Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
in der Nähe sein müsse. Denn wo der Strom reißend ging, war das Wasser trübe,
wo dagegen das Wasser sich aufhellte, ließ die Stärke der Strömung nach. Gleich
darauf bemerkte ich etwa eine halbe Meile gen Osten eine Brandung gegen einige
Felsen. Diese theilten den Strom, wie ich wahrnahm, und wie sein größerer Theil
mehr nach Süden abfloß, so wurde der andere von dem Widerstande der Felsen zurückgeschlagen,
bildete einen starken Strudel und strömte dann in raschem Fluß wieder nach Nordwesten
zurück.
Nur wer es weiß, was es heißt, wenn Einem, der schon auf der Leiter steht, ein
Aufschub der Exekution verkündet wird, oder wie Einem zu Muthe ist, der Räuberhänden,
die ihm eben den Garaus machen wollen, entrinnt, oder wer sonst je in einer
ähnlichen Lage gewesen ist, kann sich einen Begriff von der freudigen Ueberraschung
machen, die ich jetzt erfuhr, und wie froh ich war, mein Boot in diesen Strudel
leiten zu können. Da der Wind auch stärker zu wehen begann, breitete ich fröhlich
meine Segel gegen ihn aus und lief lustig vor der Brise dahin, von dem starken
Strom getragen.
Der Strudel brachte mich noch ungefähr eine Seemeile auf meinem Rückwege weiter,
direkt nach der Insel hin, jedoch etwa zwei Meilen nördlich von der Strömung,
die mich vorher abgetrieben hatte, so daß, als ich mich der Insel näherte, die
nördliche Küste derselben vor mir lag, das heißt, das andere, dem, von welchem
ich herkam, entgegengesetzte Inselende.
Ich legte etwas mehr als eine Seemeile mit Hülfe des Strudels zurück und bemerkte
dann, daß er aufhörte und mir nicht weiter dienen konnte. Jetzt aber befand
ich mich zwischen den beiden andern großen Strömungen, der südlichen, die mich
vom Lande abgetrieben hatte, und der nördlichen, die ungefähr eine Seemeile
weiter auf der anderen Seite floß. Hier in der Mitte, im Schutze der Insel,
fand ich das Wasser ganz still und nach keiner Seite fließend. Da der Wind mir
noch immer günstig wehte, so steuerte ich weiter direkt auf die Insel los, wenn
ich gleich nicht so schnell vorwärts kam als bisher. Etwa um vier Uhr Nachmittags,
als ich nur noch ungefähr eine Seemeile vom Lande entfernt war, entdeckte ich,
daß die Felsenspitze, die durch ihren südlichen Vorsprung, an dem sich die Strömung
brach, mein Mißgeschick herbeigeführt hatte, noch einen zweiten Strudel nach
Norden bildete. Ich fand denselben sehr stark, aber er floß nicht gerade in
derselben Richtung, in der mein Cours ging, nämlich nach Westen, sondern er
strömte fast direkt nach Norden. Da sich aber ein frischer Wind erhoben hatte,
segelte ich über den Strudel weg auf Nordwest haltend, und kam in Zeit von einer
Stunde der Insel bis auf etwa eine Meile nahe, wo ich nun im ruhigen Wasser
sehr bald landen konnte.
Am Ufer angekommen, fiel ich auf die Kniee nieder und dankte Gott für meine
Errettung. Nun gab ich jeden Gedanken an ein Entrinnen in meinem Boote auf.
Ich stärkte mich mit den Nahrungsmitteln, die ich bei mir führte, brachte mein
Boot ganz nahe am Ufer in einer kleinen Bucht, die ich dort entdeckt hatte,
unter einigen Bäumen in Sicherheit und legte mich hierauf zum Schlafen nieder,
denn ich war begreiflicher Weise äußerst erschöpft von den Anstrengungen dieser
Reise.
Jetzt gerieth ich in nicht geringe Verlegenheit durch die Erwägung, welchen
Rückweg ich mit meinem Boote einschlagen sollte. Ich war in zu großer Gefahr
gewesen und wußte zu gut, was es damit auf sich habe, um daran zu denken, den
Weg, den ich gekommen war, auch wieder zurück zu nehmen. Wie es auf der anderen
Seite (ich meine an der Westküste) aussah, wußte ich nicht, hatte auch keine
Lust, noch einmal solche Abenteuer zu bestehen. Daher beschloß ich, in westlicher
Richtung an der Küste entlang zu fahren und zu sehen, ob ich nicht irgend wo
eine Bucht finde, wo ich meine Pirogue in Sicherheit ankern und von wo ich sie
später wieder abholen könnte, wenn ich ihrer bedürfte. Nach einer Fahrt von
ungefähr drei Meilen, längs der Küste, kam ich denn auch an eine vorzügliche
Einfahrt, die anfangs etwa eine Meile breit war, weiter ins Land hinein aber
sich verengerte, bis sie in einen ganz kleinen Fluß oder Bach auslief. Dort
bildete sie einen sehr bequemen Hafen, und mein Boot lag darin, wie in einem
eigens zu diesem Zwecke gebauten Dock. Nachdem ich angelegt und mein Fahrzeug
ganz sicher befestigt hatte, ging ich ans Land, um mich umzusehen und auszuspähen,
wo ich mich befände.
Hier bemerkte ich bald, daß ich nur ganz wenig über die Gegend hinaus gelangt
war, die ich schon früher bei Gelegenheit meiner Fußreise nach dieser Küste
berührt hatte. Daher nahm ich weiter nichts aus meinem Boote mit, als die Flinte
und den Sonnenschirm (denn es war furchtbar heiß), und trat meine Wanderung
an. Diese stach sehr angenehm von der Reise, die ich soeben beendigt hatte,
ab. Am Abend erreichte ich meine alte Hütte, wo ich Alles so vorfand, wie ich
es verlassen. Ich hielt nämlich in derselben immer gute Ordnung, weil ich sie,
wie ich schon erwähnt, als meinen Landsitz betrachtete.
Nachdem ich über den Zaun gestiegen, legte ich mich in den Schatten nieder,
um meine müden Glieder auszuruhen, und schlief ein. Aber wer, der diese Geschichte
liest, kann sich meine Ueberraschung vorstellen, als ich durch eine Stimme aus
dem Schlafe geweckt wurde, die mich wiederholt beim Namen rief: »Robin, Robin,
Robin Crusoe, armer Robin Crusoe! Wo bist du, Robin Crusoe? Wo bist du? Wo bist
du gewesen?«
Zuerst, da ich wegen meiner großen Ermüdung vom Rudern am Vormittag und von
dem weiten Wege am Nachmittag sehr fest geschlafen, wurde ich nicht gleich ganz
wach, sondern glaubte zwischen Schlafen und Wachen nur zu träumen, daß Jemand
mit mir spreche. Als aber die Stimme fortfuhr, immerfort »Robin Crusoe, Robin
Crusoe!« zu wiederholen, erwachte ich endlich völlig und war anfangs nicht wenig
erschreckt, so daß ich in äußerster Bestürzung in die Höhe fuhr. Jedoch sobald
ich die Augen aufgeschlagen hatte, erblickte ich auch schon meinen Pol auf der
Hecke sitzend und wußte nun sofort, daß er es gewesen war, der mich angerufen
hatte. Gerade in solchen traurig fragenden Ausrufen pflegte ich zu ihm zu sprechen
und sie ihm zu lehren. Er hatte sie auch so vollkommen gelernt, daß er oft,
auf meinem Finger sitzend und seinen Schnabel dicht an mein Gesicht gelegt,
ausrief: »Armer Robin Crusoe! Wo bist du? Wo bist du gewesen? Wie kommst du
hierher?« und dergleichen mehr, was ich ihm beigebracht hatte. Indessen wenn
ich auch jetzt wußte, daß es nur der Papagei war und daß es wirklich Niemand
anders gewesen sein konnte, dauerte es doch eine ganze Weile, bis ich mich zu
fassen vermochte. Es wunderte mich nämlich, daß das Thier hierher gekommen war.
Sobald ich mich jedoch vollkommen überzeugt hatte, daß Niemand anders als mein
getreuer Pol in meiner Nähe sei, erholte ich mich von meinem Schrecken, streckte
meine Hand aus und rief ihn bei seinem Namen. Hierauf kam das zutrauliche Thier
angeflogen, setzte sich, wie es gewohnt war, auf meinen Daumen und fuhr fort
zu mir zu sprechen: »Armer Robin Crusoe! und wie kommst du hierher? Wo bist
du gewesen?« als ob er hoch erfreut wäre, mich wieder zu sehen. Ich nahm ihn
zu mir und begab mich denn nach Hause. Jetzt hatte ich für eine Zeitlang genug
am Seefahren. Die Gefahr, in der ich geschwebt, gab mir für viele Tage Stoff
zum stillen Nachdenken. Sehr froh würde ich gewesen sein, wenn ich mein Boot
wieder auf dieser Seite der Insel gehabt hätte, doch wußte ich nicht, wie ich
es anfangen sollte, es herbeizuschaffen. Auf der Ostseite, der entlang ich gefahren
war, durfte ich, wie ich wußte, nicht wagen es zu holen. Mein Herz stockte,
und das Blut gerann mir in den Adern, wenn ich nur daran dachte. Wie es auf
der andern Seite der Insel aussah, war mir unbekannt. Aber wenn die Strömung
mit derselben Gewalt östlich nach der Küste hin sich bewegte, als sie an der
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