Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Weisungen und Winken seiner Vorsehung zu gehorchen.
Diese Gedanken beschäftigten mich viele Stunden, Tage, ja, ich möchte sagen,
Wochen und Monate. Auch noch eine besondere Wirkung solcher Betrachtungen auf
mich will ich bei dieser Gelegenheit mittheilen. Als ich nämlich eines Morgens
im Bette lag und durch meine Gedanken von der Gefahr, welche die Erscheinung
von Wilden für mich mit sich brächte, sehr aufgeregt war, da fielen mir plötzlich
wieder die Worte der heiligen Schrift ein: »Rufe mich an in der Noth und ich
will dich erretten und du sollst mich preisen«. Da konnte ich nicht allein getrösteten
Herzens fröhlich mein Lager verlassen, sondern ich fand auch Kraft und Muth,
Gott inbrünstig um Errettung zu bitten. Als ich mein Gebet beendigt hatte, nahm
ich meine Bibel zur Hand, und die ersten Worte, auf die meine Augen fielen,
als ich sie aufschlug, waren: »Harre des Herrn, sei getrost und unverzagt und
harre des Herrn«.
Diese Worte gewährten mir unbeschreiblichen Trost. Ich legte mit dankbaren Gefühlen
das Buch hin und war wenigstens für den Augenblick nicht mehr traurig.
Mitten in diesen Grübeleien, Aengsten und Betrachtungen fiel mir eines Tages
ein, daß der Anlaß meiner Furcht möglicher Weise nichts weiter als eine meiner
Einbildungen sein könnte. Die Spuren rührten ja vielleicht von meinen eigenen
Füßen her; ich hatte sie vielleicht hervorgebracht, als ich aus meinem Boote
ans Land gestiegen war. Dieser Gedanke trug auch ein wenig dazu bei, mich aufzuheitern,
und ich fing an, mich selbst zu überreden, daß das Ganze nur eine Täuschung
gewesen sei und kein anderer als mein eigener Fuß die Insel betreten habe. Warum
sollte ich nicht auf jenem Wege von dem Boote hergekommen sein, da ich doch
auf demselben nach dem Boote hingegangen war? Konnte ich doch keineswegs versichern,
wohin ich getreten habe und wohin nicht. Am Ende, wenn es sich herausstellte,
daß es wirklich mein eigner Fußtritt gewesen war, hatte ich die Rolle jener
Narren gespielt, die Gespenster und Geistergeschichten erfinden und sich dann
selbst am meisten davor entsetzen.
Erst jetzt fing ich an, wieder Muth zu fassen und mich hinaus zu wagen. Denn
seit drei Tagen und Nächten hatte ich meine Festung keinen Augenblick verlassen,
und schon begann ich Mangel zu leiden, da ich zu Hause wenig mehr als einige
Gerstenkuchen und Wasser hatte. Ich wußte auch, daß es nöthig sei, meine Ziegen
zu melken, welches Geschäft sonst gewöhnlich meine Abendunterhaltung bildete.
Die armen Thiere empfanden die Vernachlässigung auch schon schmerzlich, und
einigen war sie sogar so nachtheilig gewesen, daß ihre Milch fast versiegt war.
So waffnete ich mich denn mit dem Glauben, jene Fußspuren rührten wirklich nur
von einem meiner eigenen Füße her, und ich sei, wie man zu sagen pflegt, vor
meinem eigenen Schatten erschrocken. Bei meinem ersten Ausgang begab ich mich
zunächst nach meinem Landsitz, um die Heerde zu melken. Wer damals gesehen hätte,
wie furchtsam ich vorwärts schritt, wie oft ich mich umsah, wie ich beständig
auf dem Sprunge war, meinen Korb von mir zu werfen und davon zu laufen, der
würde gedacht haben, ich sei von einem bösen Gewissen geplagt oder durch etwas
Ungeheures erschreckt worden; und das Letzte war ja auch wirklich der Fall.
Nachdem ich jedoch zwei oder drei Tage denselben Weg gemacht hatte, ohne irgend
etwas Außergewöhnliches zu sehen, wurde ich ein Bischen kühner und die Ueberzeugung
befestigte sich in mir, die Einbildung sei in der That die einzige Ursache meines
Entsetzens gewesen. Völlig sicher konnte ich trotzdem mich nicht eher fühlen,
als bis ich aufs Neue an jener Stelle der Küste gewesen war, den Fußtritt noch
einmal angesehen und ihn mit meinem eigenen verglichen hatte. Dort angekommen
aber überzeugte ich mich erstens, daß ich unmöglich beim Anlegen meines Bootes
auch nur in die Nähe des Platzes gekommen sein konnte. Sodann ergab sich, daß
mein Fuß, als ich ihn gegen die Spur abmaß, bei weitem nicht so groß war. Diese
beiden Beobachtungen erfüllten mich aufs Neue mit den schrecklichsten Vorstellungen
und machten mich wieder so furchtsam, daß ich zitterte wie ein Fieberkranker.
Ich trat den Rückweg in dem festen Glauben an, ein Mensch oder mehre seien an
jenem Platz gelandet, oder die Insel sei bewohnt, und ich könne unversehens
überfallen werden. Wie ich mich davor schützen sollte, sah ich nicht ab.
Was für lächerliche Vorsätze faßt man doch unter dem Eindruck der Furcht! Diese
Empfindung raubt dem Menschen alle Vertheidigungsmittel, die ihm die Vernunft
zu seiner Rettung bieten würde. Das Erste, was ich vornehmen wollte, war, meine
Zäune niederzureißen und alle mein zahmes Vieh in die Wälder zu jagen, in der
Besorgniß, der Feind möchte es finden und dann vielleicht in der Hoffnung auf
gleiche oder ähnliche Beute öfter wiederkommen. Aus demselben Grunde gedachte
ich meine beiden Kornfelder umzugraben und nicht einen Halm darauf zu lassen.
Auch meine Hütte und mein Zelt beschloß ich zu zerstören, damit man durchaus
keine Spur des Bewohntseins der Insel fände und Niemand versucht würde, den
Bewohnern selbst nachzuforschen.
Mit solchen Gedanken beschäftigte ich mich während der ersten Nacht nach meiner
Rückkehr, als die Befürchtungen, die mich so überwältigt hatten, mir noch frisch
in der Seele lebten und meinen Kopf mit wirren Bildern füllten. So ist die Furcht
vor einer Gefahr oft tausendmal schrecklicher als die gegenwärtige Gefahr selbst.
Wir tragen viel schwerer an der Last der Angst als an dem Uebel, das uns ängstigt.
Das Schlimmste aber bei der Sache war, daß ich in dieser Noth nicht den Trost
und die Ergebung festhielt, die mich sonst gestärkt hatten. Es ging mir wie
Saul, wenn er klagt, daß nicht nur die Philister über ihn gekommen seien, sondern
auch daß Gott ihn verlassen habe. Auch ich that jetzt nicht, was ich hätte thun
sollen, mein Gemüth zu beruhigen. Ich rief nicht zu Gott in meiner Noth und
verließ mich nicht wie früher, hinsichtlich meiner Verteidigung und Errettung,
auf seine Vorsehung. Hätte ich das gethan, so wäre ich wenigstens mit frischerem
Muthe dieser neuen Anfechtung entgegen gegangen und hätte sie wahrscheinlich
leichter überwunden.
Die Verwirrung meiner Gedanken hielt mich die ganze Nacht wach. Erst gegen Morgen,
durch die Aufregung meiner Gefühle müde gemacht und erschöpft, fiel ich in einen
festen Schlaf und erwachte dann in viel ruhigerer Stimmung, als in der ich vorher
gewesen war. Ich begann jetzt vernünftig nachzudenken. Nach langer Erwägung
kam ich zu dem Schluß: diese so gar liebliche und fruchtbare Insel, die, wie
ich gesehen, nicht weit vom Festlande abliege, könne nicht so durchaus verödet
sein, als ich bisher geglaubt habe. Zwar werde sie schwerlich ständige Bewohner
herbergen, aber zuweilen würden wohl Boote von der gegenüberliegenden Küste
herüber kommen, die entweder absichtlich oder auch nur durch widrige Winde gezwungen
hier landeten.
Freilich hatte ich bereits fünfzehn Jahre hier zugebracht und noch nie den leisesten
Schatten einer menschlichen Gestalt gesehen. Daraus folgerte ich, daß, wenn
jemals Leute hierher verschlagen sein sollten, sie sich wahrscheinlich immer
sobald wie möglich wieder entfernt und nie daran gedacht hätten, sich hier niederzulassen.
Demnach bestehe, so sagte ich mir weiter, die einzige mir drohende Gefahr in
der zufälligen Landung einzelner verirrter Bewohner des Festlandes, welche aller
Wahrscheinlichkeit nach gegen ihren Willen hierher verschlagen worden seien
und die darum auch ohne Aufenthalt weiter zu kommen suchen und nur selten einmal
über Nacht hier verweilen, sondern die nächste Flut und das Tageslicht für ihren
Rückweg als Beistand benutzen würden. Also hätte ich weiter Nichts zu thun,
als für den Fall, daß ich die Landung solcher Wilden hier erleben sollte, für
einen sicheren Schlupfwinkel zu sorgen.
Jetzt bereuete ich bitter, die Höhle so groß gemacht zu haben, daß, wie ich
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