Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

Gutes. Du lehren wilde Männer gut sein, nüchtern und vernünftig, du sie lehren
Gott kennen, zu ihm beten und ein neues Leben anfangen«. – »Ach«, erwiederte
ich, »Freitag, du weißt nicht, was du sagst, ich bin selbst nur ein armer, unwissender
Mensch.« »Nein, nein«, entgegnete er, »du mich gelehrt hast Gutes, du sie auch
lehren Gutes.« – »Nein, Freitag«, erwiederte ich, »du sollst ohne mich reisen.
Laß mich hier mein einsames Leben fortführen wie früher.«
Bei diesen Worten sah er mich betroffen an, rannte fort, ergriff eines der Beile,
die er gewöhnlich bei sich trug, kam zurück und gab es mir. »Was soll ich damit?«
fragte ich. »Du todt machen Freitag«, antwortete er. »Weshalb soll ich dich
denn tödten?« – »Weil du fortschicken wollen Freitag. Besser todt machen Freitag
als wegschicken.« Er sagte dies sehr ernsthaft und mit Thränen in den Augen.
So wurde ich von seiner großen Liebe und Festigkeit aufs Neue überzeugt und
versicherte ihn deshalb jetzt und später noch oft, daß ich ihn nie von mir lassen
werde, wenn er bei mir bleiben wolle.
Wie mir diese ganze Unterredung seine innige Liebe zu mir und seinen Entschluß,
sich nie von mir zu trennen, bewiesen hatte, so erkannte ich jetzt auch, daß
sein Verlangen ins Vaterland heimzukehren lediglich in der heißen Liebe zu seinem
Volk und seiner Hoffnung, daß ich diesem Gutes thun werde, begründet war. Da
nun meine Fluchtgedanken in den Unterredungen mit Freitag durch das, was er
mir von den siebzehn weißen Männern erzählte, immer mehr genährt waren, machte
ich mich mit ihm ohne Verzug ans Werk und spähte nach einem starken Baum, den
ich fällen wollte, um daraus ein großes Canoe für unsre Reise zu bauen.
Es gab Bäume genug auf der Insel, um daraus eine kleine Flotte, und zwar nicht
nur von Kähnen, sondern sogar von ziemlich großen Fahrzeugen erbauen zu können.
Mein Hauptaugenmerk aber war darauf gerichtet, einen Baum in möglichster Nähe
des Wassers zu finden, damit wir das Boot leicht flott zu machen vermöchten
und nicht den früher begangenen Fehler wiederholten.
Endlich entdeckte Freitag, der viel mehr Holzkenntniß als ich besaß, einen geeigneten
Baum; wie er hieß, weiß ich bis auf diesen Tag nicht anzugeben. Das Holz glich
dem, welches wir Gelbholz nennen, und ähnelte dem Nicaraguaholz in Farbe und
Geruch. Freitag schlug vor, den Baum durch Ausbrennen auszuhöhlen, ich zeigte
ihm aber, wie das besser mit Werkzeugen zu bewerkstelligen sei, mit denen er
dann auch sehr geschickt hantierte. Nach Ablauf eines Monats harter Arbeit war
das Werk vollendet. Das Ding nahm sich sehr hübsch aus, besonders nachdem wir
mit den Aexten, deren Gebrauch ich Freitag gelehrt hatte, die Außenseite des
Baumes in wirkliche Bootsgestalt gebracht hatten. Hierauf brauchten wir jedoch
noch vierzehn Tage, um es, so zu sagen, Zoll für Zoll, auf großen Walzen ins
Wasser zu bringen. Als es flott war, erkannten wir, daß das Boot mit Leichtigkeit
zwanzig Mann zu tragen vermochte.
Nicht wenig überraschte es mich zu sehen, wie geschickt und rasch Freitag das
große Fahrzeug im Wasser zu bewegen und zu lenken verstand. Auf meine Frage,
ob wir wohl darin die Ueberfahrt wagen dürften, sagte er: »Ja, wir können wagen
recht gut, wenn auch weht großer Wind«. Meine weitere Absicht ging nun darauf,
einen Mastbaum und ein Segel anzufertigen und das Boot mit Anker und Tau zu
versehen. Ein Mast war leicht genug zu bekommen. Ich wählte mir eine schlanke
junge Ceder, die sich in der Nähe befand, aus, denn an solchen Bäumen war auf
der Insel Ueberfluß. Freitag mußte sich daran machen, sie zu fällen, und ich
beschied ihn, welche Gestalt sie haben müsse. Die Sorge für das Segel mußte
ich selbst übernehmen. Ich wußte, daß ich alte Segel oder wenigstens Segelstücke
in Menge hatte. Da sie aber jetzt bereits sechsundzwanzig Jahre unbenutzt gelegen,
und ich sie nicht sehr sorgsam aufbewahrt hatte, weil mir nie der Gedanke gekommen
war, sie je gebrauchen zu können, glaubte ich, sie seien sämmtlich verfault.
Mit den meisten war dies auch der Fall. Jedoch fand ich zwei noch leidlich aussehende
Stücke, machte mich an die Arbeit und brachte mit großer Mühe und durch natürlich
sehr langsame und plumpe Näherei (denn ich hatte ja keine Nadeln) endlich ein
dreieckiges mißförmiges Ding heraus, das der Gestalt nach der Art ähnelte, die
wir in England ein Hammelsbugsegel nennen. Man benutzt diese mit einem Segelbaum
am unteren Ende und einem kleinen kurzen Spriet am oberen. Mit einem solchen
Segel wußte ich am besten umzugehen, weil sich ein derartiges, wie ich früher
erzählte, in dem Schiffe befunden hatte, in welchem ich von der afrikanischen
Küste geflohen war.
Die letztere Arbeit (nämlich die Anfertigung des Mastes und der Segel) nahm
noch fast zwei weitere Monate in Anspruch. Ich vervollständigte mein Werk, indem
ich noch ein kleines Fock und ein Besansegel hinzufügte, für den Fall, daß wir
gegen den Wind gingen. Vor Allem aber brachte ich ein Steuerruder am Sterne
des Schiffes an. Ich war zwar nur ein Dilettant in Schiffsbauangelegenheiten,
aber da ich den Nutzen und sogar die Nothwendigkeit eines solchen Dinges kannte,
gab ich mir die größte Mühe und brachte es endlich auch leidlich zu Stande.
In Folge der vielen fehlgeschlagenen Versuche aber kostete mich diese Arbeit,
glaube ich, fast ebenso viel Anstrengung als die Erbauung des Boots selbst.

Nachdem dies Alles vollbracht war, hatte ich zunächst noch Freitag in der Lenkung
des Boots zu unterweisen. Denn obwohl er sehr gut mit einem Canoe umzugehen
verstand, wußte er doch Nichts von allem, was zum Segeln und Steuern gehört.
Er staunte nicht wenig, als er mich das Boot hier- und dahin mit dem Steuer
lenken und das Segel, je nach der Richtung, die wir einschlugen, sich blähen
sah, und stand ganz verdutzt und überrascht dabei. Jedoch durch ein wenig Uebung
machte ich ihn mit all diesen Dingen vertraut, und er wurde bald ein ganz geschickter
Matrose, nur daß er vom Gebrauch des Kompasses keinen rechten Begriff erlangen
konnte. Uebrigens war auch, da der Himmel in diesem Klima selten umnebelt und
das Wetter nicht oft trübe ist, der Gebrauch jenes Hülfsmittels nur selten geboten.
Man konnte sich des Nachts immer nach den Sternen richten, und des Tags sah
man ja stets die Küste, ausgenommen während der Regenzeit, in welcher aber auch
Niemand Lust haben konnte, sich auf das Meer zu wagen.
Ich hatte jetzt das siebenundzwanzigste Jahr meiner Gefangenschaft angetreten.
Unter dieser Benennung darf ich freilich die letzten drei Jahre, in denen ich
ein menschliches Wesen zur Gesellschaft gehabt hatte, eigentlich nicht mitbegreifen,
denn während dieser Zeit war meine ganze Lebensweise eine völlig andere gewesen
als sonst. Ich feierte den Jahrestag meiner Landung mit demselben Dankgefühl
gegen Gott wie die früheren, ja die Empfindung der Dankbarkeit war jetzt in
mir noch um Vieles höher als ehedem, da mir ja so viel neue Zeugnisse der göttlichen
Fürsorge für mich zu Theil geworden waren, und ich sogar große Hoffnung auf
wirkliche und baldige Erlösung gefaßt hatte. Denn es hatte sich jetzt in mir
der unbewegliche Glaube festgesetzt, daß meine Befreiung nahe sei, und daß ich
kein ganzes Jahr mehr an diesem Ort verbringen werde. Trotzdem aber versäumte
ich mein Hauswesen darum keineswegs. Ich fuhr fort zu graben, zu pflanzen, meine
Einzäunung zu pflegen, sammelte meine Trauben und that alles Nothwendige wie
früher. Während der Regenzeit war ich natürlich gezwungen, mich mehr in meiner
Wohnung zu halten. Unser Fahrzeug hatten wir so sicher als möglich in jener
Bucht geborgen, die mir früher zum Landungsplatz für meine Flöße gedient hatte.
Ich ließ das Boot bei der Flut auf das Land treiben und befahl Freitag ein kleines
Dock zu graben, das groß genug war, um es zu fassen, und tief genug, daß es
darin in Wasser schwimmen konnte. Dann zog ich während der Ebbe am Eingang des
Docks einen festen Damm, um das Wasser abzuhalten, und so lag das Boot auch
zur Flutzeit außerhalb der See. Um den Regen abzuhalten, legten wir eine Menge

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