Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
zu denken. Anfangs glaubte ich, die Leute seien, als sie mein Licht erblickten,
in ihr Boot gestiegen und auf die Insel zugesteuert, aber durch die sehr hochgehende
See verschlagen worden. Dann sagte ich mir wieder, sie könnten ja auch ihr Boot
schon früher eingebüßt haben, wie das auf mancherlei Weise möglich war, z. B.
durch die über das Schiff schlagenden Sturzwellen, die es für die Seefahrer
oft nöthig machten, das Boot zu zerhauen oder auseinander zu nehmen, oder es
gar eigenhändig über Bord zu werfen. Zuweilen vermuthete ich wieder, sie hätten
vielleicht ein anderes Schiff oder mehre in ihrer Begleitung gehabt, von denen
sie auf ihre Nothsignale aufgenommen und mit fortgeführt seien. Dann einmal
stellte ich mir vor, sie seien alle in ihrem Boote in See gegangen und von der
Strömung, in der ich mich einst befunden hatte, in die offene See hinausgerissen
worden; wo denn ein elender Untergang für sie unvermeidlich sein mußte. Vielleicht,
redete ich mir ein, sind sie gerade jetzt dem Verschmachten nahe und hungrig
genug, um sich unter einander aufzufressen.
Dies Alles aber waren nicht mehr als bloße Vermuthungen. Ich konnte in meiner
Lage nichts Anderes thun, als das Elend der armen Leute beklagen und sie bemitleiden.
Dies übte wenigstens die gute Wirkung auf mich, daß ich mich immer mehr zur
Dankbarkeit gegen Gott veranlaßt fühlte, der mich so überschwänglich reich in
meiner traurigen Lebenslage versorgt und der von der Mannschaft zweier Schiffe,
die nun schon an diesen Küsten verunglückt waren, nur allein mein Leben gerettet
hatte. Ich machte hier aufs Neue die Beobachtung, daß die göttliche Vorsehung
uns sehr selten in eine so unglückliche Lage oder in so großes Elend bringt,
daß wir nicht immer noch für eins oder das andere erkenntlich sein und auf Andere
blicken können, denen es noch schlechter ergeht als uns. Dies Letztere war wohl
unzweifelhaft der Fall mit jenen armen Leuten. Ich mußte annehmen, auch kein
einziger von ihnen sei gerettet worden. Denn wie hätte das geschehen sollen,
wenn nicht gerade ein anderes Schiff in der Nähe war, welches sie an Bord nahm;
das aber dünkte mich sehr unwahrscheinlich, da ich nicht die geringste Spur
eines weiteren Fahrzeugs bemerkt hatte.
Ich habe keine Worte, um die leidenschaftliche Sehnsucht auszudrücken, die sich
trotz Allem meiner Seele beim Gedanken, daß mir die Erlösung vielleicht nahe
gewesen, bemächtigte. »Ach«, so rief ich zuweilen aus, »daß doch nur ein Paar
Seelen, oder wenigstens eine einzige aus dem Schiffe gerettet wäre und bei mir
Zuflucht gesucht hätte; daß ich einen Gefährten, einen Mitmenschen hätte, der
mit mir sprechen und mit mir fühlen könnte!« In der ganzen Zeit meines einsamen
Lebens hatte ich nie so heiß und so sehnsüchtig nach menschlicher Gesellschaft
verlangt und den Mangel daran nie so schmerzlich empfunden als gerade damals.
Es gibt in den menschlichen Neigungen und Wünschen geheime Triebfedern, die,
wenn sie durch irgend ein erreichbares Ziel, oder sei es auch ein unerreichbares,
welches dem Geiste nur durch die Einbildungskraft vorgezaubert ist, in Bewegung
gesetzt sind, die Seele zu einem solchen ungestümen und begierigen Verlangen
anregen, daß die Entbehrung des Ersehnten geradezu unerträglich erscheint. So
ging es mir mit jenem Wunsche, daß nur ein einziger Mensch gerettet sein möchte!
»Ach, wäre es auch nur Einer!« Ich wiederholte, glaube ich, diese Worte wohl
tausendmal, und so ergriffen war ich von meinem Verlangen, daß ich die Hände
bei jenen Worten zusammendrückend meine Finger mit solcher Gewalt gegen die
innere Handfläche preßte, daß ich, hätte ich irgend einen weichen Gegenstand
in der Hand gehalten, ihn unwillkürlich zerquetscht haben würde. Dabei biß ich
die Zähne aneinander, daß sie knirschten und ich sie nicht sogleich wieder auseinander
bringen konnte. Ich überlasse es den Gelehrten, diese Erscheinungen zu erklären
und in ihren Ursachen und Wirkungen darzustellen, und beschränke mich darauf,
die einfache Thatsache zu berichten. Sie setzte mich selbst in Erstaunen, als
ich sie an mir erfuhr, ohne zu wissen, woher sie rührte. Ohne Zweifel war es
die Wirkung meiner heißen Wünsche und der lebhaften Vorstellung, die ich mir
von dem Glücke gemacht hatte, wieder einmal mit einem christlichen Glaubensgenossen
zu verkehren. Aber es sollte nicht sein, das Schicksal jener Leute oder das
meinige, oder unser beider, gestattete es nicht. Bis zum letzten Jahre meines
Aufenthaltes auf der Insel erfuhr ich nicht einmal, ob Jemand aus dem Schiffe
gerettet sei oder nicht, sondern erlebte nur den Kummer, daß ich nach einigen
Tagen den Leichnam eines ertrunkenen Knaben fand, der auf der Seite der Insel,
in deren Nähe der Schiffbruch Statt gefunden, auf den Strand gespült war. Die
Leiche war bekleidet mit einer Matrosenjacke, einem Paar kurzen leinenen Hosen
und einem blauen leinenen Hemde. Nichts aber gab mir auch nur eine Andeutung,
welcher Nation der Verunglückte angehörte. In seinen Taschen hatte er nichts
weiter als zwei Piaster und eine Tabakspfeife, welche letztere mir zehnmal so
viel werth war als das Geld.
Da das Wetter ganz windstill war, hatte ich große Lust, mich in meinem Boote
nach dem Wrack hinauszuwagen. Gewiß konnte ich daselbst noch einen oder den
anderen Gegenstand, der mir nützlich war, finden. Doch das war es nicht, was
mich so sehr zu der Unternehmung antrieb. Vielmehr war es die Möglichkeit, daß
doch noch ein lebendes Wesen an Bord sein könne, dem ich nicht nur das Leben
zu retten, sondern durch dessen Rettung ich mir selbst das Leben unendlich viel
angenehmer zu machen vermöchte. Dieser Gedanke lag mir so sehr am Herzen, daß
ich Tag und Nacht keine Ruhe fand, bis ich zu dem festen Entschluß gekommen
war, die Fahrt zu unternehmen. Indem ich alles Uebrige in Gottes Hand legte,
tröstete ich mich mit dem Glauben, ein so heftiger innerer Antrieb müsse von
einer unsichtbaren Leitung ausgehen und dürfe nicht unterdrückt werden, und
es würde unrecht sein, wenn ich die Fahrt nicht unternehmen wollte.
In dieser Gemüthsstimmung eilte ich nach meiner Behausung zurück und traf die
Vorbereitungen zu der Reise. Ich nahm einen kleinen Vorrath an Brod, einen großen
Topf mit Trinkwasser, einen Kompaß, eine Flasche Rum (denn davon hatte ich immer
noch eine ziemlich große Menge) und einen Korb voll Rosinen und trug alle diese
Dinge nach meinem Boote. Dann schöpfte ich das Wasser aus dem letzteren, machte
es flott, packte die Sachen hinein und ging nach Haus, um noch Anderes zu holen.
Meine zweite Ladung bestand aus einem großen Sack mit Reis, dem Sonnenschirm,
den ich als Zelt benutzen wollte, einem weiteren Gefäß mit Trinkwasser und ungefähr
zwei Dutzend meiner kleinen Brödchen oder Gerstenkuchen. Außerdem nahm ich noch
eine Flasche Ziegenmilch und einen Käse mit. Alles dieses schaffte ich mit vieler
Mühe, im Schweiße meines Angesichts, nach dem Boote, bat Gott um seinen Segen
für die Fahrt und stieß dann vom Ufer ab. Zunächst ruderte ich das Canoe an
der Küste entlang, bis ich die äußerste Nordspitze der Insel erreicht hatte.
Von dort mußte ich in das offene Meer hinaus. Noch einmal wurde ich jetzt bedenklich,
ob ich die Fahrt wagen solle oder nicht. Ich blickte auf die reißenden Strömungen,
die in der Ferne zu beiden Seiten der Insel dahinliefen und mir die schreckliche
Erinnerung an die Gefahr, in der ich einst geschwebt hatte, wach riefen. Mein
Herz fing an zu zagen. Ich mußte mir sagen, daß ich, wenn ich in eine dieser
Strömungen geriethe, weit hinaus in die See getrieben werden würde, vielleicht
so weit, daß ich die Insel aus den Augen verlöre und sie gar nicht wieder zu
erreichen vermöchte. Denn wenn sich auch nur der leiseste Wind erhob, mußte
ich in meinem kleinen Fahrzeug unrettbar verloren sein. Diese Gedanken wirkten
so niederdrückend auf mich, daß ich das Unternehmen vorläufig wieder aufgab.
Ich befestigte mein Boot in einer kleinen Bucht, stieg aus und setzte mich auf
einen niedrigen Erdhügel nachdenklich und ängstlich, zwischen Furcht und Hoffnung
schwankend, nieder. Während ich so in Gedanken dasaß, bemerkte ich, daß die
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