Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

bis zum Anfang kam.
Damals jedoch hatte mein Erfindungsgeist eine ganz andere Richtung genommen.
Tag und Nacht dachte ich über nichts Anderes nach, als wie ich jene Ungeheuer
in ihren blutigen Belustigungen überfallen und wo möglich die dem Verderben
geweiheten Schlachtopfer retten könnte. Es würde den Umfang, den ich meiner
Erzählung bestimmt habe, überschreiten heißen, wollte ich alle die Listen beschreiben,
die ich ersann und in Gedanken ausbrütete, um diese Geschöpfe zu vernichten
oder sie wenigstens so in Furcht zu versetzen, daß sie nie wieder hierher kämen.
Meine ganze Absicht mußte jedoch erfolglos bleiben, wenn ich sie nicht in eigner
Person ausführte. Was aber konnte. ein einzelner Mann gegen vielleicht zwanzig
oder dreißig mit Lanzen oder Bogen und Pfeilen (mit welchen sie so sicher zielten
wie ich mit meiner Flinte) Bewaffnete ausrichten?
Zuweilen dachte ich daran, eine Mine unter der Stelle, wo die Cannibalen ihr
Feuer zu machen pflegten, anzulegen und mit einigen Pfunden Pulver zu füllen,
welches beim Anzünden des Feuers explodiren und Alles rings umher in die Luft
sprengen sollte. Aber theils wollte ich doch nicht gern so viel Pulver daran
wenden, da mein Vorrath bereits sehr zusammengeschmolzen war, und andererseits
konnte ich ja auch nicht berechnen, ob die Explosion gerade zu einer solchen
Zeit stattfinden würde, in welcher die Wilden dadurch in Gefahr gebracht werden
müßten. Im besten Falle hätte es auch weiter nichts bewirken können, als daß
ihnen das Feuer um die Ohren gezischt und sie erschreckt hätte, ohne sie dadurch
auf die Dauer zu vertreiben.
Ich gab mit Rücksicht hierauf diesen Plan auf und beschloß, mich anstatt dessen
nun mit meinen drei doppelt geladenen Gewehren an geeigneter Stelle in einen
Hinterhalt zu legen und wenn die Wilden mitten in ihrer blutigen Thätigkeit
wären, auf sie zu feuern. Dabei glaubte ich sicher, mit jedem Schuß wenigstens
zwei bis drei von ihnen zu tödten oder zu verwunden. Wenn ich alsdann mit meinen
drei Pistolen und meinem Schwerte über sie herfiele, so könnte ich sie, davon
war ich überzeugt, alle, und wären es ihrer zwanzig, tödten.
Diese Gedanken beschäftigten mich mehre Wochen lang. Ich war so voll davon,
daß ich oft von meinen Plänen träumte. Manchmal war es mir im Schlaf, als ob
ich eben auf die Feinde Feuer gäbe. Ich wendete mehre Tage daran, geeignete
Plätze für einen solchen Hinterhalt ausfindig zu machen, und besuchte sogar
häufig die Stelle, wo ich die Reste der cannibalischen Mahlzeit gefunden hatte.
Seit ich mich mit solchen Rachegedanken trug und einen ganzen Haufen von Menschen
dem Untergange geweiht hatte, schwand mein Abscheu vor jenem Platze und vor
den Spuren Derer, die so barbarisch waren, daß sie sich unter einander aufzufressen
pflegten. Endlich machte ich auch einen Ort ausfindig, von welchem aus ich in
völliger Sicherheit ihre Boote ankommen sehen, und noch ehe sie landeten, unbemerkt
in ein Dickicht entfliehen konnte. Dort wußte ich einen hohlen Baum, der groß
genug war, um mich vollständig zu verbergen und von dem aus ich alle ihre blutigen
Handlungen beobachten und in aller Ruhe auf ihre Köpfe zielen konnte. Wenn sie
nahe genug beisammen waren, so mußte es mir fast unmöglich sein, mein Ziel zu
verfehlen und nicht wenigstens drei bis vier auf den ersten Schuß zu verwunden.
Diesen Platz beschloß ich nun zum Ausgangspunkt meiner Unternehmungen zu machen.
Ich setzte zwei Musketen und meine gewöhnliche Vogelflinte in Stand, lud die
ersteren beiden mit einem Paar großen und mit vier bis fünf kleineren Kugeln
von der Größe einer Pistolenkugel und die Vogelflinte mit einer Handvoll Schrot
von der größten Sorte, that auch in jede meiner Pistolen ungefähr vier Kugeln
und in dieser Ausrüstung, wohl versehen mit Munition für einen zweiten und dritten
Schuß, bereitete ich mich auf meine Expedition vor.
Nachdem ich so meinen Plan gehörig durchdacht und in meiner Phantasie gewissermaßen
bereits ausgeführt hatte, richtete ich meine Schritte alle Tage nach dem Gipfel
des Hügels, der ungefähr drei Meilen von meiner Festung entfernt war, um zu
sehen, ob ich nicht ein Boot auf dem Meere erspähen würde, das sich der Insel
nähere. Nach einigen Monaten jedoch wurde ich dieser Anstrengung überdrüssig,
da in dieser ganzen Zeit mein Wachehalten ohne irgend ein Resultat geblieben
war. Auch nicht das Geringste hatte sich, so weit meine Augen und Ferngläser
reichten, blicken lassen, weder an der Küste, noch in ihrer Nähe, noch auch
auf dem weiten Meere.
So lange ich täglich den Weg nach dem Hügel machte, hielt auch mein Eifer für
meinen Anschlag vor. Ich befand mich während der ganzen Zeit in einer durchaus
geeigneten Stimmung zu einer so unverantwortlichen Schlächterei, wie es das
Erschießen eines Haufens nackter Wilden gewesen sein würde. Die Natur ihrer
Handlung hatte ich ganz und gar nicht weiter in meinen Gedanken erwogen, war
vielmehr einzig meiner aufgeregten Leidenschaft und dem Abscheu gefolgt, den
ich bei der Erinnerung an die unnatürlichen Sitten dieser Menschen empfand.
Und doch hatte ja die Vorsehung selbst in weiser Anordnung sie ihren abscheulichen
und verderblichen Begierden überlassen. Vielleicht waren sie schon seit Menschenaltern
solchen grausamen und entsetzlichen Gebräuchen ergeben, wie sie nur völlig gottlose
Naturen ersinnen können. Aber jetzt, wo ich, wie gesagt, meiner fruchtlosen
Wege, die ich so lange und weithin alle Morgen gemacht hatte, müde war, änderte
sich auch meine Ansicht von der Sache selbst. Ich fing an, mit ruhigerem und
kühlerem Blute darüber nachzudenken. Welches Recht und welchen Beruf hatte ich
denn, mich zum Richter und Henker dieser Menschen aufzuwerfen, welche der Himmel
so lange Zeit hindurch ungestraft gelassen und sie gleichsam zu Vollziehern
seiner Strafgerichte unter einander gemacht hatte? Was hatten diese Leute mir
gethan? Was berechtigte mich, in ihre Streitigkeiten mich zu mischen und die
Metzeleien zu rächen, die sie an einander verübten? So fragte ich mich oft.
Das aber war sicher: die Wilden sahen die Sache nicht als ein Verbrechen an.
Sie war nicht gegen ihr besseres Wissen und Gewissen. Sie selbst hatten keine
Ahnung davon, daß sie dadurch ein Unrecht begingen und gegen Gottes Gebote sündigten.
Ihnen war es ebensowenig eine Sünde, einen Kriegsgefangenen zu tödten, als uns,
einen Ochsen zu schlachten, und Menschenfleisch schien ihnen ebenso eine naturgemäße
Speise wie uns Hammelfleisch.
Nach einigem Nachdenken kam ich zu dem Schluß, daß ich Unrecht gehabt habe,
diese Leute als Mörder in unserm Sinne anzusehen. Sie waren es ebensowenig wie
die Christen, welche die in der Schlacht gemachten Gefangenen zum Tode verurtheilen,
oder Schaaren von Kriegern ohne Gnade niedermetzeln, wenn sie auch ihre Waffen
von sich geworfen und sich ergeben haben. Ferner sagte ich mir: Wenn auch der
Gebrauch, den diese Cannibalen unter einander üben, noch so roh und unmenschlich
sei, so gehe das mich doch gar Nichts an, da sie mir ja Nichts gethan hätten.
Hätten sie mich überfallen und wäre es zu meiner Selbstvertheidigung nöthig,
sie zu überfallen, so ließe sich das rechtfertigen. Aber da ich jetzt nicht
in ihrer Gewalt sei und sie nicht einmal von meiner Existenz wüßten, folglich
auch keinen Anschlag gegen mich zu machen vermöchten, so könnte ich auch nicht
zu einem Ueberfall berechtigt sein. Ich würde mich durch einen solchen auf eine
Stufe mit jenen Spaniern gestellt haben, die in ihrer Grausamkeit in Amerika
Millionen von Wilden hinmordeten, welche zwar Götzendiener und Barbaren und
in ihren Sitten zum Theil blutig und roh waren (wie sie denn z. B. ihren Götzen
Menschenopfer brachten), die aber den Spaniern gegenüber doch als ganz unschuldige
Leute erschienen. Ueber ihre Ausrottung wird jetzt nur mit größtem Abscheu und
heftiger Entrüstung von den Spaniern selbst und von allen andern christlichen
Nationen Europa’s geurtheilt, als von einer Schlächterei, einer blutigen und
unnatürlichen Grausamkeit, die unverantwortlich vor Gott und Menschen ist. Hat

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