Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

in der Tasche auszugehen. Nachdem ich unterhalb des Hügels an das Ende der Insel
gelangte, wo ich früher noch nie gewesen war, überzeugte ich mich, daß der Anblick
einer menschlichen Fußspur nicht etwas so Außerordentliches sei, als ich mir
bisher eingebildet hatte. Wäre ich nicht durch eine besondere Fügung gerade
auf jener Seite der Insel, wo die Wilden nie hinzukommen pflegten, ans Land
geworfen worden, so hätte ich längst wissen können, daß die Canoes vom Festlande,
wenn sie sich etwas zu weit in die See hinaus gewagt hatten, sehr häufig die
der meinigen entgegengesetzte Seite der Insel als Hafen benutzten. Nach ihren
Seegefechten in Canoes pflegten nämlich die Sieger ihre Gefangenen an jene Küste
zu bringen und sie nach ihrer schrecklichen Sitte gemäß (denn sie waren sämmtlich
Cannibalen) dort zu tödten und zu verzehren. Doch hiervon wird später ausführlicher
die Rede sein.
Von dem Hügel herab ans Ufer gelangt, das, wie gesagt die Südwestspitze der
Insel bildete, blieb ich plötzlich starr vor Schrecken und Entsetzen stehen.
Mit unbeschreiblichem Grauen fand ich dort den Boden mit Schädeln, Händen, Füßen
und anderen Gliedmaßen menschlicher Leiber übersäet. Am meisten entsetzte mich
eine Stelle, wo offenbar ein Feuer angezündet gewesen war, um das sich ein kreisförmiger
Graben zog. Hier hatten sich augenscheinlich jene wilden Scheusale zu ihrem
unmenschlichen Mahle, das aus den Leichnamen ihrer Mitmenschen bestand, niedergelassen
gehabt.
Ich war so durch diesen Anblick vernichtet, daß ich eine ganze Weile gar nicht
an eine Gefahr für mich selbst dachte. Meine Befürchtungen gingen unter in dem
Gedanken an diese unmenschliche teuflische Brutalität und in dem Abscheu vor
solcher Entwürdigung der menschlichen Natur. Zwar hatte ich von dergleichen
Scheußlichkeiten oft gehört, aber noch nie hatte ich so unmittelbare Beweise
für dieselben gehabt. Ich wandte mich von dem grausigen Schauspiel ab, mir wurde
ganz übel und ich war einer Ohnmacht nahe. Meine Natur half sich jedoch.
Nachdem ich mich heftig übergeben hatte, fühlte ich mich etwas wohler, konnte
es aber keinen Augenblick länger an diesem Orte aushalten. Ich kletterte so
schnell als möglich wieder den Hügel hinan und eilte meiner Wohnung zu. Nachdem
ich eine Strecke Weges hinter mir hatte, stand ich einen Augenblick still, um
mich zu sammeln. Ein wenig zu mir gekommen, blickte ich inbrünstig gen Himmel
und dankte Gott unter einem Strom von Thränen dafür, daß er mich in einem Welttheil
hatte geboren werden lassen, wo solche schreckliche Geschöpfe wie die, deren
Spuren mir soeben vor die Augen getreten waren, nicht existirten. Vor Allem
dankte ich meinem Schöpfer auch dafür, daß er mir in der elenden Lage, in der
ich mich befand, doch wenigstens die Erkenntniß seines Wesens und die Hoffnung
seiner Gnade gewährt hatte. Dies Geschenk wog ja alles Elend, das ich schon
erduldet hatte und noch erdulden konnte, reichlich auf.
In solch dankbarer Gemüthsstimmung ging ich nach Hause und wurde nun viel ruhiger
über meine Sicherheit, als ich seit langer Zeit gewesen war. Ich hatte die Ueberzeugung
gewonnen, daß jene Elenden niemals die Insel in der Absicht beträten, dort Beute
zu machen. Entweder begehrten sie Nichts, oder sie vermutheten Nichts hier.
Denn gewiß waren sie oft in dem bewachsenen waldigen Theile gewesen, ohne etwas
für sie Brauchbares anzutreffen. Achtzehn Jahre hatte ich nun beinahe hier verweilt,
ohne in der ganzen Zeit auch nur eine einige Spur von menschlichen Wesen wahrzunehmen,
und ebenso gut konnte ich daher noch einmal achtzehn Jahre unbemerkt wie bisher
hier zubringen, wenn ich mich nicht selbst verrieth. Davor vermochte ich mich
jedoch leicht zu hüten. Ich brauchte mich nämlich nur ganz still zu Haus zu
halten, bis sich eine bessere Art Menschen als jene Cannibalen zeigen würde,
mit denen ich in Verkehr treten könnte.
Mein Abscheu vor den scheußlichen Wilden und ihren unmenschlichen Sitten war
so groß, daß ich fast zwei Jahre lang nach dem erzählten Vorfall nicht mein
nächstes Gebiet verließ. Hierunter verstehe ich meine drei Ansiedelungen: die
Burg, den Landsitz (meine sogenannte Villa) und die Anlagen im Walde. Diese
letzteren suchte ich indessen nur auf, wenn ich nach meinen Ziegen sehen wollte.
Da mein Entsetzen vor den höllischen Gesellen so stark war, daß ich ihren Anblick
wie den des Teufels fürchtete, ging ich auch die ganze Zeit über nicht ein einziges
Mal nach meinem Boot. Dagegen dachte ich daran, mir ein neues zu machen; denn
ich konnte es nicht über mich gewinnen, jemals wieder einen Versuch zu wagen,
das vorhandene um die Insel herum zu führen und mich so einer möglichen Begegnung
zur See mit jenen Kreaturen auszusetzen. Wußte ich doch zu gut, was mein Loos
sein würde,. wenn ich ihnen in die Hände fiele.
Mit der Zeit aber wuchs auch meine Zuversicht, daß mir keine Gefahr drohe, von
diesen Unmenschen entdeckt zu werden. Nach und nach schwand meine Furcht vor
ihnen und ich fing an, wieder in derselben Weise wie früher zu leben. Nur mit
dem Unterschiede, daß ich jetzt vorsichtiger war und meine Augen besser offen
hielt als sonst, damit ich nicht einmal unversehens ihnen ins Gesicht käme.
Besonders nahm ich mich mit dem Schießen in Acht, um mich nicht durch den Knall
zu verrathen. Es kam mir jetzt besonders zu Statten, daß ich mich mit zahmen
Ziegen versehen hatte und nicht mehr in den Wäldern herum zu jagen und zu schießen
brauchte. Ich bemächtigte mich von nun an des Wildes nur noch mit Fallen und
Schlingen, und in einem Zeitraum von zwei Jahren feuerte ich, glaub’ ich, meine
Flinte nicht ein einziges Mal ab, obgleich ich nie ohne sie ausging und überdies
immer wenigstens zwei von den drei aus dem Schiffe mitgebrachten Pistolen in
meinem Gürtel von Ziegenleder bei mir führte. Auch eins von den großen Messern,
die ich aus dem Schiffe gerettet, hing ich, nachdem ich es geputzt und geschliffen,
an einem besonderen Riemen stets um, so daß ich bei meinen Ausgängen ganz gefährlich
anzuschauen war.
Eine Zeitlang nahmen die Dinge ihren ruhigen Fortgang und ich kehrte daher,
jene Vorsichtsmaßregeln abgerechnet, wieder zu meiner früheren geregelten Lebensweise
zurück. Alles vereinigte sich, um mir mehr und mehr zu beweisen, wie gut ich
es immer noch im Vergleich mit Andern hätte, und wie gut meine Lage im Vergleich
zu schlimmeren, in die Gott mich ja ebenso gut hätte versetzen können, sei.
Die Menschen würden sich überhaupt weit weniger über ihr Geschick beklagen,
wenn sie dasselbe nur stets mit noch ungünstigerem vergleichen wollten, anstatt
sich immer mit Denen, die es besser haben, zu messen und dann zu murren und
zu jammern.
Da ich in meiner jetzigen Lage wirklich Weniges vermißte, so muß ich glauben,
daß die Furcht, welche mir die Wilden eingejagt hatten, und die Sorge, die ich
auf meine Selbsterhaltung verwendete, meine Erfindungskraft in Bezug auf meine
Bequemlichkeit vermindert hatte. Wenigstens einen schönen Plan, mit dem ich
mich früher sehr viel beschäftigt, hatte ich jetzt ganz fallen lassen. Ich hatte
nämlich an den Versuch gedacht, aus einem Theil meiner Gerste Malz zu bereiten
und mir daraus Bier zu brauen. Allerdings war das ein närrischer Einfall und
ich zog mich darüber oft selbst auf, denn ich konnte ja nicht übersehen, daß
zum Bierbrauen noch manche Dinge gehörten, die ich unmöglich herbeizuschaffen
vermochte. Fürs Erste nämlich Fässer, um das Gebräu aufzubewahren. Der schwierigen
Aufgabe, mir solche zu verfertigen, opferte ich Tage, Wochen und Monate, ohne
jeden Erfolg. Sodann fehlte mir der Hopfen, um das Bier vor dem Verderben zu
bewahren, Hefen, um die Gährung hervorzubringen, und ein kupferner Kessel, um
es darin zu kochen. Und dennoch würde ich, wären nicht die vielen Aengste und
Schrecken über die Wilden dazwischen gekommen, die Ausführung meines Planes
unternommen und vielleicht auch bewerkstelligt haben. Denn selten gab ich Etwas
als unausführbar auf, wenn ich es einmal so weit ausgedacht hatte, daß ich überhaupt

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