Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

damit wir Buße thun und Gnade finden sollen.«
Freitag sann eine Weile nach. »Ah so!« entgegnete er sehr lebhaft, »also du,
ich, Teufel, schlechte Alle aufbewahrt werden, Buße thun, Gott Allen verzeihen.«

Hier fühlte ich mich wiederum aus der Fassung gebracht. Ich erkannte jetzt deutlich,
daß das natürliche Geistesvermögen vernünftige Geschöpfe zwar zu der Erkenntniß
Gottes und der Verpflichtung, ihn als höchstes Wesen anzubeten, führen könne,
daß aber nur göttliche Offenbarung uns zum Wissen von Jesu Christo, der durch
ihn uns erkauften Erlösung und seiner Mittlerschaft zu bringen vermöge, sowie
daß das Evangelium unsres Herrn und Heilands und der heilige Geist, der uns
als ein Führer und Heiligmacher verheißen ist, die unumgänglich nöthigen Lehrer
der Menschenseele über die Mittel zu unsrer Erlösung sind.
In dieser Ueberzeugung brach ich das damalige Gespräch zwischen mir und meinem
Diener ab und entfernte mich eilig. Nachdem ich ihn zur Besorgung eines Auftrags
an einen entlegenen Ort geschickt hatte, betete ich brünstig zu Gott, daß er
mir die Kraft verleihen möge, diesen armen Wilden in der Heilslehre zu unterweisen,
und daß er mit seinem Geiste mir beistehe, damit das Herz des armen unwissenden
Menschen das Wissen von Gott und Christo aufnehme, und daß ich von Gottes Wort
so reden könne, um den Wilden zu überzeugen, ihm die Augen zu öffnen und seine
Seele zu retten.
Als Freitag zurückgekehrt war, hielt ich abermals ein langes Gespräch mit ihm.
Ich sprach zu ihm von der Erlösung durch den Heiland der Welt und von dem himmlischen
Evangelium, das uns Buße gegen Gott und Glauben an unsern Herrn Jesus Christus
predige. Dann machte ich ihm so deutlich als möglich, warum unser Erlöser Knechtsgestalt
angenommen und gekommen sei, die verirrten Schafe aus dem Hause Israel wiederzusuchen
und dergleichen mehr.
Gott weiß, daß mehr guter Wille als Verstand in meiner Lehrmethode zum Vorschein
kam. Ich muß eingestehen (und ein Gleiches werden wohl Alle, die in ähnliche
Lage gerathen, von sich zu bekennen haben), daß ich erst durch das Lehren viele
Dinge, die ich bisher entweder selbst nicht gewußt, oder wenigstens nicht genügend
durchdacht hatte, lernte. Ich forschte jetzt mit mehr Eifer nach dem Wesen der
Dinge als je zuvor, und so gab mir dieser arme Wilde, auch abgesehen von allen
sonstigen Vortheilen, die ich durch ihn hatte, schon in dieser Hinsicht Anlaß
zur Dankbarkeit. Mein Kummer lastete mir jetzt minder schwer auf dem Herzen
und meine Behausung war mir jetzt über alle Maßen traulich geworden. Wenn ich
bedachte, daß mein einsames Leben nicht nur mich selbst dazu gebracht hatte,
zum Himmel aufblickend die Hand, die mich hierhergeführt, zu suchen, sondern
daß ich jetzt auch das Werkzeug der Vorsehung geworden war zur Errettung des
Lebens und der Seele eines armen Wilden und zu fernerer Unterweisung in der
christlichen Wahrheit –, wenn ich an dieses Alles dachte, so erfüllte mir eine
tiefinnerliche Freude die ganze Seele und ich jauchzte oft im Herzen darüber,
daß ich auf diese Insel verschlagen worden war, während ich sonst in dieser
Fügung die furchtbarste Trübsal, die mir hätte widerfahren können, erblicken
zu müssen geglaubt hatte.
Diese dankbare Gemüthsstimmung dauerte von jetzt an in mir fort, und die Gespräche
zwischen Freitag und mir machten die drei Jahre, die wir noch zusammenlebten,
zu so vollkommen glücklichen, wie sie unter dem Monde überhaupt möglich sind.
Mein Diener wurde ein guter Christ, ein besserer, als ich selbst war, obwohl
ich, Gott sei Lob dafür, hoffen darf, daß wir Beide in gleichem Maße bußfertige
und begnadigte Sünder waren. Wir hatten das Wort Gottes bei uns und waren von
seinem Geiste, der uns unterwies, hier nicht weiter entfernt, als wenn wir in
England selbst gelebt hätten. Ich gab mir Mühe, daß Freitag die heilige Schrift
so gut verstehen lernte, als ich sie verstand, und er wiederum bewirkte durch
seine bedeutsamen Fragen, daß ich viel besser in den Geist der Bibel eindrang,
als es durch bloßes Lesen für mich möglich gewesen wäre.
An dieser Stelle kann ich nicht umhin, eine Erfahrung, die ich in jener einsamen
Zeit meines Lebens machte, auszusprechen. Nämlich die: Es ist ein unaussprechlicher
Segen darin gelegen, daß die Lehre von Gott und der Erlösung durch Jesum Christum,
wie sie Gottes Wort enthält, so deutlich und klar ausgesprochen ist. Das bloße
Lesen in der Schrift unterwies mich hinlänglich über meine Pflicht, das große
Werk der aufrichtigen Buße zu beginnen, und dieselbe einfache Unterweisung reichte
auch aus, um jene arme wilde Kreatur zu erleuchten und zu einem so wahrhaft
christlich gesinnten Menschen zu machen, wie ich nur wenige im Leben gekannt
habe.
Alle Streitigkeiten, Controversen und Zänkereien, welche in der Welt um die
Religion gestritten sind, sei es in Bezug auf Spitzfindigkeiten der Lehre oder
um das kirchliche Regiment, waren für uns unnütz, wie sie es überhaupt, so viel
ich sehe, von je her für die ganze Welt gewesen sind. Wir hatten den einzigen
sichern Führer zum Himmel, das Wort Gottes, und es fehlte uns, dem Herrn sei
es gedankt, auch nicht der Beistand des heiligen Geistes, der in alle Wahrheit
leitet und uns dem göttlichen Gesetz willig und gehorsam macht. Daher wüßte
ich nicht zu sagen, was uns auch die gereifte Kenntniß über die strittigen Punkte
in der Religion, die in der Welt so viel Verwirrung angerichtet haben, hätte
nützen können. Doch ich habe jetzt den Faden meiner Geschichte wieder aufzunehmen.

Nachdem ich mit Freitag genau bekannt geworden war, und er fast Alles, was ich
sagte, verstehen, auch geläufig, wenn auch nur in gebrochenem Englisch sprechen
konnte, machte ich ihn mit meiner eigenen Geschichte bekannt, wenigstens mit
dem, was sich auf meinen Aufenthalt auf der Insel bezog. Ich erzählte ihm, wie
lange und in welcher Weise ich dort bisher gelebt hatte, weihte ihn in das Geheimniß
der Anwendung von Pulver und Blei ein und lehrte ihn mit Schießwaffen umzugehen.
Ich gab ihm auch ein Messer, worüber er sich ungemein freute, und fertigte ihm
einen Gürtel an, an welchem ich eine Scheide befestigte, wie man sie in England
für die Jagdmesser hat. An die Stelle eines solchen steckte ich ihm ein Beil
hinein, das nicht nur eine gute Waffe, sondern auch für andere Gelegenheiten
ein vortreffliches Werkzeug war.
Auch eine Beschreibung der europäischen Länder, besonders meiner Heimat England,
gab ich ihm. Ich erzählte ihm, wie man dort lebt, Gott verehrt und gesellig
mit einander verkehrt, schilderte ihm den englischen Welthandel und gab eine
Beschreibung des zertrümmerten Schiffes, an dessen Bord ich gewesen war, und
zeigte ihm auch die Stelle, wo es gelegen hatte. Ich wies ihm die Trümmer unsres
Boots, in dem wir das Schiff verlassen, und das ich mit allen meinen Kräften
nicht hatte von der Stelle bringen können. Jetzt war es ganz in Trümmer zerfallen.
Bei dem Anblick der Ueberreste dieses Boots stand Freitag eine lange Weile schweigend
und sinnend da. Auf meine Frage, worüber er nachdenke, antwortete er endlich:
»Ich gesehen Boot, ein solches kommen an Ort meines Volkes«. Anfangs verstand
ich ihn nicht. Endlich brachte ich durch weitere Fragen heraus, daß einst ein
ähnliches Fahrzeug an die Küste seiner Heimat gelangt, das heißt durch den Sturm
dahin getrieben sei. Wiewohl ich hieraus entnahm, daß ein europäisches Schiff
an jenen Küsten gescheitert und ein davon losgerissenes Boot an den Strand geworfen
sein müsse, fiel mir doch nicht ein zu fragen, ob denn auch Menschen von jenem
Schiffe sich dorthin gerettet hätten und wohin sie gekommen seien. Vielmehr
begnügte ich mich für jetzt damit, mir das Boot beschreiben zu lassen.
Freitag that dies verständlich genug. Mit einiger Wärme fügte er hinzu: »Wir
weiße Männer vor Ertrinken gerettet haben«. Sofort fragte ich, ob sich denn

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