Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Flut eintrat und damit meine Abreise für viele Stunden unmöglich gemacht war.
Dabei fiel mir plötzlich ein, daß es praktisch wäre, die höchste Stelle des
Ufers, die ich finden könnte, zu ersteigen, um den Einfluß der Flut auf die
verschiedenen Strömungen zu beobachten und zu sehen, ob es nicht möglich sei,
daß ich, wenn ich von der einen Seite abgetrieben würde, durch eine andere Flutrichtung
wieder von derselben Strömung zurückgerissen werde. Dieser Gedanke war nicht
sobald in mir aufgestiegen, als ich auch schon einen kleinen Hügel ins Auge
faßte, der eine hinreichend weite Aussicht nach beiden Seiten gewährte. Von
dort konnte ich die Strömungen sowie die Flutrichtung deutlich übersehen und
danach bestimmen, wie ich meinen Rückweg einzurichten habe. Ich fand denn auch,
daß die während der Ebbe vorherrschende Strömung dicht an der Südspitze der
Insel entsprang, während die Flutströmung von der Nordküste ausging. Demnach
hatte ich also Nichts zu thun, als mich auf meinem Rückwege immer an der Nordseite
zu halten, dann mußte die Fahrt gelingen.
Ermuthigt durch diese Beobachtung, beschloß ich am folgenden Morgen mit Eintritt
der Ebbe aufzubrechen. Ich übernachtete in meinem Canoe, indem ich einen der
früher erwähnten warmen Ueberröcke zur Decke nahm, und stach am nächsten Morgen
in See. Zunächst fuhr ich eine Strecke geradeaus nach Norden, bis ich anfing
die Wirkung der östlichen Strömung zu empfinden, die mich mit großer Schnelligkeit
vorwärts brachte, ohne jedoch mich so zu überwältigen, wie die Strömung an der
Südseite gethan, die mich aller Gewalt über mein Fahrzeug beraubt hatte. Mit
meinem Ruder steuernd, eilte ich jetzt sehr schnell auf das Wrack los und hatte
es in weniger denn zwei Stunden erreicht.
Es war ein trauriger Anblick, der sich mir hier darbot. Das Schiff, seiner Bauart
nach ein spanisches, saß fest eingekeilt zwischen zwei Klippen. Das Verdeck
war bis zur Mitte des Schiffes von den Wellen zertrümmert, das Vordertheil aber
hing auf den Felsen und war mit solcher Gewalt auf dieselben gestoßen, daß der
Haupt und Fockmast dem Bord gleichgemacht, das heißt kurz abgebrochen waren.
Das Bugspriet war noch unversehrt und der Schiffsschnabel wie die nächstgelegenen
Schiffstheile schienen noch ganz fest zu sein. Als ich mich näherte, erschien
ein Hund auf dem Schiffe, der, als er meiner ansichtig wurde, bellte und heulte.
Als ich ihn rief, sprang er ins Wasser, um zu mir zu schwimmen. Ich nahm ihn
in das Boot, fand ihn aber schon halbtodt vor Hunger und Durst. Als ich ihm
ein Stück Brod bot, fraß er es wie ein gieriger Wolf, der vierzehn Tage lang
im Schnee geschmachtet hat, auf. Hierauf gab ich dem armen Thier etwas frisches
Wasser, woran es, wenn ich es gelitten hätte, sich todt getrunken haben würde.
Alsdann ging ich an Bord. Das Erste, was ich hier erblickte, waren zwei ertrunkene
Männer, die in der Küche oder dem Vorderverdeck lagen und sich fest umschlungen
hielten. Hieraus schloß ich, was auch das Wahrscheinlichste war, daß, als das
Schiff aufgestoßen war, der Sturm die Wellen mit solcher Gewalt und so unaufhörlich
über dasselbe hingejagt habe, daß die Leute es nicht hätten aushalten können
und in dem fortwährend überströmenden Wasser ebenso erstickt wären, als ob sie
ganz unter Wasser gelegen hätten. Außer dem Hunde befand sich nichts Lebendes
auf dem Schiffe. Die sämmtliche Ladung war vom Wasser verdorben. Einige Fässer
mit Getränken, ob Wein oder Branntwein wußte ich nicht, lagen unten in dem Vorrathsraume.
Ich konnte sie bei dem niedrigen Wasserstande sehen, aber sie waren zu groß,
als daß ich mich mit ihnen hätte befassen können. Auch einige Kisten sah ich,
die den Matrosen gehört zu haben schienen. Von diesen brachte ich zwei, ohne
zuvor ihren Inhalt zu untersuchen, in mein Boot.
Hätte das Schiff hinten fest gesessen und wäre das Vordertheil abgebrochen gewesen,
so wäre meine Reise, wie ich überzeugt bin, sehr gewinnreich gewesen. Denn nach
dem, was ich in den beiden Kisten fand, mußte ich annehmen, daß das Schiff große
Reichthümer an Bord hatte. Nach dem Cours, den es eingehalten, mußte es von
Buenos Ayres oder dem Rio de la Plata in Südamerika über Brasilien nach der
Havanna und von dort nach dem mexikanischen Meerbusen und weiter vielleicht
nach Spanien bestimmt gewesen sein. Es barg ganz sicher große Schätze, aber
jetzt waren sie Niemandem etwas nütze. Was aus der übrigen Mannschaft geworden,
habe ich nie in Erfahrung gebracht.
Außer den beiden Kisten fand ich ein kleines Fäßchen mit Spirituosen, etwa zwanzig
Maß haltend, welches ich gleichfalls mit vieler Mühe in mein Boot brachte. In
einer der Kajüten befanden sich mehre Gewehre und ein großes Pulverhorn mit
ungefähr vier Pfund Pulver. Die Gewehre ließ ich, da ich sie nicht gebrauchen
konnte, liegen, das Pulverhorn aber nahm ich mit. Dann eignete ich mir noch
eine Feuerschippe und Zange, die ich sehr nöthig brauchte, zu, sowie zwei kleine
messingne Kessel, einen kupfernen Chokoladentopf und ein Rösteisen. Mit dieser
Ladung und in Begleitung des Hundes trat ich meinen Rückweg mit der eintretenden
Flut an. Ich erreichte an demselben Abend etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang
die Insel wieder, im höchsten Grade erschöpft und ermüdet, und beschloß, die
Nacht über in meinem Boote zu bleiben und am andern Morgen meine Beute in der
neuen Höhle unterzubringen, ohne sie vorher nach meiner Wohnung zu tragen.
Nachdem ich mich erfrischt hatte, brachte ich die ganze Ladung ans Ufer und
stellte eine genaue Untersuchung damit an. In dem Fasse fand ich eine Art Rum,
aber nicht solchen, wie man ihn in Brasilien hat; auch taugte er nichts mehr.
Als ich dagegen an das Oeffnen der Kisten kam, fand ich darin einige mir außerordentlich
willkommne Sachen. In der einen befand sich unter Anderm ein eleganter Kasten
mit Flaschen von ungewöhnlicher Farbe, die mit feinen und sehr guten gebrannten
Wassern angefüllt waren. Jede Flasche enthielt ungefähr drei Schoppen und war
am Halse mit Silberpapier beklebt. Auch zwei Töpfe mit vortrefflichem Eingemachten
fand ich, die so gut verschlossen waren, daß das Salzwasser nicht hatte hineindringen
können. Der Inhalt zweier anderer solcher Gefäße dagegen war verdorben. Ferner
entdeckte ich einige sehr gute, mir hochwillkommne Hemden, etwa anderthalb Dutzend
weißer leinener Taschentücher und eine Anzahl bunter Halstücher. Die ersteren
konnte ich gleichfalls sehr gut gebrauchen, denn es diente mir zu großer Erfrischung,
wenn ich an heißen Tagen mein Gesicht damit abwischte. Außerdem stieß ich, als
ich auf den Boden der Kiste kam, auf drei große Beutel mit Piastern, die zusammen
ungefähr elfhundert Stück enthielten. In einem derselben befanden sich auch
in ein Stück Papier gewickelt sechs Golddublonen und einige kleine Barren oder
Stückchen rohen Goldes, von denen jedes wohl beinah ein Pfund wiegen mochte.
Die zweite Kiste enthielt nur einige werthlose Kleidungsstücke. Sie mußte wohl
dem Gehülfen des Waffenschmiedes angehört haben, denn es war zwar kein Pulver
darin, aber sie barg drei kleine Büchsen mit feinem Schrot, was vermuthlich
zum Laden der Vogelflinten gedient hatte.
Im Ganzen war der Gewinnst, den ich auf dieser Reise an Sachen von wirklichem
Werth für mich gemacht hatte, nur gering. Denn was hätte ich zum Beispiel mit
dem Golde anfangen sollen? Es war mir nicht mehr werth als der Sand, über den
ich schritt, und ich hätte es gern alles für einige Paar englische Schuhe und
Strümpfe gegeben, deren ich in der That äußerst bedürftig war, und die ich nun
schon seit vielen Jahren nicht mehr an den Füßen getragen hatte. Zwar hatte
ich auch zwei Paar Schuhe erbeutet, die ich den beiden Ertrunkenen, welche ich
in dem Wrack gesehen, von den Füßen gezogen, und zwei Paar hatte ich überdies
in einer der Kisten gefunden. Wenn sie mir aber auch im höchsten Grade angenehm
waren, stachen sie doch gegen unsere englischen Schuhe, sowohl in Bezug auf
Bequemlichkeit als hinsichtlich der Dauerhaftigkeit, sehr ab, denn sie waren
eher Sandalen als Schuhe zu nennen. In der zweiten Matrosenkiste fand ich auch
noch etwa fünfzig Piaster in Realen, aber kein Gold. Dieser Behälter mußte also
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