Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

daß ich ihm meinen Säbel, der ohne Scheide an meiner Seite hing, geben sollte.
Nachdem ich das gethan, eilte er sofort auf seinen Feind los und schlug ihm
mit einem Hieb so geschickt den Kopf ab, daß es kein Scharfrichter in England
rascher und besser hätte fertig bringen können. Mich wunderte das um so mehr,
weil ich wohl annehmen durfte, daß er nie im Leben ein anderes als die bei den
Wilden gebräuchlichen hölzernen Schwerter in Händen gehabt hatte. Doch erfuhr
ich später, daß diese Holzschwerter so scharf und von so hartem Holz sind, daß
man mit ihnen Köpfe und Arme auf einen Schlag abhauen kann. Nachdem er sein
Werk vollbracht, kam mein Sklave lachend zu mir zurück und legte mit allerlei
Grimassen, die ich nicht verstand, den Säbel nebst dem Kopf des Getödteten zu
meinen Füßen nieder.
Am meisten hatte den geretteten Wilden in Erstaunen gesetzt, wie ich es angefangen,
den andern Indianer aus so großer Entfernung zu tödten. Er machte mir ein Zeichen,
daß ich ihn zu Jenem gehen lassen solle, wozu ich ihn auch durch Winke aufforderte.
Als er zu ihm gekommen war, stand er verwundert da, betrachtete ihn, wendete
ihn von einer Seite auf die andere und beschaute die Wunde, welche die Kugel
hervorgebracht hatte. Diese schien in die Brust gegangen zu sein, ohne daß starker
Blutverlust eingetreten war, denn der Getroffene war nach Innen verblutet und
völlig todt.
Mein Sklave nahm ihm Bogen und Pfeile weg und kam damit zurück. Jetzt wandte
ich mich zur Rückkehr und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er mit mir
kommen möge, da noch andere Verfolger nahen könnten. Er bedeutete mir, daß er
die Todten in den Sand verscharren wolle, damit die Uebrigen sie nicht entdeckten,
wenn sie hinter ihm her kämen. Sobald ich ihm durch Zeichen die Erlaubniß dazu
gegeben, scharrte er sofort mit den Händen Löcher in den Sand und begrub Einen
nach dem Andern binnen etwa einer Viertelstunde. Dann rief ich ihn und nahm
ihn mit mir, ging aber statt zu meiner Festung nach meiner in dem abgelegenen
Theile der Insel befindlichen Höhle. (Demnach ließ ich den Theil meines Traumes,
in welchem der Flüchtling sich in mein Gebüsch verborgen hatte, sich nicht verwirklichen.)
In der Höhle gab ich ihm Brod, ein Bündel Rosinen und einen Trunk Wassers, nach
welchem er in Folge seines Laufs sehr gierig schien. Als er sich so erquickt
hatte, bedeutete ich ihm, daß er sich schlafen legen solle. Ich zeigte ihm einen
Ort, wo ein Haufen Reisstroh und eine Decke zu meinem eigenen zeitweiligen Gebrauch
lag, und der arme Bursch hatte sich kaum darauf ausgestreckt, als er auch schon
eingeschlafen war.
Er war ein stattlicher, hübscher Kerl, wohlgebaut, kräftig von Gliedern, schlank
und wohl proportionirt. Nach meiner Berechnung zählte er etwa sechsundzwanzig
Jahre. Seine Gesichtszüge waren männlich und ohne wilden Ausdruck. Besonders
wenn er lächelte, hatte er die ganze Anmuth und Sanftmuth eines gebildeten Europäers.
Sein Haar war lang und schwarz und nicht völlig gekräuselt; die Stirn hoch und
breit und seine Augen sehr lebhaft und von einem funkelnden scharfen Ausdruck.
Seine Hautfarbe war nicht völlig schwarz, sondern braungelb, aber nicht von
jener häßlichen gelben, widerlichen Farbe, wie man sie bei den brasilianischen,
virginischen und anderen Eingeborenen von Amerika sieht, sondern von einer Art
glänzenden Olivenbrauns, das einen angenehmen, aber schwer beschreiblichen Anblick
gewährte. Sein Gesicht war rund und voll, die Nase klein und nicht platt wie
die der Neger, der Mund schön, die Lippen schmal, die Zähne wohlgereiht und
weiß wie Elfenbein.
Nachdem er über eine halbe Stunde lang geschlafen oder richtiger geschlummert
hatte, erwachte er und kam aus der Höhle zu mir in die dicht daneben befindliche
Einfriedigung, wo ich gerade meine Ziegen molk. Sobald er mich erblickte, eilte
er herbei, warf sich auf die Erde und suchte mir mit allen möglichen seltsamen
Geberden seine Dankbarkeit zu bezeigen. Zuletzt legte er den Kopf auf die flache
Erde und setzte, wie schon einmal, einen meiner Füße darauf. Kurz, er suchte
durch Zeichen der Unterwürfigkeit und demüthigen Ergebenheit anzudeuten, daß
er mir sein ganzes Leben hindurch treu zu dienen gewillt sei. Das Meiste von
dem, was er sagen wollte, begriff ich auch, und ich gab ihm zu verstehen, daß
ich mit ihm zufrieden sei.
Nicht lange darauf fing ich schon an, ihn im Sprechen zu unterrichten. Zunächst
brachte ich ihm bei, daß er Freitag heißen solle, weil ich an diesem Tage ihm
das Leben gerettet hatte. Ich lehrte ihn ferner mich »Herr« anzureden, »ja«
und »nein« zu sagen und die Bedeutung beider Worte zu verstehen. Indem ich ihm
Milch aus einem irdenen Topf zu trinken gab, zeigte ich ihm, wie ich selbst
daraus trank und mein Brod darin eintauchte, reichte ihm dann ein Stück Brod,
damit er es mir nachthue, und er that es auch sofort unter Zeichen, daß ihm
das sehr wohl behage. Während der folgenden Nacht blieb ich mit ihm an jenem
Orte, sobald aber der Tag angebrochen war, forderte ich ihn auf, mir zu folgen,
da ich ihm Kleider geben wollte. Er schien sehr froh darüber zu sein, da er
völlig nackt war. Als wir an die Stelle kamen, wo er die beiden Indianer verscharrt
hatte, zeigte er mir den Platz und die Merkmale, die er angebracht, um ihn wiederzufinden,
wobei er mir durch Zeichen zu verstehen gab, daß wir sie wieder ausgraben und
dann essen wollten. Hierüber ließ ich ihn aber meine ganze Entrüstung merken,
drückte meinen Schauder davor aus und that, als ob ich mich bei dem bloßen Gedanken
daran übergeben müßte. Dann winkte ich ihm, mit fortzugehen, was er sofort in
großer Unterwürfigkeit that. Ich führte ihn zunächst auf den Gipfel des Hügels,
um nachzusehen, ob seine Feinde sich entfernt hätten. Durch mein Fernglas konnte
ich deutlich den Ort, wo sie gelagert hatten, erkennen, aber es war weder Etwas
von ihnen, noch von ihren Canoes zu bemerken. Offenbar hatten sie sich wegbegeben,
ohne nach ihren zurückgebliebnen Kameraden zu suchen.
Diese Entdeckung stellte mich jedoch keineswegs zufrieden. Da ich jetzt muthiger
und dem zufolge auch neugieriger war, nahm ich Freitag mit mir, gab ihm den
Säbel in die Hand, Bogen und Pfeile auf den Rücken und ließ ihn außerdem für
mich ein Gewehr tragen, während ich mich selbst mit zwei derselben bewaffnete.
So ausgerüstet begaben wir uns nach dem Ort, wo die Wilden gewesen waren. Denn
ich hatte große Lust mir genauere Kunde von ihrem Treiben zu verschaffen.
Als wir an ihre Lagerstelle kamen, bot sich mir ein Schauspiel, das mir vor
Schauder das Blut gerinnen und das Herz stocken ließ, während es auf Freitag
keinen besonderen Eindruck machte. Der Platz war nämlich ganz mit Menschengebeinen
bedeckt und mit Blut förmlich gedüngt. Große Stücke Fleisch lagen halb verzehrt,
zerrissen und beschmutzt umher. Mit Einem Wort, man sah alle Spuren des grausigen
Triumphfestes, das die Wilden hier über ihre Feinde gefeiert hatten. Ich zählte
drei Schädel, fünf Hände, die Knochen von drei oder vier Beinen und Füßen und
eine Menge anderer Stücke menschlicher Leichname. Freitag gab mir zu verstehen,
daß vier Gefangene herüber gebracht und drei davon gefressen seien, während
er das vierte Opfer hätte abgeben sollen. Bei einer großen Schlacht zwischen
jenen Wilden und deren Nachbarkönig, zu dessen Unterthanen er zu gehören schien,
sei eine große Zahl von Gefangenen gemacht worden, welche sämmtlich zu verschiedenen
Plätzen geschleppt seien, um verzehrt zu werden.
Ich befahl Freitag, die Schädelknochen, das Fleisch und die übrigen Reste auf
einen Haufen zu schichten, ein großes Feuer anzuzünden und sie zu Asche zu verbrennen.
Er schien noch immer große Lust zuhaben, Etwas von den Kadavern zu verspeisen,
und geberdete sich noch ganz und gar wie ein Cannibale. Aber ich zeigte ihm
so großen Abscheu bei dem bloßen Gedanken an eine solche Handlung, daß er sein
Gelüst nicht verrathen durfte. Ich hatte ihm nämlich begreiflich gemacht, daß
ich ihn niederschießen würde, wenn er sich erfreche, sein Verlangen zu befriedigen.

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