Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
und Bequemlichkeit ersonnen hatte, ein Ende machten. Der Gedanke an meine Sicherstellung
beschäftigte mich jetzt mehr als die Sorge für meinen Unterhalt. Ich wagte nicht
auch nur einen Nagel einzuschlagen oder ein Stück Holz zu spalten, aus Furcht,
der Lärm, den es verursachte, könnte gehört werden. Noch viel weniger hätte
ich mich erkühnt, eine Flinte abzufeuern. Mehr als alles Andere aber scheute
ich, Feuer anzuzünden, aus Besorgniß, der Rauch, der bei Tage in weiter Ferne
sichtbar war, könne mich verrathen. Aus diesem Grunde verlegte ich alle diejenigen
Geschäfte, die Feuer erforderten, z. B. das Brennen der Töpfe und Pfeifen u.
s. w., nach meiner neuen Wohnung im Walde, wo ich nach einigem Suchen zu meiner
großen Beruhigung eine natürliche Höhle in der Erde entdeckte, die ziemlich
tief war und in die sich sicherlich kein Wilder hinein gewagt haben würde.
Auf die Oeffnung dieser Höhle stieß ich am Fuße eines großen Felsens, als ich
(ich würde sagen zufällig, wenn ich nicht hinlängliche Ursache hätte, alle solche
Dinge jetzt der Vorsehung zuzuschreiben) einige dicke Aeste von den Bäumen hieb,
um sie zu Kohlen zu brennen. Dies geschah in folgender Absicht: Ich fürchtete
mich, wie gesagt, Rauch in der Nähe meiner Ansiedelung zu verursachen, und doch
konnte ich nicht umhin, Brod zu backen, Fleisch zu kochen und dergleichen mehr.
Darum verbrannte ich hier unter dem Rasen, wie ich es in England gesehen hatte,
einiges Holz zu Kohlen und trug diese, nachdem ich das Feuer ausgelöscht, nach
Hause, um alle die anderen Dienste, zu denen ich Feuer nöthig hatte, daselbst
ohne Gefahr des Rauches verrichten zu können. Als ich nun einst wieder mit Holzhauen
beschäftigt war, bemerkte ich hinter einem dichten Gesträuch eine Vertiefung.
Ich wollte sehen, was darin sei, und als ich mühsam in die Oeffnung gelangt
war, fand ich eine ziemlich große Höhle, hoch genug, daß ich und allenfalls
neben mir noch ein Mann aufrecht darin stehen konnte. Jedoch kam ich schneller
aus derselben, als ich hineingekommen war. Ich sah nämlich plötzlich, als ich
tiefer in den dunkeln Raum hineinblickte, zwei hellglänzende Augen, über die
ich im Zweifel war, ob sie einem Menschen oder dem Teufel selbst zugehörten.
Sie blitzten wie zwei Sterne, indem sie den Lichtschimmer, der durch die Mündung
der Höhle fiel, direkt zurückwarfen. Nach einer kleinen Weile erholte ich mich,
schalt mich einen Narren und hielt mir vor, daß man sich vor dem Anblick des
Teufels nicht fürchten dürfe, wenn man einsam zwanzig Jahre hindurch auf einer
öden Insel zugebracht habe, und daß ich mir nicht einzubilden brauche, es sei
in der Höhle etwas Fürchterlicheres als meine eigene Person. Hierauf nahm ich
allen meinen Muth zusammen, ergriff ein brennendes Stück Holz und stürzte mich
nochmals in die Vertiefung. Kaum aber hatte ich drei Schritte vorwärts gethan,
als ich auch schon von Neuem, fast ebenso sehr wie vorhin, erschreckt wurde.
Ich hörte nämlich einen lauten Seufzer wie von einem schmerzgequälten Menschen.
Diesem Laute folgte ein unzusammenhängendes Geräusch, welches wie halb ausgesprochen
Worte klang, und dann abermals ein tiefer Seufzer. Ich trat zurück und war dermaßen
entsetzt, daß mich ein kalter Schweiß überlief. Hätte ich einen Hut auf dem
Kopfe gehabt, so will ich nicht dafür stehen, daß ihn nicht mein zu Berge stehendes
Haar abgeworfen hätte. Aber dennoch sammelte ich noch einmal meinen ganzen Muth
und tröstete mich mit der Ueberzeugung, daß Gottes Macht überall gegenwärtig
sei und mich beschützen könne. In diesem Gedanken ging ich abermals vorwärts
und erblickte jetzt beim Scheine der Fackel, die ich hoch über meinem Kopfe
hielt, einen ungeheuern, gräulichen alten Bock auf dem Boden der Höhle liegen.
Er war, wie man zu sagen pflegt, just dabei, sein Testament zu machen und schnappte
nach Luft, als ob er vor bloßer Altersschwäche sterbe. Ich stieß ihn ein wenig
an, um zu sehen, ob ich ihn herausziehen könne, und er versuchte auch aufzustehen,
hatte aber nicht mehr Kraft genug dazu. Meinetwegen, dacht’ ich, bleib liegen,
wo du bist. Denn ich sagte mir, wie er mich erschreckt habe, könne er auch einen
Wilden erschrecken, wenn je einer von denen so kühn sein sollte, hier hinein
zu kommen, so lange noch Leben in ihm wäre.
Nachdem ich meinen Schreck überwunden hatte, fing ich an mich umzuschauen. Jetzt
sah ich, daß die Höhle, die mir vorher so groß erschienen, nur sehr klein war.
Sie mochte ungefähr zwölf Fuß in der Tiefe messen und war von unregelmäßiger
Form, weder rund, noch viereckig. Man sah, daß sie die Natur allein zum Baumeister
gehabt hatte. Dagegen bemerkte ich, daß die Höhlung sich noch weiter nach Innen
erstreckte, jedoch in so niedriger Höhe, daß ich auf allen Vieren hätte hineinkriechen
müssen. Da ich nicht wußte, wohin ich gelangen würde, und da ich auch kein Licht
bei mir hatte, beschloß ich, den andern Tag mit Lichtern und einem Feuerzeug,
welches letztere ich mir aus dem Schloß eines Gewehres gemacht hatte, sowie
mit einer Pfanne voll glühender Kohlen wieder zu kommen. Wirklich kehrte ich
am folgenden Tage, ausgerüstet mit sechs langen Talglichtern aus meiner eigenen
Fabrik (ich verfertigte nämlich sehr schöne aus Ziegenfett), zurück und kroch
auf allen Vieren in jenem niedrigen Loche etwa zehn Schritte weit, welche Handlung
mir als eine kühne That erschien, da ich nicht wußte, wie weit und wohin ich
gelangen würde. Als ich durch den Engweg hindurch war, fand ich eine ungefähr
zwanzig Fuß hohe Wölbung und hier bot sich mir ein so herrlicher Anblick, wie
ich ihn nie zuvor auf der Insel gehabt hatte. Die Seitenwände und die Decke
dieser Höhlung strahlten das Licht meiner beiden Kerzen hunderttausendfältig
wieder. Was in dem Felsen war, ob Diamanten oder andere Edelsteine oder Gold,
was ich beinahe vermuthete, weiß ich nicht. Der Raum, in dem ich mich befand,
bildete die schönste Grotte, die man sich denken kann, obgleich er an sich völlig
dunkel war. Der Boden war trocken und eben und mit einer Art von seinem losen
Kies bestreut. Kein ekelhaftes oder giftiges Gethier ließ sich hier sehen, auch
waren die Wände nicht im mindesten feucht. Der einzige Uebelstand bestand in
der Engigkeit des Einganges, doch hielt ich das eher für einen Vorzug, da ja
diese Höhle ein sicheres Versteck und einen Zufluchtsort für mich abgeben sollte.
Hoch erfreut über meine Entdeckung beschloß ich, unverzüglich einige der Gegenstände,
an deren Erhaltung mir am meisten gelegen war, hierher zu transportiren. Vor
Allem mein Pulvermagazin und meinen Vorrath an Waffen: zwei Vogelflinten, deren
ich im Ganzen drei hatte, und die Musketen, von denen ich acht besaß. Fünf behielt
ich in meiner Festung, wo sie an dem Außenwalle schußfertig wie Kanonen aufgestellt
und zu gleicher Zeit bereit waren, auf einer Expedition sofort mitgenommen zu
werden. Bei Gelegenheit des Transportes meiner Munition öffnete ich zufällig
das Pulverfaß, das ich aus dem Meere, wo es Wasser gezogen, aufgefischt hatte.
Da ergab sich nun, daß das Wasser etwa zwei bis drei Zoll tief auf jeder Seite
in das Pulver eingedrungen war und dasselbe so zusammengeklebt und verhärtet
hatte, daß das in der Mitte befindliche ganz wohl erhalten war, wie der Kern
in einer Nußschaale. Ich fand in dem Fasse nahe an sechzig Pfund sehr guten
Pulvers vor, was mir zu dieser Zeit eine sehr angenehme Ueberraschung war. So
brachte ich denn alles in jene Grotte, und behielt nie mehr als zwei bis drei
Pfund Pulver in meiner Wohnung, aus Angst vor einem Ueberfall irgend einer Art.
Auch alles Kugelblei, was ich noch besaß, barg ich dort. Ich kam mir jetzt vor
wie einer jener alten Riesen, die in unzugänglichen Höhlen und Felslöchern wohnten.
»Wenn mich nun«, so redete ich mir ein, »die Wilden, und wären es ihrer fünfhundert,
verfolgen, so wird es ihnen nicht gelingen, mich aufzufinden, oder wenn auch
das geschieht, werden sie doch nicht wagen, mich hier anzugreifen.« Der alte
Bock, den ich im Todeskampfe angetroffen hatte, starb schon den Tag, nachdem
ich ihn entdeckt, in dem Vorderraum der Höhle. Da ich es leichter fand, ihn
in ein dort gegrabenes großes Loch zu werfen und mit Erde zu bedecken, als ihn
hinaus zu schleifen, begrub ich ihn daselbst, damit meine Nase nichts davon
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