Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
in jenem Boote weiße Männer befunden hätten. »Ja«, erwiederte er, »Boot voll
weiße Mann.« Als ich ihn nach der Anzahl derselben gefragt, zählte er an seinen
Fingern siebzehn ab, und auf meine fernere Frage, was aus ihnen geworden, antwortete
er: »Sie leben, wohnen bei mein Volk«.
Dies gab mir wiederum Mancherlei zu erwägen. Zunächst kam mir der Gedanke, diese
Leute hätten zu dem Schiff gehört, welches im Angesicht meiner Insel (denn ich
betrachtete sie jetzt als mein Eigenthum) gescheitert war. Ich dachte mir, sie
hätten sich wohl, nachdem das Schiff am Felsen zertrümmert und von ihnen aufgegeben
war, in dem Boot gerettet und seien an jener Insel unter den Wilden gelandet.
Als ich demzufolge eindringlicher danach gefragt hatte, was aus jenen Leuten
geworden sei, versicherte Freitag, sie wären noch am Leben, hielten sich schon
über vier Jahre bei seinen Landsleuten auf, und würden von diesen ganz in Frieden
gelassen und mit Lebensmitteln versehen. Auf meine Frage, wie es denn geschehen
sei, daß man sie nicht getödtet und gefressen habe, erwiederte er: »Nein, sie
geworden Brüder von uns«. Ich verstand das so, daß man mit ihnen ein Bündniß
geschlossen habe. Freitag fügte noch hinzu: »Mein Volk nicht essen Mensch, wenn
nicht sie gefangen in Schlacht«.
Geraume Zeit nach diesem Gespräch befanden wir uns eines Tages auf dem Gipfel
jenes Hügels an der Ostseite der Insel, von dem aus ich, wie früher erwähnt,
an einem hellen Tage das Festland von Amerika entdeckt hatte. Das Wetter war
sehr heiter. Freitag schaute aufmerksam nach dem Festlande hin, und plötzlich
fing er an zu springen und zu tanzen und rief mich, da ich etwas entfernt von
ihm stand, herbei. Ich fragte ihn, was es gäbe. »O Freude«, antwortete er, »dort
ich sehe mein Land, dort wohnen mein Volk!«
Sein Gesicht glänzte dabei vor Lust, seine Augen funkelten und eine seltsame
Begierde zeigte sich in seinen Mienen, als ob es ihn innig verlange, wieder
in der Heimat zu sein. Diese Beobachtung machte mich nachdenklich und ließ mich
nicht mehr so ruhig wie sonst in Bezug auf Freitag sein. Ich bezweifelte nicht,
daß dieser, wenn er wieder zu seinem Volke zurückgekehrt sei, nicht nur seine
ganze Religion, sondern auch alles Andere, was er mir dankte, vergessen und
sogar sich so weit verirren würde, mit einer ganzen Menge seiner Landsleute
hierher zurückzukehren, mich zu einer Mahlzeit zu verwenden und dabei vermutlich
gerade so vergnügt zu sein als bei der Verschmausung der im Kriege gefangenen
Feinde. Jedoch that ich mit solchem Verdacht dem armen Burschen großes Unrecht,
wie ich später zu meinem Leidwesen eingesehen habe. Einige Wochen hindurch war
ich in Folge meiner wachsenden Besorgniß vorsichtiger in Bezug auf ihn und nicht
so freundlich und herzlich als früher, während doch die gute Seele in der That
auch nicht einen Gedanken hegte, der sich nicht mit den strengsten Grundsätzen
des Christentums und der Freundschaft und Dankbarkeit vertragen hätte.
So lange mein Verdacht gegen ihn währte, nahm ich ihn natürlich alle Tage scharf
aufs Korn, um zu sehen, ob ihn wirklich die Gedanken, die ich bei ihm vermuthete,
erfüllten. Da aber Alles, was er sagte, die treuherzigste Unschuld bezeugte,
und da ich auch gar Nichts fand, was mein Mißtrauen hätte nähren können, gewann
er mich endlich wieder ganz und gar. Er hatte übrigens nicht im Mindesten meine
Unruhe bemerkt, und so konnte ich sicher sein, daß er mich nicht betrog.
Eines Tages, als wir bei nebeligem Wetter, welches unseren Blicken den Kontinent
verhüllte, auf demselben Hügel standen, fragte ich Freitag: »Hast du nicht Lust
wieder in deinem Lande und bei deinem Volke zu sein?« – »Ja«, erwiederte er,
»ich viel froh sein würde, bei eigenem Volke zu sein.« – »Was würdest du dort
machen?« fuhr ich fort; »wolltest du wieder ein Wilder werden, Menschenfleisch
essen und als ein so wilder Mensch leben wie früher?« – Er sah nachdenklich
vor sich hin, schüttelte den Kopf und antwortete: »Nein, nein, Freitag ihnen
sagen würde, gut leben sollen, Gott anbeten, lehren ihnen essen Kornbrod, Fleisch
von Ziegen, Milch, nicht essen Mensch wieder«.
»Aber«, entgegnete ich, »dann werden sie dich ja tödten!« Mit ernsthafter Miene
erwiederte er: »Nein, sie nicht mich tödten, gern lernen wollen«. Er fügte hinzu,
daß seine Landsleute auch schon Viel von den bärtigen Männern, die in jenem
Boote gekommen seien, gelernt hätten. Als ich ihn hierauf fragte, ob er wieder
zu den Seinigen zurückkehren wolle, antwortete er lächelnd, so weit könne er
nicht schwimmen. »Ich will«, entgegnete ich, »dir ein Canoe anfertigen.« Ja,
wenn ich mit ihm gehen würde, erwiederte er, dann wollte er heimkehren. Darauf
ich: »Ich soll wirklich nach deinem Vaterlande gehen, um mich dort fressen zu
lassen?« – »Nein, nein«, lautete seine Antwort, »ich nicht fressen lassen dich,
ich machen werde, daß sie haben dich lieb.« Er meinte damit, daß er ihnen erzählen
wollte, wie ich seine Feinde getödtet und ihm das Leben gerettet habe. Dann
erzählte er, wie freundlich jene siebzehn weißen Männer, die Bartmänner, wie
er sie nannte, bei seinem Volke behandelt wurden, nachdem sie durch Unglück
an jenen Strand gerathen seien.
Seit dieser Zeit fühlte ich, wie ich nicht verhehlen will, Lust, die Ueberfahrt
zu wagen, um mich wo möglich mit jenen bärtigen Männern, die, wie ich nicht
zweifelte, Spanier oder Portugiesen waren, zu vereinigen. Es schien mir leicht,
von dort aus, wenn ich erst auf dem Festlande und in civilisirter Gesellschaft
sei, heimzukehren, wenigstens leichter als von hier aus, wo ich allein und hülflos
auf einer vierzig Meilen vom Festland gelegenen Insel hauste.
Einige Tage später eröffnete ich mit Freitag wiederum ein auf denselben Plan
bezügliches Gespräch. Ich versprach ihm ein Boot zu geben, damit er zu seinem
Volke heimkehren könne. Dann führte ich ihn zu meinem Canoe, das auf der anderen
Seite der Insel lag, zeigte es ihm, nachdem ich es vom Wasser befreit hatte
(denn der Vorsicht wegen hatte ich es versenkt gehabt), und setzte mich mit
ihm hinein. Freitag zeigte sich sofort sehr geschickt im Steuern und Rudern
und brachte es fast so rasch von der Stelle wie ich.
Als wir uns in das Boot gesetzt hatten, sagte ich: »Nun, Freitag, wie ist’s,
wollen wir jetzt nach deinem Vaterland fahren?« Er machte ein sehr bedenkliches
Gesicht und schien das Fahrzeug für eine so weite Reise zu klein zu finden.
Hierauf theilte ich ihm mit, daß ich noch ein größeres besitze, und begab mich
am nächsten Tag mit ihm an den Ort, wo das von mir zuerst gebaute Boot lag,
das ich nicht hatte ins Wasser bringen können. Dieses sei, sagte Freitag, groß
genug. Es war aber, da ich mich fast dreiundzwanzig Jahre lang nicht darum bekümmert
hatte, von der Sonne so ausgedörrt, daß es Sprünge bekommen hatte und beinahe
verfault war. Freitag versicherte mich, mit solch einem Boot lasse sich die
Ueberfahrt ausführen, es würde »viel genug Trunk und Brod tragen«, wie er sich
ausdrückte.
Seit dieser Zeit war ich wirklich entschlossen, mit Freitag nach dem Kontinent
zu schiffen. Ich theilte ihm mit, daß wir uns ein ebenso großes Boot bauen wollten,
um darin in sein Vaterland reisen zu können. Er erwiederte kein Wort und schaute
ernst und traurig vor sich hin. Auf meine Frage, was das bedeuten solle, erwiederte
er: »Warum du böse sein Freitag? Was haben ich gethan?« – Ich versicherte ihm,
daß ich ihm nicht böse sei. »Nicht böse? Nicht böse?« wiederholte er mehre Male;»warum
dann schicken Freitag zu meinem Volke?« – »Wie«, sagte ich, »hast du nicht selbst
gewünscht dort zu sein?« – »Ja, ja«, entgegnete er, »ich wünschen, da zu sein
alle Beide, nicht wünschen, da zu sein Freitag allein, nicht wünschen, da zu
sein Herr allein.«
Kurz, er wollte Nichts vom Alleingehn wissen. Als ich die Frage an ihn gerichtet:
»Freitag, was soll denn ich dort thun?« versetzte er rasch: »Du dort thun viel
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