Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

die ich in den Kästen meiner Schiffsgenossen gefunden und sorgsam geschont hatte.
Da ich oft wegen der Hitze nichts weiter als ein Hemd auf dem Leibe haben konnte,
kam es mir sehr zu Statten, daß ich unter den Sachen der Schiffsmannschaft beinahe
drei Dutzend von diesen Kleidungsstücken gefunden hatte. Auch einige dicke Wachtröcke
der Matrosen waren noch vorhanden, aber die waren zu warm, um sie hier zu tragen.
Allerdings glühete die Sonne oft so heiß, daß man meinen sollte, ich hätte überhaupt
keine Kleidung nöthig gehabt. Jedoch hätte ich nicht ganz nackend gehen können,
selbst wenn ich es gewollt hätte. Abgesehen davon, daß mir der Gedanke daran,
obgleich ich allein lebte, unerträglich war, bestand auch noch der andere Grund,
daß ich die Sonnenhitze viel besser vertragen konnte, wenn ich Etwas angezogen
hatte. Die unmittelbare Hitze brannte mir die Haut wund, wenn ich hingegen ein
Hemd trug, so brachte die Luft selbst darunter einige Bewegung hervor, und mir
war unter demselben noch einmal so kühl, als ohne es. Ebensowenig durfte ich
jemals wagen, ohne Hut oder Mütze in die Sonnenhitze hinauszugehen; denn diese
brannte mit solcher Heftigkeit, daß sie mir sofort Kopfschmerzen verursachte,
wenn sie mir direkt auf den Kopf schien. Dagegen verschwanden die Schmerzen
gleich wieder, sobald ich meinen Hut aufsetzte.
Unter diesen Umständen hielt ich es für nöthig, die wenigen Lumpen, welche ich
Kleider nannte, einigermaßen wieder in Stand zu setzen. Meine Westen hatte ich
alle aufgetragen, daher beschloß ich zu versuchen, ob ich nicht aus den dicken
Ueberröcken und aus dem, was ich sonst noch an Material besaß, mir Jacken anfertigen
könnte. So machte ich mich nun ans Schneidern oder vielmehr ans Flicken. Ungeschickt
genug stellte ich mich dazu an, das muß wahr sein. Indessen brachte ich doch
zwei oder drei neue Westen ganz leidlich zu Stande und hoffte damit eine geraume
Weile auszukommen. Was dagegen die Beinkleider betraf, so mußte ich mich damit
fürs Erste auf das Allerdürftigste behelfen.
Ich habe früher erwähnt, daß ich die Felle aller vierfüßigen Thiere aufzubewahren
pflegte. Ich hatte sie an Stangen aufgespannt in die Sonne gestellt. Hierdurch
waren einige so trocken und hart geworden, daß sie nur wenig zu brauchen waren,
andere aber schienen verwendbar zu sein. Das Erste, was ich mir daraus machte,
war eine große Mütze. Ich kehrte die rauhe Seite des Felles nach Außen, zum
Schutz gegen den Regen, und das Ding gelang mir so gut, daß ich mir später einen
ganzen Anzug aus Thierfellen anfertigte; das heißt eine Weste und kurze Hosen.
Die letzteren waren an den Knieen offen und gehörig weit, denn es kam mir mehr
darauf an, kühl als warm dadurch gehalten zu werden. Ich darf nicht verschweigen,
daß sie sich abscheulich ausnahmen. Denn war ich schon ein schlechter Zimmermann,
so war ich doch ein noch schlechterer Schneider. Trotzdem konnte ich mich sehr
gut damit behelfen. Ging ich aus und es fing an zu regnen, so ließ die rauhe
Außenseite meiner Weste und Mütze das Wasser nicht eindringen, und ich blieb
darin ganz trocken.
Ferner verwendete ich sehr viel Zeit und Mühe darauf, mir einen Sonnenschirm
zu machen. Einen solchen wünschte und brauchte ich in der That sehr. In Brasilien
hatte ich auch dergleichen verfertigen sehen, dort dienen sie zum Schutze gegen
die große Hitze, und hier kam mir die Hitze mindestens ebenso groß, wenn nicht
größer vor als dort, und die Insel lag ja auch dem Aequator näher. Da ich genöthigt
war viel auszugehen, mußte mir ein Schirm nicht nur gegen die Sonne, sondern
auch gegen den Regen von großem Nutzen sein. Ich gab mir die erdenklichste Mühe,
und doch dauerte es sehr lange, bis ich ein solches Ding fertig gebracht hatte,
was zusammenzuhalten versprach. Nachdem ich schon glaubte das richtige Verfahren
entdeckt zu haben, mißglückten noch zwei oder drei Versuche, bis einer gelang,
der mich zufrieden stellte. Die größte Schwierigkeit hatte die Einrichtung,
durch die ich den Schirm zusammenlegen konnte, mir gemacht. Denn wenn ich ihn
nur aufzuspannen, nicht aber auch zusammenzulegen und einzuziehen vermocht hätte,
so würde ich ihn nicht anders als immer über dem Kopfe haben tragen können,
und das ging doch nicht. Endlich gelang mir, wie gesagt, ein ziemlich zweckmäßiges
Gestell, das ich mit Fellen, die Haare nach Außen gewendet, überzog, so daß
der Regen wie von einem schrägen Dache ablief. Auch gegen die Sonne gewährte
dieser Schirm so hinreichenden Schutz, daß ich jetzt in dem heißesten Wetter
mit mehr Annehmlichkeit im Freien sein konnte als sonst bei kühlster Temperatur.
Hatte ich ihn nicht nöthig, so legte ich ihn zusammen und trug ihn unter dem
Arme.
So lebte ich nun in der größten Zufriedenheit; meine Seele fand ihre Ruhe in
der gänzlichen Ergebung in Gottes Willen, und ich überließ mich unbedingt den
Fügungen seiner Vorsehung. Das war besser als menschlicher Umgang für mich,
und so oft ich anfing, die Entbehrung eines Gesprächs zu beklagen, fragte ich
mich alsbald, ob nicht der Verkehr mit meinen eigenen Gedanken und sozusagen
mit Gott selbst dem größten Vergnügen, das menschliche Gesellschaft gewähren
kann, vorzuziehen sei.
Im Uebrigen wüßte ich nicht, daß in den nächstfolgenden fünf Jahren irgend etwas
Außergewöhnliches vorgefallen wäre. Ich lebte in derselben Weise, in gleicher
Lage und an demselben Orte wie bisher fort. Abgesehen von der jährlich wiederkehrenden
Arbeit des Anbauens von Gerste und Reis und des Zubereitens der Rosinen, von
welchen ich mir immer genug vorräthig hielt, um für ein Jahr im Voraus versorgt
zu sein, und abgesehen von dem täglichen Ausgang mit meiner Flinte, bestand
meine Beschäftigung hauptsächlich in dem Bau eines zweiten Canoe’s. Endlich
hatte ich denn auch eins fertig gebracht. Nachdem ich einen sechs Fuß breiten
und vier Fuß tiefen Kanal gegraben, gelang es auch, dasselbe fast eine halbe
Meile weit den Fluß hinabzuschaffen. Jenes erste, welches so unvernünftig groß
geworden war, weil ich nicht gehörig vorher überlegt hatte, wie ich es von der
Stelle bewegen sollte, und von dem ich endlich eingesehen, daß ich es weder
an das Wasser, noch das Wasser zu ihm bringen könnte, hatte ich liegen lassen
müssen, wo es lag, als eine Mahnung für mich, ein andermal klüger zu sein. Das
war ich denn auch das zweite Mal wirklich gewesen. Wenn ich auch keinen ganz
passenden Baum hatte finden können und keine dem Wasser näher gelegene Stelle
als eine beinahe eine halbe Meile davon entfernte, so hatte ich doch bald gesehen,
daß es diesmal gelingen würde, und daß ich das Unternehmen nicht wieder aufzugeben
brauchte. Obgleich ich fast zwei Jahre darauf verwendete, ließ ich mich doch
keine Mühe verdrießen, in der Hoffnung, endlich ein Boot zu haben, in dem ich
mich auf die See begeben könnte. Als jedoch meine kleine Pirogue fertig war,
fand sich, daß ihre Größe durchaus nicht genügte, um die Absicht, die mir beim
Bau der ersten vorgeschwebt hatte, damit auszuführen; ich meine die Fahrt nach
dem Festlande. Der Meeresarm, der mich von diesem trennte, war über vierzig
Meilen breit, daher machte die Kleinheit des Fahrzeuges diesen Plan unmöglich,
und ich dachte nicht weiter daran.
Da ich das Boot aber nun einmal hatte, nahm ich mir vor, darin eine Fahrt um
die Insel zu unternehmen. Denn als ich früher zu Lande, wie ich es beschrieben
habe, auf der andern Seite derselben gewesen war, hatten mir die bei dieser
Gelegenheit gemachten Entdeckungen die größte Lust erweckt, auch noch weitere
Theile der Küste kennen zu lernen. Deshalb beschäftigte mich jetzt, wo ich mich
im Besitze eines Bootes sah, kein anderer Gedanke, als eine Segelfahrt um die
Insel anzustellen. Zu diesem Zwecke, und um es an keiner Vorsicht und Ueberlegung
fehlen zu lassen, errichtete ich einen kleinen Mast in meinem Boote und befestigte
daran ein Segel, das ich aus einem der alten Schiffssegel angefertigt hatte,
von denen ich einen großen Vorrath aufbewahrte. Als Mast und Segel angebracht
waren, probirte ich das Boot und fand, daß es vortrefflich segelte. Dann brachte

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