Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

zu meiner größten Ueberraschung den Eindruck eines nackten menschlichen Fußes
ganz deutlich in dem Sande des Ufers wahrnahm. Wie vom Donner gerührt, oder
als hätte ich ein Gespenst gesehen, stand ich davor. Ich horchte, ich sah mich
um, aber es war Nichts zu hören, noch zu erblicken. Ich erstieg einen Hügel,
um mich weiter umschauen zu können, dann ging ich an der Küste auf und ab, aber
es blieb Alles ohne Erfolg. Keine weiteren Fußspuren waren zu finden als jene
eine. Ich ging zu ihr zurück, um zu sehen, ob nicht noch andere in der Nähe
seien, oder ob ich mich vielleicht geirrt hätte. Aber Beides war nicht der Fall.
Ich fand nur genau denselben Eindruck der Zehen, Fersen und übrigen Fußtheile.
Wie die Spur dahin gekommen, wußte ich nicht und konnte es durchaus nicht begreifen.
Eine Flut von wirren Gedanken stürmte auf mich ein, und völlig verstört und
außer mir kam ich in meiner Festung an, ohne daß ich unterwegs, wie man zu sagen
pflegt, den Boden unter meinen Füßen gefühlt hätte.
Es ist nicht zu beschreiben, in was für verschiedene Gestalten auf dem Wege
meine erhitzte Einbildungskraft die Dinge verwandelte, was für eine Menge wilder
Vorstellungen die Phantasie mir vorspiegelte und welche sonderbaren unerklärlichen
Einfälle mir in den Sinn kamen. Als ich zu meiner Burg (denn diesen Namen hatte
ich meiner Behausung gegeben) gelangt war, flüchtete ich hinein wie ein Verfolgter.
Ob ich mittels der Leiter hineinstieg, weil das schneller ging, oder durch das
Loch im Felsen, das ich meine Thür nannte, kroch, weiß ich heute noch nicht.
Nie floh ein gehetzter Hase oder Fuchs in größerer Seelenangst seinem Zufluchtsort
zu, als ich in jenem Augenblick.
Kein Schlaf kam diese Nacht in meine Augen; je weiter ich von der Ursache meines
Schreckens entfernt war, um so größer wurden meine Befürchtungen. Zwar widerspricht
das eigentlich der Natur der Sache und weicht von den gewöhnlichen Aeußerungen
des Schreckens ab, aber ich war dermaßen in meinen entsetzten Gedanken über
die Erscheinung befangen, daß sich mir Nichts als schauerliche Vorstellungen
aufdrängten, wiewohl ich jetzt ziemlich weit von dem Anlaß meiner Furcht entfernt
war.
Zuweilen bildete ich mir ein, der Teufel müsse sein Spiel hier haben, und diese
Annahme war nicht ohne allen Grund. Denn wie sollte irgend ein anderes Wesen
in menschlicher Gestalt hierher gekommen sein? Wo war das Schiff, das es hergeführt
hatte? Warum waren keine anderen Fußspuren zu sehen? Dann aber kam mir wieder
der Gedanke: Warum sollte der Satan menschliche Gestalt angenommen haben, nur
um seinen Fußtritt hier zurückzulassen? Bald schien mir meine abergläubische
Furcht auch deshalb lächerlich, weil ich bedachte, daß der Teufel mich ja auf
unendlich viele andere Arten hätte erschrecken können als durch diesen einzelnen
Fußtapfen. Denn da ich auf einer ganz anderen Seite der Insel wohnte, würde
er doch gewiß nicht so dumm gewesen sein, eine Spur an einer Stelle zurückzulassen,
wo zehntausend gegen eins zu wetten war, daß ich sie nie sehen würde, und am
wenigsten im Sande, wo die erste Flutwelle bei einigem Winde sie sofort vernichten
mußte. Alles dieses ließ sich weder mit der Sache selbst, noch mit den Vorstellungen,
die wir gewöhnlich von der Schlauheit des Satans haben, zusammenreimen.
Solche Erwägungen benahmen mir allmählich die Furcht vor dem Teufel. Nun vermuthete
ich dagegen, daß ich es mit noch gefährlicheren Wesen zu thun habe, nämlich
mit einem oder mehren der wilden Bewohner jenes gegenüberliegenden Festlandes.
Ich bildete mir ein, sie wären in ihrem Canoe in See gegangen und von widrigen
Winden oder der Strömung an diese Küste verschlagen worden, dann aber wieder
abgefahren, da es ihnen vielleicht ebensowenig auf dieser öden Insel gefallen
haben möchte, wie es mir behagt haben würde, sie hier zu haben.
Während diese Gedanken meine Seele beunruhigten, empfand ich es sehr dankbar,
daß ich so glücklich gewesen war, um jene Zeit nicht gerade an der fraglichen
Stelle zu sein, und daß die Fremden mein Boot nicht gesehen hatten, weil sie
sonst auf Bewohner der Insel hätten schließen müssen und vielleicht weiter nach
mir geforscht hätten. Dann aber stiegen mir wieder schreckliche Gedanken auf
und meine Einbildungskraft malte mir aus, daß die Wilden das Boot gefunden hätten
und nun wüßten, daß die Insel bewohnt sei, und wie sie dann gewiß in großer
Anzahl wiederkommen und mich überfallen würden. Und wenn sie auch mich selbst
nicht finden konnten, so glaubte ich doch, sie würden meine Anlagen finden,
meine Felder verwüsten und meine zahme Ziegenheerde hinwegführen, so daß ich
endlich durch Mangel umkommen müßte.
So überwältigte meine Furcht wieder alle meine gläubige Hoffnung. Mein ganzes
bisheriges Vertrauen auf Gott, welches auf so wunderbare Erfahrungen seiner
Güte gegründet war, fiel nun über den Haufen, als ob er, der mich bisher durch
Wunder ernährt hatte, nicht auch Macht habe, die Nahrungsmittel, die seine Gnade
mir gespendet hatte, zu beschützen. Ich machte mir Vorwürfe über meinen Leichtsinn,
daß ich nicht mehr Getreide jedes Jahr gesäet hatte, als was gerade bis zur
nächsten Ernte ausreichend war, wie wenn kein Unfall mich jemals verhindern
könnte, das Korn, was noch auf dem Felde stand, einzuheimsen. Dieser Vorwurf
erschien mir so gerechtfertigt, daß ich mir vornahm, künftig immer Sorge zu
tragen, auf zwei bis drei Jahre im Voraus versorgt zu sein, damit ich, was auch
sonst kommen möge, wenigstens nicht zu verhungern brauchte.
Was für ein seltsames Gebilde der göttlichen Hand ist doch das Leben des Menschen!
Durch wie verschiedene geheime Triebfedern werden seine Neigungen je nach den
eben obwaltenden Umständen hin und her bewegt! Heute lieben wir das, was wir
morgen vielleicht hassen; suchen das heute auf, was wir morgen vermeiden; wünschen
jetzt, was wir gleich darauf fürchten, ja wovor wir beim bloßen Gedanken daran
zittern. Das bewährte sich jetzt auch an mir auf das Alleraugenfälligste. Denn
ich, dessen einziger Kummer darin bestanden hatte, daß ich aus der menschlichen
Gesellschaft ausgestoßen und verurtheilt schien, einsam und allein, nur umgeben
von dem unermeßlichen Ocean zu leben, abgeschnitten von allem Verkehr und verdammt
in einem sozusagen stummen Dasein zu existiren, als hätte der Himmel mich nicht
für würdig gehalten, zu den Lebenden gezählt zu werden oder unter seinen übrigen
Geschöpfen zu wandeln, ich, dem der Anblick eines Wesens meines Gleichen als
eine Auferweckung vom Tode zum Leben hätte erscheinen müssen und als der größte
Segen, den der Himmel, nächst der ewigen Erlösung selbst, mir hätte angedeihen
lassen können, – ich erzitterte jetzt bei der bloßen Vorstellung, einen Menschen
zu sehen, und hätte in die Erde sinken mögen bei der bloßen Vermuthung, bei
dem stummen Zeichen, daß ein Mensch die Insel betreten hatte.
So wandelbar ist das Menschenherz. Als ich mich von meinem ersten Schrecken
einigermaßen erholt hatte, stellte ich mancherlei merkwürdige Betrachtungen
an. Ich bedachte, daß der allweise und allgütige Gott diese Lebenslage für mich
ausersehen habe, und daß, da ich nicht voraussehen könne, welche Absichten die
göttliche Weisheit mit allem diesem verfolge, es mir nicht zustehe, ihrer Anordnung
zu widerstreben. Hatte denn Gott nicht über mich, als über sein Geschöpf, das
unbestreitbare Recht unbedingter Verfügung, wie es ihm gefiel, und hatte ich
ihn nicht überdies erzürnt und dadurch seine Gerechtigkeit herausgefordert,
eine Strafe, wie er sie für angemessen hielt, über mich zu verhängen? War es
nicht meine Schuldigkeit, mich seiner Ungnade zu unterwerfen, weil ich gegen
ihn gesündigt hatte? Dann überdachte ich ferner, daß Gott, der ja nicht allein
gerecht, sondern auch allmächtig ist, ebenso gut, wie er mich auf diese Weise
strafte und heimsuchte, mich ja auch befreien könne, und daß, wenn er nicht
für angemessen halte, das zu thun, es meine unzweifelhafte Pflicht sei, mich
ganz unbedingt in seinen Willen zu ergeben; und wie es andererseits wieder meine
Schuldigkeit sei, auf ihn zu hoffen, zu ihm zu beten und demüthig den täglichen

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