Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
überwachen.
Während ich hier auf Nichts als meine Flucht dachte, wollte sich doch nicht
die mindeste Möglichkeit zur Ausführung derselben zeigen. Auch war Niemand da,
dem ich meine Pläne hätte mittheilen, und der mich hätte begleiten können. Denn
unter meinen Mitsklaven befand sich kein Europäer. So bot sich mir denn zwei
Jahre hindurch, so oft ich mich auch in der Einbildung damit beschäftigte, nicht
die mindeste hoffnungerweckende Aussicht auf ein Entrinnen dar.
Ungefähr nach Ablauf dieser Zeit rief mir ein seltsamer Umstand meine Fluchtpläne
wieder ins Gedächtniß. Eine geraume Weile hindurch blieb nämlich mein Herr,
wie ich hörte aus Geldmangel, gegen seine Gewohnheit zu Hause liegen. Während
dieser Zeit fuhr er jede Woche ein oder mehre Mal in seinem kleinen Schiffsboot
auf die Rhede zum Fischen, wobei er stets mich und einen kleinen Moresken zum
Rudern mitnahm. Wir machten ihm auf diesen Fahrten allerlei Späße vor, und da
ich mich zum Fischfang anstellig zeigte, erlaubte er, daß ich nebst einem seiner
Verwandten und dem Mohrenjungen auch bisweilen allein hinausfuhr und ihm ein
Gericht Fische holte.
Als wir einst an einem sehr windstillen Morgen solch eine Fahrt machten, entstand
ein so dicker Nebel, daß wir die Küste, von der wir kaum eine Stunde entfernt
waren, aus dem Gesicht verloren. Wir ruderten unablässig, ohne zu wissen, ob
wir vorwärts oder zurück kämen, den ganzen Tag und die folgende Nacht hindurch
und wurden erst am nächsten Morgen gewahr, daß wir, statt uns dem Lande zu nähern,
nach der offenen See hin gerathen und mindestens zwei deutsche Meilen vom Ufer
entfernt waren. Dennoch erreichten wir dieses, völlig ausgehungert, unter nicht
geringer Mühe und Gefahr wieder, nachdem sich des Morgens ein scharfer Wind
landwärts erhoben hatte.
Unser Gebieter, durch dies Ereigniß gewarnt, beschloß, künftig für seine Person
größere Vorsicht anzuwenden und nicht mehr ohne Kompaß und Proviant auf den
Fischfang zu gehen. Da er das Langboot unseres von ihm genommenen Schiffes zu
seiner Verfügung hatte, trug er seinem Schiffszimmermann, der wie ich Sklave
und geborener Engländer war, auf, in diesem Boot eine kleine Kajüte zu errichten,
ähnlich der in einer Barke, und zwar so, daß hinter derselben Jemand Platz habe,
um zu steuern und das große Segel zu regieren, davor aber zwei Personen Raum
fänden, um die andern Segel zu handhaben.
Das Langboot führte ein sogenanntes Gieksegel und die Raa ragte über die Kajüte
hinaus, welche schmal und niedrig war und höchstens für den Kapitän und ein
Paar Sklaven, sowie einen Tisch und ein Schränkchen zur Aufbewahrung von Brod,
Reis, Kaffee und dergleichen Raum bot. In diesem Fahrzeug fuhren wir dann fleißig
zum Fischen aus, und da ich mich gut auf das Geschäft verstand, ließ mein Herr
mich nie zu Hause.
Eines Tages wollte dieser mit ein paar vornehmen Mohren zum Vergnügen oder zum
Fischfang eine Fahrt machen und ließ dazu ungewöhnliche Anstalten treffen. Schon
Abends zuvor hatte er Mundvorrath an Bord geschickt und mir aufgetragen, drei
Flinten mit dem im Boot befindlichen Pulver und Blei bereit zu halten, damit
er und seine Freunde sich auch durch die Vogeljagd vergnügen könnten. Ich that
wie mir befohlen, und wartete in dem sauber geputzten Boot, darauf Flagge und
Wimpel lustig weheten, auf die Ankunft meines Gebieters und seiner Gäste. Bald
nachher aber kam jener allein, sagte mir, die letzteren seien durch Geschäfte
verhindert, ich solle daher mit dem Mohren und dem kleinen Jungen wie gewöhnlich
allein hinausfahren und für seine Freunde zum Abendessen ein Gericht Fische
fangen.
In diesem Augenblick kamen mir meine Fluchtgedanken wieder in den Sinn. Ich
sah jetzt ein kleines Schiff ganz zu meiner Verfügung gestellt und bereitete,
als mein Herr fort war, sogleich Alles statt für den Fischfang zu einer langen
Fahrt vor. Freilich wußte ich nicht, wohin diese gehen sollte, aber das kümmerte
mich nicht, da ich nur von dort wegzukommen bedacht war.
Zunächst sann ich auf einen Vorwand, um den Mohren nach Proviant auszuschicken.
Ich sagte ihm, es zieme sich nicht für uns, von dem Mundvorrath unsers Gebieters
zu nehmen. Dies leuchtete ihm ein, und er brachte denn auch bald einen großen
Korb mit geröstetem Zwieback, wie solcher dort zu Lande bereitet wurde, nebst
drei Krügen mit frischem Wasser herbei. Ich wußte, wo mein Herr seinen Flaschenkorb
hatte, der, nach der Façon zu schließen, auch von einem englischen Schiffe erbeutet
sein mußte. Diesen stellte ich in das Boot, wie wenn er dort für unsern Herrn
schon gestanden habe. Dann trug ich einen etwa fünfzig Pfund schweren Wachsklumpen
hinein, sowie einen Knäuel Bindfaden, ein Beil, eine Säge und einen Hammer,
lauter nützliche Dinge, besonders das Wachs, aus dem ich Lichter machen wollte.
Dann drehete ich dem Mohren, welcher Ismael hieß, aber Muley genannt wurde,
eine weitere Nase. »Muley«, sagte ich zu ihm, »die Gewehre unsers Herrn sind
an Bord. Könnten wir nicht auch ein wenig Pulver und Schrot bekommen? Es wäre
doch hübsch, wenn wir für uns einige Alkamies (eine Art Seevögel) schießen könnten.
Ich weiß, der Schießbedarf liegt im großen Schiff.« – »Gut«, erwiederte er,
»ich will’s holen.« Bald darauf kam er wirklich mit einem großen Lederbeutel,
in welchem sich etwa anderthalb Pfund Pulver, fünf bis sechs Pfund Schrot und
etliche Kugeln befanden, und trug dies Alles zusammen ins Boot. Unterdeß hatte
ich auch in meines Herrn Kajüte etwas Pulver gefunden, das ich in eine der großen
Flaschen im Flaschenkorb, die beinahe leer war und deren Inhalt ich in eine
andere goß, füllte. So, mit dem Nötigsten versehen, segelten wir aus dem Hafen
zum Fischfang. Der Wind ging leider aus Nordnordost; wäre er von Süden gekommen,
hätte ich leicht die spanische Küste, oder wenigstens die Bai von Cadix erreichen
können. Trotz dem aber, mochte der Wind auch noch so ungünstig wehen, blieb
mein Entschluß fest, von diesem schrecklichen Orte zu entrinnen, das Uebrige
aber dem Geschick anheim zu stellen.
Nachdem wir einige Zeit gefischt hatten, ohne Etwas zu fangen (denn wenn ich
auch einen Fisch an der Angel spürte, zog ich ihn nicht heraus), sagte ich zu
dem Mohren: »Hier hat’s keine Art; wir werden von hier unserm Herrn Nichts heimbringen,
wir müssen es weiter draußen versuchen«. Er, sich nichts Arges versehend, willigte
ein und zog, da er am Stern des Schiffes stand, die Segel auf. Ich steuerte
dann das Boot beinahe eine deutsche Meile auf die offene See hinaus. Hierauf
brachte ich es in die Stellung, als ob ich fischen wolle, gab dem Jungen das
Steuerruder, ging nach vorn, wo der Mohr stand, that, wie wenn ich beabsichtigte,
hinter ihm Etwas aufzuheben, faßte ihn rücklings an und warf ihn kurzer Hand
über Bord. Sofort tauchte er wieder auf, denn er schwamm wie Kork, und bat mich,
ihn wieder herein zu heben. Er wolle ja, sagte er, mit mir in die weite weite
Welt gehen. Da er rasch hinter dem Boot her schwamm, würde er mich bei dem schwachen
Wind bald erreicht haben. Ich aber eilte in die Kajüte, ergriff eine der Vogelflinten
und rief ihm zu: »Wenn du dich ruhig verhältst, werde ich dir Nichts zu Leide
thun. Du schwimmst gut genug, um das Land erreichen zu können, und die See ist
ruhig. Mach, daß du fortkommst, so will ich dich verschonen; wagst du dich aber
an das Boot heran, so brenne ich dir Eins vor den Kopf, denn ich bin entschlossen,
mich zu befreien.« Hierauf wandte er sich um, schwamm nach der Küste und hat
diese auch jedenfalls mit Leichtigkeit erreicht; denn er war ein ausgezeichneter
Schwimmer.
Ebenso gut freilich hätte ich auch den Mohren mit mir nehmen und den Jungen
statt seiner ersäufen können, aber es war Jenem nicht zu trauen. Als er sich
fort gemacht, sagte ich zu dem kleinen Burschen, welcher Xury hieß: »Höre, wenn
du mir treu bleibst, will ich etwas Großes aus dir machen; willst du mir aber
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt