hinter mir
zu halten, keine Bewegung zu machen und nicht eher zu schießen, bis ich es ihn
geheißen, auch kein Wort laut werden zu lassen. Hierauf begaben wir uns in einem
Umweg von ungefähr einer Meile nach der rechten Seite der Insel, um innerhalb
des Gehölzes die Bucht zu überschreiten und auf Schußweite zu den Cannibalen
heranzukommen, ehe sie uns entdeckten. Mein Fernglas hatte mir nämlich gezeigt,
daß das leicht zu bewerkstelligen sei.
Unterwegs kehrten meine früheren Bedenken zurück, so daß meine Entschlossenheit
einigermaßen gedämpft wurde. Nicht als ob ich mich vor der Ueberzahl gefürchtet
hätte; den nackten, waffenlosen Menschen war ich, obwohl nur ein Einzelner,
jedenfalls überlegen. Aber ich fragte mich, woher ich den Beruf, den Anlaß,
oder gar die Verpflichtung habe, meine Hände in Blut zu tauchen und Menschen
anzugreifen, die mir nie etwas zu Leide gethan hätten und vielleicht gar nicht
daran dächten, mir Böses zu thun. Gegen mich hatten sie ja Nichts verbrochen,
ihre barbarischen Gebräuche waren Unglück genug für sie selbst. Gott hatte sie
mit den übrigen Bewohnern dieser Weltgegend in solcher Unvernunft und in so
unmenschlichen Sitten gelassen, und ich war nicht zum Richter über ihre Handlungen
und noch weniger zum Vollstrecker des Urtheils berufen. Wenn Gott es an der
Zeit halte, sagte ich mir, würde er die Sache schon selbst in die Hand nehmen
und sie durch eine allgemeine Züchtigung für ihre Nationalsünden strafen. Mich
gehe das Nichts an, während freilich Freitag, als der erklärte Feind der Wilden,
der mit ihnen auf dem Kriegsfuß lebte, berechtigt sei, sie anzugreifen. Von
mir aber könne das nicht gelten.
Diese Gedanken machten mir während des ganzen Wegs so viel zu schaffen, daß
ich endlich beschloß, mich vorläufig nur in die Nähe der Wilden zu begeben,
um ihr barbarisches Fest zu beobachten und dann zu handeln, wie Gott mir es
eingeben würde. Wenn sich Nichts ereignete, das mir einen entschiedneren Beruf,
als ich ihn jetzt hätte, verleihe, wollte ich Nichts mit ihnen zu thun haben.
Mit diesem Entschluß betrat ich in möglichster Stille und mit aller Vorsicht
das Gehölz. Freitag folgte mir dicht auf den Fersen. Ich ging bis an den Saum
des Waldes auf der den Wilden zunächst gelegenen Seite. Nur ein einziges schmales
Stück des Gebüsches trennte mich jetzt noch von ihnen. Ich rief leise Freitag
an und gebot ihm, auf einen Baum an der Ecke des Waldes zu steigen und mir zu
melden, ob er von dort aus deutlich wahrnehmen könne, was vorgehe. Er kam augenblicklich
zurück mit der Nachricht, daß die Wilden von dort sehr gut beobachtet werden
könnten; sie säßen alle um ihr Feuer herum und verzehrten das Fleisch eines
ihrer Gefangenen; der andere liege in einiger Entfernung gebunden auf dem Sand
und würde demnächst an die Reihe des Geschlachtetwerdens kommen.
Diese Nachricht brachte meine ganze Seele aufs Neue in Aufregung. Freitag sagte
ferner, der Unglückliche sei keiner seiner Landsleute, sondern einer von den
weißen bärtigen Männern, die, wie er mir erzählt, in dem Boote zu ihnen gekommen
seien. Die bloßen Worte »weißer bärtiger Mann« machten mich schaudern. Ich erstieg
den Baum und bemerkte durch mein Fernglas deutlich einen Mann von weißer Farbe,
der auf dem Boden an Händen und Füßen mit Schlinggewächsen gefesselt lag und
seiner Kleidung nach ein Europäer sein mußte.
Es befand sich noch ein anderer Baum und ein kleines Gebüsch jenseits desselben,
etwa fünfzig Ellen näher bei den Wilden, und es schien möglich, dahin unbemerkt
und auf einem kleinen Umweg bis auf halbe Schußweite von den Cannibalen zu gelangen.
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