Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
wohl bei Jemandem hätte vermuthen sollen, der mit so geringer Fürsorge für dieselbe
innerhalb der Wendekreise lebte. Meinen Bart hatte ich wachsen lassen, bis er
eine Viertelelle lang war, aber da ich Scheeren und Rasirmesser in Menge besaß,
hielt ich ihn jetzt ziemlich kurz geschnitten, ausgenommen den Schnurrbart,
den ich zu einem langen türkischen Knebelbart gezogen hatte, wie ich ihn bei
einigen Türken in Saleh gesehen. Die Mauren tragen nämlich keine solchen Bärte
wie die Türken. Immerhin war Größe und Form meines Bartes abschreckend genug,
und in England würde er für geradezu entsetzlich gegolten haben.
Uebrigens kam, da ja meine äußere Erscheinung von Niemandem beobachtet werden
konnte, auf dies Alles wenig an. In jenem Aufzuge nun trat ich meine neue Reise
an und blieb fünf bis sechs Tage fort. Zuerst wanderte ich der Küste entlang,
direkt nach der Stelle, wo ich damals mit meinem Boote vor Anker gegangen war,
um die Felsen zu erklettern. Da ich diesmal für kein Boot zu sorgen hatte, schlug
ich einen nähern Weg zu Lande ein und erreichte dann auch auf diesem die erwähnte
Höhe. Als ich von hier aus die vorspringende Felsenspitze überblickte, die ich
vor Kurzem in meinem Boote hatte umfahren müssen, sah ich zu meiner Verwunderung
das Meer ganz glatt und ruhig und gewahrte nichts von Brandung oder Wellen und
Strömung, weder hier, noch an irgend einer andern Stelle. Ich konnte mir diese
Erscheinung durchaus nicht erklären. Daher beschloß ich, sie eine Zeitlang zu
beobachten, um zu entdecken, ob vielleicht die Ebbe und Flut einen Einfluß darauf
habe. Bald überzeugte ich mich auch, wie sich die Sache verhielt. Wenn nämlich
die Ebbe von Westen her eintrat, so vereinigte sie sich mit der starken Wassermasse
eines großen Küstenstromes und brachte so jene Strömung hervor, welche, je nachdem
der Wind mehr von Westen oder von Norden her wehte, der Küste näher oder entfernter
floß. Nachdem ich bis gegen Abend gewartet und um die Zeit der Ebbe wieder den
Felsen erstiegen hatte, sah ich die Strömung wieder ganz deutlich wie früher,
nur weiter entfernt, fast eine halbe Seemeile von der Küste, während sie damals
dicht an der Küste gegangen war und mich und mein Fahrzeug mit fortgerissen
hatte, was unter andern Umständen nicht geschehen sein würde.
Diese Beobachtung überzeugte mich, daß ich nur auf den Eintritt der Ebbe und
Flut zu achten brauchte, um mein Boot mit leichter Mühe um die Insel zurückführen
zu können. Als ich aber an die Ausführung dachte, überfiel mich die Erinnerung
an die früher überstandenen Gefahren dennoch mit solchem Schrecken, daß ich
vorzog, einen anderen sicherern, wenn auch mühsameren Weg einzuschlagen. Dieser
bestand darin, daß ich mir noch ein Canoe oder eine Pirogue zu bauen oder vielmehr
zu hauen beschloß, um für jede Seite der Insel ein besonderes Fahrzeug zu haben.
Man muß sich erinnern, daß ich jetzt sozusagen zwei Ansiedelungen auf der Insel
besaß. Erstens meine kleine Festung, d. h. das mit dem Wall umgebene Zelt, im
Schutz des Felsens, mit der Höhle dahinter, die ich inzwischen zu mehren mit
einander verbundenen Gemächern oder Kellern erweitert hatte. Der größte und
trockenste dieser Räume, welche überdies eine Thür nach Außen hatten, war ganz
angefüllt mit den früher erwähnten großen irdenen Gefäßen und mit vierzehn oder
fünfzehn großen Körben, von denen jeder fünf bis sechs Scheffel hielt. In diesen
bewahrte ich meine Vorräthe auf, besonders das Korn, theils in den Aehren, die
dicht über dem Stroh abgeschnitten waren, theils ausgerieben, was ich mit den
Händen zu bewerkstelligen pflegte.
Den sogenannten Wall hatte ich, wie früher erzählt ist, aus lauter langen Reisern
und dünnen Stämmen aufgeführt, die aber jetzt alle zu Bäumen angewachsen waren
und um diese Zeit bereits eine solche Höhe erreicht und sich so ausgebreitet
hatten, daß Niemand dahinter eine menschliche Wohnung vermuthen konnte.
In der Nähe dieser meiner Wohnung, aber etwas weiter landeinwärts und niedriger
gelegen, waren meine beiden Stücke Ackerland, welche ich stets in der gehörigen
Bestellung und Kultur erhielt, und die mir alljährlich ihre Ernte lieferten.
Als ich mich veranlaßt sah, mehr Getreide zu bauen, bediente ich mich dazu des
angrenzenden gleich gut geeigneten Terrains.
Meine zweite Behausung war der sogenannte Landsitz. Auch dieser hatte sich zu
einer ganz hübschen Ansiedelung entwickelt. Zunächst fand sich da die Laube,
wie ich sie nannte. Ich erhielt dieselbe immer in gutem Stand, indem ich die
umschließende Hecke, an die von Innen eine Leiter gelehnt war, stets in gleicher
Höhe ließ. Die Bäume, die anfangs nichts als Stöcke gewesen, waren jetzt stark
und hoch herangewachsen. Ich beschnitt sie so, daß sie sich ausbreiteten und
mit ihrem dichten Laube erquickenden Schatten gaben. In der Mitte derselben
ließ ich mein aus einem ausgespannten Stück Segeltuch errichtetes Zelt stehen,
ohne daß es je der Ausbesserung oder Erneuerung bedurft hätte. Darunter hatte
ich mir ein Sopha oder Ruhebett aus den Fellen erlegter Thiere und anderen weichen
Gegenständen gemacht und darüber eine Decke, die ich aus unseren Schiffsbetten
gerettet, ausgebreitet Neben dem Ruhebett hatte ich einen dicken Stock als Schutzwaffe
stehen. Ich nahm dort mein Quartier, so oft ich Veranlassung fand, mich von
meiner eigentlichen Wohnung zu entfernen.
Dicht daneben befanden sich die eingezäunten Weideplätze für mein Ziegenvieh.
Da es mich unendliche Arbeit gekostet hatte, diese Räume in der beschriebenen
Weise zu umschließen, war ich immer ängstlich darauf bedacht, die Umzäunungen
in Ordnung zu erhalten, damit die Ziegen mir nicht entwischten. Niemals ging
ich fort, ohne vorher mit vieler Mühe alle Oeffnungen der Hecke mit kleinen
Stäben so dicht zu verschließen, daß die Umzäunung eher ein Gitter als eine
Hecke zu nennen war und man kaum die Hand dazwischen durchstecken konnte. In
der nächsten Regenzeit wuchsen diese Reiser alle zusammen und bildeten mit der
Zeit eine starke Wand, ja sie wurden fester als ein gewöhnlicher Wall.
Dies Alles liefert den Beweis, daß ich nicht müßig war und keine Mühe scheute,
Jegliches, was zu meiner Annehmlichkeit nothwendig erschien, herzurichten. Ich
sah in meiner Heerde zahmer Hausthiere, die ich so nahe zur Hand hatte, einen
lebendigen Vorrath von Fleisch, Milch, Butter und Käse, der für die ganze Dauer
meines Aufenthalts auf der Insel, und wenn er auch noch vierzig Jahre währen
sollte, vorhalten würde. Die Erhaltung derselben hing aber wesentlich davon
ab, daß ich die Einzäunung möglichst vervollkommnete, damit die Heerde stets
zusammen blieb. Diesen Zweck erreichte ich denn auch auf die erwähnte Art in
dem Maße, daß ich, als die jungen Reiser, die ich so dicht gepflanzt, zu wachsen
begannen, mich genöthigt sah, einige davon wieder abzureißen.
Hier war es auch, wo die Weintrauben wuchsen, die mir meine Wintervorräthe an
Rosinen lieferten. Ich versäumte nicht, diese stets sehr sorgfältig zu konserviren,
da sie den besten und wohlschmeckendsten Leckerbissen meiner ganzen Speisekarte
bildeten. Sie waren wirklich nicht bloß schmackhaft, sondern auch im höchsten
Grade heilsam, gesund, nahrhaft und äußerst erfrischend.
Da diese Ansiedelung etwa halbwegs zwischen meiner anderen Wohnung und dem Platze
gelegen war, wo ich mein Boot befestigt hatte, so hielt ich mich gewöhnlich
auf dem Wege nach letzterem eine Zeitlang dort auf. Denn ich pflegte mein Boot
oft zu besuchen, um alles, was dazu gehörte, in der besten Ordnung zu erhalten.
Auch fuhr ich manchmal zum Vergnügen darin aus, aber abenteuerliche Reisen wollte
ich nicht wieder darin unternehmen, noch auch mich weiter als ein paar Steinwurfsweiten
von der Küste entfernen. Denn ich war viel zu besorgt, wieder durch eine Strömung
oder durch den Wind in unbekannte Gewässer verschlagen zu werden.
Jetzt gelange ich in dem Berichte von meinem einsamen Leben zu einem neuen Abschnitt.
Eines Tages, als ich gegen Mittag nach dem Boote ging, begab es sich, daß ich
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt