Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
ich einschlagen sollte, verharrte ich geraume Zeit. Ein unwiderstehlicher Widerwille
hielt mich auch ferner ab heimzukehren. Nach einer Weile aber verblaßte die
Erinnerung an das Mißgeschick, das ich erlebt, und als diese sich erst gemildert
hatte, war mit ihr auch der letzte Rest des Verlangens nach Hause geschwunden.
Und kaum hatte ich alle Gedanken an die Rückkehr aufgegeben, so sah ich mich
auch schon nach der Gelegenheit zu einer neuen Reise um.
Das Unheil, welches mich zuerst aus meines Vaters Hause getrieben; das mich
in dem unreifen und tollen Gedanken verstrickt hatte, in der Ferne mein Glück
zu suchen; das diesen Plan in mir so fest hatte einwurzeln lassen, daß ich für
allen guten Rath, für Bitten und Befehle meines Vaters taub gewesen war, dasselbe
Unheil veranstaltete jetzt auch, daß ich mich auf die allerunglückseligste Unternehmung
von der Welt einließ. Ich begab mich nämlich an Bord eines nach der afrikanischen
Küste bestimmten Schiffes, oder, wie unsre Seeleute zu sagen pflegen, eines
Guineafahrers. Jedoch, und dies war ein besonders schlimmer Umstand, verdingte
ich mich nicht etwa als ordentlicher Seemann auf das Schiff. Dadurch, ob ich
gleich ein wenig härter hätte arbeiten müssen, würde ich doch den seemännischen
Dienst gründlich erlernt und mich allmählich zum Matrosen oder Lieutenant, wenn
nicht gar zum Kapitän hinaufgearbeitet haben. Nein, wie es immer mein Schicksal
war, daß ich das Schlimmste wählte, so that ich es auch diesmal. Denn da ich
Geld in der Tasche und gute Kleider auf dem Leibe hatte, wollte ich nur wie
ein großer Herr an Bord gehen, und hatte somit auf dem Schiffe weder etwas Ordentliches
zu thun, noch lernte ich den Seemannsdienst vollständig kennen.
In London hatte ich gleich anfangs das Glück, in gute Gesellschaft zu gerathen,
was einem so unbesonnenen und unbändigen Gesellen nicht oft zu Theil wird. Denn
ob zwar der Teufel gern bei Zeiten nach solchen seine Netze auswirft, hatte
er’s bei mir doch unterlassen. Ich machte die Bekanntschaft eines Schiffskapitäns,
der eben von der guineischen Küste zurückgekehrt war und, da er dort gute Geschäfte
gemacht hatte, im Begriffe stand, eine neue Reise dahin zu unternehmen. Er fand
Gefallen an meiner damals nicht ganz reizlosen Unterhaltung, und als er vernommen,
daß ich Lust hatte, die Welt zu sehen, bot er mir an, kostenfrei mit ihm zu
reisen. Ich könne mit ihm den Tisch und den Schlafraum theilen, und wenn ich
etwa einige Waaren mitnehmen wolle, sie auf eigene Rechnung in Afrika verkaufen
und vielleicht dadurch zu weiteren Unternehmungen ermuthigt werden.
Dies Anerbieten nahm ich an und schloß mit dem Kapitän, einem redlichen und
aufrichtigen Manne, innige Freundschaft. Durch seine Uneigennützigkeit trug
mir ein kleiner Kram, den ich mitgenommen, bedeutenden Gewinn ein. Ich hatte
nämlich für ungefähr 40 Pfund Sterling Spielwaaren und dergleichen Kleinigkeiten
auf den Rath des Kapitäns eingekauft, wofür ich das Geld mit Hülfe einiger Verwandten,
an die ich mich brieflich gewendet, zusammenbrachte, welche, wie ich vermuthe,
auch meine Eltern oder wenigstens meine Mutter vermocht hatten, etwas zu meiner
ersten Unternehmung beizusteuern.
Dies war die einzige unter meinen Reisen, die ich eine glückliche nennen kann.
Ich verdanke das nur der Rechtschaffenheit meines Freundes, durch dessen Anleitung
ich auch eine ziemliche Kenntniß in der Mathematik und dem Schifffahrtswesen
erlangte. Er lehrte mich, den Cours des Schiffs zu verzeichnen, Beobachtungen
anzustellen, überhaupt alles Nothwendigste, was ein Seemann wissen muß. Da es
ihm Freude machte, mich zu belehren, hatte ich auch Freude, von ihm zu lernen,
und so wurde ich auf dieser Reise zugleich Kaufmann und Seemann. Ich brachte
für meine Waaren fünf Pfund und neun Unzen Goldstaub zurück, wofür ich in London
dreihundert Guineen löste; aber leider füllte mir gerade dieser Gewinn den Kopf
mit ehrgeizigen Plänen, die mich ins Verderben bringen sollten.
Uebrigens war jedoch auch diese Reise nicht ganz ohne Mißgeschick für mich abgelaufen.
Insbesondere rechne ich dahin, daß ich während der ganzen Dauer derselben mich
unwohl fühlte und in Folge der übermäßigen afrikanischen Hitze (wir trieben
nämlich unsern Handel hauptsächlich an der Küste vom 15. Grad nördlicher Breite
bis zum Aequator hin) von einem hitzigen Fieber befallen wurde.
Nunmehr galt ich für einen ordentlichen Guineahändler. Nachdem mein Freund zu
meinem großen Unheil bald nach der Rückkehr gestorben war, beschloß ich, dieselbe
Reise zu wiederholen, und schiffte mich auf dem früheren Schiffe, das jetzt
der ehemalige Steuermann führte, ein. Nie hat ein Mensch eine unglücklichere
Fahrt erlebt. Ich nahm zwar nur für hundert Pfund Sterling Waaren mit und ließ
den Rest meines Gewinns in den Händen der Wittwe meines Freundes, die sehr rechtschaffen
gegen mich handelte; dennoch aber erlitt ich furchtbares Mißgeschick.
Das Erste war, daß uns, als wir zwischen den kanarischen Inseln und der afrikanischen
Küste segelten, in der Morgendämmerung ein türkischer Korsar aus Saleh überraschte
und mit allen Segeln Jagd auf uns machte. Wir spannten, um zu entrinnen, unsere
Segel gleichfalls sämmtlich aus, soviel nur die Masten halten wollten. Da wir
aber sahen, daß der Pirat uns überhole und uns in wenigen Stunden erreicht haben
würde, blieb uns Nichts übrig, als uns kampfbereit zu machen.
Wir hatten zwölf Kanonen, der türkische Schuft aber führte deren achtzehn an
Bord. Gegen drei Uhr Nachmittags hatte er uns eingeholt. Da er uns jedoch aus
Versehen in der Flanke angriff, statt am Vordertheil, wie er wohl ursprünglich
beabsichtigt hatte, schafften wir acht von unsern Kanonen auf die angegriffene
Seite und gaben ihm eine Salve. Nachdem der Feind unser Feuer erwiedert und
dazu eine Musketensalve von 200 Mann, die er an Bord führte, gefügt hatte (ohne
daß jedoch ein einziger unserer Leute, die sich gut gedeckt hielten, getroffen
wurde), wich er zurück. Alsbald aber bereitete er einen neuen Angriff vor, und
auch wir machten uns abermals zur Verteidigung fertig. Diesmal jedoch griff
er uns auf der andern Seite an, legte sich dicht an unsern Bord, und sofort
sprangen sechzig Mann von den Türken auf unser Deck und begannen unser Segelwerk
zu zerhauen.
Wir empfingen sie zwar mit Musketen, Enterhaken und andern Waffen, machten auch
zweimal unser Deck frei; trotzdem aber, um sogleich das traurige Ende des Kampfes
zu berichten, mußten wir, nachdem unser Schiff seeuntüchtig gemacht und drei
unsrer Leute getödtet waren, uns ergeben und wurden als Gefangene nach Saleh,
einer Hafenstadt der Neger, gebracht.
Dort ging es mir nicht so schlecht, als ich anfangs befürchtet hatte. Ich wurde
nicht wie die Andern ins Innere nach der kaiserlichen Residenz gebracht, sondern
der Kapitän der Seeräuber behielt mich unter seiner eignen Beute, da ich als
junger Bursch ihm brauchbar schien. Die furchtbare Verwandlung meines Standes,
durch welche ich aus einem stolzen Kaufmann zu einem armen Sklaven geworden
war, beugte mich tief. Jetzt gedachte ich der prophetischen Worte meines Vaters,
daß ich ins Elend gerathen und ganz hülflos werden würde. Ich wähnte, diese
Vorhersagung habe sich nun bereits erfüllt und es könne nichts Schlimmeres mehr
für mich kommen. Schon habe mich, dachte ich, die Hand des Himmels erreicht,
und ich sei rettungslos verloren. Aber ach, es war nur der Vorschmack der Leiden,
die ich noch, wie der Verlauf dieser Geschichte lehren wird, durchmachen sollte.
Als mein neuer Herr mich für sein eigenes Hans zurückbehielt, tauchte die Hoffnung
in mir auf, er werde mich demnächst mit zur See nehmen und ich könne dann, wenn
ihn etwa ein spanisches oder portugiesisches Kriegsschiff kapern würde, wieder
meine Freiheit erlangen. Dieser schöne Wahn entschwand bald. Denn so oft sich
mein Patron einschiffte, ließ er mich zurück, um die Arbeit im Garten und den
gewöhnlichen Sklavendienst im Hause zu verrichten, und wenn er dann von seinen
Streifzügen heimkam, mußte ich in der Kajüte seines Schiffes schlafen und dieses
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