Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

ich kleine Kästen oder Abschläge an beiden Enden des Fahrzeuges an, um nothwendige
Gerätschaften, Lebensmittel, Schießbedarf u. s. w. darin trocken zu halten und
vor dem Regen und dem Wellenschaum zu schützen. Ferner schnitt ich eine schmale
lange Höhlung in die innere Seite des Bootes, wo hinein ich meine Flinte legen
konnte, und versah sie mit einer Klappe, um das Gewehr vor der Nässe zu bewahren.
Am unteren Ende meines Fahrzeugs befestigte ich hierauf meinen Sonnenschirm
auf dieselbe Weise wie den Mast, damit er über meinem Kopfe ausgespannt gleich
einem Zelt die Sonnenhitze von mir abhalten sollte.
Zunächst machte ich hin und wieder einen kleinen Ausflug in die See, wagte mich
aber niemals weit hinaus und entfernte mich auch nicht sehr von der Flußmündung.
Endlich aber beschloß ich, begierig, den Umfang meines Reiches kennen zu lernen,
die Umsegelung zu unternehmen. Demgemäß verproviantirte ich mein Fahrzeug für
die Reise mit zwei Dutzend meiner Brode, oder, richtiger gesagt, Gerstenkuchen,
mit einem Topfe voll gerösteter Reiskörner, von denen ich häufig zu essen pflegte,
ferner mit einer kleinen Flasche Rum und der Hälfte einer erlegten Ziege. Auch
Pulver und Blei nahm ich mit, um weitere Ziegen schießen zu können, und versah
mich ferner mit zwei von den großen Ueberröcken, die ich, wie ich vorher erwähnte,
aus den Koffern der Seeleute gerettet hatte. Auf einem davon wollte ich liegen,
mit dem andern gedachte ich mich des Nachts zuzudecken.
Es war am 6. November, im zehnten Jahre meiner Herrschaft, oder, wenn man will,
meiner Gefangenschaft, als ich diese Reise antrat. Dieselbe dehnte sich viel
länger aus, als ich erwartet hatte. Denn obgleich die Insel selbst nicht sehr
groß war, entdeckte ich, auf der östlichen Seite angekommen, eine lange Felsenkette,
die sich ungefähr zwei Seemeilen weit in das Meer erstreckte und theils über,
theils unter dem Wasser fortlief, an deren Ende eine Sandbank, ebenfalls eine
halbe Meile lang, trocken zu Tage lag, so daß ich mich genöthigt sah, diese
Landspitze in einem weiten Umweg zu umschiffen.
Anfangs, als ich diese Entdeckung machte, war ich schon im Begriff, die Unternehmung
aufzugeben, da ich nicht wußte, wie weit ich genöthigt sein würde in die See
hinauszufahren, und ebensowenig, wie ich zurück kommen sollte. Ich ging deshalb
vorläufig vor Anker. Denn auch eine Art von Anker hatte ich mir aus einem zerbrochenen
Bootshaken, den ich vom Schiffe mitgebracht, verfertigt. Nachdem ich das Boot
so befestigt hatte, nahm ich die Flinte, begab mich ans Land und erstieg einen
Hügel, von dem ich eine Uebersicht über jene Landzunge zu haben glaubte. Wirklich
ermaß ich von dort ihre ganze Ausdehnung und beschloß nun, die Umfahrt zu wagen.

Von dem Hügel, auf dem ich stand, erblickte ich eine starke und wahrhaft reißende
Strömung, die von Westen nach Osten verlief und ganz nahe an jene Landspitze
heran kam. Ich achtete um so mehr darauf, als ich Gefahr davon befürchtete.
Denn wenn ich in die Strömung gerieth, konnte ich durch ihre Gewalt in die See
hinausgetrieben werden und vielleicht nicht im Stande sein, die Insel wieder
zu gewinnen. In der That glaube ich, daß, wäre ich nicht vorher auf den Hügel
gestiegen, es so gekommen sein würde. Denn eine gleiche Strömung ging auf der
anderen Seite der Insel, nur weiter vom Ufer entfernt, und ferner befand sich
dicht an der Küste ein starker Strudel, so daß ich, wenn ich auch die Strömung
vermieden hätte, unfehlbar in jenen gerathen wäre.
Dort lag ich nun zwei Tage lang. Der Wind blies ziemlich frisch aus Ostsüdost,
und da das gerade die der Strömung entgegenlaufende Richtung war, verursachte
er eine starke Braudung gegen die Spitze. Es schien mir deshalb gefährlich,
mich zu nahe an der Küste zu halten, theils wegen der Brandung, theils, wenn
ich mich zu weit davon entfernte, wegen der Strömung.
Am Morgen des dritten Tages war das Meer ruhig. Der Wind hatte sich über Nacht
gelegt, und so wagte ich mich denn hinaus. Aber wiederum sollte ich ein warnendes
Beispiel für unbesonnene und unwissende Seefahrer werden. Denn kaum war ich
an der Spitze angelangt und nicht um eines Bootes Länge von der Küste entfernt,
als ich mich auch schon in sehr tiefem Wasser und in einer so reißenden Strömung
wie an einem Mühlenwehr befand. Mein Boot wurde mit solcher Gewalt fortgerissen,
daß ich es trotz aller Anstrengung nicht einmal am Rande des Stromes halten
konnte, sondern mich weiter und weiter von dem Strudel, der mir zur Linken blieb,
abgetrieben sah. Kein Wind kam mir zu Hülfe und mit meinem Rudern konnte ich
so gut als Nichts ausrichten. Ich fing an, mich für verloren zu halten; denn
weil die Strömung auf beiden Seiten der Insel ging, wußte ich, daß ihre Enden
sich einige Seemeilen weiter vereinigen mußten, und glaubte deshalb unfehlbar
umkommen zu müssen. Indem mir nämlich keine Möglichkeit schien, sie zu vermeiden,
hatte ich nur die sichere Aussicht des Todes, und zwar nicht durch das Wasser,
denn das war ruhig genug, sondern durch den Hunger.
Allerdings hatte ich eine Schildkröte, die ich am Ufer gefunden, und die so
groß war, daß ich sie kaum aufzuheben vermochte, in das Boot geworfen. Auch
einen großen Krug frischen Wassers besaß ich, aber was half das Alles, wenn
ich in den weiten Ocean getrieben wurde, wo sicherlich keine Küste, kein Festland
und keine Insel im Umkreis von wenigstens tausend Meilen zu finden gewesen wäre.

Da erkannte ich nun, wie leicht es für Gottes Vorsehung ist, die elendeste Lage,
in der der Mensch sein kann, zu einer noch elenderen zu machen. Ich blickte
jetzt nach meiner öden, einsamen Insel zurück als nach dem lieblichsten Orte
der Welt, und alle Glückseligkeit, die mein Herz sich wünschte, bestand darin,
nur wieder dort sein zu können. Ich streckte meine Hände mit sehnlichem Verlangen
danach aus: »O du glückliche Wüste!« sagte ich, »soll ich dich nie wiedersehen?
Wohin werde ich elende Kreatur gerathen!« Dann machte ich mir Vorwürfe über
mein undankbares Gemüth und über meine früheren Klagen in Bezug auf meine Einsamkeit.
Was hätte ich nicht jetzt darum gegeben, wieder dort am Lande zu sein! So sehen
wir nie unsere Lage im rechten Licht, bis sie uns durch den Gegensatz erleuchtet
wird, noch auch wissen wir das, was wir besitzen, eher zu schätzen, als bis
wir es verloren haben.
Es ist unmöglich, die Bestürzung zu beschreiben, in die ich gerieth, als ich
mich von meiner geliebten Insel ab und beinahe zwei Seemeilen in den weiten
Ocean getrieben sah. Ich verzweifelte völlig daran, jemals wieder mein Eiland
zu erreichen. Nichtsdestoweniger jedoch arbeitete ich mich so lange ab, bis
meine Kräfte beinahe erschöpft waren, indem ich das Boot so viel als möglich
nach Norden, das heißt auf der dem Strudel zunächst liegenden Seite der Strömung
zu halten suchte. Endlich um Mittag, als die Sonne gerade über meinem Haupte
stand, kam es mir vor, als fühlte ich eine leichte Brise von Südsüdost her mir
entgegen wehen. Das erleichterte mir das Herz ein wenig, und noch mehr erfreute
es mich, als etwa eine halbe Stunde später ein hübscher kleiner Sturm zu sausen
anfing.
Mittlerweile war ich erschrecklich weit von der Insel weg gerathen. Wäre nur
die kleinste Wolke oder ein leichter Nebel mir in den Weg gekommen, so hätte
es auf eine ganz unerwartete Weise um mich geschehen sein müssen. Denn ich hatte
keinen Kompaß an Bord und würde daher nicht gewußt haben, wie ich nach der Insel
zusteuern sollte, sobald sie mir nur ein einziges Mal aus dem Gesicht entschwunden
wäre. Aber das Wetter blieb klar. Ich machte mich jetzt daran, meinen Mast wieder
aufzurichten und das Segel auszubreiten, und hielt, so gut ich irgend konnte,
die Richtung nach Norden, um nur aus der Strömung heraus zu kommen. Kaum hatte
ich Segel und Mast in Ordnung, und kaum fing das Boot an, langsam dahinzugleiten,
als ich an der Klarheit des Wassers bemerkte, daß eine Veränderung der Strömung

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