Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

doch seitdem der bloße Name jenes Volkes bei allen Leuten von christlichem Mitgefühl
einen schrecklichen Klang, und betrachtet man doch das Königreich Spanien als
dadurch besonders ausgezeichnet, daß es von einer Menschenrace bewohnt wird,
die jenes Mitleidsgefühl entbehrt, welches allgemein für das gewöhnlichste Zeichen
einer edlen Gesinnung gilt.
Diese Erwägungen brachten mich zum Einhalt in meinen Vorkehrungen. Nach und
nach sah ich das Unrechtmäßige meiner Absichten gegen die Wilden ein und erkannte,
daß ich nur dann mich mit denselben befassen dürfe, wenn sie mich zuerst angriffen,
und daß dem wo möglich vorzubeugen jetzt meine einzige Aufgabe sei. Zugleich
machte ich mir klar, wie ich durch mein früheres Vorhaben, statt mich zu befreien,
nur mein eigenes Verderben herbeigeführt haben würde. Denn falls es mir nicht
gelang, sämmtliche Wilde, sowohl die, welche das nächste Mal, als auch die,
welche jemals später auf die Insel kamen, zu tödten, und sobald nur ein Einziger
entrann und seinen Landsleuten berichtete, was geschehen sei, so war es sicher,
daß diese zu Tausenden kommen und den Tod ihrer Gefährten rächen würden. Mit
Rücksicht auf dies Alles beschloß ich, da es weder vernünftig, noch klug sei,
mich in die Angelegenheiten der Wilden zu mischen, nichts Anderes zu thun, als
mich in jeder Weise vor diesen verborgen zu halten und ihnen nicht den mindesten
Anlaß zu der Vermuthung zu geben, daß irgend ein Wesen in Menschengestalt auf
der Insel hause.
Auch meine religiöse Weltanschauung unterstützte diesen Vorsatz der Klugheit,
und so war ich auf die mannichfachste Weise davon überzeugt, daß ich nur pflichtmäßig
handelte, wenn ich meine blutigen Pläne gegen die unschuldigen Menschen fallen
ließe. Unschuldig nämlich in Bezug auf mich. Ihre Verbrechen richteten sie ja
nur gegen einander. Es waren Nationalsünden, deren Bestrafung ich der Gerechtigkeit
Gottes zu überlassen hatte, welcher die Vergehen der Völker richtet und am besten
weiß, wie sie durch Strafen zu rächen und zu sühnen sind. Dies war mir jetzt
so klar, daß ich mit größter Genugthuung darüber erfüllt wurde, Nichts von dem
ausgeführt zu haben, was ich nun aus vielen Gründen als einen absichtlichen
Mord ansah. Ich dankte Gott auf den Knien dafür, daß er mich vor Blutschuld
bewahrt hatte. Ich flehete ihn inbrünstig an, mich nicht in die Hände der Wilden
fallen und mich nur dann selbst Hand an sie legen zu lassen, wenn ich durch
die Nothwendigkeit der Selbstvertheidigung einen entschiedenen Beruf dazu haben
würde.
In dieser Stimmung verblieb ich fast ein volles Jahr. Ich war jetzt so weit
entfernt davon, die Gelegenheit zu einem Ueberfall der unglücklichen Menschen
herbeizuwünschen, daß ich während jenes ganzen Zeitraums nicht ein einziges
Mal den Hügel erstieg. Ich wollte sie gar nicht ins Gesicht bekommen und überhaupt
nicht wissen, ob sie auf der Insel seien, damit sich meine Pläne gegen sie nicht
erneuerten und ich nicht durch irgend einen sich darbietenden Vortheil zu einem
Angriff gegen sie herausgefordert würde.
Das Einzige, was ich that, war, daß ich das Boot von der anderen Inselseite
entfernte und nach dem östlichen Theil brachte. Dort barg ich es in einer kleinen
Bucht unter hohen Felsen, wohin, wie ich wußte, die Wilden wegen der Strömung
mit ihren Canoes nicht kommen konnten. In meinem Boot führte ich alles dazu
Gehörige mit fort, Mast und Segel und das ankerartige Ding, das ich mir, so
gut es hatte gehen wollen, angefertigt hatte. Ich nahm dies Alles mit, um nicht
das geringste Zeichen des Bewohntseins der Insel zurückzulassen.
Außerdem hielt ich mich, wie erwähnt, eingezogener als je und verließ meine
Behausung selten, außer um meine Ziegen zu melken und meine kleine Heerde in
den Wald zu treiben. Hier war ich, da er auf der entgegengesetzten Seite der
Landungsstelle der Wilden lag, keiner Gefahr ausgesetzt. Soviel nämlich schien
gewiß, daß diese bei ihren Besuchen der Insel nicht die Absicht hegten, auf
derselben Etwas zu suchen, und daß sie daher sich nicht weit von der Küste zu
entfernen pflegten. Sie waren, wie ich nicht bezweifelte, seitdem mich die Furcht
behutsamer gemacht, wiederholt auf der Insel gewesen. Mit Entsetzen bedachte
ich, in welcher Lage ich mich befunden haben würde, wäre ich bei einer solchen
Gelegenheit auf die Cannibalen gestoßen und von ihnen zu einer Zeit entdeckt
worden, in der ich einzig mit einer meist nur mit leichtem Schrot geladenen
Flinte bewaffnet überall nach Beute herumzustreifen pflegte. Wie groß wäre mein
Schrecken gewesen, wenn ich statt jener Fußspur plötzlich einen ganzen Haufen
von Wilden gesehen hätte und von ihnen verfolgt worden wäre, wobei ihre Schnelligkeit
mir ein Entrinnen gewiß unmöglich gemacht haben würde. Der Gedanke hieran ließ
mir zuweilen das Herz erbeben und entmuthigte mich so, daß ich nur mit Mühe
wieder Fassung gewann. Ich sagte mir, daß ich, wäre jener Fall eingetreten,
völlig widerstandsunfähig und sicherlich nicht im Stande gewesen sein würde,
das zu thun, was ich jetzt nach so langer Erwägung und Vorbereitung zu thun
vermochte. Das ernstliche Nachdenken über die Sache machte mich geradezu und
zuweilen für geraume Zeit melancholisch. Endlich aber lösten sich auch diese
Erwägungen stets in Dank gegen die Vorsehung auf, die mich vor so vielen ungeahnten
Gefahren errettet und mich vor einem Unheil bewahrt hatte, das ich selbst von
mir abzuwenden schon deshalb nicht im Stande gewesen war, weil ich das Uebel
weder geahnt, noch für möglich gehalten hatte.
Hierdurch wurde eine Betrachtung in mir wieder erweckt, die ich schon früher
oft angestellt hatte, seitdem ich angefangen, die gnadenreichen Fügungen des
Himmels in den Gefahren dieses Lebens zu erkennen. Wie wunderbar werden wir
doch vielmals, ohne daß wir es wissen, vor Unheil bewahrt. Wenn wir uns in Unentschlossenheit
befinden, wenn wir zweifeln und zögern, ob wir diesen oder jenen Weg einzuschlagen
haben, dann leitet uns oft ein heimlicher Wink auf den einen Weg, während wir
den anderen zu wählen beabsichtigt hatten. Ja, wenn Neigung oder ein Geschäftsanlaß
uns dorthin zu gehen auffordern, so zwingt uns doch nicht selten eine eigentümliche
Empfindung, deren Ursprung wir nicht kennen, mit unwiderstehlicher Macht zurück
in die andere Bahn, und später erst wird es offenbar, daß wir, wären wir den
selbsterwählten Weg gegangen, in unser Verderben gerannt sein würden. Auf diese
und manche ähnliche Betrachtung baute ich später den Grundsatz, überall, wo
ich solche geheime Winke und Hinweisungen, dieses oder jenes zu thun oder zu
lassen, diesen oder jenen Weg einzuschlagen, empfand, der inneren Stimme zu
folgen, wenn ich auch keinen andern Grund dafür hatte als eben nur jene geheime
Empfindung. Ich könnte viele Beispiele aus meinem Leben anführen, in denen sich
dieses Verfahren bewährte, und zwar besonders aus der späteren Zeit meines Aufenthalts
auf der unglücklichen Insel. Denn bei vielen früheren Gelegenheiten hatte ich
nicht darauf geachtet, weil ich damals noch die Dinge mit anderen Augen ansah
als später. Aber es ist nie zu spät, um klug zu werden, und ich kann nur Jedermann
rathen, mag er auch nicht so wunderbare Schicksale erleben wie ich, solche heimliche
Winke der Vorsehung nicht zu verachten, wie unerklärlich sie auch immer sein
mögen. Ueber ihren Ursprung will ich nicht streiten, auch kann ich davon keine
Rechenschaft geben, aber gewiß sind sie doch ein Beweis des Verkehrs der Geister
und eines geheimen Zusammenhanges zwischen denen, die noch im Körper wohnen,
und den körperlosen, und zwar ein ganz unumstößlicher Beleg, wovon ich Gelegenheit
haben werde, einige sehr merkwürdige Proben anzuführen, wenn ich von dem ferneren
Verlauf meines einsamen Aufenthalts an diesem trübseligen Orte Bericht erstatte.

Der Leser wird sich schwerlich darüber wundern, daß die Sorgen, die fortwährende
Gefahr, in der ich schwebte, und die Angst, die auf mir lastete, allen meinen
Erfindungen und allen Plänen, die ich in Betreff meiner künftigen Annehmlichkeit

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