Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

Diesen Entschluß im Kopfe, stellte ich mich so oft als möglich auf Posten, und
zwar eine so lange Zeit, daß ich es endlich herzlich müde wurde. Ueber anderthalb
Jahre harrte ich und begab mich fast täglich während dieses Zeitraums nach der
Westseite und der Südwestspitze der Insel, um nach den Canoes zu spähen, aber
keins ließ sich blicken.
Das wirkte zwar sehr entmutigend auf mich, aber meine Unruhe steigerte sich
dadurch nur. Statt daß früher meine Sehnsucht durch die Zeit abgestumpft worden
war, verschärfte sie sich jetzt nur um so mehr, je länger es währte. Ich war
ehedem nicht so begierig gewesen, den Anblick der Wilden zu vermeiden, als mich
jetzt sehnlichst nach demselben verlangte. Ich bildete mir ein, einen oder gar
mehre Wilde, wenn ich sie hätte, gänzlich zu meinen Sklaven machen und es dahin
bringen zu können, daß sie mir ganz zu Willen und in keiner Weise gefährlich
sein würden, und lange Zeit hindurch gefiel ich mir in solchen Träumereien,
ohne daß sich jedoch eine Aussicht auf ihre Verwirklichung eröffnet hätte.
Da nun wurde ich nach mehr als anderthalb Jahren, als ich die Ausführung meines
Planes schon fast aufgegeben hatte, eines Morgens früh durch den Anblick von
nicht weniger als fünf Canoes, die auf meiner Inselseite am Ufer lagen, überrascht.
Die dazu gehörige Mannschaft war zwar nicht zu sehen, aber die große Zahl der
Fahrzeuge schien alle meine Hoffnungen zu nichte zu machen. Ich wußte, daß immer
vier oder sechs, oft auch mehr Wilde in einem Boote zu sitzen pflegten, und
sah nicht ab, wie ich es anfangen sollte, als einzelner Mann zwanzig bis dreißig
dieser Feinde anzugreifen. So lag ich denn mißmuthig und unruhig in meiner Festung,
traf jedoch alle früher ausgesonnenen Anstalten und war gerade schlagfertig,
als sich etwas Seltsames ereignete. Nachdem ich nämlich eine gute Weile gewartet,
ob sich kein Lärm vernehmen lasse, hatte ich meine Gewehre an den Fuß der Leiter
gestellt und war dann zu dem Gipfel des Hügels hinaufgeklettert, wobei ich jedoch
den Kopf so gebogen hielt, daß man mich auf keine Weise bemerken konnte. Von
dort aus beobachtete ich mittelst meines Fernglases, daß die Anzahl der Wilden
sich auf nicht weniger als dreißig Mann belief. Sie hatten ein Feuer angezündet
und eine Mahlzeit von gebratenem Fleisch vor sich. Wie sie es zubereitet, oder
was es für Fleisch war, wußte ich nicht. Sie tanzten gerade in wunderbaren Windungen
und mit barbarischen Grimassen rund um das Feuer herum.
Da bemerkte ich plötzlich durch mein Glas, wie man zwei Unglückliche aus den
Booten, wo sie, wie es schien, gefesselt gelegen hatten, herbeischleppte, um
sie zu schlachten. Den Einen von Beiden sah ich alsbald durch eine Keule oder
ein hölzernes Schwert getroffen niederstürzen. Zwei oder drei der Cannibalen
fielen sogleich über ihn her, um ihn für die Mahlzeit zu zerschneiden. Unterdeß
stand das andere Schlachtopfer zur Seite, harrend, bis die Reihe an es komme.
Mit einem Male zuckte in dem armen Teufel, der sich ein wenig frei fühlte, die
Liebe zum Leben auf, und er rannte mit unglaublicher Schnelligkeit geraden Wegs
nach der Gegend hin, in der meine Behausung lag. Ich war zum Tode erschrocken,
als er diese Richtung einschlug, besonders da ich zu bemerken glaubte, daß ihn
der ganze Haufen verfolgte.
Jetzt erwartete ich mit Bestimmtheit, auch der andere Theil meines Traumes würde
sich erfüllen und der Flüchtling werde Schutz in meinem Gebüsch suchen. Dagegen
durfte ich nicht darauf rechnen, daß, wie ich geträumt, die andern Wilden ihm
nicht nacheilen und ihn nicht finden würden. Doch blieb ich auf meinem Posten
und mein Muth stieg, als ich sah, daß nur drei Leute Jenen verfolgten. Noch
mehr freute ich mich bei der Wahrnehmung, daß er sie an Schnelligkeit weit übertraf,
und daß er, wenn er den Lauf nur eine halbe Stunde lang aushalten könne, sich
retten werde.
Zwischen den Wilden und meiner Festung befand sich die früher oft erwähnte Bucht,
in die ich immer mein Floß gesteuert hatte. Es war klar, daß der arme Kerl diese
durchschwimmen mußte, wenn er nicht in die Hände der Verfolger fallen sollte.
Wirklich warf sich der Flüchtling, an dem Meeresarme angekommen, ohne Weiteres
in das Wasser, durchschwamm die gerade durch die Flut angeschwollene Strömung
in etwa dreißig Stößen und rannte dann, ans Land gelangt, mit ungemeiner Kraft
und Flinkheit weiter. Als die drei Wilden zur Bucht kamen, schien es, daß nur
zwei von ihnen schwimmen konnten, der dritte aber nicht. Dieser schaute den
Andern, als sie sich in die Flut gestürzt, nach und ging dann langsam zurück,
was, wie sich zeigen wird, sein Glück war. Die Beiden brauchten noch einmal
so lange Zeit, um die Bai zu durchschwimmen, als der Entflohene.
In diesem Augenblick kam mir lebhaft und unwiderstehlich der Gedanke, daß jetzt
die Zeit sei, mir einen Diener und in ihm vielleicht zugleich auch einen hülfreichen
Freund zu verschaffen, und daß ich offenbar von Gott bestimmt sei, dem armen
Teufel das Leben zu retten. Ich stieg in möglichster Eile die Leitern herunter,
ergriff die am Fuß derselben stehenden zwei Gewehre, erkletterte in gleicher
Hast wieder den Gipfel des Hügels, eilte von dort aus dem Meere zu und gelangte
dadurch zwischen den Flüchtling und die Verfolger. Den ersteren rief ich laut
an. Er schaute sich um und war im ersten Augenblick wahrscheinlich vor mir in
gleicher Furcht wie vor Jenen. Ich gab ihm aber ein Zeichen, zu mir zu kommen,
und ging unterdessen langsam den beiden Andern entgegen.
Plötzlich stürzte ich mich auf den Vordersten und schlug ihn mit dem Flintenkolben
nieder. Ich scheute mich Feuer zu geben, damit es die Uebrigen nicht hören sollten,
wiewohl sie es bei der großen Entfernung schwerlich vernommen haben würden und,
da sie auch den Rauch nicht zu sehen vermochten, schwerlich hätten vermuthen
können, was der Knall zu bedeuten habe. Nachdem ich den einen der Wilden zu
Boden geschmettert, hielt der andere erschrocken inne. Als ich näher kam, bemerkte
ich, daß er Bogen und Pfeile führte und gerade nach mir zielte. So war ich denn
doch zum Schuß gezwungen, mit dem ich ihn auch sofort tödtete.
Der arme Flüchtling war, obgleich er seine beiden Feinde niedergestreckt sah,
doch so durch Feuer und Knall meines Gewehrs entsetzt, daß er wie eine Bildsäule
stand und sich nicht vom Fleck rührte. Dabei schien er aber eher geneigt, zu
fliehen als zu mir zu kommen. Ich rief ihn nochmals an und winkte ihm herbeizukommen.
Er machte einige Schritte vorwärts, blieb dann stehen, ging wieder einige Schritte
und hielt hierauf abermals inne. Ich sah, wie er zitterte, als ob er ebenso
sterben zu müssen glaube wie seine beiden Feinde. Auf mein Winken und meine
Zeichen zur Ermuthigung kam er näher und kniete alle zehn bis zwölf Schritte
nieder, um seine Dankbarkeit dafür anzudeuten, daß ich ihm das Leben gerettet.
Ich sah ihn lächelnd und freundlich an und forderte ihn mit Winken auf, noch
näher zu kommen. Endlich befand er sich dicht bei mir, kniete abermals nieder,
küßte die Erde, legte den Kopf auf den Boden, ergriff meinen Fuß und stellte
diesen auf seinen Kopf. Er wollte damit, wie es schien, andeuten, daß er für
alle Zeit mein Sklave sein werde.
Ich hob ihn auf und suchte ihn zu ermuthigen, so gut ich konnte. Aber es gab
jetzt noch mehr zu thun. Ich bemerkte nämlich, daß der Wilde, den ich zu Boden
geschlagen, nicht todt, sondern nur betäubt war und anfing wieder zu sich zu
kommen. Ich deutete auf ihn, zum Zeichen, daß er sich wieder erhole. Der Gerettete
sprach hierauf einige Worte, die ich zwar nicht verstand, über die ich mich
aber dennoch sehr freute. Denn sie waren der erste Ton einer Menschenstimme,
die ich außer der meinigen seit mehr als fünfundzwanzig Jahren vernommen hatte.
Doch war zu solchen Betrachtungen jetzt keine Zeit. Der zu Boden geschmetterte
Wilde hatte sich nämlich so weit erholt, daß er sich aufrecht zu setzen vermochte.
Mein Gefangener schien erschreckt, als ich aber mit meiner Flinte nach dem Andern
zielte, machte er (den ich von jetzt an meinen Wilden nennen will) mir ein Zeichen,

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