Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

Nach einiger Zeit kehrten wir zu meiner Festung zurück. Dort gab ich Freitag
vor Allem ein Paar leinene Hosen, die ich aus dem Koffer des oben erwähnten
armen Kanoniers in dem Wrack genommen hatte. Nach einer kleinen Veränderung
paßten sie ihm ganz gut. Dann machte ich ihm aus Ziegenfell, so gut ich es vermochte,
ein Wamms, denn ich hatte mich jetzt zu einem ganz leidlichen Schneider ausgebildet.
Ferner fertigte ich ihm aus Hasenfell eine Mütze, die ihm recht hübsch zu Gesicht
stand, und so war er fürs Erste ziemlich gut bekleidet. Es machte ihm nicht
wenig Vergnügen, sich beinahe so schön als sein Herr selbst equipirt zu sehen.
Freilich sah er im Anfang in seinem Kostüm etwas sehr linkisch aus. Die Hosen
schienen ihn zu geniren, und die Wammsärmel drückten ihn auf der Schulter und
unterhalb der Arme. Nachdem ich aber die Stellen, über die er sich beklagte,
etwas bequemer gemacht und er sich ein wenig an seine Kleidung gewöhnt hatte,
behagte er sich ganz wohl darin.
Am nächsten Tag überlegte ich, wo ich ihn in Zukunft behausen wolle. Um ihm
die gleiche Bequemlichkeit, wie ich sie selbst genoß, zu verschaffen, errichtete
ich für ihn ein kleines Zelt auf dem freien Raum zwischen meinen beiden Festungswerken.
Da man von hier aus in die Höhle gelangen konnte, zimmerte ich eine förmliche
Bretterthür und setzte diese in die Oeffnung. Ich richtete es so ein, daß sie
von Innen zu öffnen war, und verriegelte sie bei Nacht. Da ich Abends auch meine
Leitern einzog, so konnte Freitag durchaus nicht in meine innerste Palissadirung
gelangen, ohne so viel Lärm zu machen, daß ich hätte darüber erwachen müssen.
Ueber meine erste Palissadenwand ragte jetzt ein Dach von langen Pfählen, das
mein Zelt ganz bedeckte und sich an die Hügelseite lehnte. Statt mit Latten
hatte ich es mit dünneren Stöcken kreuzweise belegt und darüber eine dichte
Lage von Reisstroh, das dick wie Rohr war, gebreitet. In der Oeffnung, die für
das Hineinsteigen mit der Leiter gelassen war, hatte ich eine Art Fallthür angebracht,
die, wenn sie von Außen angegriffen wurde, sich nicht öffnete, sondern mit großem
Geräusch herunterfallen mußte. Auch meine sämmtlichen Waffen nahm ich jede Nacht
zu mir in den inneren Raum.
Diese Vorkehrungen wären aber sämmtlich nicht nöthig gewesen. Denn nie hat Jemand
einen treueren, anhänglicheren und aufrichtigeren Diener gehabt, als Freitag
mir war. Frei von schlimmen Leidenschaften, von allem mürrischen Wesen und von
jeder Arglist, ganz und gar mir ergeben, liebte er mich wie das Kind seinen
Vater. Ich kann sagen, daß er sein Leben für mich bei jeder Gelegenheit ohne
Weiteres geopfert haben würde; denn die mannichfachsten Beweise haben mir das
unzweifelhaft dargethan.
Ich habe oft mit Verwunderung meine Betrachtungen darüber angestellt, warum
Gott es zulasse, daß ein so großer Theil seiner menschlichen Geschöpfe die Fähigkeiten
und Anlagen ihrer Seele nicht benutzt. Er hat ihnen doch dieselben Geistesgaben
verliehen wie uns, dieselbe Vernunft, dieselben Neigungen, die gleichen Empfindungen
des Wohlwollens und der Dankbarkeit, das gleiche Gefühl für Gutes und Schlechtes
und dieselbe Empfindung für Aufrichtigkeit und Treue. Wenn es dem Schöpfer gefallen
hätte, ihnen die Gelegenheit zur Anwendung zu geben, so würden sie gewiß gerade
so bereitwillig, ja noch bereitwilliger als wir sein, von ihren Gaben den rechten
Gebrauch zu machen. Zuweilen machte mich auch der Gedanke traurig, wie schlecht
dagegen wir unsere Anlagen verwenden, obgleich wir doch durch das große Licht
der Offenbarung und durch die Kenntniß seines Wortes aufgeklärt sind. Auch das
brachte mich zum Nachdenken, warum nach Gottes Rathschluß so viel Millionen
Seelen dieser heilsamen Erkenntniß untheilhaftig bleiben, die, wenn ich nach
meinem armen Sklaven urtheilen darf, sie besser anwenden würden als wir. Von
hier aus gelangte ich zu weiteren Gedanken über das Walten der Vorsehung, und
ich verirrte mich so weit, daß ich die göttliche Gerechtigkeit in der willkürlichen
Anordnung der Dinge zu vermissen wagte, nach welcher jenes Licht Einigen aufgethan
und Anderen verborgen ist, da doch von Beiden gleiche Pflichterfüllung gefordert
wird. Doch schnitt ich diese Ideen durch die Erwägungen ab: Erstens, daß wir
ja gar nicht wissen, nach welchem Grad der Erkenntniß und nach welchem Gesetze
Jene gerichtet werden. Und ferner, daß, weil Gott nach seiner Natur nothwendig
unendlich heilig und gerecht sein muß, es nicht anders sein könne, als daß jene
armen Menschen, da sie zum Entferntsein von Gott verdammt sind, auch nur gerichtet
werden können um der Sünden willen, die sie gegen diejenige Erkenntniß verbrochen
haben, welche, wie die Schrift sagt, ein Gesetz in ihnen selbst ist. Sodann
aber, daß, da wir Gott gegenüber nur der Lehm in der Hand des Töpfers sind,
das Gefäß nicht sagen könne zu seinem Urheber: »Warum hast du mich also gebildet
und nicht andere?«
Um jedoch auf meinen neuen Gefährten zurückzukommen, so gefiel mir derselbe
außerordentlich. Ich erachtete es für meine Pflicht, ihn in Allem zu unterweisen,
was ihn nützlich und geschickt machen könnte. Besonders gab ich mir Mühe, ihn
sprechen und mich verstehen zu lehren. Er war der aufgeweckteste Schüler, den
man sich denken kann, voll Heiterkeit, von emsigem Fleiße und so voll Freude,
wenn er mich zu verstehen oder sich mir verständlich zu machen vermochte, daß
ich mich sehr gern mit ihm unterhielt. Mein Leben gestaltete sich jetzt so angenehm,
daß ich mir oft sagte, wenn mich nur die übrigen Wilden unangefochten ließen,
wollte ich an eine Entfernung von meinem jetzigen Aufenthalt gar nicht mehr
denken.
Einige Tage nach meiner Rückkehr in meine Festung nahm ich Freitag, da ich bedachte,
daß ich, wenn ich ihm die cannibalische Lust am Verzehren von Menschenfleisch
abgewöhnen wolle, ihm zuvor den Geschmack von anderm Fleisch beibringen müsse,
früh Morgens mit in den Wald. Ich beabsichtigte nämlich, eines der von mir aufgezogenen
Ziegenlämmer zu tödten und das Fleisch zu Hause zuzubereiten. Auf dem Wege aber
bemerkte ich eine Ziege, die mit zwei jungen Lämmern im Schatten lag. Ich nahm
Freitag am Arm, hieß ihn stille stehen, legte mein Gewehr an und schoß damit
nach einem der Lämmer, daß es sofort todt hinfiel. Der arme Bursch, der mich
früher schon aus einiger Entfernung seinen Feind, den Wilden, hatte tödten sehen,
ohne zu wissen, wie ich das angefangen, war offenbar so erstaunt, daß ich glaubte,
er würde vor Schrecken gleichfalls umsinken. Er sah gar nicht, daß ich das Lamm
getödtet hatte, sondern er riß sein Wamms auf, um zu fühlen, ob nicht er selbst
verwundet sei. Jedenfalls glaubte er, ich wolle ihn tödten, denn er kam herbei,
kniete nieder, umfaßte meine Kniee und sagte Allerlei, von dem ich nur so viel
verstand, daß er damit um Schonung seines Lebens flehen wolle.
Ich machte ihm bald begreiflich, daß ich ihm Nichts zu Leide thun werde, ergriff
ihn bei der Hand, zeigte, indem ich ihn auslachte, auf das getödtete Lamm und
winkte ihm, dasselbe zu holen. Während er noch verwundert dasselbe betrachtete,
um zu wissen, wie das Thier erlegt war, lud ich aufs Neue mein Gewehr. In diesem
Augenblick bemerkte ich einen habichtartigen Vogel, der in Schußweite auf einem
Baume saß. Um Freitag einigermaßen begreiflich zu machen, was ich beabsichtigte,
rief ich ihn wieder zu mir, zeigte auf den Vogel (es war ein Papagei) und dann
wieder auf meine Flinte und auf die Erde unter dem Vogel, damit er sähe, wohin
jener fallen solle. Dann gab ich Feuer und befahl ihm, dahin zu blicken, wo
der getödtete Papagei lag. Trotz alledem stand Freitag aufs Neue ganz erschrocken
da. Er schien um so mehr erstaunt, als er nicht gesehen, daß ich Etwas in das
Gewehr gethan hatte. Daher wähnte er, ich besäße irgend ein geheimes Mittel
der Vernichtung, womit man Menschen und Thiere in Nähe und Ferne tödten könne.
Hätte ich es zugelassen, ich glaube, er würde mich und meine Flinte angebetet
haben. Mehre Tage hindurch wagte er nicht, das Gewehr anzurühren, aber wenn

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