Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Sinn kam, wie meine Ziegen in einem so weiten Spielraum ja ebenso wild werden
würden, als wenn ich ihnen die ganze Insel überlassen hätte, und daß ich sie
in einem solchen Raume niemals würde einfangen können.
Die Hecke war bereits angefangen und, ich glaube, schon etwa fünfzig Schritte
lang ausgeführt, als mir das Bedenken zuerst einfiel. Ich hielt sogleich mit
dem Arbeiten inne und beschloß, vorläufig nur ein Stück Land von ungefähr 150
Ellen Länge und 100 Ellen Breite einzuschließen. Dies war ganz ausreichend für
so viele Ziegen, als ich vernünftigerweise fürs Erste zu haben erwarten konnte,
und wenn meine Heerde zunahm, konnte ich ja immer noch mehr Bodenfläche in die
Umfassung hineinziehen.
An dies einigermaßen verständige Unternehmen machte ich mich nun mit gutem Muthe.
Es dauerte etwa drei Monate, bis das erste Stück fertig umzäunt war. Bis dahin
pflöckte ich die drei Lämmer an den besten Weidestellen an und ließ sie, um
sie zahm zu machen, in möglichster Nähe von mir grasen. Zuweilen brachte ich
ihnen einige Gerstenähren oder eine Handvoll Reis und ließ sie aus meiner Hand
fressen, so daß, als die Einfassung fertig war und ich die Lämmer losband, sie
mir auf dem Fuße folgten und nach einer Hand voll Korn hinter mir her blökten.
Meine Einrichtung erfüllte ihren Zweck vollständig. und in etwa anderthalb Jahren
hatte ich eine Heerde von zwölf Ziegen, einschließlich der Lämmer. Nach weiteren
zwei Jahren waren es dreiundvierzig geworden, abgesehen von denen, die ich während
dieser Zeit getödtet und zu meiner Nahrung verwendet hatte. Nach und nach legte
ich fünf solcher eingezäunter Weideplätze an, in denen ich kleine Abtheilungen
anbrachte, um die Thiere, die ich gerade gebrauchen wollte, hineinzutreiben.
Die einzelnen Plätze brachte ich durch Gitterthüren mit einander in Verbindung.
Jetzt konnte ich nicht nur Ziegenfleisch, so viel ich immer essen mochte, haben,
sondern obendrein Milch, und das war Etwas, was ich im Anfange nicht einmal
für möglich gehalten hatte; daher gewährte es mir eine um so angenehmere Ueberraschung.
Ich richtete jetzt eine förmliche Milchwirthschaft ein, denn ich gewann zuweilen
vier bis acht Quart Milch an einem Tage. Die Natur lehrt jedes Geschöpf von
der Nahrung, die sie ihm gibt, Gebrauch zu machen. So lernte auch ich, der nie
eine Kuh, viel weniger eine Ziege gemolken oder die Bereitung von Butter und
Käse mit angesehen hatte, wenn auch erst nach vielen mißglückten Versuchen,
mit Leichtigkeit sehr gute Butter und Käse zu bereiten. Von nun an fehlte es
mir daran nie mehr. Wie gnädig ist doch unser Gott gegen seine Geschöpfe, auch
in den Lebenslagen, wo sie mitten ins Verderben gerathen zu sein scheinen! Wie
kann er die bittersten Verhängnisse versüßen und uns Ursache geben, ihn für
Kerker und Gefängnisse zu preisen! Welch ein reicher Tisch war hier in der Wüste
für mich gedeckt, wo ich anfangs nichts als den Hungertod vor mir gesehen hatte!
Selbst ein Stoiker würde sich des Lächelns nicht haben erwehren können, hätte
er mich und meine kleine Familie zum Mittagsmahle niedersitzen sehen. Da war
zunächst meine Majestät, der Fürst und Herrscher der ganzen Insel. Das Leben
meiner sämmtlichen Unterthanen stand unbedingt in meiner Gewalt. Ich konnte
hängen, viertheilen, freilassen und gefangen halten, wen und wie ich wollte,
und kein einziger Rebelle befand sich unter allen meinen Unterthanen. Man mußte
es sehen, wie ich gleich einem König speiste, ganz allein, während meine Diener
mir aufwarteten. Pol, als mein Günstling, genoß allein das Privileg, mit mir
sprechen zu dürfen. Mein Hund, der inzwischen sehr alt und stumpf geworden war
und leider nicht seines Gleichen auf der Insel gefunden hatte, um sein Geschlecht
fortzupflanzen, saß stets zu meiner Rechten, und zwei Katzen, eine auf dieser,
die andere auf jener Seite des Tisches, erwarteten ab und zu einen Brocken aus
meiner Hand als ein Zeichen besonderer Gunst.
Es waren dies übrigens nicht mehr dieselben beiden Katzen, die ich mit ans Land
gebracht hatte. Die lebten beide längst nicht mehr, und ich hatte sie eigenhändig
in der Nähe meiner Wohnung begraben. Die eine von ihnen hatte sich aber, ich
weiß nicht mit was für einer Art von Bestie gepaart und von ihrer Nachkommenschaft
hatte ich zwei Junge aufgezogen, indessen die übrigen wild in den Wäldern umherliefen
und mir auf die Dauer lästig fielen. Oftmals nämlich kamen sie in mein Haus
und plünderten mich, bis ich mich endlich genöthigt sah, sie zu erschießen.
Erst nachdem ich eine ganze Menge getödtet hatte, ließen sie mich endlich in
Ruhe. Mit diesem Hofstaat und in dieser üppigen Weise lebte ich und entbehrte
Nichts als Gesellschaft, und auch hiervon sollte ich einige Zeit später mehr
als zu viel bekommen.
Wie ich schon bemerkt habe, wünschte ich sehr mein Boot bei mir zu haben, ohne
daß ich jedoch Lust verspürte, mich seinetwegen wieder in Gefahren zu begeben.
So dachte ich denn manchmal darüber nach, wie ich es herbeischaffen sollte,
gab aber den Gedanken, es wieder zu bekommen, bald gänzlich auf. Eine sonderbare
Unruhe trieb mich dagegen immerfort nach der Spitze der Insel, wo ich, wie erwähnt,
bei meinem letzten Ausfluge auf den Hügel gestiegen war, um die Küste und den
Lauf der Strömung zu übersehen. Das Verlangen, wieder dort zu sein, nahm alle
Tage zu, bis ich endlich beschloß, die Reise dahin zu Lande zu machen, und zwar
immer der Küste entlang. So begab ich mich denn abermals auf die Wanderschaft.
Hätte mich auf dieser irgend ein Landsmann von mir sehen können, er würde sich
entweder vor mir entsetzt, oder ein großes Gelächter aufgeschlagen haben. Wenn
ich zuweilen still stand und mich selbst betrachtete, so konnte ich nicht umhin,
bei dem Gedanken zu lächeln, wie es wäre, wenn ich in einem solchen Aufzuge
und in solchem Kostüm durch Yorkshire reisen wollte. Man stelle sich meine Erscheinung
folgendermaßen vor:
Auf dem Kopfe trug ich eine hohe große unförmliche Mütze von Ziegenfell mit
einer hinten lang herunterhängenden Krampe. Diese sollte sowohl die Sonne abhalten,
als auch den Regen verhindern, mir hinten in den Nacken zu laufen. Denn Nichts
ist in dieser Zone so schädlich, als wenn die Haut unter den Kleidern naß wird.
Ferner hatte ich eine kurze Jacke von Ziegenfell an, deren Schooß etwa bis über
die Hüften herabfiel, und dazu ein Paar Kniehosen von demselben Stoffe. Diese
letzteren waren aus der Haut eines alten Bockes gemacht, und die Haare hingen
auf beiden Seiten herab, so daß meine Beinkleider wie lange Hosen bis über die
Waden herunter reichten. Schuhe und Strümpfe besaß ich nicht, aber ich hatte
mir dafür ein paar Dinger gemacht, die ich kaum zu benamen weiß. Es war eine
Art von Stulpstiefeln, die hoch hinauf gingen und an den Seiten zugeschnürt
waren gleich Kamaschen. Uebrigens hatten sie eine sehr uncivilisirte Form, wie
überhaupt alle meine Kleidungsstücke höchst primitiv waren.
Außerdem trug ich einen breiten Gürtel von getrockneter Ziegenhaut, den ich
anstatt einer Schnalle mit zwei Riemen aus demselben Stoffe befestigte. Daran
hing in einer Art von Gehänge an Stelle eines Schwertes oder Dolches auf meiner
einen Seite eine kleine Säge und auf der andern eine Hacke. Ein zweiter Lederriemen,
etwas schmaler als der Gürtel, aber in derselben Art befestigt, hing mir über
die Schulter, und daran unter dem linken Arm trug ich zwei Beutet, gleichfalls
aus Ziegenfellen verfertigt, von denen der eine Pulver, der andere Kugeln und
Schrot enthielt. Auf dem Rücken hatte ich einen Korb, auf der Schulter meine
Flinte und über dem Kopfe meinen großen, plumpen, häßlichen Sonnenschirm, der
übrigens nächst meiner Flinte das Nützlichste war, was ich bei mir führte. Was
meine Gesichtsfarbe betraf, so war dieselbe nicht so mulattenhaft, als man sie
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