Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
dritten Jahres meines Aufenthalts auf der Insel verstrich: besonders wenn man
bedenkt, daß ich zwischendurch auch meine erste Ernte und die Bestellung des
Feldes zu besorgen hatte. Ich schnitt mein Korn zur rechten Zeit, brachte es
so gut ich konnte ein und bewahrte es in den Aehren in meinen großen Körben
auf, bis ich Zeit fand es auszureiben. Denn ich hatte ja weder Tenne, noch Flegel,
um es regelrecht dreschen zu können.
Da jetzt meine Kornvorräthe zuzunehmen begannen, wurde es nöthig, auch die Scheunen
größer zu bauen. Ich brauchte einen besondern Raum, um meinen Vorrath aufzuheben,
denn das Korn hatte sich in dem Maße vervielfältigt, daß ich ungefähr zwanzig
Scheffel Gerste und ebenso viel oder mehr Reis besaß. Von nun an beschloß ich,
aus dem Vollen damit zu wirthschaften, besonders da mein Brod jetzt schon seit
einer ganzen Weile völlig aufgezehrt ward. Ich nahm mir vor darauf zu achten,
wie viel ich in Zeit von einem Jahr verbrauchen würde, um nur einmal jährlich
säen zu müssen. Da sich hierbei ergab, daß die vierzig Scheffel Gerste und Reis
viel mehr waren, als ich in einem Jahre verzehren konnte, beschloß ich, alle
Jahre dieselbe Quantität wie das letzte Mal zu säen, in der Hoffnung, dies würde
hinreichen, mich reichlich mit Brod und dergleichen zu versorgen.
Während der ganzen Zeit, in welcher diese Angelegenheiten mich beschäftigten,
schweiften, wie man sich denken kann, meine Gedanken auch oftmals nach dem fernen
Lande hinüber, welches ich von der andern Seite der Insel aus erblickt hatte.
Ich wünschte im Stillen an jener Küste zu sein, die ich für das feste Land und
für eine bewohnte Gegend hielt, und von wo aus ich mich auf eine oder die andere
Art weiter zu befördern und vielleicht endlich Mittel und Wege zur Flucht zu
finden hoffte. An die Gefahren, die mir dabei drohen würden, dachte ich gar
nicht. Wie leicht hätte ich den Wilden in die Hände fallen können, und zwar
solchen, die ich Ursache hatte für schlimmer zu halten als die Löwen und Tiger
in Afrika. Wäre ich einmal in ihre Gewalt gerathen, dann war tausend gegen eins
zu wetten, daß sie mich tödten, vielleicht gar auffressen würden; denn ich hatte
gehört, daß die Bewohner der karaibischen Küste Cannibalen oder Menschenfresser
seien, und nach meiner Berechnung der Breitengrade wußte ich mich nicht weit
von dieser Küste entfernt. Aber auch wenn keine Cannibalen dort lebten, mußte
ich doch annehmen, die Bewohner jener Gegend würden mich wahrscheinlich tödten.
Hatten sie es doch mit vielen Europäern, die in ihre Hände gefallen, so gemacht,
sogar wenn diese in Menge zusammen gewesen waren. Wie viel mehr drohte das mir
Einzelnem, der ich mich wenig oder gar nicht vertheidigen konnte. Alle diese
ernstlich zu erwägenden Bedenken, die später auch wirklich in meiner Seele auftauchten,
flößten mir anfangs gar keine Besorgniß ein, und mein Sinn stand sehnsüchtig
danach, auf das andere Ufer hinüber zu gelangen.
Wie sehr wünschte ich jetzt meinen Knaben Xury und das Langboot mit dem dreieckigen
Segel herbei, in welchem ich über tausend Meilen an der afrikanischen Küste
entlang gefahren war. Doch das blieb eine vergebliche Sehnsucht. Da kam mir
eines Tages der Einfall, mich einmal nach dem Boot von unserem Schiffe wieder
umzusehen, das, wie ich seiner Zeit erzählt habe, vom Sturm weit auf das Ufer
hinauf getrieben war, als wir Schiffbruch gelitten hatten. Es befand sich auch
noch beinahe an derselben Stelle, aber nicht ganz in der früheren Lage; die
Gewalt von Wind und Wellen hatte es fast völlig umgekehrt und gegen einen hohen
sandigen Uferrand getrieben, wo es mit dem Boden nach oben gewandt, aber nicht
mehr wie anfangs von Wasser umgeben, lag. Wenn ich Arbeitskräfte genug gehabt
hätte, um es wieder in Stand zu setzen und es flott zu machen, so würde das
Boot noch ganz brauchbar gewesen sein, und es wäre mir dann ein Leichtes gewesen,
darin nach Brasilien zurückzukehren. Obgleich ich nun hätte voraussehen können,
daß ich ebenso gut die Insel selbst fort zu bewegen vermocht hätte, als das
Boot aufzurichten und es auf seinen Bauch zu stellen, so ging ich dennoch in
den Wald, schnitt Hebel und Rollen und brachte sie an das Boot, um zu versuchen,
was ich ausrichten könnte. Dabei meinte ich, wenn ich es nur umkehren könnte,
sei der Schaden, den es erlitten, leicht auszubessern, und ich würde dann leicht
damit in See gehen können.
Ich sparte keine Mühe an diesem fruchtlosen Stück Arbeit und verwendete, glaube
ich, drei bis vier Wochen darauf. Als ich es endlich unmöglich fand, das Boot
mit meinen geringen Kräften zu heben, verfiel ich darauf, den Sand wegzuschaufeln,
um es zu unterminiren und dadurch zu Falle zu bringen, und stellte Holzklötze
auf, um es zu stützen und seinem Fall die nöthige Richtung zu geben.
Nachdem ich aber damit zu Stande gekommen war, zeigte es sich mir unmöglich,
das Fahrzeug wieder aufzurichten, oder darunter zu gelangen, und viel weniger
noch, es vorwärts nach dem Wasser hinzubewegen. So sah ich mich denn gezwungen,
die Sache aufzugeben. Trotzdem aber so die Hoffnung, die ich auf das Boot gesetzt
hatte, vereitelt war, stieg mein Verlangen, mich auf das Meer zu wagen, je mehr
die Möglichkeit dazu verschwand, statt daß es sich minderte. Mit der Zeit kam
ich auf den Gedanken, ob es nicht möglich sei, mir selbst ein Canoe oder eine
Pirogue zu fertigen, wie sie die Eingeborenen jener Gegenden, ohne Werkzeuge,
ja ich möchte sagen fast ohne alle Arbeit aus großen Baumstämmen machen. Es
schien mir das bei genauerer Ueberlegung auch nicht nur möglich, sondern sogar
leicht, und ich freute mich sehr darauf, den Plan auszuführen. Hatte ich doch
dazu weit mehr Hülfsmittel als die Neger oder Indianer. Dabei bedachte ich aber
ganz und gar nicht den besondern anderen Umstand, mit dem ich zu kämpfen haben
würde, den Mangel an Kräften, nämlich zum Transport des fertigen Canoe’s ins
Wasser. Das mußte mir viel größere Schwierigkeiten machen, als der Mangel an
Werkzeugen den Indianern. Denn was konnte es mir helfen, wenn ich, nachdem ich
im Walde einen dicken Baum aufgesucht und mit vieler Mühe gefällt, ihn hierauf
mit Hülfe meines Handwerkszeugs behauen und an der Außenseite ihm die richtige
Form gegeben, ihn auch inwendig ausgehöhlt und so in ein Boot verwandelt hätte,
dieses nach aller Mühe an seiner Stelle liegen lassen mußte und nicht im Stande
war, es flott zu machen! Ich hatte nicht im Mindesten, bevor ich an dem Boot
zu arbeiten anfing, über dies Verhältniß nachgedacht; denn sonst würde sich
mir ja sofort die Frage aufgedrängt haben, wie ich es ins Meer schaffen solle.
Nein, meine Gedanken waren so eingenommen von der beabsichtigten Seereise, daß
ich nicht einen Augenblick überlegte, in welcher Weise ich das Ding vom Lande
weg bekommen könne. Und doch lag es in der Natur der Sache, daß es mir leichter
sein mußte, das Boot fünfundvierzig Meilen weit im Wasser, als auch nur ebenso
viel Schritte auf dem Land, nämlich von der Stelle, wo es lag, bis ans Ufer
fortzubringen. Ich machte mich an die Anfertigung meines Fahrzeugs in so wahnwitzigem
Eifer, als ob mir mein Bischen Menschenverstand abhanden gekommen wäre. Nicht
als ob die Frage, wie ich es anfangen sollte, das Boot flott zu machen, mir
nicht nachträglich oft durch den Kopf gegangen wäre. Aber ich schnitt dieselbe
ein- für allemal durch die alberne Antwort ab: Mache nur erst das Boot fertig,
das Uebrige wird sich dann finden. So begann ich denn in leichtsinniger Hast
mein Werk. Zunächst fällte ich eine Ceder. Es ist sehr fraglich, ob Salomo zum
Bau des Tempels in Jerusalem einen so prachtvollen Stamm, wie der meinige war,
zu verwenden gehabt hat. Derselbe maß an seinem unteren Ende, dicht an der Wurzel,
fünf Fuß zehn Zoll im Durchmesser und zweiundzwanzig Fuß weiter nach oben immer
noch vier Fuß elf Zoll; am oberen, noch mehr verjüngten Theil gliederte er sich
in Aeste. Mit unbeschreiblicher Mühsal hatte ich diesen Baum umgehauen; zwanzig
Tage lang hieb und hackte ich dann an ihm herum, und vierzehn weitere Tage erforderte
das Beseitigen der Aeste und Zweige und der ganzen ungeheuren Krone, was ich
mit Axt und Beil bewerkstelligte. Dann verwendete ich einen ganzen Monat darauf,
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