Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
er allein war, redete er es an und schwatzte mit ihm, als ob es ihm geantwortet
habe. Später erfuhr ich von ihm, daß er es gebeten habe, ihn nicht zu tödten.
Nachdem bei jener Gelegenheit sein Erstaunen sich einigermaßen gelegt hatte,
hieß ich ihn den geschossenen Vogel herbeiholen. Er zögerte etwas, denn der
Papagei war anfangs nicht ganz todt gewesen und noch eine Strecke weit geflattert.
Endlich brachte er ihn herbei, und jetzt lud ich, während er sich entfernt hatte,
wiederum meine Flinte, um bei seiner Wiederkunft schußfertig zu sein. Da sich
aber kein Thier für meinen Schuß zeigte, brachte ich das Lamm heim, zog ihm
noch denselben Abend das Fell ab, zerlegte es, so gut es ging, und kochte, da
ich jetzt ein geeignetes Gefäß befaß, darin etwas von dem Fleisch, bereitete
auch davon sehr gute Bouillon. Nachdem ich selbst davon genossen, gab ich meinem
Wilden auch von dem Fleisch zu essen, und es schien ihm sehr gut zu munden.
Was ihn am meisten befremdete, war, daß er es mich mit Salz essen sah. Er gab
mir zu verstehen, daß Salz nicht gut schmecke, steckte ein wenig davon in den
Mund, schien dabei Ekel zu empfinden, spie es wieder aus und spülte sich danach
den Mund mit frischem Wasser. Hierauf nahm ich meinerseits etwas Fleisch ohne
Salz in den Mund und stellte mich gleichfalls, als ob ich es wieder ausspeien
müßte, gerade weil es nicht gesalzen sei. Aber das half Nichts. Lange Zeit wollte
er sich nicht dazu verstehen, Fleisch oder Bouillon mit Salz zu genießen, und
auch später nahm er immer nur ein wenig von diesem Gewürz dazu.
Den nächsten Tag gab ich Freitag dann ein Stück geröstetes Fleisch von dem Lamm
zu essen. Ich hatte das Rösten bewerkstelligt, wie ich es öfters von Leuten
in England hatte thun sehen. Nachdem ich nämlich zwei Stäbe zu beiden Seiten
des Feuers in den Boden gesteckt, legte ich einen dritten Stock darüber, hing
an diesen das Fleisch mit einem Seil auf und ließ es sich daran fortwährend
drehen. Freitag staunte dies Alles höchlich an. Als er von dem Fleisch genossen,
drückte er auf die verschiedenste Weise sehr deutlich aus, wie gut es ihm behage,
versicherte auch endlich, er wolle nie mehr Menschenfleisch essen, was ich mit
Vergnügen hörte.
Am folgenden Tag ließ ich Freitag Gerste auskörnen und sie in der früher beschriebenen
Weise reinigen. Bald verstand er es so gut wie ich selbst, besonders nachdem
er begriffen hatte, daß es zu Brod bestimmt sei. Denn auch dieses zu bereiten
hatte ich ihn gelehrt, und bald besaß Freitag in allen diesen Dingen gleiche
Fertigkeit wie ich.
Ich überlegte nun, daß ich, da ich jetzt für zwei Magen statt für einen zu sorgen
habe, auch ein größeres Stück Feld besäen müsse als früher. Daher begann ich
ein weiteres Stück Land einzuzäunen, wobei mir Freitag sehr willig und ausdauernd
half, nachdem ich ihm gesagt, daß es geschehe, um Brod genug für ihn und mich
selbst zu bekommen. Er schien sehr erkenntlich dafür zu sein und gab mir zu
verstehen, daß, da ich um seinetwillen viel mehr Mühe habe, er auch um so eifriger
für mich arbeiten wolle, wenn ich ihm nur angeben wolle, was zu thun sei.
Das jetzt folgende Jahr war das angenehmste unter allen, die ich auf der Insel
zugebracht habe. Freitag fing an, ganz gut sprechen zu lernen und verstand die
Namen fast aller Gegenstände und aller Orte, nach denen ich ihn schickte. Er
schwatzte ohne Unterlaß mit mir, und ich gebrauchte jetzt meine Zunge wieder
sehr eifrig, nachdem ich so lange keine Gelegenheit sie zu benutzen gehabt hatte.
Außer dem Vergnügen, mich mit ihm zu unterhalten, machte mir mein Gefährte auch
in anderer Hinsicht viel Freude. Die einfache, unverstellte Redlichkeit seiner
Seele offenbarte sich mir jeden Tag mehr, und ich begann, ihn von Herzen lieb
zu gewinnen. Andrerseits faßte auch er eine solche Liebe zu mir, wie er sie
früher wohl für kein anderes Wesen gefühlt haben mochte.
Einmal gelüstete es mich zu versuchen, ob er wohl ein starkes Verlangen nach
der Rückkehr in seine Heimat habe. Da er jetzt genug Englisch verstand, um fast
auf alle meine Fragen antworten zu können, fragte ich ihn, ob das Volk, zu dem
er gehöre, nie eine Schlacht gewonnen habe. Lächelnd erwiederte er. »Ja, ja,
wir immer fechten das Beste«, womit er sagen wollte, daß sein Volk immer siegreich
kämpfe. Hierauf hatten wir folgendes Gespräch: »Wenn Ihr«, sagte ich, »immer
das Beste fechtet, wie kommt es dann, Freitag, daß du gefangen genommen wurdest?«
Freitag: »Mein Volk trotzdem schlägt das Meiste«.
Ich: »Wie so schlagen? Wenn dein Volk sie schlägt, wie konntest du gefangen
werden?«
Freitag: »Sie viel mehr waren als wir; sie eins, zwei, drei und mich gefangen
haben. Mein Volk sie auch geschlagen haben, aber auf Platz, wo ich nicht war.
Dort mein Volk gefangen haben eins, zwei, ein großes Tausend«.
Ich: »Aber weshalb haben die Deinigen dich nicht aus der Hand der Feinde befreit?«
Freitag: »Sie mit eins, zwei, drei und mir fortlaufen und in Canoe bringen.
Mein Volk damals nicht hatten Canoe«.
Ich: »Nun, und was macht dein Volk mit den Gefangenen? Bringt es sie auch fort
und frißt sie, wie Jene thun?«
Freitag: »Mein Volk ißt Mensch auch. Ißt sie Alle auf«.
Ich: »Wohin bringt Ihr sie denn?«
Freitag: »An andern Ort, wohin man will«.
Ich: »Kommt Ihr auch hierher?«
Freitag: »Ja, ja, hierher, auch an andern Platze«.
Ich: »Bist du denn auch schon mit hier gewesen?«
Freitag: »Ja, auch hier gewesen bin«. (Hierbei zeigte er nach der Nordwestseite
der Insel, wo der gewöhnliche Landungsplatz seiner Landsleute zu sein schien.)
Hierdurch hatte ich also erfahren, daß Freitag unter jenen Wilden gewesen war,
die früher auf den entfernteren Inseltheil zu kommen pflegten, und daß ihn ehedem
ganz dieselbe Veranlassung, um derentwillen er selbst hierher gebracht war,
dahin geführt hatte. Einige Zeit darauf, als ich Muth genug fühlte, mit ihm
an jene Stelle zu gehen, erkannte er sie sofort wieder. Wie er mir sagte, war
er einmal dort gewesen, als er und seine Leute zwanzig Männer, zwei Weiber und
ein Kind verzehrt hatten. Die Zahl zwanzig verdeutlichte er mir, da er sie auf
Englisch nicht aussprechen konnte, indem er die entsprechende Anzahl Steine
in einer Reihe auf die Erde legte und mich aufforderte, sie zu zählen.
Das obige Gespräch habe ich hauptsächlich deshalb angeführt, weil es die Einleitung
zu der folgenden Mittheilung Freitags abgab.
Nachdem ich ihn gefragt hatte, wie weit sein Land von unserer Insel sei und
ob die Canoes nicht oft untergingen, erwiederte er, es sei keine Gefahr dabei,
und nie sei eins verloren gegangen. Denn wenn man ein wenig nach der See hinkomme,
so finde sich da eine Strömung, die sich Morgens immer in einer andern Richtung
als des Nachmittags bewege. Damals glaubte ich, dies beziehe sich nur auf den
Wechsel von Ebbe und Flut, später aber erfuhr ich, daß es von der Gewalt des
Stromwechsels in dem mächtigen Orinokoflusse herrühre, in dessen Golf oder Mündung,
wie mir nachmals bekannt wurde, unsre Insel lag. Jenes Land, das ich im Westen
und Nordwesten bemerkt hatte, war nämlich die große Insel Trinidad, die nördlich
vom Ausfluß des genannten Stromes liegt. Ich richtete von jetzt ab an Freitag
tausenderlei Fragen über das Land, die Einwohner, die See, die Küsten und die
benachbarten Nationen, und er sagte mir mit der größten Aufrichtigkeit Alles,
was er darüber wußte. Durch meine Fragen nach den Namen der Nationen seines
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