Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

andern Seite davon abtrieb, drohte mir ja dort gleiche Gefahr, mit dem Strome
fort und an der Insel vorbeigerissen zu werden, wie ich vorher davon abgetrieben
worden war. Mit diesem Gedanken tröstete ich mich über den zeitweiligen Verlust
des Bootes, welches allerdings das Werk vieler, Monate langer Arbeit gewesen
war, und das ich mit so besonders großer Mühe und so bedeutendem Zeitaufwand
in das Meer geschafft hatte.
Nachdem ich jenes Verlangen bezwungen hatte, führte ich fast ein Jahr lang ein
sehr stilles, zurückgezogenes Leben. In meinem Gemüthe war ich nun ganz mit
meiner Lage ausgesöhnt und vollkommen gewillt, mich allen Anordnungen der Vorsehung
ruhig zu fügen. Ich fühlte mich wirklich in jeder Hinsicht ganz glücklich, wobei
ich jedoch das Gefühl der Einsamkeit nicht in Anschlag bringe.
Während dieser Zeit vervollkommnete ich mich in allen mechanischen Fertigkeiten,
zu deren Uebung mich meine Bedürfnisse genöthigt hatten. Ich glaube, ich hätte
jetzt, vorkommenden Falls, einen ganz leidlichen Zimmermann vorstellen können,
wobei natürlich zu bedenken ist, wie wenig Handwerkszeug mir zu Gebote stand.

Außerdem brachte ich es zu einer unerwarteten Verbesserung meines Thongeschirres.
Seit ich darauf verfiel, den Thon auf einer Scheibe zu drehen, ging die Herstellung
meiner Gefäße weit leichter von Statten, und dieselben wurden jetzt rund und
wohlgestaltet, während ich früher nur unförmliche Dinger zu Stande gebracht
hatte. Nie aber, glaube ich, war ich stolzer auf meine Geschicklichkeit, oder
erfreuter über irgend eine Erfindung, als da es mir gelang, eine Tabakspfeife
zu machen. Zwar stellte sie fertig geworden nur ein sehr häßliches, plumpes
Ding dar, auch bestand sie nur aus gebranntem Thon wie die anderen Töpferwaaren,
allein sie war hart und fest und ließ den Rauch, ganz wie es sich gehört, hindurch
ziehen. Wie groß war mein Entzücken darüber! Ich hatte früher viel geraucht,
auch waren Pfeifen auf dem Schiffe gewesen, aber ich hatte sie nicht mitgenommen,
da mir unbekannt war, daß es auf der Insel Tabak gab. Nachher, als ich das Schiff
aufs Neue durchsuchte, hatte ich keine mehr finden können.
Auch in Flechtarbeiten machte ich bedeutende Fortschritte und verfertigte einen
Ueberfluß von allen möglichen Körben. Sie waren zwar nicht gerade schön, aber
doch sehr handlich und bequem zur Aufbewahrung und zum Tragen vieler Sachen.
Wenn ich zum Beispiel eine Ziege getödtet hatte, hing ich sie an einem Baum
in der Höhe auf, zog sie ab, weidete sie aus, schnitt sie in Stücke und trug
sie in einem meiner Körbe nach Hause. Ebenso machte ich’s mit den Schildkröten,
aus denen ich, nachdem ich sie aufgeschnitten, die Eier herausnahm und diese
nebst einem oder zwei Stücken von dem Fleische, wie es für mich ausreichte,
heimbrachte, während ich den Rest liegen ließ. Auch zur Aufbewahrung des Korns
bediente ich mich großer tiefer Körbe. Sobald es trocken genug war, rieb ich
es aus, siebte es durch und hob es dann in diesen Behältern auf.
Mit der Zeit bemerkte ich leider, daß mein Schießpulver bedeutend abnahm. Dies
war ein unersetzlicher Mangel, deshalb überlegte ich, was ich anfangen sollte,
wenn ich gar kein Pulver mehr hätte, auf welche Weise insbesondere ich dann
Ziegen erlegen sollte. Ich hatte, wie bereits erzählt, im dritten Jahre meines
hiesigen Aufenthalts eine junge Geis gefangen und aufgezogen. Meine Hoffnung,
einen Bock dazu zu bekommen, hatte sich nicht erfüllt, und nachgerade war aus
meinem Zicklein eine alte Ziege geworden. Ich hatte es nicht über mein Herz
bringen können, sie zu schlachten, bis sie zuletzt an Altersschwäche gestorben
war.
Da aber jetzt im elften Jahre meiner Anwesenheit auf der Insel, wie gesagt,
meine Munition knapp zu werden begann, mußte ich auf eine Art und Weise, die
Thiere lebendig einzufangen, sinnen. Vor Allem wünschte ich eine trächtige Mutterziege
zu besitzen. Zu diesem Zwecke legte ich Schlingen, um sie darin zu verstricken,
und ich glaube wohl, daß sich mehr als einmal welche darin fingen, aber die
Stricke waren nicht gut, und Draht hatte ich nicht. Darum fand ich die Schlingen
immer wieder zerrissen und den Köder aufgefressen.
Da beschloß ich endlich, den Fang in Gruben zu versuchen. Ich legte mehre tiefe
Löcher an, und zwar an solchen Stellen, wo, wie ich beobachtet hatte, die Ziegen
zu grasen pflegten; stellte darüber selbstverfertigte Hürden auf und beschwerte
diese stark. Nun streute ich zuerst mehrmals Gerste und getrocknete Reiskörner
aus, ohne die Falle anzubringen. Bald bemerkte ich auch an deutlichen Fußspuren,
daß die Ziegen hineingegangen waren und das Korn gefressen hatten. Hierauf stellte
ich in einer Nacht drei Fallen aus, die ich indessen am anderen Morgen alle
unversehrt vorfand, trotzdem das Korn daraus verschwunden war. Das entmuthigte
mich sehr, aber nachdem ich die Fallen verbessert, fand ich zuletzt, um die
weiteren Einzelnheiten zu übergehen, als ich eines Morgens ausging, um nach
meiner Vorrichtung zu sehen, in einer derselben einen alten großen Ziegenbock
und in einer anderen drei junge Ziegen, eine männliche und zwei weibliche.
Was ich mit dem alten Bock anfangen sollte, wußte ich in der That nicht. Er
war so wild, daß ich ihm nicht nahe zu kommen und ihn lebendig fortzubringen
wagte, worauf es mir doch eben ankam. Zwar hätte ich ihn tödten können, doch
das würde meinen Zweck nicht erfüllt haben. So ließ ich ihn denn laufen, und
er rannte wie unsinnig davon. Damals wußte ich noch nicht, was ich später lernte,
daß Hunger auch einen Löwen zähmen könne. Hätte ich ihn drei bis vier Tage ohne
Nahrung in der Grube gelassen und ihm dann etwas Wasser und ein wenig Korn gebracht,
so würde er so zahm wie die Ziegenlämmer geworden sein. Denn diese Art Thiere
ist sehr gelehrig und leicht zu erziehen, wenn sie gehörig behandelt wird. Für
diesmal ließ ich aber den Bock laufen und wendete mich zu den drei Lämmern,
nahm eins nach dem andern heraus, band sie mit Stricken zusammen und brachte
sie, obschon mit einiger Mühe, nach Hause.
Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sie fressen wollten, aber durch einige zarte
Körner, die ich ihnen hinstreute, ließen sie sich anlocken und fingen an zutraulich
zu werden. Ich sah jetzt ein, daß, wenn ich mich für den Fall, daß mein Schießbedarf
aufgebraucht sei, mit Ziegenfleisch versorgen wollte, das einzige Mittel sein
würde, einige Ziegen aufzuziehen und zu zähmen und sie mit der Zeit wie eine
Heerde Schafe auf meinem Hofe zu halten. Gleich darauf fiel mir jedoch ein,
daß ich dann die zahmen von den wilden absperren müßte, da sie ja außerdem beim
Heranwachsen immer wieder wild werden würden. Die einzige Art, dies möglich
zu machen, schien mir, ein Stück Land wohl verschlossen durch eine Hecke zu
umgrenzen, damit die darin befindlichen Thiere weder ausbrechen, noch die von
draußen eindringen könnten.
Das war ein großes Unternehmen für ein einziges Paar Hände. Da ich aber die
absolute Notwendigkeit desselben einsah, so machte ich mich sogleich an die
Arbeit und suchte zuvörderst nach einem passenden Platze, wo die Thiere Nahrung
und Trinkwasser und Schutz vor der Sonne finden könnten.
Wer sich auf dergleichen Dinge versteht, wird mich für sehr unvernünftig halten,
wenn er hört, wie ich die Sache angriff. Nachdem ich nämlich eine alle diese
Bedingungen erfüllende Stelle ausgesucht hatte, das heißt ein flaches offenes
Stück Wiesenland, oder eine Savanna, wie die Ansiedler in den westlichen Kolonien
es nennen, die von mehren kleinen Süßwasserrinnen durchschnitten und an einem
Ende mit Wald bestanden war, begann ich aus übergroßer Vorsorge die Anlage meiner
Hecke in der Weise, daß sie vollendet wenigstens zwei Meilen im Umkreis gehabt
haben würde. Und doch war die Größe des Umfangs an sich dabei nicht das Schlimmste;
denn wäre er auch zehn Meilen weit gewesen, so hätte ich wahrscheinlich doch
Zeit genug gehabt, ihn auszuführen. Schlimmer aber war, daß mir nicht in den

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