Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

hätte es mir ja an jedem Handwerkszeug zu meinen Arbeiten gefehlt, an jeder
Waffe zu meiner Vertheidigung und an Pulver und Blei, um mir Nahrung zu verschaffen.

Ganze Stunden, ich möchte sagen ganze Tage verwendete ich darauf, mir in den
lebhaftesten Farben auszumalen, was ich angefangen haben würde, wenn ich Nichts
aus dem Schiffe gerettet hätte. Nichts als Fische und Schildkröten wären in
diesem Falle zu meiner Nahrung vorhanden gewesen, und da ich diese erst nach
längerer Zeit auffand, hätte ich wahrscheinlich schon früher verhungern oder,
wäre das auch nicht geschehen, doch stets wie ein Wilder leben müssen. Wenn
es mir z. B. gelungen wäre, durch List eine Ziege oder einen Vogel zu tödten,
so hätte ich ja nicht gewußt, wie ich das Thier hätte aufschneiden oder abhäuten,
oder das Fleisch von dem Fell und den Eingeweiden trennen, oder es zerlegen
sollen. Es wäre mir nichts Anderes übrig geblieben, als es mit den Zähnen zu
zernagen und mit den Nägeln zu zerreißen wie ein wildes Thier.
Solche Erwägungen machten mich sehr erkenntlich für die Güte der Vorsehung und
sehr dankbar in meiner gegenwärtigen Lage, trotz all ihren Entbehrungen und
all ihren Mißlichkeiten. Ich möchte das auch besonders Denen zur Nachachtung
empfehlen, die geneigt sind, in ihrem Elend zu sagen: »Gibt es denn noch andere
Leiden, die so groß sind wie die meinigen?« Mögen sie einsehen, wie viel schlimmer
es Andere haben und sie selbst es haben könnten, wenn der Himmel es für gut
befunden hätte. Wieder ein anderer Gedanke, der auch dazu beitrug, mein Herz
mit Trost zu erfüllen, war der, daß ich meine Lage mit jener verglich, die ich
verdient hatte, und in die von der Hand Gottes versetzt zu werden, ich sonach
hätte erwarten müssen. Ich hatte ein schreckliches Leben geführt, völlig ohne
Gotteserkenntniß und ohne Gottesfurcht. Von Vater und Mutter war ich zwar gut
unterwiesen worden, auch hatten sie nicht unterlassen, mir schon frühzeitig
eine heilige Scheu vor Gott und einen Begriff von meinen Pflichten und von dem,
was der Zweck meines Daseins von mir forderte, beizubringen. Aber ach! ich war
so früh in das Leben und Treiben der Seeleute gerathen, das vor allen anderen
ein gottloses zu sein pflegt (obgleich ja gerade der Seemann immerfort die Allmacht
Gottes in den Schrecken der Natur unmittelbar vor Augen hat), daß das Bischen
Religion, was ich bisher noch gehabt hatte, von meinen Genossen vollends aus
mir herausgelacht war. Dazu hatte sich die mir zur Gewohnheit gewordene Verachtung
der Gefahr und des Todes gesellt und später der gänzliche Mangel an Gelegenheit,
mit irgend einem anderen Wesen meines Gleichen zu verkehren und irgend etwas
Gutes oder zum Guten Führendes zu hören.
So weit entfernt von allem Guten war ich gewesen, so ohne jeden Begriff von
dem, was ich war und was ich sein sollte, daß ich bei den wunderbarsten Errettungen,
die ich erfahren, wie z. B. bei meiner Flucht von Saleh, bei meiner Aufnahme
auf dem portugiesischen Schiffe, bei dem Gelingen meiner Unternehmungen in Brasilien,
bei dem Eintreffen meiner Ladung aus England u. s. w., nicht ein einziges Mal
ein »Gott sei Dank!« auch nur gedacht, geschweige denn ausgesprochen hatte.
Auch in der allergrößten Noth war es mir nie eingefallen, ihn anzurufen oder
auch nur zu sagen: »Herr erbarme dich meiner!« Nein, nicht einmal den Namen
Gottes hatte ich in den Mund genommen, es sei denn, um dabei zu fluchen oder
ihn zu lästern.
Viele Monate hindurch war meine Seele schwer bekümmert gewesen, wenn ich über
mein früheres böses und verstocktes Leben nachgedacht, wenn ich um mich geblickt
und die besondere Fügung betrachtet hatte, die seit meiner Ankunft an diesem
Orte über mir waltete, und wenn ich erwog, wie reich mich Gott mit Wohlthaten
überschüttet hatte. Hatte er mich doch nicht nur gelinder gestraft, als meine
Sünden verdienten, sondern auch noch überreichlich für mich gesorgt. Dieser
Umstand bestärkte mich auch in der Hoffnung, daß meine Reue angenommen sei,
und daß Gott mir Gnade geschenkt habe.
Solche Betrachtungen führten mich nicht allein zu einer völligen Ergebung in
den Willen Gottes und alle seine Schickungen, sondern sogar zu einer aufrichtigen
Dankbarkeit für meine gegenwärtige Lage. Ich erkannte nun klar, daß ich mich
nicht beklagen dürfte, da mir ja das Leben geschenkt und ich nicht einmal nach
Verhältniß meiner Sünden gestraft worden sei, daß ich so viele Wohlthaten genieße,
die ich an diesem Orte nicht erwarten durfte. Ich sagte mir, ich müsse allen
Kummer fahrenlassen und mich vielmehr freuen und alle Tage für mein tägliches
Brod danken, welches mir nur durch eine Menge von Wundern bereitet werden konnte.
War denn nicht das Wunder, durch welches ich gesättigt wurde, ebenso groß als
das, durch welches Elias von den Raben gespeist wurde, ja, gehörte zu jenem
nicht vielmehr eine ganze Reihenfolge von Wundern? Gab es im ganzen Bereich
der unbewohnten Erde einen Ort, wohin verschlagen ich mich besser befunden haben
würde als auf meiner Insel, wo ich zwar – und das war allerdings ein rechter
Kummer – keine menschliche Gesellschaft, aber auch keine reißenden Thiere, keine
gierigen Wölfe und Tiger gefunden, keine ungesunden oder giftigen Geschöpfe,
deren Genuß mir schädlich werden konnte, keine Wilden, die mich umgebracht haben
würden, angetroffen hatte? Wie ich hier einerseits ein Leben des Elendes führte,
so war es andererseits doch auch wieder ein Leben der Gnade. Um es zu einem
ganz glücklichen Leben zumachen, brauchte ich mich nur täglich durch die Erkenntniß
der Güte Gottes und seiner Fürsorge für meine Bedürfnisse trösten zu lassen.
Aber wirklich hörte ich, als ich in dieser Uebung erst einige Fortschritte gemacht
hatte, auf, traurig zu sein.
Während der langen Zeit, die ich jetzt schon auf der Insel weilte, waren viele
von den Sachen, die ich zu meinem Gebrauche mit ans Land genommen hatte, entweder
ganz, oder wenigstens zum größten Theil aufgebraucht.
Meine Tinte hatte, wie ich früher bemerkte, schon seit einiger Zeit bis auf
einen kleinen Rest, welchen ich nach und nach immer mehr mit Wasser verdünnte,
bis man auf dem Papier kaum noch einen Schein von Schwärze wahrnehmen konnte,
abgenommen. So lange sie vorhielt, benutzte ich sie, um die Tage des Monats,
an welchen irgend mir etwas Bemerkenswertes begegnete, aufzunotiren. Als ich
diese Daten mit meiner Vergangenheit verglich, bemerkte ich ein merkwürdiges
Zusammentreffen der Tage in Bezug auf die verschiedenen Schicksale, die mich
betroffen hatten. Wäre ich zu abergläubischer Beobachtung besonderer glück-
oder unglückbringender Tage geneigter gewesen, so hätte sich hier Anlaß zu großer
Verstärkung dieser Neigung geboten. Zuerst hatte ich ausgerechnet, daß ich an
demselben Monatstage, an dem ich meinem Vater und meinen Verwandten durchgegangen
und nach Hull entlaufen war, um mich dort einzuschiffen, später von dem türkischen
Piratenschiff gefangen und zum Sklaven gemacht worden war. An dem Monatstage,
wo ich aus dem Wrack des Schiffes auf der Rhede von Yarmouth gerettet worden,
hatte ich später meine Flucht in dem Boote von Saleh ausgeführt. Ferner war
mir an meinem Geburtstage, dem 30. September, das Leben, nach sechsundzwanzig
Jahren, von Neuem auf so wunderbare Weise geschenkt worden, indem ich an die
Insel getrieben war; und so hatte mein Leben der Sünde und mein Leben der Einsamkeit
an demselben Tage seinen Anfang genommen.
Das Zweite, was außer der Tinte zu Ende ging, war mein Brod. Ich meine die Schiffszwiebacke,
die ich aus dem Schiffe gerettet. Mit diesen hatte ich auf das allersparsamste
gewirthschaftet und mir über ein Jahr lang nur Einen Zwieback täglich gestattet.
Trotzdem mußte ich noch beinahe ein Jahr mich ohne Brod behelfen, bis ich solches
aus selbst gebautem Korn bekam.
Auch meine Kleidungsstücke fingen an gewaltig in die Krümpe zu gehen. Von Wäsche
besaß ich schon seit einer ganzen Weile nichts als eine Anzahl gewürfelter Hemden,

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