Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
erwähnte, noch eine Thür da, wo meine Befriedigung an den Felsen stieß, nach
Außen führte. Nach reiflicher Ueberlegung beschloß ich, einen zweiten Wall zu
errichten, in derselben Halbkreisform wie der erste, und zwar da, wo ich, wie
seiner Zeit erwähnt ist, vor zwölf Jahren die doppelte Reihe Bäume gepflanzt
hatte. Da diese ganz dicht zusammen standen, bedurfte es nur noch einiger Pfähle
dazwischen, um sie noch enger zu verbinden. So war mein neuer Wall bald fertig.
Ich hatte nun eine doppelte Mauer, und die äußere war überdies noch mit Holzscheiten,
Schiffsketten und allen erdenklichen brauchbaren Dingen verwahrt. Ich hatte
sieben kleine Löcher darin angebracht, ungefähr so groß, daß ich meinen Arm
hindurchstecken konnte. An der inneren Seite verstärkte ich den Wall bis auf
zehn Fuß Dicke, indem ich Erde aus meinem Keller holte, sie am Fuße der Wand
ausschüttete und mit den Füßen fest trat. Durch jene Löcher steckte ich sodann
die sieben, vom Schiff mitgebrachten Gewehre und legte sie wie Kanonen auf Lafetten,
so daß ich alle sieben Geschütze in Zeit von zwei Minuten abzufeuern vermochte.
Es bedurfte übrigens langer Monate, bis diese ganze Arbeit vollendet war, aber
ich fühlte mich nicht eher sicher, als bis ich sie zu Stande gebracht hatte.
Hierauf besteckte ich den Boden außerhalb meiner Befestigung nach allen Richtungen
mit Reisern und Schößlingen von dem weidenartigen schnellwachsenden Holze in
einer solchen Ausdehnung, daß ich, glaub’ ich, an zwanzigtausend Sprößlinge
dazu verbrauchte. Unmittelbar um meine Festung ließ ich jedoch einen ziemlich
großen Raum frei, damit ich etwaige Feinde kommen sehen könnte, und damit sie
hinter den jungen Bäumen keinen Schutz fänden, wenn sie versuchen sollten, sich
meiner Umfriedigung zu nähern.
Auf diese Weise war meine Wohnung innerhalb zweier Jahre von einem dichten Gehölz
und nach fünf bis sechs Jahren von einem gewaltig dichten und starken Walde
umgeben, der völlig undurchdringlich war. Niemand hätte dahinter jemals irgend
etwas Besonderes, geschweige denn eine menschliche Wohnung vermuthet. Ich hatte
keinen Zugang in meiner Einfriedigung freigelassen, sondern gelangte in dieselbe
mittels zweier Leitern. Von diesen reichte die eine, die ich gegen eine niedrige
Stelle des Felsens gelehnt hatte, bis an einen Vorsprung, auf dem Platz genug
war, um eine zweite Leiter darauf anzubringen, so daß, wenn die beiden Leitern
eingezogen waren, kein Mensch ohne die Gefahr einer Verletzung über den Wall
gelangen konnte. Ueberdies hätte er dann auch erst noch die innere Umzäunung
meiner Behausung zu passiren gehabt.
So hatte ich denn alle Vorkehrungen zu meiner Sicherheit, die menschliche Vorsicht
ausdenken konnte, getroffen. Die Folge wird zeigen, daß sie nicht ganz unnütz
gewesen waren, obgleich ich damals zu jenen Maßregeln lediglich durch die Vorspiegelungen
meiner Furcht veranlaßt wurde.
Während der Beschäftigung mit diesen Arbeiten vernachlässigte ich meine andern
Angelegenheiten auch nicht ganz. Besonders lag meine kleine Ziegenheerde mir
sehr am Herzen. Die Thiere boten mir auf alle Fälle ein sehr schätzbares Hülfsmittel
und lieferten mir schon jetzt ausreichenden Lebensunterhalt. Auch ersparten
sie mir den Aufwand von Pulver und Blei, sowie die Anstrengung, die ich bei
der Jagd auf die wilden Ziegen gehabt hatte. Ich wollte mir daher um jeden Preis
diesen Vortheil wahren, um nicht genöthigt zu sein, noch einmal die Einzäunung
aufs Neue zu beginnen.
Nach langer Ueberlegung sah ich für diese Sicherung nur zwei Möglichkeiten.
Die eine bestand darin, daß ich an einer passenden Stelle eine unterirdische
Höhle grub, um die Ziegen des Nachts da hineintreiben zu können; die zweite,
daß ich einige Stückchen Land, weit auseinander und möglichst versteckt gelegen,
mit Zäunen umgab und innerhalb jedes derselben etwa ein halbes Dutzend junger
Ziegen hielt. Auf diese Weise konnte ich, wenn die Hauptheerde von irgend einem
Unfall betroffen wurde, ohne viel Mühe und Zeitverlust mir wieder eine andere
heranziehen. Der letztere Plan erschien mir der zweckmäßigste, wenngleich seine
Ausführung viel Zeit und Mühe in Anspruch nehmen mußte.
Demgemäß suchte ich sorgfältig nach den verborgensten Plätzen auf der Insel
und machte auch glücklich einen ausfindig, der so heimlich gelegen war, wie
ich es nur wünschen konnte. Es war ein kleiner, feuchter Rasenfleck mitten im
dichtesten Walde, da, wo ich mich einmal, wie früher erzählt ist, auf dem Rückweg
von der Ostseite der Insel verirrt hatte. Hier fand ich einen freien Platz,
etwa drei Morgen groß und dergestalt von Bäumen umgeben, daß dieser fast schon
einen natürlichen Wildzaun bildete. Wenigstens erforderte die Anlegung des künstlichen
dort bei weitem weniger Arbeit als an den Stellen, wo ich früher die Umfriedigungen
angelegt hatte.
Ich machte mich unverzüglich an die Arbeit und hatte schon vor Ablauf eines
Monats einen Zaun fertig gebracht, in welchem eine Heerde oder ein Rudel meiner
Ziegen, die übrigens jetzt lange nicht mehr so wild waren als im Anfang, ganz
sicher untergebracht werden konnte. Dahin versetzte ich nun zehn junge Ziegen
und zwei Böcke und fuhr dann fort, den Zaun zu vervollkommnen, bis er ebenso
fest war wie die andern. Doch nahm ich mir dabei die Zeit, und es dauerte daher
lange, bis die Arbeit beendet war.
All diese Mühe wurde veranlaßt durch die Furcht, die mir die Spur eines einzigen
menschlichen Fußtrittes eingeflößt hatte. Zwar hatte ich bis hierher noch kein
Menschenkind außer mir auf der Insel wahrgenommen, aber dennoch befand ich mich
seit zwei Jahren in einer solchen Aufregung, daß mein Leben sich bei weitem
unbehaglicher als früher gestaltet hatte. Das wird Jedermann begreiflich finden,
der jemals Furcht vor feindseligen Menschen empfunden hat.
Leider muß ich bekennen, daß die Unruhe meines Gemüthes auch nicht ohne Einfluß
auf mein Leben im Glauben blieb. Denn die Angst und das Entsetzen bei dem Gedanken,
den Wilden und Menschenfressern in die Hände zu fallen, drückte meinen Geist
so nieder, daß ich selten in der Stimmung war, mich an Gott zu wenden. Wenigstens
that ich es nicht mehr mit der andächtigen Sammlung und Ergebung der Seele wie
sonst. Ich betete nur in großer Angst und Herzensunruhe, wie in beständiger
Gefahr und in der fortwährenden Erwartung, im Laufe der Nacht ermordet zu werden
und den Morgen nicht zu erleben. Aus Erfahrung kann ich bezeugen, daß Friede,
Dankbarkeit, Liebe und Freundlichkeit viel mehr zum Gebet stimmen als Schrecken
und Angst. In der Furcht vor drohendem Unheil ist der Mensch ebensowenig zu
der tröstlichen Ausübung der Gebetspflicht fähig, als er es auf dem Krankenbett
zur Reue ist. Denn in jener Verfassung ist der Geist ebenso gestört wie dort
der Körper, und die geistige Störung bringt nothwendig eine gleiche Unfähigkeit
hervor wie die körperliche. Ja sogar eine noch größere, denn das Gebet ist ja
eine ausschließlich geistige Thätigkeit.
Nachdem ich, um hier meine Erzählung wieder aufzunehmen, in der erwähnten Weise
einen Theil meines kleinen lebendigen Inventars in Sicherheit gebracht hatte,
durchwanderte ich die ganze Insel nach einem zweiten verborgenen Platze, um
noch ein anderes Depot gleicher Art anzulegen. Diesmal gerieth ich weiter nach
der Westspitze der Insel als je vorher, und da geschah es, daß ich, als ich
einmal auf das Meer hinaus schaute, in weiter Entfernung ein Boot wahrzunehmen
glaubte. In den Matrosenkoffern, die ich aus dem Schiffe gerettet, hatte ich
auch zwei Ferngläser gefunden, von denen ich jedoch damals gerade keins bei
mir trug. Das vermeintliche Fahrzeug war so entfernt, daß ich es nicht genau
erkennen konnte, obgleich ich danach schaute, bis mir die Augen übergingen.
Als ich, von dem Hügel herabgestiegen, das Boot nicht mehr sah, beschloß ich,
nicht mehr an die Sache zu denken, nahm mir aber vor, nie mehr ohne ein Fernrohr
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