Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
ihn so zu behauen, daß er Form und richtige Verhältnisse annahm und eine Art
von Kiel bekam, damit er aufrecht, wie es sich gehört, schwimmen konnte. Weitere
drei Monate kostete es mich, das Innere zu höhlen und zu einem richtigen Boote
auszuarbeiten. Dies Letztere brachte ich ohne Feuer lediglich mit Hammer und
Meißel, wenn auch nur mit großer Mühsal zu Stande, und so hatte ich denn endlich
eine sehr hübsche Pirogue fertig, die sechsundzwanzig Personen fassen konnte,
also auch hinlänglich groß genug war, mich und mein Hab und Gut aufzunehmen.
Als das Werk vollendet dastand, freute ich mich außerordentlich darüber. Das
Boot war viel größer, als ich je ein aus einem Baumstamm gefertigtes Canoe gesehen
hatte, und manchen sauern Hieb hatte es mich gekostet, das kann ich versichern.
Hätte ich es nun auch in das Wasser zu schaffen vermocht, so bezweifle ich gar
nicht, daß ich die wahnsinnigste und unausführbarste Reise, die je unternommen
worden, darin angetreten haben würde. Alle meine Versuche aber, es an das Wasser
zu bringen, schlugen fehl, obgleich ich auch hierauf Mühe genug verwendete.
Das Boot lag nur etwa hundert Schritt vom Ufer entfernt, aber gleich die erste
Schwierigkeit bestand darin, daß die Insel nach der Flußmündung hin eine Anhöhe
bildete. Um dies Hinderniß zu beseitigen, entschloß ich mich, die Erde abzugraben
und auf solche Weise einen Abhang herzustellen. Ich begann die unendlich mühselige
Arbeit mit Feuereifer. Wer läßt sich auch eine Mühe verdrießen, wenn die Freiheit
damit zu erwerben steht! Als jedoch diese Aufgabe gelöst und die erste Schwierigkeit
gehoben war, befand ich mich um nichts weiter als vorher, denn ich konnte jetzt
mein Canoe ebensowenig von der Stelle bewegen, wie früher das andere Boot. Nun
maß ich die Entfernung aus und beschloß, einen Kanal zu graben, um, da ich mein
Boot nicht nach dem Wasser zu schaffen vermochte, das Wasser nach dem Boote
hinzuleiten. Auch dieses Werk fing ich muthig an, jedoch als ich näher darüber
nachdachte und ausrechnete, wie tief und breit ich graben müßte und wie ich
die ausgegrabene Erde fortschaffen sollte, fand ich, daß ich mit den beiden
mir einzig zu Gebote stehenden Händen zehn bis zwölf Jahre nöthig haben würde,
ehe ich damit fertig sein könnte. Denn die Küste lag so hoch, daß der Kanal
am oberen Ende wenigstens zwanzig Fuß tief werden mußte. Endlich, wenn auch
mit großem Widerstreben, gab ich auch diesen Versuch auf.
Ich war herzlich bekümmert darüber, und jetzt erst sah ich ein, wie thöricht
es ist, ein Werk zu beginnen, ehe man die Kosten veranschlagt und seine Fähigkeit,
es durchzuführen, gehörig geprüft hat.
Mitten in diesen Arbeiten ging das vierte Jahr meines Aufenthalts auf der Insel
zu Ende. Ich feierte den Jahrestag mit derselben Andacht und in gleicher Sammlung
des Gemüths als die frühern Male. Denn durch fortwährendes Studium und ernstliches
Forschen in Gottes Wort und mit Hülfe seiner Gnade war ich zu einer viel tieferen
religiösen Erkenntniß als früher gelangt. Ich sah jetzt alle Dinge anders an
als sonst. Die Welt betrachtete ich jetzt als etwas mir Fernliegendes, das mich
Nichts anging, davon ich Nichts zu erwarten hätte und danach mich nicht verlangte.
Ich hatte jetzt Nichts mehr mit ihr zu schaffen, noch war es wahrscheinlich,
daß ich es je wieder haben würde. Darum stellte ich sie mir vor, wie wir vielleicht
im Jenseits thun werden, als einen Ort, an dem wir gelebt, den wir aber verlassen
haben, und wohl konnte ich sagen, wie Vater Abraham zum reichen Manne: »Zwischen
mir und Euch ist eine große Kluft befestiget«.
Vor allen Dingen war ich hier abgesondert von aller Bosheit der Welt. Für mich
gab es weder Fleischeslust, noch Augenlust, noch Eitelkeit des Lebens. Ich begehrte
Nichts, denn ich besaß Alles, was ich genießen konnte. Ich war Herr der ganzen
Insel; wenn es mir beliebte, konnte ich mich König oder Kaiser des Landes nennen,
das ich in Besitz genommen hatte. Es gab keinen Rivalen, keinen Prätendenten
neben mir, Keinen, der meine Herrschaft angefochten oder getheilt hätte. Ich
hätte ganze Schiffsladungen voll Korn produciren können, aber ich vermochte
sie nicht nutzbar zu machen, und darum säete ich nur eben so viel aus, als mein
eigener Bedarf erforderte. Auch Wasser- und Landschildkröten hatte ich in Menge,
aber mehr als von Zeit zu Zeit eine einzige konnte ich nicht verwenden. Ich
besaß Bauholz genug. um eine ganze Flotte von Schiffen damit bauen, und Trauben
genug, um mit ihnen als Wein oder Rosinen diese Flotte vollständig befrachten
zu können. Jedoch was half mir das, was ich nicht nützen konnte? Ich hatte genug
zu essen und meine Lebensnothdurft zu befriedigen, was sollte ich mit dem Uebrigen
machen? Wenn ich mehr Thiere tödtete, als ich aufessen konnte, so mußte das
Fleisch von dem Hund oder den Würmern gefressen werden. Säete ich mehr Korn,
als ich verbrauchen konnte, so verdarb es; die Bäume, die ich fällte, blieben
liegen und verfaulten; ich konnte sie zu nichts Anderem als zu Brennholz verwenden,
und auch das brauchte ich nur, um meine Speisen zu bereiten.
Kurz, Natur und Erfahrung lehrten mich, bei genauer Betrachtung, daß alle guten
Dinge dieser Welt nicht mehr Werth für uns haben, als in so weit wir sie gebrauchen
können. Wie viel wir auch immer anhäufen mögen, um es Anderen zu geben, wir
genießen nur gerade so viel, als wir selbst nöthig haben, und nicht mehr. Der
habgierigste, gewinnsüchtigste Geizhals in der Welt würde vom Laster der Begehrlichkeit
geheilt worden sein wenn er an meiner Stelle gewesen wäre; denn ich besaß ja
unendlich viel mehr, als ich je verwenden konnte. Es blieb mir Nichts zu wünschen
übrig, außer einigen Kleinigkeiten, die mir allerdings sehr willkommen gewesen
sein würden. Ich war, wie ich früher erwähnt habe, im Besitz eines Beutels voll
Geld, das aus Silber und Gold ungefähr im Werth von sechsunddreißig Pfund Sterling
bestand. Aber, du lieber Gott! da lag nun das schlechte, erbärmliche, unnütze
Zeug; ich hatte keine Art von Verwendung dafür, und oft dachte ich bei mir,
wie gern ich eine Handvoll davon für eine Anzahl Tabakspfeifen oder für eine
Handmühle, um mein Korn damit zu mahlen, geben würde. Ja, das Ganze hätte ich
mit Freuden hingegeben für ein wenig englischen Runkelrüben- und Mohrrübensamen
oder für ein Häuflein Erbsen und Bohnen und eine Flasche voll Tinte.
Wie jetzt die Sachen standen, hatte ich nicht den geringsten Vortheil oder Gewinn
von jenem Mammon. Er lag im Kasten und verrostete durch die Feuchtigkeit der
Höhle in der nassen Jahreszeit. Und hätte ich den Kasten voller Diamanten gehabt,
so wäre es nicht anders gewesen; sie hätten keinen Werth für mich gehabt, weil
ich sie nicht brauchen konnte.
Mit der Zeit war mein Leben viel freudiger geworden als im Anfange, sowohl das
leibliche als das geistige. Ich setzte mich oftmals mit Dankbarkeit zu Tische
und bewunderte die göttliche Vorsehung, die mir so den Tisch in der Wüste gedeckt
hatte. Ich lernte mehr die Lichtseite meiner Lage ansehen und weniger bei der
Schattenseite verweilen, und das gewährte mir zuweilen so viel innere Freude,
daß ich es gar nicht auszudrücken vermag. Diesen Umstand erwähne ich hier, um
ihn unzufriedenen Leuten einzuprägen, die nicht behaglich genießen können, was
Gott ihnen bescheert hat, weil sie immer Dinge ansehen und begehren, die er
ihnen versagt hat. Alle Unzufriedenheit über das, was uns fehlt, scheint mir
aus unserm Mangel an Dankbarkeit für das, was wir haben, zu entspringen.
Noch eine andere Betrachtung war mir von großem Nutzen und würde das unzweifelhaft
einem Jeden sein, der in solche Trübsale wie die meinigen gerathen ist. Ich
verglich oft meinen jetzigen Zustand mit den Erwartungen, die ich anfangs davon
gehegt hatte, oder vielmehr mit der Lage, in die ich unfehlbar gerathen sein
würde, wenn nicht Gottes gütige Vorsehung es wunderbar gefügt hätte, daß das
Schiff so nahe an meine Küste angetrieben wurde, wo ich es nicht nur hatte erreichen
können, sondern auch Alles, was ich daraus mitnehmen wollte, zu meiner Erleichterung
und Bequemlichkeit sicher ans Land zu bringen vermocht hatte. Denn ohne dies
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