Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
zu leiden habe.
Mein Aufenthalt auf der Insel ging jetzt bereits ins dreiundzwanzigste Jahr.
Ich war auf ihr so eingebürgert und an meine Lebensweise so gewöhnt, daß ich,
wenn ich nur mit einiger Sicherheit hätte annehmen dürfen, daß keine Wilden
kommen und mich beunruhigen würden, ganz zufrieden gewesen wäre, den Rest meiner
Tage bis zu dem Augenblick, wo ich mich zum Sterben niederlegen würde, wie der
alte Ziegenbock in der Höhle hier zu verbringen. Sogar einige kleine Zerstreuungen
und Vergnügungen waren mir jetzt geboten, die mir die Zeit viel angenehmer verstreichen
ließen als früher. Erstens nämlich hatte ich meinen Pol, wie erwähnt, sprechen
gelehrt und er war so vertraulich mit mir und sprach manche Worte so deutlich
und klar, daß ich große Freude darüber hatte. Nicht weniger als sechsundzwanzig
Jahre hat er mit mir zusammen gelebt; wie lange er dann noch nachher existirt
haben mag, weiß ich nicht. Doch behauptet man, wie ich mich erinnere, in Brasilien,
dergleichen Thiere lebten hundert Jahre; vielleicht ist denn auch der arme Pol
noch am Leben und ruft bis auf den heutigen Tag noch nach dem armen Robinson
Crusoe. Auch mein Hund war mir sechzehn volle Jahre hindurch ein sehr treuer
und ergebener Gefährte, dann starb er an Altersschwäche. Was meine Katzen betrifft,
so vermehrten sie sich, wie ich bereits erzählt, in dem Grade, daß ich mich
genöthigt sah, eine Anzahl todt zu schießen, damit sie nicht mich sammt aller
meiner Habe auffräßen. Mit der Zeit, als die beiden alten, die ich mitgebracht
hatte, gestorben waren, und ich die andern immer von mir gejagt und ihnen kein
Futter gegeben hatte, liefen sie zuletzt alle wild im Walde umher bis auf zwei
oder drei besondere Lieblinge von mir, die ich zahm erhielt, deren Junge ich
aber, so oft sie welche hatten, ertränkte. Jene gehörten dann ebenfalls zu meiner
Familie. Außerdem hielt ich mir immer einige zahme Ziegenlämmer im Hause, die
mir aus der Hand fraßen. Ferner besaß ich noch zwei andere Papageien. Auch diese
sprachen ganz gut und konnten beide den Namen Crusoe rufen, wenn auch nicht
so deutlich wie mein erster, da ich mir mit keinem von ihnen so viel Mühe gegeben
hatte als mit jenem. Sodann waren einige zahme, dem Namen nach mir unbekannte
Seevögel um mich, die ich an der Küste gefangen und denen ich die Flügel beschnitten
hatte. Seit die jungen Reiser, die ich vor meiner Wohnung angepflanzt hatte,
zu einem hübschen dichten Baumgarten herangewachsen waren, richteten sich diese
Vögel unter den niedrigen Bäumen häuslich ein und brüteten dort, was sehr angenehm
war.
So hätte ich denn mit meinem damaligen Leben sehr zufrieden sein können, wenn
nur nicht die Furcht vor den Wilden gewesen wäre. Aber das Geschick hatte mit
diesen gerade für mich seine besondere Absicht. Jeder, dem meine Geschichte
in die Hände fällt, mag sich folgende sehr wichtige Lehre merken: Oftmals in
unserm Lebenslauf wird gerade das Uebel, welches wir am meisten zu vermeiden
streben und das, wenn es uns befallen hat, uns am allerunerträglichsten erscheint,
gerade das Mittel und die Pforte unserer Befreiung, durch welche allein wir
wieder aus dem Kummer erlöst werden können, in den wir gerathen sind. Ich könnte
davon viele Beispiele anführen aus meinem wunderbaren Lebenslaufe, aber nirgends
war es auffallender, als während der letzten Jahre meines einsamen Aufenthaltes
auf der Insel.
Es war im Monat Dezember im dreiundzwanzigsten Jahre des letzteren. Um diese
Jahreszeit, während der südlichen Sonnenwende (Winter kann ich sie nicht nennen),
pflegte ich meine Ernte einzubringen und war deshalb mehr als sonst draußen
auf dem Felde beschäftigt. Als ich nun eines Tages früh am Morgen, ehe es noch
ganz hell geworden, ausging, sah ich zu meiner größten Ueberraschung einen Feuerschein
auf dem Strande. Derselbe leuchtete etwa zwei Meilen entfernt aus der Gegend,
wo ich schon früher die Spuren der Wilden bemerkt hatte, aber nicht wie damals
auf der andern Seite der Insel, sondern zu meiner großen Bestürzung auf der,
wo ich wohnte.
Sehr überrascht und geängstigt durch diesen Anblick, wagte ich nicht, aus meinen
Anlagen hinauszugehen, aus Furcht, angefallen zu werden. Aber auch hier fand
ich keine Ruhe. Ich quälte mich mit dem Gedanken, die Wilden würden die Insel
durchstreifen, mein Korn, das theils noch auf dem Halm, theils schon geschnitten
auf dem Felde stand, oder irgend etwas Anderes von meinen Einrichtungen und
Verbesserungen finden und sofort daraus schließen, daß sich Jemand hier aufhalten
müsse. Es war klar, daß sie in diesem Fall nicht eher nachgelassen hätten, bis
sie mich aufgefunden haben würden. In verzweifelter Stimmung eilte ich zu meiner
Behausung, zog die Leiter hinter mir ein und gab dem Außenwerk meiner Behausung
ein so wildes und natürliches Aussehen, wie ich irgend konnte.
Sodann traf ich im Innern meine Vorbereitungen, um mich in Vertheidigungszustand
zu setzen. Zunächst lud ich alle meine Kanonen, wie ich sie nannte, das heißt
die Musketen, die auf meinem neuen Walle aufgestellt waren, sowie sämmtliche
Pistolen. Ich war entschlossen, mich bis auf den letzten Athemzug zu wehren.
Auch vergaß ich nicht, mich ernstlich dem göttlichen Schutze zu befehlen und
Gott inbrünstig zu bitten, daß er mich aus den Händen dieser Barbaren erretten
möge. Nachdem ich mich ungefähr zwei Stunden ruhig verhalten, fing ich an, sehr
ungeduldig und begierig nach Nachrichten vom Feinde zu werden, denn leider hatte
ich keine Kundschafter auszuschicken. Ich wartete noch eine Weile und sann darüber
nach, was ich beginnen sollte, dann aber konnte ich die Ungewißheit nicht länger
ertragen. Ich legte meine Leiter an den Abhang an, wo der Absatz war, den ich
früher beschrieben habe, zog sie hinter mir wieder auf, legte sie nochmals an
und erstieg so den Gipfel des Hügels. Hier zog ich mein Fernglas hervor, legte
mich platt auf den Bauch und richtete meinen Blick nach der Stelle, an der ich
das Feuer gesehen hatte. Bald erblickte ich denn auch nicht weniger als neun
nackte Wilde um ein kleines Feuer gelagert. Das letztere konnten sie nicht angezündet
haben, um sich zu wärmen, da das Wetter fürchterlich heiß war, vielmehr sollte
es vermuthlich dazu dienen, um eines ihrer barbarischen Gerichte von Menschenfleisch,
welches sie entweder lebend oder todt mitgebracht hatten, daran zu braten.
Die Fremdlinge führten zwei Boote bei sich, die sie auf den Strand gezogen hatten.
Es war gerade die Zeit der Ebbe, und mir kam es so vor, als erwarteten jene
nur die rückkehrende Flut, um wieder abzufahren. Man kann sich schwerlich vorstellen,
in welche Bestürzung mich der Anblick dieser Gäste versetzte. Besonders überraschte
mich der Umstand, daß die Wilden auf meiner Seite der Insel und überdies ganz
in meine Nähe gekommen waren. Als ich mich aber überzeugte, daß ihr Kommen immer
nur mit der Ebbe geschehen konnte, fing ich wieder an mich einigermaßen zu beruhigen,
da ich einsah, daß ich zur Zeit der Flut stets mit vollkommener Sicherheit ausgehen
dürfte, wenn sie nicht schon vorher auf der Insel waren. In dieser Gewißheit
bin ich später auch ganz gelassen an meine Erntearbeiten gegangen.
Wie ich erwartet hatte, so geschah es. Sobald die Flut von Westen her eintrat,
sah ich, wie sich die Wilden sämmtlich einschifften und hinwegruderten. Ich
muß noch bemerken, daß sie etwa eine Stunde vor ihrem Aufbruch angefangen hatten
zu tanzen. Obgleich ich aber durch mein Glas deutlich ihre Stellungen und Bewegungen
beobachten konnte, vermochte ich doch trotz der schärfsten Aufmerksamkeit nicht
zu erkennen (Kleider trugen sie nicht, waren vielmehr völlig nackt), ob es Männer
oder Frauen seien.
Sobald ich sie in den Booten und unterwegs wußte, nahm ich zwei Flinten auf
die Schultern, steckte zwei Pistolen in den Gürtel, hing mein großes Schwert
ohne Scheide an mich und eilte, so schnell ich konnte, nach dem Hügel, von wo
aus ich die ersten Spuren der Gäste entdeckt hatte. Dort angekommen, was erst
nach zwei Stunden geschah, da ich, mit Waffen schwer beladen, nicht schnell
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt