Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

zu laufen vermochte, machte ich die Entdeckung, daß noch weitere drei Canoes
mit Wilden da gewesen waren, und gleich darauf erblickte ich sie auch alle zusammen
auf der See, nach dem Festland zusteuernd. Der schrecklichste Anblick für mich
war aber, als ich beim Hinabsteigen nach der Küste die entsetzlichen Spuren
der Greuel fand, die sie dort ausgeführt hatten: Blut, Knochen und Fleischreste
menschlicher Körper, die von diesen Elenden unter Tanz und Scherzen zerrissen
und verzehrt waren. Ich fühlte mich dermaßen empört über den Anblick, daß ich
mir ernstlich vornahm, die nächsten, die ich dort antreffen würde, nieder zu
machen, wer und wie viele es auch seien.
Offenbar waren die Besuche, welche die Wilden der Insel in dieser Weise abstatteten,
nur selten. Es vergingen über fünfzehn Monate, ehe wieder einige landeten. Wenigstens
sah ich in der Zwischenzeit keinen der Cannibalen, auch nicht Fußtritte, noch
irgend welche andere Spuren von ihnen. Während der Regenzeit schienen sie sich
schon ohnehin nicht, wenigstens nicht weit, auf das Meer zu wagen. Dennoch brachte
ich diese ganze Zeit in einem unbehaglichen Zustaude zu, weil ich in der beständigen
Furcht schwebte, daß sie mich einmal unerwartet überfallen könnten. Es ergibt
sich hieraus aufs Neue, daß die Erwartung des Uebels schlimmer ist als das Leiden
selbst, zumal da man diese Erwartung oder Befürchtung auf keine Weise los werden
kann.
Inzwischen war ich fortwährend von Mordlust erfüllt. Ich verbrachte meine Stunden,
die ich besser hätte anwenden sollen, meistenteils damit, Pläne zu schmieden,
wie ich die Wilden beschleichen und überfallen wollte, sobald sie sich wieder
blicken lassen würden. Besonders hoffte ich, werde mir das gelingen, wenn sie
wieder, wie das letzte Mal, in zwei Haufen getheilt wären. Dabei bedachte ich
nicht, daß ich, wenn ich auch eine Abtheilung von vielleicht zehn oder zwölf
getödtet hätte, früher oder später wieder eine und dann noch eine und sofort
bis ins Unendliche würde haben tödten müssen, bis ich endlich kein geringerer,
ja eigentlich ein weit schlimmerer Mörder gewesen wäre als diese Menschenfresser
selbst.
Ich verlebte jetzt meine Tage in großer Angst und Gemüthsunruhe, immer darauf
gefaßt, jenen unbarmherzigen Menschen in die Hände zu fallen. Wenn ich mich
ja einmal hinauswagte, so geschah es nicht, ohne daß ich mich fortwährend mit
der größten Angst und Vorsicht umsah. Nun erst lernte ich das Gut recht schätzen,
welches ich in der zahmen Ziegenheerde besaß. Denn ich getraute mich unter keiner
Bedingung, meine Flinte abzuschießen, besonders auf der Seite der Insel, wo
die Wilden gewöhnlich landeten, um diese nur ja nicht zu alarmiren. So viel
sah ich nämlich sicher voraus, daß sie, wenn sie auch anfangs vor mir die Flucht
ergriffen, doch mit Hunderten von Fahrzeugen in wenigen Tagen wiederkommen würden,
in welchem Falle das Schicksal, das mich erwartete, unschwer voraus zu wissen
war.
Indessen vergingen wieder ein Jahr und drei Monate, ohne daß ich irgend etwas
von den Wilden zu sehen bekam. Dann erst stieß ich abermals auf sie, wie ich
sogleich berichten werde. Gewiß mochten sie auch in der Zwischenzeit einige
Male dagewesen sein, aber entweder hatten sie sich nicht aufgehalten, oder sie
waren wenigstens von mir unbemerkt geblieben. Endlich aber ereignete sich, und
zwar, wenn ich richtig gerechnet habe, im Monat Mai des vierundzwanzigsten Jahres
meines Inselaufenthaltes ein sehr merkwürdiges Zusammentreffen mit ihnen.
Die Aufregung meines Gemüths während des vorhergehenden Zeitraums von fünfzehn
bis sechzehn Monaten war groß. Ich schlief unruhig, hatte immer schlechte Träume
und fuhr oft in der Nacht aus dem Schlafe auf. Bei Tage drückte mich schwerer
Kummer, und des Nachts träumte ich oft davon, wie ich die Wilden tödten und
womit ich diese That rechtfertigen wollte. Es war um die Mitte des Mai, ich
glaube am sechzehnten, so weit ich den Tag nach meinem dürftigen hölzernen Kalender
bestimmen kann (denn ich machte noch immer die Zeichen an dem Pfahle). Den ganzen
Tag hatte ein heftiger Sturmwind gewüthet, verbunden mit häufigem Blitz und
Donner, und darauf war eine wüste Nacht gefolgt. Ich weiß nicht mehr genau alle
einzelnen Umstände, aber gewiß ist, daß mich, während ich gerade in der Bibel
las und in sehr ernsthafte Gedanken über meine gegenwärtige Lage vertieft war,
plötzlich der Knall eines Flintenschusses, der mir von der See her zu kommen
schien, erschreckte. Dies war nun eine ganz andere Art von Ueberraschung als
alle die mir früher zu Theil gewordenen, und die Sorgen, die mich jetzt erfüllten,
unterschieden sich daher auch sehr von meinen früheren. In der größten Eile
sprang ich auf, stellte meine Leiter schleunigst an die Mitte des Felsens, zog
sie, auf dem Felsvorsprung angekommen, mir nach und erstieg sie zum zweiten
Male. Ich erreichte den Gipfel gerade in dem Augenblick, als ein feuriges Aufblitzen
mich auf einen zweiten Schuß horchen hieß, den ich dann auch nach ungefähr einer
halben Minute hörte. Aus dem Schalle konnte ich schließen, daß er von dorther
komme, wo ich einst in meinem Boote von der Strömung fortgerissen worden war.
Ich vermuthete alsbald, daß hier ein Schiff in Noth sein müsse und daß sich
ein anderes Schiff in der Nähe befände, nach welchem diese Nothschüsse, um von
ihm Hülfe zu erlangen, abgefeuert würden.
Ich hatte Geistesgegenwart genug, sofort daran zu denken, daß, wenn auch ich
den bedrängten Leuten nicht helfen könnte, doch sie mich vielleicht zu erretten
vermöchten. Darum trug ich so viel dürres Holz, als ich bei der Hand hatte,
zusammen und steckte es, nachdem ich einen guten Haufen aufgethürmt, in Brand.
Das Holz war trocken und flammte deshalb hell auf, brannte auch trotz des heftigen
Windes ganz nieder. Ich zweifelte nun nicht, daß, wenn wirklich ein Schiff in
der Nähe sei, die Leute an Bord das Feuer gesehen haben müßten. Dies war denn
auch der Fall gewesen. Denn sobald die Flamme aufloderte, hörte ich wieder einen
Schuß und dann noch mehre, alle aus derselben Richtung. Ich unterhielt das Feuer
die ganze Nacht hindurch bis zum Tagesanbruch. Als es ganz hell geworden war
und der Himmel sich aufgeheitert hatte, sah ich in weiter Ferne einen Gegenstand
auf der See, gerade östlich von der Insel, konnte aber selbst mit Hülfe des
Fernglases nicht unterscheiden, ob es ein Segel oder der Rumpf eines Schiffes
sei, denn die Entfernung war zu groß und die Luft über dem Wasser noch immer
etwas dunstig.
Den ganzen Tag über schaute ich vielmals nach jenem Ding aus. Ich bemerkte bald,
daß es sich nicht bewegte, und schloß daraus, daß es ein vor Anker liegendes
Schiff sei. Da ich begreiflicher Weise begierig war, darüber ins Klare zu kommen,
ergriff ich meine Flinte und lief nach der Südseite der Insel zu dem Felsen,
wo ich einst von der Strömung entführt worden war. Von dort aus konnte ich,
da das Wetter jetzt ganz klar geworden, zu meinem großen Kummer ganz deutlich
das Wrack eines Schiffes erkennen, welches in der Nacht auf den verborgenen
Klippen, die ich damals mit meinem Boote entdeckt hatte, gestrandet war. Dieselben
Klippen waren früher, indem sie die Gewalt der Strömung gebrochen und eine Art
von Gegenstrom hervorgebracht hatten, das Mittel zu meiner Rettung aus der verzweifeltsten,
hoffnungslosesten Lage, in der ich mich in meinem ganzen Leben befunden, geworden.
So wird oftmals das, was dem Einen zum Heile dient, dem Anderen zum Verderben.
Wie es schien, waren die Leute in jenem Schiffe, wer sie auch sein mochten,
in diesen Gewässern unbekannt und deshalb in der Nacht von dem starken, aus
Ost und Ostnordost wehenden Winde auf die gänzlich unter Wasser liegenden Klippen
getrieben worden. Hätten sie die Insel gesehen, was wahrscheinlich nicht der
Fall war, so würden sie, das nahm ich wenigstens an, versucht haben, sich mit
Hülfe ihres Bootes an die Küste zu retten. Ihre Nothschüsse aber, besonders
seit sie, wie ich vermuthete, mein Feuer gesehen hatten, gaben mir mancherlei

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